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8.557177 - Ladies Only Cafe Strings: Angel Eyes
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Angel Eyes

Angel Eyes

Ladies Only Café Strings

 

In den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts, als die Aufnahmetechnik noch in den Kinderschuhen steckte, als Tanzmusik und Jazz noch nicht an der Tagesordnung waren, als die Filme noch stumm und das neue Medium des Rundfunks kommerziell noch nicht erprobt war - da sahen die Schallplattenfirmen vor allem in einem Bereich enorme Wachstumsaussichten, und zwar in jenem Repertoirebereich, den man im weitesten Sinne als „Salonmusik“ bezeichnete. In exklusiven Nachtclubs und Restaurants, in den Lounges und Wintergärten der teuren Hotels konnte man zur Zeit König Edwards diesen allgegenwärtigen musikalischen Hintergrund hören, indessen sich’s das Publikum auf dem teuren Plüsch ähnlich bequem machte wie der Pantoffelkinobesucher von heute auf seinem Sofa. Doch anders als „Kaufhausmusiken“ und andere Dauerberieselungen unserer Tage kam diese Musik nicht aus der Konserve, sondern von echten Musikern. Die längst verlorene Welt der Akkordeons und schmachtenden Geigen lebte auch am Tage - dann allerdings in den Studios, wo eine boomende Industrie Spielern und Schreibern das tägliche Brot garantierte. Es war ein unmittelbarer Ausdruck des allgemeinen Geschmacks, dass auch populäre Ensembles regelmäßig und in großen Mengen ihre Aufnahmen machten.

 

Die frühen Schlüsselfiguren der Salonmusik waren meist europäische Geiger, Männer mit gewaltigen Schnurrbärten und so markanten Namen wie Herr Iff oder Herr de Groot, die neben neuen Quadrillen, Schottischen und Cake-Walks immer auch die wichtigsten Artikel aus dem Katalog der sogenannten „Genre-Musik” mit sich führten: Mendelssohns Frühlingslied, Rubinsteins Melodie in F sowie Stücke von Grieg, Raff und Moszkowski standen im Mittelpunkt von Programmen, die sich auf so melodienselige Nichtigkeiten wie Tosellis Serenata, Thomés Simple aveu, Silésus Un peu d’amour spezialisierten und zudem als Busenfreunde der unverwüstlichen, immer höchst erfolgreichen Zigeunerweisen auch mit Stücken aufwarteten, die ihre Inspiration lauschigen Klostergärten und schläfrigen Lagunen verdankten. Es waren dies Kompositionen mit hohem Violinanteil, heute längst vergessene Miniaturen mit so schmalzigen Titeln wie Quand l’amour meurt oder Parfum du passé.

 

Am Ende des Ersten Weltkrieges hatte der Walzer das Feld räumen und dem amerikanischen Importartikel namens Jazz Platz machen müssen. Innerhalb weniger Jahre war das neue Vergnügen an heißeren Tempi zu einer Prachtstraße gediehen, auf der sich fortan die unternehmenderen Gruppen tummelten, vor allem Dajós Béla, Mar˘ek Weber und Edith Lorand, die sich begierig in Bereichen zu schaffen machten, die mit dem echten „Salon“ nichts mehr tun hatten, sondern vor allem aus den aktuellen, jazzigen Foxtrotts und Quicksteps bestanden. Auf diese Weise entstand unwissentlich der Grundstein des späteren „Crossover“. Seit den späten 1920er Jahren wurden dann auch Themen aus klassischen Hauptwerken von kleinen Tanzkapellen und Bigbands „aufgejazzt“, und die letzten Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts brachten, wie man auf Tonträgern schön dokumentiert hat, das Nebeneinander von getarntem Jazz und klassischer Sprache: Man spielte Bach wie Jacques Loussier und jazzte auf der Strad à la Yehudi Menuhin, und mit diesem an sich kurzlebigen Nischenrepertoire begann tatsächlich eine neue Phase in der Geschichte des „Crossover”.

 

Der gewaltige Katalog an „Genre-Stücken“ ist ein Vermächtnis und überdies das Indiz dafür, dass nicht nur kurze, leichte „Klassiker“, sondern auch „seriöse“ Kompositionen in leichter Verpackung seit jeher ungemein populär waren. Die Formel hat sich als richtig erwiesen, und vor dem Hintergrund einer mehr als hundertjährigen Tradition wird man deshalb heute die Archive auch nach andern Tönen durchsuchen können - wie es beispielsweise die Musikerinnen des siebenköpfigen „klassischen“ Ensemble Ladies Only tun. Die Mitglieder des Schwedischen Kammerorchesters demonstrieren auf dem vorliegenden Album, dass es durchaus möglich ist, geeignetes Material in andere stilistische Umgebungen einzubetten. Wenn man so geschickt und unprätentiös ans Werk geht wie die Arrangeure Lars Kallin und Kalle Ohlson und wenn die Resultate dann so kunstvoll untertrieben aufgeführt werden wie hier, dann erreicht das Ganze sowohl den richtigen Schwung als auch ein hohes Niveau.

 

Das vorliegende Ladies Only-Album bietet einen Querschnitt durch das Repertoire, das die Künstlerinnen regelmäßig im skandinavischen Fernsehen spielen. Die stilistisch so unterschiedlichen Stücke des Programms sind in ein leicht altertümliches, mitunter sogar pseudobarockes Licht getaucht, was beispielsweise Jules Catys Con amore seinen nostalgischen Charme verleiht. Es ist vermutlich das einzige „Salonstück“ des Albums - ein retrospektiver Walzer, dessen Sprache an Wendungen erinnert, wie man sie etwa in Bergers Salonjuwel Amoureuse oder in Franz Polas For Love Of You (1931) hören kann.

 

Auch die Londoner Tin Pan Alley bietet für die Ladies reiche Beute. Standards wie Seymour Simons All of me (1931) und Hoagy Carmichaels Stardust (1929) werden in ihrem etwas kantigen Klangbild zu Zwillingen, während Jimmy McHughs nicht eben alltäglich dargestellter Titel I’m in the mood for love (1935) einen trällernden Walzer und interessante rhythmische Kontraste präsentiert. Die Jazz und Bop-Titel sind eindeutig klassisch getönt, wenn sie Lars Kallin aus seinem leicht schrägen Blickwinkel arrangiert. Während Splanky (ein Big Band-Stück von Neal Hefti), Morgan Lewis’ How high the moon und Charlie Parkers Ornithology narkotisierender klingen als die Originale, beschwören die sinnlich-schwelgenden Geigen die Tonmalereien des Titels Misty, den man heute vor allem in der Version kennt, mit der Johnny Mathis 1959 auf den zwölften Platz der US-Pop-Charts stürmte; tatsächlich stammt das Stück von Erroll Garner, dem „Picasso des Klaviers“, der damit 1954 selbst einen Bestseller landete.

 

Aus Gründen des Kontrasts gibt es auch einige flottere Stücke der Theaterbühne. Zum einen die Titelmelodie des Musicals Hello, Dolly, das dem New Yorker geborenen Komponist und Textdichter Jerry Herman 1964 einen Sensationserfolg einbrachte, zum andern ein Stück aus der Welt von Barry Manilow - natürlich jene Copacabana, mit der der in Brooklyn geborene Sänger und Songschreiber 1978 unter die Top Ten kam (und sich selbst 1994 in London auch als Musical-Produzent versuchte).

 

Ein Programm, mit dem Nachtschwärmer und Stubenhocker gleichermaßen ihren Spaß haben werden - machen Sie sich’s bequem und hören Sie zu!

 

Peter Dempsey

Deutsche Fassung: Cris Posslac


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