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8.557164 - NIELSEN: Aladdin Suite / Pan and Syrinx / Helios Overture
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Carl Nielsen (1865-1931)
Orchesterwerke

Neben den sechs ausgewachsenen Sinfonien, denen Carl Nielsen seine Weltgeltung vornehmlich verdankt, hinterließ er verschiedene kleinere Orchesterwerke, deren musikalischer Ambitus ihnen gewissermaßen eine Satellitenfunktion gegenüber den größeren sinfonischen Werken zuweist. Zu seinem weiteren Schaffen zählen zwei Opern, zahlreiche Schauspielmusiken und verschiedene Instrumentalkompositionen, die ursprünglich für das Theater konzipiert wurden, aber bald eine eigene Konzertexistenz zu führen begannen.

Von den kürzeren Orchesterwerken wurde die Helios-Ouvertüre (FS 32) das bekannteste. Nielsen schrieb sie im Jahr 1904 unter dem Eindruck einer Reise, die ihn in Begleitung seiner Frau, der Bildhauerin Anne Marie Brodersen, nach Griechenland geführt hatte. Die Initialinspiration war das Erlebnis eines überwältigenden Sonnenaufgangs über der Ägäis, mit dem das Stück beginnt. Über tiefen, wogenden Streichern erklingen geteilte Hörner in eindrucksvoller Polyphonie, während hohe Streicher und Holzbläser einen lichtdurchfluteten melodischen Gedanken formen. Dieses Motiv steigert sich zu einem glänzenden Höhepunkt des gesamten Orchesters, nach dem Trompetenfanfaren ein grelles Thema anstimmen, das im weiteren Verlauf des Stücks noch einmal zurückkehrt. Nach dieser ersten Themenvorstellung folgt ein anmutiger Gedanke in den Holzbläsern; anschließend beginnt in den Streichern ein lebhaftes Fugato, das im vollen Orchester in die Reprise einmündet. Von diesem Punkt an sinkt die Musik allmählich in die Ruhe des Beginns zurück: Aus der Reminiszenz der Morgenröte wird in der Anfangsmotivik von Solohorn und Holzbläsern das Naturschauspiel des Sonnenuntergangs und über tiefen Streichern das Verglühen des Tageslichts und die einbrechende Dunkelheit.

Die sinfonische Dichtung Sagadrøm (Traumsage), FS 46, komponiert 1907 und 1908, entwickelt den Gedanken eines musikalischen Schwebezustands auf subtile und faszinierende Weise. Zu Beginn beschreiben in sich ruhende Streicher einen Zustand tiefer Kontemplation, der alsbald mit dem Hinzutreten von nachdenklichen Blechbläserstimmen und zarten Holzbläserarabesken an Intensität gewinnt. Eine lebhaftere Bewegung erfasst sodann die Streicher, über denen die Blechbläser ihren ruhigen Duktus fortsetzen. Es folgt ein angeregter Dialog zwischen Pizzikato- Streichern und Holzbläsern, der in einer eindrucksvollen Passage kulminiert, in der solistisch geführte Holzbläser über einem gehaltenen Kontrabassakkord einen offenen, clusterartig notierten Gedankenstreit austragen – ein Effekt, der seinerzeit für einiges Aufsehen sorgte. Die eingangs in Streichern und Blechbläsern erklungenen Motive kehren auf dem kürzesten aller Höhepunkte zurück, worauf das musikalische Geschehen, dem Werktitel entsprechend, in traumhafter Ferne verklingt.

Das unstrittig großartigste unter Nielsens kleineren Orchesterwerken ist das Tongedicht Pan und Syrinx (FS 87), entstanden 1917-18, also unmittelbar nach der Vierten und drei Jahre vor Beginn der Arbeit an der Fünften Sinfonie [beide Naxos 8.550743], deren radikale Ton- und Formensprache hier bereits nukleusartig angelegt ist. Geheimnisvoll rauschende Streicher und wellenartige Flötenfiguren stimmen gleich zu Beginn auf den pastoralen, Sanftheit und Erregung gleichermaßen betonenden Charakter dieses griechischen Mythos ein. Die Steigerung des musikalischen Gestus erzielt Nielsen vornehmlich durch das Schlagwerk (besonders Xylophon und Tamburin), bevor nach dem Abebben der klimaktischen Bewegung ein einsames Englischhorn und Glockenspiel in nachsinnender Ungewissheit zurückbleiben. Danach bereiten Pauken und Streicher einen weiteren Höhepunkt vor, bis Schlaginstrumente in Obbligato-Manier einen kurzen, aber wilden Höhepunkt dominieren. Schließlich kehrt das arkadische Landschaftsbild der Eröffnung zurück, bevor sich unter fluoreszierenden Violindissonanzen das Solocello im Nichts verliert.

Maskerade (FS 39), Nielsens 1906 vollendete zweite Oper auf ein Libretto von Vilhelm Andersen nach dem Schauspiel von Ludvig Holberg, war bei der Kopenhagener Uraufführung vom 11. November 1906 ein durchschlagender Erfolg und gilt bis heute als dänische Nationaloper. Dieser liebenswerten Situationskomödie eignet eine geradezu mozartische Leichtigkeit, nicht zuletzt in der spritzigen Ouvertüre, die in ihrer übersprudelnden Spiellaune an Vorbilder wie etwa Le nozze di Figaro oder Così fan tutte denken lässt. Eröffnet wird sie mit theatralischem Aplomb, unter dessen Oberfläche sich bereits das tänzerische Hauptthema artikuliert. Aus einer humorvoll-pikanten Melodie, von Streichern und Holzbläsern präsentiert, entwickelt sich ein lebhaftes Fugato für das gesamte Orchester und eine Rückkehr zum Hauptthema. Das frenetische Brio der Coda setzt den wirkungsvollen Schlusspunkt dieser Ouvertüre. Gewissermaßen als Verschnaufpause vor den Verwechslungswirren der nachfolgenden Szenen präsentiert sich das Vorspiel zum 2. Akt. In seinen zärtlichen Konturen und pastellfarbenen Nuancen offenbart sich die ganze musikalische Ausdruckstiefe des Komponisten

Bei allem Erfolg, den er mit Maskerade hatte, konnte sich Nielsen mit dem Alltag des Opernbetriebs nie recht anfreunden, sodass er keine weiteren Bühnenwerke mehr ins Auge fasste; stattdessen konzentrierte er sich auf Schauspielmusiken, von denen die Partitur zu Adam Oehlenschlägers Aladdin (FS 89) zu seiner bedeutendsten wurde. Uraufgeführt wurde sie im Februar 1919 am Kgl. Theater in Kopenhagen (das sechs Jahre später bei Sibelius die Musik zu Shakespeares Sturm in Auftrag geben sollte). Die aufwändige Inszenierung lieferte Nielsen die Vorlage für eine gleichermaßen anspruchsvolle Musik. Entgegen anfänglicher Widerstände stellte er später einige Orchesterstücke aus dieser Partitur (vor allem aus der großen Tanzsequenz des 3. Akts) zur einer Konzerfassung zusammen. Als Aladdin-Suite erschien sie 1940 im Druck. Sie beginnt mit dem Orientalischen Festmarsch, dessen Mollfarben über das rein Zeremoniell-Märchenhafte hinaus in Bereiche einer härteren Realität vorstoßen. Es folgt Aladdins Traum und Tanz des Morgennebels, eine versunkene Streicherpassage, der sich ein lebhafter Tanz in reizvoller Instrumentierung für Flöten und Violinen anschließt. Der Hindu-Tanz mit seinen wehmütigen Holzbläserdialogen ist eine in ihrem zarten Klanggestus ansprechende Nummer, und während der Chinesische Tanz rhythmisch lebendiger daherkommt, tragen seine Harmonien unverwechselbar den Stempel Nielsenscher Erfindung. Der Marktplatz von Isfahan ist in seiner Überlagerung von vier verschiedenen musikalischen Gedanken die berühmteste Nummer der Suite. Hier entfaltet sich die ganze bunte Geschäftigkeit eines orientalischen Bazars. Der anschaulich-dramatische Tanz der Gefangenen erinnert an die eher deskriptiven Passagen aus Nielsens Sinfonien. Den zunehmend ausgelassenen, energiegeladenen Abschluss bildet der Tanz der Neger.

Einen ausdrucksmäßigen Kontrast stellt die Bühnenmusik zu dem Schauspiel Cupido und der Dichter (FS 150) dar. Sie erlebte ihre Uraufführung im Juli 1930 im Rahmen einer Rundfunkübertragung aus Odense und gehört zu den letzten bedeutenden Werken aus Nielsens Feder. Eindrucksvoll ist vor allem die erst 1967 im Druck erschienene Ouvertüre, deren dumpfer Trommelschlag einen Tanz einleitet, in dem die Streicher und Holzbläser einen harmonisch geschärften Dialog führen. Seine kontrapunktische Strenge weist auf den barocken Einfluss in Nielsens Spätwerk, wobei die Konfrontation von Trommel und Klarinette in der Mitte des Stücks ebenso auf modernistische Tendenzen der Zeit anspielt. Die gesamte Schauspielmusik ist Ausdruck des bei vielen Zuhörern auf Unverständnis stoßenden, sich einer einheitlichen Analyse entziehenden Stils, den der Komponist in den ungemein fruchtbaren letzten zehn Jahren seines Schaffens entwickelte.

Richard Whitehouse

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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