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8.557191SD - MEYNAUD: Chamber Music
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Michel Meynaud (b. 1950)
Kammermusik

 

“Alle Musik ist Gesang.” In der Musikphilosophie Michel Meynauds ist der Gesang, als Naturzustand musikalischen Ausdrucks, ein Archetyp menschlichen Daseins. Seine Werke sind vom Melos durchdrungen. Ablesen lässt sich die Nähe zum Gesang zunächst an den Besetzungen der Werke: die Vorliebe für Instrumente wie das Violoncello und den Kontrabass, die den Klang “wie aus dem Körper heraus” abstrahlen und das Faible für Solostücke, einer Situation, in der der Interpret, “allein mit seinem Instrument, den Noten und der Musik” die Freiheit der Vereinzelung durchlebt. Dabei reduziert Meynaud Gesang nicht auf das bloße Cantabile, sondern weitet den Begriff auf sämtliche Facetten der vokalen Artikulation aus. Das gilt auch für seine Instrumentalmusik, in der er vorsprachliches Stammeln, introvertiertes Murmeln und Klang gewordenen Affekt intoniert: “comme un cri” lautet eine Vortragsanweisung, mit der Meynaud einen Höhepunkt in Les Points d’Orgue de la Saint-Jean markiert. Diese Werke sind nicht nur—im weitesten Sinne des Wortes—singbar, sondern eben auch beredt und dramatisch.

“Man muss nicht mit jedem Stück die ganze Musik neu erfinden.” Als dialektisch denkender Künstler tastet Meynaud den Traditionsbestand der Moderne an, ohne ihn zu zerstören. Techniken der Avantgarde, wie Mikrointervalle und Geräuschklänge, gehören ganz selbstverständlich zum Klangfundus seiner Werke. Gleichzeitig vertraut er überlieferten Gestaltungsmitteln. Stücke wie die Sonatinen für Blockflöte und für Kontrabass* und ganz besonders ¡Viva Emiliano!* sind—einem tönenden Drama gleich—rhetorisch durchgestaltet. Rezitative, emphatische Wiederholungen und geradezu bildhaft sprechenden Charaktere fallen sich ins Wort, um sich gegenseitig zu durchdringen. Und weist schon der Goethe-Bezug der Cello-Sonate Faust I *, der Meynaud das berühmte “Habe nun ach ...” als Motto voranstellt, auf eine Affinität zu früheren Epochen hin, dann wird in Les Points d’Orgue de la Saint-Jean*, einer Hommage an die kanadische Provinz Québec, die Geschichte der Musik selbst zum Sujet: die Anspielung auf den “Orgelpunkt” im Titel, das Kirchenlied am Anfang und die Konfrontation barocker und moderner Flötentypen mit ihren unterschiedlichen Stimmungen innerhalb des Werkes. Gleiches gilt für die 1976 entstandene Chaconne*—ein Werk, das das strenge Schema der barocken Variation zunächst andeutet, das sich aber nach und nach von seinem harmonischen Gerüst befreit.

“Meine Musik ist wie ein Tagebuch.” Viele der Werke von Michel Meynaud tragen einen persönlichen Zug. Einige Titel spielen explizit auf biografische Episoden seines Lebens an, auf Aufenthalte in Kanada oder Südfrankreich (Malaucène) oder auf Freunde und Familie (Cordis Claudiae und Mecky’s Chords). Ein Tagebuch sind die Werke aber auch deshalb, weil Meynaud ihnen meist kurze Texte zugrunde legt, die einen privaten Moment oder eine Stimmungslage festhalten. Diesen Texten gewinnt Meynaud das Material einer Komposition ab; indem er Buchstaben in Töne übersetzt, entstehen zunächst eine Melodie, dann Tonreihen und, davon abgeleitet, harmonische und rhythmische Konstellationen. “Glissement semantique”—“semantisches Gleiten”—nennt Meynaud dieses Verfahren, bei dem sich die ursprüngliche Bedeutung des Textes, den er anschließend vernichtet, völlig in der Musik auflöst. Im Rahmen dieser persönlichen Aufzeichnungen gewinnen auch außermusikalische Aspekte an Bedeutung. Meynaud ist überzeugt, dass seine Musik “auch ein politisches Statement” ist, und zwar nicht nur dort, wo er sich, wie in ¡Viva Emiliano!, mit einem Revolutionär wie Emiliano Zapata solidarisch erklärt. Politisch, wie das Leben, sind die Werke von Michel Meynaud bereits dort, wo sich eine einzige Stimme zum Gesang erhebt.


Björn Gottstein

* Editions Combre Paris


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