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8.557145 - BAX: Symphony No. 7 / Tintagel
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Arnold Bax (1883-1953)

Arnold Bax (1883-1953)

Sinfonie Nr. 7 • Tintagel

 

Arnold Bax war der Sohn eines Rechtsanwalts, der weder die Neigung verspürte noch der finanziellen Notwendigkeit unterlag, als Anwalt zu arbeiten. Stattdessen widmete er den größten Teil seiner Zeit seinen antiquarischen Interessen und genealogischen Forschungen. Er hatte seine Quäker-Vorfahren bis zum Landadel im Surrey des 16. Jahrhunderts zurückverfolgt; der Nachname hat jedoch holländischen Ursprung und ist vermutlich die Kurzform von Baczoon, „Sohn von Bac“. Sicher ist jedoch, dass es kein irisches Blut in der Familie gab. Es war Arnolds intuitive Reaktion auf das epische Gedicht The Wanderings of Oisin des irischen Dichters W. B. Yeats, das ihn im Alter von 18 Jahren in die Welt des Keltentums einführte. „Daraufhin“, bemerkte er, „wurde ich sofort zum Iren ehrenhalber“. Diese Offenbarung veranlasste ihn schon bald, Irland zu besuchen und in die Kultur, die Geschichte, die Legenden und die Sprache Irlands einzutauchen. Sein musikalischer Stil, der bislang unter dem Einfluss von Richard Wagner gestanden hatte, begann, Elemente der irischen Volksmusik in sich aufzunehmen. Sein Name wurde mit der so genannten „Celtic Twilight’ (Keltischen Dämmerung) in Verbindung gebracht, auch wenn er selbst die düstere Konnotation des Begriffs als „Quatsch“ abtat, den sich englische Journalisten aufgrund des Titels eines früheren Werks von Yeats zusammengereimt hätten. Er wies darauf hin, dass „primitive keltische Farben hell und mit Edelsteinen besetzt“ seien. Diese Beobachtung wurde übrigens von dem walisischen Komponisten William Mathias wiederholt, der schrieb, dass „Ritus und Magie, mit Edelstein-Farben, der Geist des Spiels, geheimnisvolle Wehmut, lyrische Wärme und Glut und vor allem rhythmische Vitalität die Qualitäten seien, die mit keltischer Kunst und Tradition in Verbindung gebracht werden“. Diese Eigenschaften sind auch in Bax’ Musik im Überfluss anzutreffen.

 

Aus Enttäuschung über eine romantische Eskapade in Russland 1910 heiratete Bax und bezog ein Haus in einem Vorort von Dublin. Er wohnte dort, bis ihn der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zurück nach London führte, wo er sich in die junge Klavierschülerin Harriet Cohen verliebte. Im August 1917 verbrachte das Paar einen idyllischen sechswöchigen Urlaub in Tintagel an der Nordküste von Cornwall, und diese Erfahrung inspirierte Bax zur Komposition einer Tondichtung, die sein bekanntestes Orchesterwerk werden sollte. Obwohl er die Komposition direkt nach seiner Rückkehr nach London begann (der Entwurf der Partitur ist auf Oktober 1917 datiert), verschob er die Orchestrierung, und das endgültige Manuskript trägt das Datum Januar 1919. Es enthält die Widmung: ‚For darling Tania with love from Arnold’, Tania war Harriets Kosename. Als Bax jedoch das Werk später veröffentlichte, wurde daraus das sprödere ‚Für Miss Harriet Cohen’. Die Uraufführung am 20. Oktober 1921 spielte das Bournemouth Municipal Orchestra unter Dan Godfrey, und Bax schrieb einen Bericht, in dem er das Stück beschrieb:

 

„Dieses Werk ist nur im weitesten Sinne Programm-Musik. Die Absicht des Komponisten besteht einfach darin, eine klangliche Impression von den burggekrönten Klippen des (heute leider verfallenen) Tintagel zu geben. Und im Besonderen von den Weiten des Atlantik, wie sie von den Klippen von Cornwall aus an einem sonnigen, aber nicht windstillen Sommertag gesehen werden können. Die literarischen und traditionellen Bezüge dieser Szene treten ebenfalls ins Bild. Die Musik beginnt nach einigen einleitenden Takten mit einem Thema, das von den Blechbläsern vorgestellt wird und das man als Darstellung der zerstörten Burg ansehen könnte, die nun so alt und vom Wetter gezeichnet ist, dass sie als Fortsetzung des Felsens erscheint, auf dem sie gebaut wurde. Das Thema wird zu einem groß angelegten tonalen Höhepunkt ausgearbeitet, und dann folgt eine lange Melodie in den Streichern, die vielleicht die feierlichen und nahezu grenzenlosen Weiten des Ozeans repräsentieren.

 

Nach einer Weile beginnt sich eine unruhigere Stimmung durchzusetzen, als ob die See ansteigen würde, und vermittelt einen neuen Gedanken an die vielen leidenschaftlichen und tragischen Ereignisse in den Erzählungen von König Artus und König Marke und den anderen Männern und Frauen ihrer Zeit. Eine klagende chromatische Figur erklingt und beherrscht zunehmend die Musik, bis sie schließlich eine Form annimmt, die an eines der Themen aus dem ersten Akt von (Wagners) Tristan und Isolde erinnert, (deren Schicksal natürlich direkt mit Tintagel in Beziehung stand). Hier erscheint ein Motiv, das als Darstellung der zunehmenden Unruhe der See verstanden werden kann. Kurz darauf gibt es einen großen Höhepunkt, der plötzlich abbricht, und dann folgt eine Passage, die vielleicht den Eindruck von großartigen Wellen hervorruft, die langsam an Kraft gewinnen und sich dann an den unerschütterlichen Felsen brechen.

 

Das Thema der See erklingt noch einmal, und das Stück endet wie es begann mit einem Bild der Burg, die noch immer der Sonne und dem Wind der Jahrhunderte trotzt.“

 

Es gibt keinen eindeutigen Beweis dafür, dass König Artus oder eine der schattenhaften Figuren, die in Bax’ Beschreibung erwähnt werden, irgendeine Beziehung mit Tintagel gehabt hätten. (Der Name ist aus den Wörtern din und tagell abgeleitet und bedeutet in der kornischen Sprache ‚Festung’ oder ‚Behinderung’ und bezieht sich auf den schmalen Grad, der von dem nahe gelegenen Dorf Trevena zu der Burgruine führt.) Steht man jedoch oben auf den Klippen mit der großartigen Wucht der Atlantikbrecher, die tief unten gegen die Felsen branden, dann kann man zweifellos nachvollziehen, wie die Legenden und die malerische Szene Bax’ Einbildungskraft dazu angeregt haben müssen, eine der lebhaftesten See-Schilderungen zu komponieren, die jemals geschrieben wurden.

 

Fast vier Jahre nach der Vollendung von Tintagel wurde die Uraufführung von Bax’ Erster Sinfonie mit der Zeitungsschlagzeile begrüßt: „Wundervolles neues Werk in der Queen’s Hall uraufgeführt“. In den folgenden zwölf Jahren komponierte er noch fünf weitere Sinfonien, als er 1934 jedoch seine sechste beendet hatte, begann sein kompositorischer Schaffensdrang nachzulassen. Er schrieb jedoch noch verschiedene bemerkenswerte Kammermusik- und Orchesterwerke, darunter ein Violinkonzert. Kurz nach dessen Vollendung im März 1938 begann er mit der Komposition einer siebten und letzten Sinfonie. Das Werk war bis Oktober vollständig skizziert, und die Instrumentierung wurde in Morar, einem Ort an der schottischen Westküste, im Januar 1939 fertig gestellt. In dem selben Monat, genau zwanzig Jahre nach der Vollendung von Tintagel, verstarb der von Bax’ so verehrte Yeats. Bax widmete die Sinfonie ursprünglich dem Dirigenten Basil Cameron, doch als sie später ein offizielles Auftragswerk der New Yorker Weltausstellung wurde, war er gezwungen, die Widmung zu ändern, die nun „An das Volk von Amerika“ lautete. Die Sinfonie wurde am 9. Juni 1939 in der Carnegie Hall vom New York Philharmonic-Symphony Orchestra unter Sir Adrian Boult uraufgeführt.

 

Wie alle Sinfonien von Bax umfasst auch seine siebte drei Sätze. Der erste Satz wird im Wesentlichen von einer wogenden Energie und einem beschwingten Optimismus geprägt, wie im ersten Abschnitt zu hören ist. Nach einer kurzen Pause wird die Stimmung spielerischer, doch schon bald kehrt die Musik zu ernsteren Themen zurück. Ein neues, bewegtes Thema in den Holzbläsern, das von Tonwiederholungen charakterisiert wird, führt zu einer synkopierten Passage, die Bax auf dem Höhepunkt des Überschwanges zeigt. Kontrast wird durch eine lyrische Melodie erzeugt, die zuerst in den Celli und den Englischhörnern erklingt. Die Durchführung ist abwechselnd energisch, klagend und geheimnisvoll, aber immer mit dem untergründigen Moment der Bewegung. Die Reprise kulminiert in einer lyrischen Melodie, die sich zu einem schroffen Höhepunkt (Blechbläser und Pauken) aufschwingt, bevor der Satz zu den Schatten zurückkehrt, von denen er seinen Ausgang genommen hat.

 

Bax beschrieb den langsamen Satz seiner Sinfonie interessanter Weise einmal als „Intermezzo und Trio“, obwohl Intermezzi für gewöhnlich nicht so ausgedehnt und ereignisreich sind wie dieses. Als Lob über Boults britische Uraufführung schrieb er, dass es „die ganze Trägheit des Sommers ausdrückt, die ich vermitteln wollte“. Vor allem die äußeren Abschnitte sind von dieser Trägheit geprägt, aber es gibt auch Momente mit stürmischer Gewalt, als wäre die träumerische Atmosphäre von einem dunklen Albtraum heimgesucht worden. Das zentrale Trio trägt die Bezeichnung In Legendary Mood und stellt eine entschlossenere Melodie vor, die über einer bewegten Violinbegleitung tief in den Holzbläsern beginnt. Der Höhepunkt des Satzes wird rücksichtslos herausgeschmettert, jedoch kehrt die Stimmung schnell wieder zu der trägen, unerschütterlichen Ruhe des Anfangs zurück.

 

„Der dritte Satz sollte bedächtiger anfangen“, schrieb Bax an Boult, nachdem er eine Aufnahme der New Yorker Premiere gehört hatte, „– eine richtige romantische Suhle!“ Der Satz ist Thema und Variationen überschrieben, und nach einem schwungvollen Prelude wird das Thema ruhig und nüchtern in den Celli und den Kontrabässen vorgestellt. Die Variationen gehen in einander über und rangieren in der Stimmung von gewalttätig bis zärtlich, von überschwänglich bis schelmisch. Bax sagte einmal über die letzte Variation (den Epilogue), dass er „weiter nicht hätte gehen können“. Und in der Tat: Als acht Monate nach der Vollendung der Sinfonie der Krieg ausbrach, fiel er in musikalisches Schweigen, das anhalten sollte, bis er im Februar 1942 zum Master of the King’s Music ernannt wurde. Obwohl er weiterhin sowohl Fanfaren und Märsche für Staatsanlässe, als auch Musik für den Film, die Bühne und den Konzertsaal komponierte, erreichte Bax nie mehr den kreativen Schwung, der ihn in den Jahren zwischen den Kriegen angetrieben hatte. Und nie wieder erlangte er die tief bewegende Ernsthaftigkeit und Grazie, die in den letzten Takten seiner letzten Sinfonie zu finden sind.

 

Graham Parlett

Deutsche Fassung: Peter Noelke


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