About this Recording
8.557157 - PAVLOVA, A.: Symphonies Nos. 1 and 3 (Russian Philharmonia, Krimetz, Vedernikov)
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Alla Pawlowa (b. 1952)
Sinfonie Nr. 1 „Farewell Russia“ • Sinfonie Nr. 3

 

Die Komponistin und Musikwissenschaftlerin Alla Pawlowa erhielt 1983 ihren Master’s-Abschluss an der Gnesin Musikakademie in Moskau. Sie hatte unter Armen Shakhbagian Komposition studiert. Von 1983 bis 1986 lebte sie in der bulgarischen Hauptstadt Sofia und arbeitete für die Union der bulgarischen Komponisten und die bulgarische Nationaloper. Die Jahre von 1986 bis 1990 verbrachte sie in Moskau, um für den Vorstand der russischen Musikgesellschaft zu arbeiten. Seit 1990 lebt sie in New York, wo sie Mitglied der New York Women Composers Inc. ist. Alla Pawlowa hat zahlreiche Kompositionen für Orchester geschrieben, darunter sowohl vier Sinfonien, als auch andere Instrumental- und Vokalwerke, die in den Vereinigten Staaten, Kanada und Europa aufgeführt wurden. Ihr besonderes Interesse gilt der Komposition für den Film, den Tanz, das Theater und für Kinder. Ihre Artikel, deren Zahl bis heute die Hundert überschritten haben, erschienen in russischen und internationalen Publikationen.

Die Sinfonie Nr. 1 „Farewell Russia“ für Kammerorchester entstand im Oktober 1994 und ist Russland gewidmet. Sie wurde im Rahmen des American Music Concerts am 30. Mai 1995 in dem Konzertsaal der Union der russischen Komponisten in Moskau uraufgeführt und am nächsten Tag aufgezeichnet. Das Werk wurde geschrieben, nachdem die Komponistin im Juli 1994 Moskau besucht hatte. Das Werk stellt in gewisser Weise eine Reaktion auf die Eindrücke der neuen Lebensumstände in ihrem Heimatland dar, das sie besucht hatte, um an einem Konzert der New York Women Composers Inc. teilzunehmen. Das Konzert war dem amerikanischen Unabhängigkeitstag gewidmet, und zwei Kompositionen von Alla Pawlowa, Epitaph und Broadway’s Song, gelangten zur Aufführung. Als Alla Pawlowa Moskau verlassen hatte und nach Amerika gezogen war, war Russland noch ein sowjetischer Staat und Teil der Union der Sowjetischen Sozialistischen Republiken. Nach mehreren Jahren der Abwesenheit war Moskau nicht wieder zu erkennen und schien ihr ein völlig neuer, unbekannter Ort, an dem sie noch nie zuvor gewesen war. Es war eine Zeit, in der die alten strengen Sowjet-Strukturen zusammengebrochen waren, die neuen aber noch nicht stark genug, um auch nur ein geringes Maß an Stabilität zu geben. Unter ihren alten Freunden in Moskau herrschte ein Gefühl der Unsicherheit und Depression, und sie wussten nicht, was der nächste Tag ihnen bringen würde. Alla Pawlowa schrieb: „Es war für mich so schmerzhaft, mit anzusehen, dass das Land, in dem wir geboren und aufgewachsen sind, in dem wir unsere ersten kindlichen Eindrücke von der Welt erhalten haben, in dem wir zu Individuen geformt wurden und heranwuchsen, dass dieses Land nicht mehr zu existieren schien.“

In einem Interview im April 1996 für die Morgenausgabe der NPR betonte Alla Pawlowa, dass der Titel der Sinfonie Farewell Russia nicht nur ihre persönlichen Gefühle zum Ausdruck bringt, sondern dass sie glaubt, dass er die Stimmung und die Gedanken von vielen Menschen in Russland in dieser speziellen Zeit der dramatischen Veränderung ihrer Gesellschaft widerspiegelt. Sie wählte den Titel aufgrund ihrer Liebe zu Russland, die vielleicht einem idealisierten Russland ihrer eigenen Einbildung entspricht.

Die Sinfonie ist für ein aus elf Instrumenten bestehendes Kammerorchester geschrieben: Streichquartett, zwei Flöten, Piccolo-Flöte, Harfe, Klavier, Vibraphon und Tam-tam. Sie hat einen ausgedehnten Satz, in dem sich Gedanken, Stimmungen und Erinnerungen entwickeln und miteinander in Beziehung treten. Alla Pawlowa hat sie als „Sinfonie mit Klaviersolos“ bezeichnet, weil drei Solopassagen für Klavier darin vorkommen.

Die Anlage der Sinfonie Nr. 3, die im August und September 2000 geschrieben wurde, ist tonal und romantisch. Alla Pawlowa lebte einige Jahre in New York am Riverside Drive in der Nähe eines Denkmals für Jean d’Arc. Die Musik der Sinfonie wurde von diesem Denkmal inspiriert, folgt jedoch keinem weiteren Programm, und es wäre falsch, die Sinfonie als eine musikalische Erzählung der Geschichte der Jungfrau von Orleans oder als psychologisches Porträt anzusehen. Das Werk ist eine musikalische Reflexion über die Mission, die jeder Mensch auf der Erde zu erfüllen hat, das Schicksal, Gottes Wille, der zu Ereignissen, Herausforderungen und Taten führt, die manchmal unvorstellbar erscheinen. Das Leben der Jean d’Arc ist ein starkes Beispiel für diese Ansicht. Auch die Musik ist eine Reflexion über den Sinn des Lebens eines jeden Einzelnen, über die Kraft des Schönen und Einfachen und über die Freude, gleichzeitig aber auch über die Tragik des Lebens. Die Komponistin schreibt: „Es ist meine Hoffnung, dass die Musik den Hörern Unterstützung und Inspiration in den schwierigen Momenten ihres Lebens gibt und ihr Vertrauen in das Schicksal und die tiefe Bedeutung des menschlichen Lebens stärken wird.“ Es gibt eine andere Fassung der Sinfonie, eine stärker traditionelle mit einer etwas anderen Instrumentation ohne Gitarre. Das Werk ist der Mutter der Komponistin gewidmet.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Peter Noelke


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