About this Recording
8.557167 - BRIDGE: Sea (The) / Enter Spring / Summer
English  German 

Frank Bridge (1879-1941)
Werke für Orchester

 

Frank Bridge ist nachfolgenden Generationen in erster Linie als Lehrer von Benjamin Britten (der sich mit Variationen über ein Thema seines Mentors bei ihm bedankte) in Erinnerung geblieben. Erst in jüngerer Zeit lässt sich wieder ein stärkeres Interesse an seinen Werken beobachten. Bridge wurde 1879 in Brighton geboren und studierte bei Charles Villiers Stanford am Londoner Royal College of Music – für einen angehenden Komponisten eine eher konventionelle Ausbildung. Als Hauptfach studierte er jedoch Violine, die er von Kindheit an gespielt hatte. Nach seinem Studium machte er sich einen Namen als Dirigent und Bratschist; in letzterer Eigenschaft sprang er sogar für ein Mitglied des renommierten Joachim-Quartetts bei dessen Londoner Gastspiel im Jahr 1906 ein. Als ungemein vielbeschäftigter Musiker spielte er u.a. Violine im English String Quartet und nahm Engagements als Dirigent des Savoy Theatre für die Opernsaison 1910-11 und der Covent Garden Opera (1913) an. Darüber hinaus sprang er gelegentlich für Sir Henry Wood als Dirigent der berühmten Londoner Promenadenkonzerte ein. Seine Fähigkeit, Partituren in kürzester Zeit zu beherrschen, verschaffte ihm den Ruf eines besonders zuverlässigen Einspringers für indisponierte Dirigenten.

Zu Bridges frühen Kompositionen gehörten auch verschiedene Kammermusikwerke. Für sein Phantasy Piano Trio wurde er 1907 mit dem Cobbett-Preis ausgezeichnet. Bereits bei seiner ersten Teilnahme an diesem Wettbewerb hatte er einen 3. Preis gewonnen, und später erhielten noch zwei weitere seiner Werke den Cobbett-Preis. In derselben Periode entstanden auch Lieder und Klavierstücke. Diese Phase seiner Karriere erreichte 1911 mit der Vollendung der Orchestersuite The Sea ihren Höhepunkt. Es folgten die sinfonische Dichtung Summer (1914) und Two Poems of Richard Jefferies (1915). Als Pazifist verabscheute Bridge die Grausamkeiten des Kriegs, und so lassen sich diese während des 1. Weltkriegs entstandenen Werke als Flucht in eine heilere Welt interpretieren. In den 1920er Jahren trat in seinem Schaffen ein Stilwandel ein: Seine 1924 komponierte Klaviersonate taucht in eine Klangwelt ein, deren Sprache wesentlich unenglischer anmutet und die im Besonderen Bridges Beschäftigung mit der Musik Alban Bergs reflektiert. Dank der aktiven Unterstützung durch Elisabeth Sprague Coolidge gelangten Bridges Werke nun auch in den Vereinigten Staaten zur Aufführung; er selbst dirigierte dort seine Orchesterwerke und nahm an Aufführungen seiner Kammermusik teil. Enter Spring, 1927 vollendet, gehört zu dieser späteren Periode seiner Karriere, in der sein Stil die insularen englischen Musikkonventionen überwunden hatte. Bridge starb 1941. Eine Sinfonie, an der er gearbeitet hatte, blieb unvollendet.

Die Two Poems stammen aus dem Kriegsjahr 1915. Als Inspiration dienten Texte des Schriftstellers Richard Jefferies über das englische Landleben. Das erste der beiden Stücke – für Holzbläser, Hörner, Pauken, Harfe und Streicher – ist mit einem Motto aus dem 1885 erschienenen Buch The Open Air überschrieben: „Those thoughts and feelings which are not sharply defined, but have a haze of distance and beauty about them, are always dearest“. („Diejenigen Gedanken und Gefühle, die nicht scharf definiert sind, sondern die ein Nebel von Distanz und Schönheit umgibt, sind einem immer die liebsten“) – eine passende Beschreibung der im Stück entworfenen pastoralen Szene, beginnend in der Oboe, der die Klarinette antwortet, bevor die sordinierten Streicher mit einem daraus gewonnenen Motiv fortfahren. Im unbeschwerteren zweiten Poem treten Blechbläser und verschiedene Schlaginstrumente hinzu. Das Jefferies-Zitat stammt aus The Story of My Heart (1883): „How beautiful a delight to make the world joyous! The song should never be silent, the dance never still, the laugh should sound like water which runs for ever“. („Welch herrliches Vergnügen, der Welt Freude zu bereiten! Das Lied sollte nie verstummen, der Tanz nie enden, und das Lachen sollte wie ewig fließendes Wasser klingen“.) Piccolo, Flöte und Harfe eröffnen diesen von fröhlicher Lebhaftigkeit charakterisierten Satz.

Enter Spring für großes Orchester stammt aus dem Jahr 1927. Klänge des nahenden Frühlings vernimmt man zunächst in Flöte und gestopfter Trompete, anschließend in der Solovioline. Kurze Motive werden vorgestellt, entwickelt und in einer komplexen Struktur miteinander verflochten. Neue Elemente treten hinzu; die Flöte eröffnet einen ruhigeren Abschnitt mit Vogelgesang über Harfenarpeggien und Streicher-Flageoletts, bevor die robusteren Frühlingsboten zurückkehren und vorübergend eine Stimmung trium-phaler Erhabenheit erzeugen. Es folgt ein von Vogelzwitschern aufgehelltes Andante tranquillo. Danach steigert sich die Intensität, bevor sie reminiszenzartig im Schlussabschnitt zurückgenommen wird. Dieser Teil kommt für einen kurzen Augenblick zur Ruhe, bevor ein Solofagott den endgültigen Einzug des Frühlings einleitet.

Summer, komponiert in den Jahren 1914-15, verströmt die flimmernde Luft dieser warmen Jahreszeit. Zunächst ein geschäftig-gedämpftes Treiben in den Streichern, eine später von den Holzbläsern übernommene Figur, die im Laufes des Satzes mehrmals zurückkehrt, während fragmentartige Motive wie hinter einem Dunstschleier erklingen. Dieser relativ dünn besetzte Satz hat Gemeinsamkeiten mit dem pastoralen Stil einiger englischer Zeitgenossen des Komponisten.

Die 1910 und 1911 entstandene, zeitgenössische Einflüsse verratende Suite The Sea komponierte Bridge für großes Orchester. Ein gehaltener Akkord leitet den ersten Satz, Seascape, ein, gefolgt vom Hauptthema in den Bratschen, das fragmentartig von der Oboe beantwortet wird, bevor die Bratschen mit einer abgewandelten, nach Moll tendierenden Version desselben Themas zurückkehren. Dieses Material schwillt zu einem Höhepunkt an, um jedoch in einer Klarinettenmelodie zu verklingen, die von synkopierten Streichern begleitet wird. Erneut türmen sich die Wellen auf; danach folgt ein Nachlassen der Inten-sität bis zur Rückkehr des Hauptthemas. Das Bratschenthema des Beginns taucht nun in der Soloklarinette auf, bevor die Musik schließlich in Stille zurücksinkt. Im zweiten Satz, Sea-foam, stellen die Holzbläser eine lebendige, gebrochene Figur vor, gefolgt von neuem Material in den Streichern, während die Gischt wiederum in den Holzbläsern aufschäumt. Das Satzende deutet bereits die Stimmung des folgenden Moonlight an, das in der Instrumentaltextur aufleuchtet, bevor der Storm mit Vehemenz einsetzt. Nachdem sich die Elemente beruhigt haben, leitet das Englischhorn die triumphale Schlusspassage ein.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Bernd Delfs


Close the window