About this Recording
8.557151 - BLOCH: America / Suite Hebraique
English  German 

Ernest Bloch (1880–1959)
America (An Epic Rhapsody für Chor und Orchester) • Suite hébraïque

Ernest Bloch wurde in der Schweiz geboren und studierte dort Violine und Komposition. Nach einer Zeit als Schüler von Eugène Ysaÿe in Brüssel setzte er seine Ausbildung in Frankfurt am Main und in München fort. Nach der Rückkehr in seine Heimatstadt Genf verband er seine musikalischen Aktivitäten mit der Arbeit im väterlichen Uhrenwerk. 1916 ging er in die USA, wo er fortan dirigierte, unterrichtete und komponierte und sich besonders als jüdischer Komponist einen Namen machte. Von 1920 bis 1925 war er Direktor des Institute of Music in Cleveland; danach war er in ähnlicher Eigenschaft am Konservatorium von San Francisco tätig. Obwohl er seit 1924 amerikanischer Staatsbürger war, hielt er sich während der dreißiger Jahre lange in der Schweiz auf. Ende dieses Jahrzehnts kehrte er dann in die Staaten zurück. Seinen Nachruhm verdankt er vor allem seinen durch jüdische Themen angeregten Werken wie Schelomo, Baal Shem, der Suite hébraïque und der Suite für Viola.

Bloch war ein universeller Komponist, den es mit Herz und Verstand dürstete, so viel wie nur möglich zu lernen und empfindend zu erleben. Er befasste sich mit dem, was ihn umgab, mit der Natur, der Menschheit, mit Ideologien, Ethnologie und Geschichte – und so ist es kein Wunder, dass sein Stil etliche Wandlungen durchmachte. Immer nahm er mit seiner Persönlichkeit und seinen Emotionen Anteil. Doch kontrollierte er jegliche Spontaneität, da er nach kompositorischer Vollendung suchte. Vor allem beugte sich Bloch nie der allgemeinen Mode. Er blieb sich selbst immer treu. Er beobachtete die Welt genau und benutzte in seinen Visionen eine erstaunliche prophetische Gabe, die sich in Begriffen und Klängen niederschlug. Er pflegte zu sagen, dass seine Musik 35 Jahre nach seinem Tode akzeptiert werden würde. Von seinen vielen orchestralen, instrumentalen, vokalen und kammermusikalischen Meisterwerken werden gegenwärtig nur recht wenige aufgeführt. Drei seiner Symphonien hat er seinem jüdisch-schweizerisch-amerikanischen Erbe gewidmet. Er nannte sie Israel, Helvetia und America.

Seine epische Rhapsodie in drei Teilen für Orchester namens America komponierte Ernest Bloch im Jahre 1926. Der erste Teil handelt von der frühen Geschichte des Landes: Das Land – Die Indianer – (England) – Die Mayflower – Die Landung der Pilger – 1620. Der zweite Teil befasst sich mit dem Bürgerkrieg: Stunden der Freude – Stunden des Schmerzes – 1861–1865. Der dritte Teil spielt dann zu der Zeit, als das Werk entstand: Die Gegenwart – Die Zukunft – 1926.

Bloch stellte der Partitur ein Zitat von Walt Whitman voran: O Amerika, weil du für die Menschheit baust, baue ich für dich. Einzigartig an der America Symphony ist, dass sie die Historie und deren Geschehnisse mit klanglichen Mitteln beschreibt und sich so von jeder anderen Symphonie unterscheidet, die je geschrieben wurde. America entstand aus geheimnisvollen spirituellen Stimmungswechseln, wobei jeder Gegenstand und jede Epoche ihr eigenes musikalisches Thema hat, so im zweiten Teil der Süden – alte Ballade, vom Englischhorn gespielt. Die Symphonie befasst sich mit der Zeit von 1620 bis zu ihrem Entstehungsjahr 1926. Der letzte Teil, den Bloch als Die Zukunft bezeichnete, ist eine Art von Prophetie, in der Stile und Geräusche (Automobilhupen) vorkommen, die zweifellos den Stilen des späteren 20. Jahrhunderts ähneln. Die Partitur enthält Blochs programmatische Anmerkungen sowie Zitate von Walt Whitman und gibt den Ausführenden Hinweise auf die verschiedenen Ereignisse.

Bloch schrieb diese Symphonie, indem er ihr thematisches Material mit Kleinstmotiven aus dem abschließenden Anthem versah und mit Melodien ausstattete, die er der Folklore der verschiedenen Volkstypen entnommen hatte, die in diesem Werk vorkommen: Indianer, Pilger, Kelten, Neger und Kreolen. Dazu kommen Klagegesänge, Lieder aus dem Bürgerkrieg und neue musikalische Perspektiven. In der gesamten Symphonie benutzte er die Motive des Anthems, das er am Ende in einer begeisterten Klimax in seiner reinen Gestalt präsentiert und in der Partitur mit den Worten Amerikas Ruf an die Nationen der Welt kommentiert.

1927 gewann das Werk einen von dem Magazin Musical America gesponsorten nationalen Wettbewerb. America wurde am 20. Dezember 1928 von Chor und Orchester der New Yorker Philharmoniker unter der Leitung von Walter Damrosch uraufgeführt. In seiner Einführung schrieb Bloch:

„Diese Symphonie entstand aus Liebe zu diesem Land, in Ehrfurcht vor seiner Vergangenheit und im Glauben an seine Zukunft. Es ist dem Gedächtnis Abraham Lincolns und Walt Whitmans gewidmet, die mit ihren Visionen seine Anregung stützten. Die Ideale Amerikas sind unvergänglich. Sie verkörpern das zukünftige Credo der gesamten Menschheit: eine Union, die – mit einem Ziel und einer freiwillig akzeptierten Führung – von einer großen rassischen Vielfalt zu einer einzigen, starken und großen Rasse führt.

Obwohl diese Symphonie nicht von einem bestimmten Programm abhängt, möchte der Komponist unterstreichen, dass er von diesem großen Ideal inspiriert wurde.

Das Anthem, mit dem das Werk apotheotisch zu Ende geht, symbolisiert das Schicksal, die Mission von Amerika. Die Symphonie ist ganz und gar darauf aufgebaut. Es erscheint von dem ersten Takt an, keimhaft, undeutlich, und nimmt langsam Gestalt an. Es steigt, fällt, entwickelt sich und wird schließlich siegreich in seiner vollständigen, definitiven Form dargestellt.

Der Komponist hofft, dass dieses Anthem bekannt und beliebt wird, dass das Publikum sich erheben und mitsingen wird, um so ein aktiver, begeisterter Teil dieses Werkes und seiner Botschaft von Glauben und Hoffnung zu werden.”

Im Dezember 1950 organisierte der Covent Club von Illinois zum 70. Geburtstag des Komponisten in Chicago ein Bloch-Festival. Bloch war zutiefst bewegt und beschloss, den Organisatoren eine passende neue Komposition zu schenken, die Suite hébraïque. Er hatte die Suite 1951 zunächst für Bratsche oder Violine und Klavier komponiert. Am 10. März 1952 vollendete er dann die Orchesterfassung des Werkes. Die Uraufführung der Orchesterfassung fand am 1. Januar 1953 statt. Der Solist Milton Preves wurde vom Chicago Symphony Orchestra unter Rafael Kubelik begleitet. Die Suite besteht aus den drei Sätzen Rapsodie – Processional – Affirmation. Bloch komponierte das ganze Stück im jüdischen Stil, wie eine nostalgische Erinnerung an den älteren jüdischen Zyklus. Tatsächlich stammen die wenigen international berühmten Werke von Ernest Bloch allesamt aus jener Zeit des jüdischen Zyklus.

In der Suite hébraïque benutzte Bloch traditionelle jüdische Melodien. In einem Kommentar an J.H. Braun schrieb er: „Ich habe sie bis zu einem Punkt aufgesogen, dass es für zukünftige Musikwissenschaftler schwer zu bestimmen sein wird, was traditionell und was Bloch ist.”

Prof. Dalia Atlas
Deutsche Fassung: Cris Posslac


Close the window