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8.557144 - BAX: Symphony No. 6 / Into the Twilight
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Arnold Bax (1883-1953)

Arnold Bax (1883-1953)

Sinfonie Nr. 6 • Into the Twilight • Summer Music

Eine Gedenktafel schmückt das Haus in Streatham, in dem Arnold Bax 1883 geboren wurde, aber es ist unwahrscheinlich, dass er diesen hektischen Londoner Vorort wieder erkennen würde, der zu seiner Zeit noch eine friedliche Gemeinde in der Grafschaft Surrey war. Die Familie konnte zwar nicht auf eine lange Tradition der Musikausübung zurückblicken, dennoch hatte schon ein Onkel väterlicherseits, der bekannte Sozial-Philosoph Ernest Belford Bax, in seiner Jugend Musik studiert und unter dem Titel „All for the Cause" sogar ein mitreißendes Lied nach einem Text seines Freundes William Morris veröffentlicht. Bax’ Autobiografie zufolge war seine erste Komposition eine Klaviersonate, die er im Alter von zwölf Jahren geschrieben hatte, als er sich von den Folgen eines Sonnenstichs erholte („äußerst zutreffend, werden meine Kritiker vielleicht knurren", hatte er geistreich bemerkt). Vier Jahre später trat er in die Royal Academy of Music ein und machte sich schnell einen Namen als Pianist und phänomenaler Blattspieler. Als Komponist wurde er jedoch von zahlreichen Mitstudenten in den Schatten gestellt. Und doch ist es das kompositorische Schaffen von Bax, das die Zeiten am besten überdauert hat.

Der Wendepunkt in Bax’ Leben kam 1902, als er durch die Dichtung W.B. Yeats’ die Welt der Kelten entdeckte. Bald darauf besuchte er Irland und tauchte voller Begeisterung in die Kultur, die Geschichte und die Landschaft der Insel ein. Er erlernte sogar das irische Gälisch, hatte jedoch Hemmungen, es in der Gegenwart von Muttersprachlern zu benutzen. Seine Musik, die einige Jahre unter dem Einfluss Richard Wagners gestanden hatte, nahm jetzt eine irische Identität an, und er begann zu schreiben, was er selbst als „Figuren mit eindeutig keltischer Linienführung" bezeichnete. Da er nicht für seinen Lebensunterhalt sorgen musste, konnte er ganze Monate in einem kleinen Dorf in Donegal verbringen, die dortige Atmosphäre in sich aufsaugen und einen wahren Strom emotional aufgeladener Musik und Dichtung hervorsprudeln lassen.

Hier vollendete Bax 1907 auch ein Schauspiel in fünf Akten, das auf der Sage der legendären irischen Heldin Deidre of the Sorrows beruhte. Er hatte es eigentlich als Libretto für eine Oper geplant und machte in den folgen Monaten auch mehrere Skizzen für die Musik, bevor er das Projekt schließlich doch verwarf. Da er es jedoch vermeiden wollte, gute Gedanken zu verschwenden, verwandelte er den Prolog der Oper in eine selbstständiges Orchesterstück, das den Titel Into the Twilight erhielt, nach dem gleichnamigen Gedicht von W.B. Yeats. Es wurde der erste Teil einer Trilogie von „sinfonischen Bildern" unter dem gemeinsamen Titel Éire; die beiden anderen Stücke waren In the Faery Hills (1909) und Rosc-catha (1910). Das letzte Stück geht ebenfalls auf den Deidre-Stoff zurück. Das Gedicht von Yeats ist dem Manuskript von Into the Twilight vorangestellt, und in dem Programmheft der einzigen Aufführung des Werkes, die zu Bax’ Lebzeiten stattfand (unter Sir Thomas Beecham 1909), schreibt Bax, dass es „versucht, eine musikalische Impression von der drückenden Stille der westlichen Berge gegen Ende der Dämmerung zu geben, und darüber hinaus etwas von der Bedeutung der Zeitlosigkeit und dem hypnotischen Traum ausdrücken möchte, den Irland zu so einer Stunde verschleiert". Das Thema, mit dem das Werk beginnt, sollte in der verworfenen Oper mit ziemlicher Sicherheit Deidre selbst verkörpern, während das zweite Hauptthema aus einer früheren Huldigung an Irland entlehnt wurde: dem „Orchestralen Gedicht" Cathaleen-ni-Hoolihan.

Bax hatte durch einige farbige Tondichtungen, von denen The Garden of Fand und Tintagel wohl die bekanntesten sind, bereits erheblich an Ansehen gewonnen, als er sich der Komposition von Summer Music zuwandte. Das neue Werk, das für kleines Orchester instrumentiert ist, entstand im Frühling 1921 in London und wurde für die Veröffentlichung 1932 überarbeitet und mit einer Widmung an Adrian Boult versehen. Ursprünglich hatte Bax den Titel Idyll gewählt, später jedoch entschieden, dass es in der englischen Musik bereits zu viele Stücke dieses Titels gäbe und daher nach etwas Aussagekräftigerem gesucht. Immer lakonisch bei der Beschreibung seiner eigenen Musik schrieb Bax in einem Programmheft: „Das Stück, die Beschreibung eines heißen windstillen Mittags im Juni in einem bewaldeten Ort in Südengland, ist durch und durch lyrisch. In dem größten Teil sind die Streicher damit beschäftigt, eine murmelnde Begleitung zu den pastoralen Träumereien der verschiedenen Holzblasinstrumente zu spielen. Und erst gegen Ende gibt es einen klanglichen Höhepunkt." In einem Brief an den Dirigenten Adrian Boult gestand er: „Ich liebe dieses kleine Stück über Südengland unter der Sonne, und ich genoss es, die Instrumentation zu überarbeiten".

In dem Jahrzehnt, das die ursprüngliche Fassung von Summer Music von der Überarbeitung trennt, komponierte Bax fünf seiner sieben Sinfonien und wurde von einem deutschen Kritiker als der „Kopf der modernen englischen Schule" gerühmt. Der langsame Satz der Sechsten Sinfonie und vielleicht sogar ein Teil des ersten Satzes gehörten zunächst zu einer Sonate für Viola, deren Komposition Bax 1933 begonnen hatte. Er merkte jedoch schon bald, dass sich das Material eher für eine Orchesterbehandlung eignete. So wurde die Sinfonie am 10. Februar 1935 in Morar, an der Westküste Schottlands, vollendet. Sie war ursprünglich dem polnischen Komponisten Karel Szymanowski gewidmet, den Bax in England kennen gelernt hatte, doch der Name wurde auf dem Manuskript durchgestrichen und durch den von Adrian Boult ersetzt.

Der erste Satz beginnt mit einem Prelude, in dem eine Wiederholungsfigur in den Bässen eine Begleitung liefert, zu der ein marschähnliches Thema in den Hörnern und den Holzbläsern erklingt. Das turbulente Allegro, das nach einer Reihe großartiger Akkorde folgt, beruht auf dem vorhergehenden Material und führt schließlich zu einem langsameren Abschnitt mit einem neuen Thema, das unisono von drei Flöten gespielt wird. Die schnelle Musik kehrt mit einem stürmischen Durchführungsteil zurück. Darauf folgt eine kurze Ruhepause, bevor der Satz wie ein Wirbelwind seinem Ende entgegen stürmt — wie das Zuschlagen einer Tür.

Der langsame Satz beruht auf zwei kontrastierenden Themen: einer expressiven Melodie, die zunächst in den Streichern erklingt, und einem sanften Trompeten-Thema mit einem „Scotch snap", einem für die schottische Volksmusik typischen Rhythmus. Die Durchführung dieses Materials findet ihren Höhepunkt in zwei marschähnlichen Abschnitten, der erste schroff und böse, der zweite eine ruhige, feierliche Prozession, die zu einer friedlichen Coda führt. Das dreiteilige Finale (Introduction, Scherzo and Trio, Epilogue) ist unter Bax’ Sinfonien das einzige, das leise und ruhig beginnt. Die gewundene melodische Linie der Solo-Klarinette, aus der der Satz herauswächst, wird von den Streichern wiederholt und nun mit Harmonien begleitet. Dann kündigen die Holzbläser ein neues Thema an, das einen liturgischen Charakter hat und der „Sine-Nomine"-Melodie aus Vaughan Williams’ späterer Fünften Sinfonie nicht unähnlich ist. Am Ende der Introduction nimmt das Tempo langsam zu. In dem nun folgenden Scherzo wird das Anfangsmaterial in eine Art sinfonischer Jig verwandelt, die vor nervöser Energie nur so sprüht. Im Gegensatz dazu steht ein langsamer Abschnitt (Trio), in dessen Anschluss das Scherzo seinen überstürzten Verlauf mit einem starren, unbeirrbaren Rhythmus fortsetzt. Ein beeindruckend dramatischer Moment entsteht, als die Hörner wütend aufbegehren und die Streicher darüber ein Thema anstimmen, das aus Sibelius’ Tapiola übernommen ist, einem Werk, das Bax zu Tränen gerührt hatte, als er es das erste Mal hörte. (Die Bewunderung der beiden Komponisten beruhte auf Gegenseitigkeit; als Antwort auf die Widmung von Bax’ Fünfter Sinfonie nannte Sibelius ihn „einen der größten Männer unserer Zeit".) Der Satz steigert sich zu einem gewaltigen Höhepunkt, auf dem das liturgische Thema triumphierend von den Blechbläsern herausgeschmettert wird. Daran schließt sich der friedvolle Epilogue an, in dem die rätselhafte Eingangsmusik der Klarinette von dem Solo-Horn in ein Thema von außergewöhnlicher Schönheit verwandelt wird, das gegen einen Hintergrund aus perlenden Harfenklängen und geteilten Streichern gesetzt ist. Die musikalische Struktur wird zunehmend lichter, und der Satz verklingt leise. Er beschließt eine Sinfonie, die einige Kritiker nicht nur als Bax’ Meisterwerk ansehen, sondern als eine der besten Sinfonien des 20. Jahrhunderts.

 

Graham Parlett

Deutsche Fassung: Peter Noelke


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