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8.557133 - BRIDGE: String Quartets Nos. 1 and 3
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Frank Bridge (1879-1941)

Frank Bridge (1879-1941)

Streichquartette Nr. 1 & 3

 

Frank Bridge studierte Violine und Komposition am Royal College of Music in London, wo er von 1899 bis 1903 Schüler von Charles Stanford war. Neben seiner kompositorischen Tätigkeit wirkte er als Bratschist in verschiedenen Quartetten (an erster Stelle im English String Quartet), als Dirigent (oft als Vertreter von Sir Henry Wood) und als Lehrer (sein bekanntester Schüler war Benjamin Britten). Wohl bei keinem anderen britischen Komponisten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist eine solche stilistische Wandlung zu beobachten wie bei Frank Bridge. Seine frühen Werke, wie das Streichquartett Nr.1 (1906), das Fantasie-Klaviertrio (1907) und die Orchestersuite The Sea (1910/11), setzen die Tradition der Spätromantik fort, etwa in der Art von Fauré. Später, zum Beispiel in der sinfonischen Dichtung Summer (1914), geriet er unter den Einfluss von Frederick Delius. Nach dem Ersten Weltkrieg schließlich wurde seine Musik intensiv und chromatisch, wie in der an Skrjabin gemahnenden Klaviersonate (1921-24). Die radikale Musiksprache der Sonate wurde in den kammermusikalischen Werken der 1920er Jahre immer weiter entwickelt, sodass Bridge in seinem Streichquartett Nr.3 (1926) mit den frühen Werken der Zweiten Wiener Schule in Berührung kommt. Zu diesem Jahrzehnt gehören außerdem zwei Meisterwerke für Orchester, Enter Spring (1927) und Oration (1930). Sein Spätwerk, zu dem unter anderem das Streichquartett Nr.4 (1934-38) gehört, fand sowohl beim Publikum als auch bei der Musikkritik wenig Anklang und blieb lange Zeit unbeachtet. Obwohl sich Britten immer wieder für die Werke seines Lehrers eingesetzt hat, sollte es bis in die 1970er Jahre dauern, ehe das großartige musikalische Erbe Bridges die Anerkennung fand, die es verdient.

 

Zu Beginn seiner Karriere machte sich Bridge einen Namen mit einer Reihe von kammermusikalischen Werken, in denen er sein ausgezeichnetes handwerkliches Können und sein hervorragendes Verständnis für die Eigenarten und Möglichkeiten der Streichinstrumente unter Beweis stellte. Die Bratsche, die er als Interpret bevorzugte, spielte in diesen Werken oft eine führende Rolle. Die Form der Werke war durch einen Preis angeregt worden, den Walter Wilson Cobbett gestiftet hatte, ein Amateurmusiker, der sich besonders für die Kammermusik und für die Musik des elisabethanischen Zeitalters und der anschließenden Regierungszeit Jakobs I. interessierte. Der Schwerpunkt seines Interesses lag auf der in dieser Zeit entstandenen Form der „Fantasie”, in der mehrere Abschnitte, die lose miteinander zusammenhängen und verschiedenartig gestaltet sind, die Basis für ein größeres Werk bilden. Im Jahre 1905 setzte Cobbett zum ersten Mal einen Preis für kammermusikalische Werke in einem Satz aus. Bridge beteiligte sich mehrfach an diesen Wettbewerben und gewann zweimal, 1907 und 1915, den ersten Preis. Das eigentlich Bedeutsame dabei war, dass Bridge durch die Auseinandersetzung mit dieser Form entscheidende Impulse für sein weiteres Schaffen erhielt: Verschiedene Gestaltungsmerkmale der Fantasie finden sich, individuell verarbeitet, in vielen seiner späteren Kompositionen wieder. Thematische Einheit innerhalb eines Werkes, sei es einsätzig oder mehrsätzig, wurde zum Markenzeichen seiner Musik.

 

Das wird bereits in seinem Streichquartett Nr.1 aus dem Jahr 1906 deutlich, das Bridge in großer Eile, innerhalb eines Monats, komponierte, um es bei einem Wettbewerb einzureichen, den die Accademia Filarmonica in Bologna ausgeschrieben hatte, von daher der Beiname des Werkes. Von den 67 Quartetten, die die Jury zu bewerten hatte, erhielt nur Bridges Werk eine „mention d’honneur”. Bridge hatte in einer solchen Geschwindigkeit arbeiten müssen, dass ihm keine Zeit mehr blieb, eine Kopie der Stimmen anzufertigen, und die Accademia benötigte zweieinhalb Jahre, um die Originale zurückzuschicken. Folglich konnte das Werk erst im Jahre 1909 uraufgeführt werden, bei einem Konzert des English String Quartets in London.

 

Charakteristisch für den Aufbau seiner Kompositionen ist, dass die thematischen Kerngedanken des jeweiligen Werkes in einer kurzen, langsamen Einleitung vorgestellt werden - klar ein Ergebnis seiner Arbeit an den Kompositionen für den Cobbett-Preis. In dieser Art und Weise beginnt auch der erste Satz des Quartetts; hier ist es eine zweitaktige, chromatisch fallende Phrase des Violoncellos. Zwei Pianissimo-Akkorde folgen, in denen ebenfalls Zukünftiges vorgebildet ist. Unvermittelt bricht das Allegro appassionato mit seinem ersten Thema herein, das von der ersten Violine vorgestellt wird. Die Grundstimmung des Satzes ist dramatisch und ungestüm, obwohl das zweite Hauptthema, eine zarte Melodie in der Bratsche, für ruhigere Momente sorgt. Das Adagio molto, in Bogenform aufgebaut, beginnt im Wechsel von mysteriösen Akkorden und einer elegischen Phrase der ersten Violine. Ein weit ausgeschwungenes Bratschenthema schließt sich an, dessen anfängliche Zurückhaltung einem leidenschaftlichen Gefühlsausbruch weicht. Nach einem lebhafteren Mittelteil kehren die Themen des Beginns zurück; das Bratschenthema wird nun vom Violoncello übernommen, im Dialog mit der ersten Violine. Das Scherzo ist luftig und leicht, tänzerisch im Charakter, während das Trio von einer Melodie geprägt wird, die zwischen erster Violine und Bratsche aufgeteilt ist und deren Rhythmus häufig der Pizzicato-Begleitung der übrigen Instrumente zuwiderläuft. Später im Trio spielt Bridge klar auf das Hauptmotiv des ersten Satzes an. Die beiden Hauptthemen des Finales werden jeweils zuerst von der ersten Violine vorgestellt. Beide sind fließend im Charakter; das erste wird im vollklingenden Satz begleitet, das zweite besteht aus Triolen. Gegen Ende des Werkes lässt Bridge das Hauptmotiv des ersten Satzes wiederkehren - ein Meisterstück thematischer Einheit. Die Musik verklingt allmählich; wie das Motiv ein letztes Mal im Violoncello erklingt, schließt sich der Kreis, und das Quartett endet in einer Atmosphäre düsterer Tragik.

 

Das Streichquartett Nr.3 war ein Auftragswerk der amerikanischen Musikmäzenin Elizabeth Sprague Coolidge und ist ihr gewidmet. Es entstand in den Jahren 1925/26 und wurde im Jahre 1927 vom Kolisch Quartet in Wien uraufgeführt. In diesem Werk kommt Bridges Reifestil zum ersten Mal zu voller Ausprägung. Die Musiksprache des Quartetts ist mit Berg und Bartók verwandt - die zwölf Halbtöne der Oktave sind allgegenwärtig, Oktavverdopplungen werden vermieden, und die Musik wird energisch und konsequent durch die strengen Durchführungen der Themen getrieben. Es sind generell kurze Motive, aus denen das Klanggewebe gesponnen wird, und zu denen das gesamte Werk in Beziehung steht.

 

In der langsamen Einleitung und in den ersten Takten des Allegros werden die Kernmotive und die harmonischen Elemente des ersten Satzes - de facto des gesamten Quartetts - bloßgelegt; musikalische Gedanken, die geradezu geschaffen sind für unendliche Variation und Transformation in dem hochgradig spannungsvollen Sonatensatz, der nun folgt. Von besonderer Bedeutung ist eine aus vier Tönen bestehende Sechzehntelgruppe, die sich durch das gesamte Werk zieht. Das erste Hauptthema beginnt in der ersten Violine mit einem weiten Sprung aufwärts und einem linkischen, eckigen Fall zurück. Eine aufsteigende, unheimlich wirkende Tonfolge im rhythmischen Unisono führt zu einer zweiten Themengruppe, in der die Bratsche die Führung übernimmt. Das Geschehen spitzt sich zu und gipfelt in einem zauberhaften Harmoniewechsel - ein Lichtstrahl, der durch die Wolken bricht. Der Satz endet mit einer aufregenden Coda und einem kurz angebundenen Schlusston. Das Andante con moto, dreiteilig im Aufbau, ist völlig anders - eine dämmrige, verschleierte Welt der Schatten und des Halbdunkels, die das Hügelland von Sussex heraufbeschwört, das Bridge liebte, und wo er sich niedergelassen hatte. Ein schwermütiger, verhaltener Dialog zwischen den beiden Violinen, gegen die Pizzicati der Bratsche und die Einzeltöne des Violoncellos, verleiht dem Satz seine melancholische Stimmung. Motivische Beziehungen zum ersten Satz sind überall vorhanden, wenn sie auch nicht immer deutlich zu hören sind. Das Finale, ein Sonatenrondo, knüpft an die energische kontrapunktische Dialektik des ersten Satz an und lässt große Teile des musikalischen Materials in neuer Gestalt wiederkehren. Ein athletisches, langgliedriges Thema der ersten Violine, begleitet von dissonanten Akkorden, bildet den Hauptgedanken des Satzes, während das erregte Nebenthema vom Violoncello im hohen Register vorgestellt wird. Der Durchführungsabschnitt bezieht auch die Hauptthemen des ersten Satzes ein, während in der Reprise der Nebengedanke des Finales, nun in der Bratsche, vor dem Hauptthema erscheint. Nach einem letzten Höhepunkt endet das Werk mit einem ausgedehnten Epilog, in dem die musikalischen Fäden aller drei Sätze zusammengeführt werden. - In seinem Widmungsschreiben an seine Gönnerin schrieb Bridge: „Dass diese Partitur das Beste von mir enthält, daran zweifle ich nicht”. Und zweifellos hatte er Recht - meisterhaft in der Beherrschung der Form, ist das Streichquartett Nr.3 eine seiner größten Leistungen.

 

Andrew Burn

Deutsche Fassung: Tilo Kittel


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