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8.557162 - MOROI: Symphony No. 3, Op. 25 / Sinfonietta, Op. 24 / Two Symphonic Movements, Op. 22
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Saburo Moroi (1903-1977)
Sinfonie Nr. 3 • Zwei sinfonische Sätze • Sinfonietta

Saburo Moroi, der unter den japanischen Komponisten des zwanzigsten Jahrhunderts als Wegbereiter der abstrakten Musik gilt, wurde am 7. August 1903 in Tokio als Sohn des Industriemagnaten Tsunehei Moroi geboren. Bereits als Kind begann er, angeregt durch das musikalische Talent seines sieben Jahre älteren Bruders Kan’ichi, von dem er auch den ersten Klavierunterricht erhielt, mit eigenen kleinen Kompositionen, und noch während seiner Schulzeit fasste er den Entschluss, eine Komponistenkarriere anzustreben. Einen für dieses ambitionierte Vorhaben mitentscheidenden Anstoß lieferte das Erlebnis des Beethoven-Sonatenzyklus der Pianistin Sueko Ogura, den Moroi gemeinsam mit seinem Bruder besuchte.

Parallel zu seinem Studium an der Urawa- Hochschule und später an der philosophischen Fakultät der Kaiserlichen Universität in Tokio, wo er die Hauptfächer Ästhetik und Kunstgeschichte belegte, erhielt Moroi eine gründliche pianistische Ausbildung bei Eiichi Hagiwara, dem seit 1923 in Japan wirkenden Schnabel-Schüler Willy Bardas und bei Leonid Kochanski, der ab 1925 als Professor an der Tokioter Musikhochschule unterrichtete. Die Fortbildung in den Fächern Musiktheorie und Komposition betrieb er zunächst weitgehend auto-didaktisch.

1927, während seines dritten Studienjahres, gründete Moroi gemeinsam mit einigen Kommilitonen das Ensemble Surya (dt. „Sohn Gottes”). Diese Gruppe diente als Forum für die Aufführung seiner eigenen Kompositionen; bis 1931 gab man sieben Konzerte, bei denen u.a. Morois Klavierkonzert fis-Moll, das Sinfonische Fragment, das Klavierquintett, ein Streichquartett, je zwei Violin- und Violoncellosonaten sowie fünf Klaviersonaten uraufgeführt wurden. Bald weitete die Gruppe ihre Aktivitäten auf außermusikalische Bereiche aus und entwickelte sich schließlich zu einer Vereinigung, der sich auch junge Literaten und Künstler wie Tetsutaro Kawakami, Hideo Kobayashi, Chuya Nakahara, Tatsuji Miyoshi, Hidemi Kon, Shohei O’oka und Kenzo Nakajima anschlossen.

Zur Fortsetzung seines Musikstudiums ging Moroi 1932 nach Deutschland, wo Leo Schrattenholz und Walter Gmeindl an der Berliner Musikhochschule seine Kompositionslehrer waren und wo er sich besonders mit den Werken Anton Bruckners und Paul Hindemiths beschäftigte. Als vollausgebildeter Komponist kehrte er 1934 nach Japan zurück. Die Berliner Zeit war eine bedeutsame Wegmarke in seiner musikalischen Laufbahn, denn erst seit den dort gesammelten Eindrücken und Erfahrungen begann Morois eigentliche schöpferische Karriere. Zu den noch in Berlin entstandenen und uraufgeführten Werken zählen die Klaviersonate Nr. 1 op. 5, das Streichquartett op. 6, das Klavierkonzert Nr. 1 op. 7 und die Sinfonie Nr. 1 op. 8. Innerhalb einer ungemein fruchtbaren Periode komponierte er bis 1939 die Bratschensonate op. 11, das Violoncellokonzert op. 12, das Fagottkonzert op. 14, die Flötensonate op. 15, die Sinfonie Nr. 2 op. 16, das Streichsextett op. 17, das Violinkonzert op. 18, das Streichtrio op. 19 und die Klaviersonate Nr. 2 op. 20. Von größter Bedeutung für seine Reputation als einer der führenden nationalen Komponisten waren vor allem die japanische Erstaufführung der Sinfonie Nr. 1 op. 8 und die Uraufführung der Sinfonie Nr. 2 op. 16. In diesen Werken gelang Moroi eine Synthese aus deutscher Formensprache und japanischen Klangelementen. Mit Beginn der 1940er Jahre bediente er sich in seinem Musikidiom in zunehmendem Maße japanisch orientierten Gedankenguts. Die drei hier eingespielten, zwischen 1942 und 1944 entstandenen sinfonischen Werke sind eindrucksvolle Beispiele dieses Schöpfungsprozesses.

Die Sinfonietta B-Dur op. 24 entstand zwischen dem 6. und 31. Oktober 1943 und wurde bereits sechs Tage nach Vollendung der Partitur unter Leitung des Komponisten vom Rundfunkorchester Tokio uraufgeführt. Das mit doppeltem Holz, Blechbläsern, Pauken und Streichern besetzte Werk trägt den Untertitel Für Kinder. Der B-Dur-Kopfsatz, Allegro grazioso, 3/4, ist in Sonatensatzform komponiert. Ihm folgt das dreiteilige Andantino quasi Allegretto, ein Menuett in G-Dur. Der aus drei Teilen nebst Coda bestehende dritte Satz, Lento affabile, 4/4, beginnt in h- Moll und endet in der Haupttonart B-Dur. Besonders in diesem Finalsatz treten japanisch inspirierte Elemente deutlich in den Vordergrund.

Die Zwei Sinfonischen Sätze op. 22 vollendete Moroi am 9. Mai 1942. Sie erlebten ihre Uraufführung am 9. April 1943 durch Hisatada Odaka und das Japanische Sinfonieorchester (das heutige NHK Symphony Orchestra). Der erste Satz, ein Andante grandioso in Sonatenform, hebt unisono in Hörnern und Streichern mit einem aus sieben Tönen bestehenden Thema an, beginnend mit G, das dreimal mit einer halben Note und zwei Achteln wiederholt wird. Es folgt eine skalenartige Tonfolge in gleichmäßigem Achtelrhythmus. Diese drei charakteristischen Ausprägungen des Themas (Tonrepetitionen, gerader Rhythmus und skalenartige Notenfolgen) sind in beiden Sätzen allgegenwärtig. Das Nebenthema basiert auf der für die Kabuki-Musik typischen pentatonischen Miyako-bushi-Tonleiter. Der zweite Satz, Allegro con spirito, besitzt einen signalartig-auffälligen Beginn. Danach erklingt das Hauptthema nacheinander in Bratsche, Klarinette und Flöte. Es besteht aus der Verbindung eines scherzoähnlichen, aus zwei reinen Quarten und einer fallenden Mollskala gewonnenen Motivs mit einer eher hektischen, aus geradem Sechzehntel-Rhythmus sowie Tonrepetitionen zusammengesetzten Floskel. Letzteres Motiv stellt eine Variante der rhythmischen Figur dar, die als Antriebsimpuls des ersten Satzes fungierte. Beide Sätze sind durch dasselbe Gestaltungsprinzip miteinander verbunden. Morois Absicht in diesem Werk bestand darin, die beiden Themen zu einem einzigen zu verschmelzen. In dieser Methode spiegelt sich nicht zuletzt eine Charaktereigenschaft der Japaner im Umgang miteinander, nämlich das Vermeiden von widerstreitenden Meinungen und Konflikten.

Die Sinfonie Nr. 3 op. 25 wurde am 11. April 1943 begonnen und am 26. Mai 1944 vollendet. Moroi begann mit der Arbeit an diesem Werk unmittelbar nach der Uraufführung der Zwei Sinfonischen Sätze und komponierte in der Zwischenzeit auch die Sinfonietta. Die Sinfonie ist mit je drei Flöten, Oboen, Klarinetten und Fagotten, vier Hörnern, drei Trompeten, drei Posaunen, Tuba sowie Pauken, großer Trommel, Basstrommel, Streichern und Orgel groß besetzt. Der erste Satz beginnt mit einer 3/2-Introduktion, die den Untertitel Eine ruhige Ouvertüre trägt und Andante molto tranquillo e grandioso überschrieben ist. Ihr folgt ein Allegro vivace im 6/4-Takt und in abgewandelter Sonatenform, vom Komponisten mit dem Titel Geburt und Wachstum des Geistes versehen. Die Violine deutet das erste, aus den drei Noten E-F-G bestehende Motiv an, das in verschiedenen Varianten wiederholt wird. Gewissermaßen als Unterbrechung erscheint in der Posaune das zweite Motiv; es ist mit starken Akzenten versehen und folgt einer schwerfällig-unbeholfenen Auf- und Abwärtsbewegung. Die beiden Motive werden einer durchführungsartigen Entwicklung unterzogen, bevor ein chromatisches Motiv choralähnlich in Oboe und Posaune hinzutritt. An dieser Stelle geschieht etwas Unerwartetes: Die drei Motive, die sich deutlich voneinandner zu unterscheiden schienen, werden zu einer einzigen langen Melodie verschmolzen, dem eigentlichen Hauptthema des Satzes. Es handelt sich dabei um die Weiterführung eines Gedankens aus dem ersten Satz der Zwei Sinfonischen Sätze, wobei sich auch hier die japanische Tradition des Verlangens nach Harmonie gegen das Element des Konflikthaften durchsetzt. Der zweite Satz, Allegro scherzando, mit dem Untertitel Von Humor und Geist und im 5/8-Takt (2/4 + 1/8), erinnert in seinem eigenartigen rhythmischen Muster an japanische Volkslieder und Festmusiken. Gegen Ende des Satzes hämmern Trompete und Schlagzeug das Thema in unverkennbar martialischer Manier heraus. Dieser Satz ist Ausdruck von Brutalität und kriegerischer Gewalt. Der dritte Satz, Aspekte des Todes, ist ein langsames, liedhaftes Finale, eine Meditation über die Seelen der Kriegsopfer. Der Satz folgt keinem festgefügten Muster und setzt somit die Formidee des dritten Satzes der Sinfonietta fort. Aus einem liedhaften Motiv entwickelt sich eine Trompetenfanfare, gefolgt von einem hochchromatischen Doppelfugato mit der Tempobezeichnung Andante tranquillo. Hier drängt sich dem hörenden Betrachter das Bild von Kriegstoten auf, deren Seelen durch die Dämmerung wandern, bis sie – durchflutet vom magischen Abendrot des Sonnenuntergangs – in einem letzten Lichtschein erstrahlen, bevor sie in den ewigen Frieden des Jenseits eingehen.

Die Sinfonie widerspiegelt die Verzweiflung der japanischen Intellektuellen in den letzten Jahren des 2. Weltkriegs. 1943-44, als Moroi dieses Werk schrieb, war der Krieg mit voller Gewalt auf Japan zurückgeschlagen, und die ganze Nation sah den Untergang voraus und bereitete sich innerlich auf den Tod vor. Moroi bildete keine Ausnahme, und so darf diese Sinfonie in gewissem Sinne als sein Schwanengesang gelten. Unmittelbar nach Abschluss der Niederschrift wurde er eingezogen und leistete bis zur Kapitulation Japans im August 1945 Kriegsdienst. Obgleich Stücke japanischer Komponisten zur Stärkung des Durchhaltewillens der Bevölkerung während des Kriegs aufgeführt wurden, handelte es sich bei dieser Sinfonie um ein Werk, dessen schiere Dimensionen einen Probenaufwand erfordert hätten, der in den Wirren der Zeit unmöglich zu erbringen war, und so fand erst am 26. Mai 1950 die Uraufführung statt, bei der Kazuo Yamada das Japanische Sinfonieorchester leitete. Inzwischen hatte das besiegte Inselreich seiner unheilvollen Vergangenheit den Rücken gekehrt und als demokratischer Staat den Weg in eine hoffnungsvolle Zukunft angetreten. Im Zuge dieser Neuorientierung musste Morois Sinfonie als Relikt einer überwundenen Nationalidentität gelten, und so verschwand sie von den Konzertprogrammen, um erst 1978 erneut aufgeführt zu werden.

Moroi überlebte den Krieg und schrieb in den folgenden zweiunddreißig Jahren nur noch acht Werke, einschließlich zweier Sinfonien, einem Klavierkonzert und einem Hornkonzert. Den Schwerpunkt seiner Tätigkeit in diesen Jahren bildeten pägagogische und musikschriftstellerische Aufgaben. Zu seinen Schülern zählen Minao Shibata, Yoshiro Irino und Ikuma Dan. Sein zweiter Sohn Makoto ergriff ebenfalls die Komponistenlaufbahn. Saburo Moroi starb am 24. März 1977.

Bearbeitung eines Beitrags von Morihide Katayama

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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