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8.557186 - REGER, M.: Organ Works, Vol. 5 - Organ Sonata No. 2 / 12 Organ Pieces / Chorale Fantasia on Wachet auf, ruft uns die Stimme (S. Frank)
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Max Reger (1873–1916): Orgelwerke • 5
Orgelsonate Nr. 2 in d-Moll op. 60 • Orgelstücke op. 65, Nr. 7–12
Choralfantasie über „Wachet auf, ruft uns die Stimme” op. 52, Nr. 2

Max Reger verdankt das frühe Interesse an Musik dem Beispiel und dem Enthusiasmus seines Vaters, eines Lehrers und Amateurmusikers, und dem Unterricht bei dem Stadtorganisten von Weiden, Adalbert Lindner. Reger wurde 1873 in Brand in der Oberpfalz (Bayern) geboren. Im Jahr darauf zog die Familie nach Weiden, wo er seine Kindheit und Jugend verbrachte. Nach der Schule begann er eine Lehrerausbildung. Lindner hatte einige der frühen Kompositionen Regers seinem eigenen Lehrer Hugo Riemann vorgelegt, der diesen daraufhin als Schüler annahm – zunächst in Sondershausen (Thüringen), sodann als sein Assistent in Wiesbaden. Nach dem Militärdienst, der Reger gesundheitlich und seelisch zusetzte, verbrachte er einige Zeit in seinem Elternhaus in Weiden. In jener Zeit entstand eine ganze Reihe von Kompositionen, insbesondere für Orgel, darunter eine monumentale Folge von Choralfantasien und andere Werke, die scheinbar öfter darauf angelegt sind, die Technik seines Freundes Karl Straube, eines bedeutenden Interpreten der Orgelmusik Regers, herauszufordern.

1901 zog Reger nach München, um dort die nächsten sechs Jahre zu verbringen. Seine Position im Musikleben war eine in gewisser Hinsicht zwiespältige, seit er als Meister der absoluten Musik und, in dieser Zeit, als Gegner der Programmmusik in der Nachfolge von Wagner und Liszt galt. Gleichwohl war er als Pianist erfolgreich und fand allmählich auch ein Publikum für seine einige Musik. In die Münchner Jahre fällt die Entstehung der Sinfonietta, von Kammermusik und der Klaviervariationen über Themen von Bach und Beethoven. In späteren Jahren traten zu letzteren noch die berühmten Variationen über ein Thema von Mozart hinzu.

Das Jahr 1907 brachte eine Veränderung für Reger – er übernahm die Professur für Komposition an der Leipziger Universität, und dies in einer Zeit, als seine Musik ein sehr viel größeres Publikum erreichte. Dazu trugen sein Ruf als konzertierender Musiker und Auftritte in London und St. Petersburg, in den Niederlanden und Österreich sowie in ganz Deutschland bei. 1911 lud ihn der Herzog von Sachsen-Meiningen ein, Dirigent des Hoforchesters zu werden, das von Hans von Bülow begründet worden war und das Richard Strauss zu Beginn seiner Karriere geleitet hatte. Die Auflösung des Orchesters zu Kriegsbeginn kam Reger insofern entgegen, als er sich schon seit längerem mit dem Gedanken getragen hatte, diese Position aufzu-geben. Die letzten Lebensjahre verbrachte er in Jena, von wo aus er als Komponist und Konzertmusiker weiterhin aktiv war. Max Reger starb im Mai 1916 auf dem Rückweg von einer Konzertreise durch die Niederlande.

Die Musik Regers nimmt im Orgelrepertoire eine herausragende Position ein – viele betrachten ihn als den bedeutendsten Komponisten von Orgelmusik nach Bach. Obwohl selbst Katholik, machte er sich die lutherische Tradition mit ihrem Reichtum an Chorälen als Inspiration für Choralpräludien, Choralfantasien und andere Werke zu eigen. Die Wertschätzung, die seinen Orgelkompositionen schon zu Lebzeiten entgegengebracht wurde, verdankt sich in hohem Maße dem Einsatz Karl Straubes, ebenfalls Riemann-Schüler und seit 1912 Organist an der Leipziger Thomaskirche.

Die Orgelsonate in d-Moll op. 60 entstand 1901 und ist Martin Krause gewidmet, der für Franz Liszt gespielt und in dessen letzten Lebensjahren in Verbindung zu seinem Kreis gestanden hatte. Er gründete in Leipzig die Liszt-Gesellschaft und lehrte vor seiner Berufung ans Berliner Stern’sche Konservatorium in Dresden und München. Der erste Satz Improvisation hat ein sich wiederholendes Motiv, das in den ersten Takten erklingt. Ein kurzer kontrastierender Abschnitt, der vor der Reprise – markiert durch die Rückkehr der Eröffnungsfigur – wiederkehrt, führt zu den abschließenden stretto und coda. Der zweite Satz Invocation, bezeichnet Grave con duolo und – in Parenthese – doch nicht schleppend, beginnt mit charakteristischer harmonischer Doppeldeutigkeit und der für Reger so typischen ausgeprägten Chromatik. Im Zentrum des Satzes gibt es einen rascheren Abschnitt, bevor ein abschließendes Andante sostenuto die geheimnisvolle Atmosphäre des Beginns wieder aufgreift. Der letzte Satz Introduktion und Fuge beginnt Allegrissimo assai und gipfelt in einer Fuge mit der Bezeichnung Allegro energico. Das Thema erscheint zuerst im Alt, sodann in Sopran, Bass und Tenor im Zuge der weiteren Entwicklung der Fuge. Auf eine Passage mit raschen Terzen folgen ein letzte Ausformung des Fugenthemas und ein emphatischer Schluss.

Die Zwölf Orgelstücke op. 65 entstanden 1902. Das seibente Stück, das Präludium in d-Moll, beginnt mit einem sanften Vivace, unterbrochen von einem Maestoso. Es folgt ein empfindsames Andante, worauf das Vivace wiederkehrt und zu einem triumphalen Abschluss führt. Die Fuge D-Dur trägt die Bezeichnung Vivacissimo und lässt nach der Vorstellung des freudigen Fugenthemas die vier Stimmen in absteigender Folge auftreten. Verschiedene kontrapunktische Kunstgriffe, darunter das stretto, kommen zur Anwendung, in dem das Thema in überlappenden Stimmen erscheint. Das Stück endet über einem ausgehaltenen Grundton im Pedal. Das neunte Stück, Canzone, in Es-Dur mit der Bezeichnung Andante sostenuto (ma con moto) entwickelt sich freundlich. Ein kontrastierender Abschnitt in der Mitte ist von Triolen- Rhythmen geprägt, sodann kehrt eine Version der Eingangsmelodie wieder. Darauf folgt ein Scherzo in d-Moll, bezeichnet Prestissimo, das einen modulierenden Trio-Abschnitt umrahmt. Der Zyklus endet mit einer Toccata in e-Moll, bezeichnet Allegro con brio, geprägt von der kunstvollen Figuration, die dieser klassischen Form eignet. Es folgt eine Fuge in E-Dur mit der Vorgabe Andante con moto. Hier erscheint das Thema zuerst in der linken Hand, sodann im Tenor- Register, gefolgt von Alt und Sopran, abschließend in den Pedalen. Einmal mehr nutzt Reger das erworbene technische Rüstzeug bei der Ausformung des Materials, indem er ein weiteres Thema einführt, das fugal ausgearbeitet wird, bevor beide Thema im Schlussabschnitt kombiniert werden.

Die Choralfantasie „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ ist die zweite aus einem Dreierzyklus, datiert auf 1900. Die Fantasie ist Karl Straube gewidmet und beginnt mit einer Introduktion mit der Bezeichnung Grave assai, die keinen vordergründigen Bezug zur Choralmelodie hat. Diese tritt schließlich über einer Textur aus Sechzehnteln in Erscheinung. Der zweite Vers des Chorals ist einer Mittelstimme mit begleitender Triolen-Figuration übertragen. Die Worte Ihr Freund kommt vom Himmel prächtig bewirken eine dynamische Steigerung, die mit dem ruhigen Adagio con espressione bei den Worten Nun komm, du werte Kron abbricht. Die abschließende vierstimmige Fuge, Allegro vivace, hat ein vom Choral abgeleitetes Thema in den Pedalen, in welches Reger den dritten Vers Gloria sei dir gesungen des Chorals einführt mit einer Registrierung, die den gewaltigen 32 Fuß verlangt. So gipfelt das Werk in einem grandiosen abschließenden Halleluja.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Thomas Theise


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