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8.557112 - WALTON: Anon in Love / Facade Settings / A Song for the Lord (English Song, Vol. 1)
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William Walton (1902-1983)
Lieder: Anon in Love • Façade Settings • A Song for the Lord Mayor’s Table

William Walton, der chronologisch zwischen der Generation von Gustav Holst und Ralph Vaughan Williams und der Benjamin Brittens steht, nimmt einen ganz eigenen Platz innerhalb der englischen Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts ein. 1902 wurde er als Sohn eines Gesangslehrers und Chorleiters und einer Sängerin in Oldham geboren. Er wurde Chorknabe an der Domschule der Christ Church zu Oxford und wurde durch Unterstützung des Colleges bereits mit 16 Student am Christ College, wo er sich zwar als Komponist hervortat, akademisch jedoch die zum Abschluß erforderlichen Prüfungen nicht bestand. In diese Zeit fällt auch der Beginn seiner Freundschaft mit Sacheverell Sitwell, dem jüngsten der drei Geschwister Sitwell, Edith, Osbert und eben Sacheverell, die Walton gewissermaßen adoptierten und ihn zu ihrem ‘Ehren-Bruder’ erklärten. Die materielle Hilfe der Sitwells sowie der musikalische und kulturelle Einfluß ihres Freundeskreises erlaubten dem jungen Walton sich nach Oxford ganz der Komposition zu widmen, ehe er bald schon unabhängiger wurde, an Reputation gewann und seinen Lebensunterhalt durch Kompositionen für den Film sowie mithilfe der nicht unbeträchtlichen Erbschaft von Mrs Samuel Courtauld zu bestreiten vermochte. Nach 1945 freilich stand er mehr oder weniger im Schatten Brittens, dessen Leichtigkeit er nie errichen sollte und dessen musikalische Sprache weiter zu gehen schien als Waltons Erfolge aus den 1930er Jahren. 1948 heiratete Walton Susana Gil Passo, die er in Buenos Aires während der Konferenz der Performing Rights Society kennengelernt hatte. Das Paar lebte später auf Ischia im Golf von Neapel, wobei Waltons lebenslange Liebe zu Italien bereits in den frühen Tagen seiner Freundschaft mit den Sitwells begonnen hatte. Auf Ischia starb Walton dann auch im März 1983.

In die Jahre zwischen den Kriegen fällt Waltons ‘succès de scandal’ mit dem in Zusammenarbeit mit Edith Sitwell entstandenen Façade, das die Kenner amüsierte, die breitere Öffentlichkeit jedoch schockte, ehe es sich in seiner endgültigen Form nach und nach einen festen, wenn auch eher weniger zentralen Platz im Repertoire des 20. Jahrhunderts eroberte, sei es nun als Ballett oder konzertant im Konzertsaal. War Waltons dramatisches Oratorium Belshazzar’s Feast, zu dem Osbert Sitwell biblische Texte bearbeitet hatte und das erstmals beim Leeds Festival 1931 aufgeführt wurde, als bedeutende Bereicherung des Chor-Repertoires wilkommen, so markiert das Viola Konzert von 1929 einen Höhepunkt lyrischen Ausdrucks im Schaffen Waltons und hat sich so zu recht einen zentralen Platz im orchestralen Repertoire für Viola erobern können. Die erste seiner beiden Symphonien wurde schließlich 1935 vollendet; das Violin Konzert vollendete Walton vier Jahre später. Der populären Filmmusik der Kriegsjahre folgte nach dem Krieg die Komposition seiner Opern Troilus and Cressida sowie der einaktigen ‘Extravaganza’ The Bear nach Tschechow, ferner der Hindemith Variationen, der Improvisations on an Impromptu by Benjamin Britten, des Cello Konzertes und der Zweiten Symphonie.

Zum größeren Teil erwachte Waltons Interesse an der Komposition von Liedern erst in den reiferen Jahren seiner Karriere. Aus der Zeit vor dem Krieg liegen relativ wenige Lied-Kompositionen vor. Seine Vertonung von Swinburnes Gedicht The Winds mit ihrer durchgängig stürmischen Klavierbegleitung datiert allerdings bereits von 1918, als Walton 16 war und wurde 1921 veröffentlicht. In einem Brief an seine Mutter vom 1. Juni 1919 erwähnt Walton, daß ein Konzert mit ‘neuen Liedern’ von Delius und ihm geplant sei. In einem weiteren Brief vom 29. Juni berichtet er dann allerdings, daß das Konzert abgesagt worden sei, da die Sängerin, Helen Rootham, die begabte Gouvernante Edith Sitwells, erkrankt wäre. Er fügt jedoch hinzu, er hoffe, daß die Lieder bald bei einem Privatkonzert Lady Glencomers zur Aufführung kämen. In einem anderen Brief desselben Jahres erfährt man dann, daß das Konzert in der Tat stattgefunden hat. Im selben Brief erwähnt Walton auch, daß erst kürzlich ein weiteres Lied von ihm aufgeführt worden sei, nämlich Tritons, die motivisch sehr formelle Vertonung eines Gedichtes des schottischen Poeten William Drummond von Hawthornden. Beide Lieder entstanden noch zu Waltons Oxforder Zeit, als er glücklos mit den akademischen Anforderungen seines ersten Examens (den Responsions) rang und wurden 1921 bei Curwen veröffentlicht.

Beatriz’s Song entstand 1942 als Teil der Musik zu Louis MacNeices Hörspiel Christopher Columbus. Ursprünglich für Stimme und Streicher gesetzt, hat Christopher Palmer das Lied später für Klavier und Stimme arrangiert. Hört man das durchaus charmante Stück heute, fällt es schwer, das Zaudern Waltons anläßlich der späten Veröffentlichung 1974 nachzuvollziehen. Dabei begründete sich sein Widerstand gegen die Veröffentlichung der Musik zum Hörspiel wohl vorrangig in seiner Ansicht, daß Bühnenmusiken, gleich ob nun für den Film oder das Theater entstanden, nur in ihrem ursprünglichen Kontext Sinn machen würden.

Waltons Vertonung von Under the Greenwood tree war für Paul Czinners Verfilmung von As You Like It (1936) mit Elisabeth Bergner gedacht. Obwohl das Lied im Film selbst dann keine Verwendung fand, wurde es auch für unbegleitete Stimmen arrangiert und 1937, nach einigem Insistieren von Seiten der Oxford University Press, dann doch veröffentlicht. Das einfach gehaltene Lied lehnt sich stilistisch an die Zeit an, in der das Stück spielt und gemahnt so an das Elisabethanische Lauten-Lied.

1932 bearbeitete Walton drei Lieder aus einer ursprünglich fünf Lieder umfassenden Gruppe von Vertonungen auf Texte von Edith Sitwell, wobei die aus dem Façade Zyklus stammenden Stücke ursprünglich unter dem Titel Bucolic Comedies erscheinen sollten. Die drei Lieder sind Waltons Verleger Hubert Foss und dessen Frau, der Sängerin Dora Stevens gewidmet, die auch die Uraufführung sang. Daphne und Through gilded trellises fehlt dabei jenes zügellose, phantastische Element, das jene Stücke auszeichnet, die den Weg in den Façade Zyklus schließlich gefunden haben. Dabei handelt es sich bei Daphne um eine lyrische Umsetzung des bekannten mythologischen Stoffes um die Verwandlung Daphnes in einen Lorbeerbaum, wohingegen Through gilded trellises die nötige, bedachtsam eingesetzte spanische Würze mitbekommen hat. Old Sir Faulk schließlich, das in seiner gesprochenen Form auch in Façade Eingang gefunden hat, ist ein waschechter Foxtrott.

Die sechs Vertonungen anonymer Texte aus dem 16. und 17. Jahrhundert für Tenor und Gitarre, Anon in Love, entstanden im Auftrage von Peter Pears und Julian Bream für das Aldeburgh Festival von 1960. Walton arrangierte die Lieder später auch für Tenor und Kammerorchester. Die vom Librettisten Christopher Hassall ausgewählten Texte sind in einem Peter Pears sehr entgegenkommenden Stil komponiert, der in gewisser Hinsicht an Britten gemahnt – ein Hinweis auf die Achtung, die Walton dem Werk seines jüngeren Zeitgenossen eigentlich doch entgegenbrachte. Der Zyklus hebt an mit Fain would I change that note. Das mit Lento amabile überschriebene Lied ist mit seiner großintervallischen Melodik der instrumentalen Qualität und Technik von Pears gleichsam auf den Leib geschneidert. Nach dem Stimmungswechsel von O stay, sweet love (Allegretto) folgt Lady, when I behold the roses (Lento sostenuto) mit seinen subtilen Gegenrhythmen. Unbeschwert sind Text und Stimmung des vierten Liedes My love in her attire (Allegro leggiero) gegen das eher robuste I gave her cakes and I gave her ale (Andantino). Der Zyklus schließt mit dem ausgesprochen schalkhaften To couple is custom (Allegro gioccoso).

Christopher Hassall wählte auch die sechs Gedichte für den als Auftragsarbeit für das City of London Music Festival von 1962 entstandenen Lieder-Zyklus A Song for the Lord Mayor’s Table aus. Die Lieder wurden – wie die von Anon in Love – später auch orchestriert. Die Uraufführung im Juli 1962 sang Elisabeth Schwarzkopf begleitet von Gerald Moore. Der Zyklus beginnt mit der festlichen Vertonung eines Gedichtes von Thomas Jordan, The Lord Mayor’s Table. Fließt Wordsworths Glide gently in der Tat ruhig als ein stilles, friedvolles Intermezzo dahin, so beteuert in der federnden Vertonung des anonymen Gedichtes Wapping Old Stairs eine Sitzengelassene ihre Treue, obschon dem doch manch‘ guter Grund entgegensteht. In Holy Thursday fängt Walton wunderbar die Stimmung von Blakes Gedicht und die darin enthaltene Warnung ein, hebt die feierliche Stimmung dann aber mit der lebendigen Vertonung von The Contrast rasch wieder auf, in der musikalisch das anregende Stadtleben dem langweiligen Landleben entgegengestellt wird. Es sind denn auch die Glocken Londons, die den Zyklus ausläuten in der Vertonung von Gay go up and gay go down eines anonymen Dichters.

Façade, jene unter musikalischer Begleitung rezitierten Gedichte von Edith Sitwell, erklang erstmals im Januar 1922 innerhalb eines Privatkonzertes im Londoner Salon der Sitwells und provozierte bei seiner öffentlichen Präsentation in der Aeolian Hall im darauffolgenden Jahr eine kleine Sensation. Das Werk wuchs und veränderte sich mit der Streichung und Ergänzung verschiedener Nummern und erlangte seine endgültige Gestalt dann 1940, um 1951 schließlich veröffentlicht zu werden. Christopher Palmer transkribierte drei der Sätze für Stimme und Klavier, wobei die Texte nicht mehr deklamiert werden, sondern eine Gesangslinie aus dem Instrumentalsatz abgeleitet wurde. Long steel grass (Noche espagnola), das eine Zeit lang unter dem Titel Trio for Two Cats and a Trombone lief, wird gefolgt vom Tango-Pasadoble, der Transformation von I do like to be beside the seaside. Der wohlbekannte Popular Song beschließt den Reigen.

Keith Anderson
Übersetzung: Matthias Lehmann


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