About this Recording
8.557194 - MIASKOVSKY, N.: Violin Concerto in D Minor / WEINBERG, M.: Violin Concerto in G Minor (Grubert, Russian Philharmonic, Yablonsky)
English  German 

Nikolai Miaskowski (1881-1950): Violinkonzert, op

Nikolai Miaskowski (1881-1950): Violinkonzert, op. 44

Mieczyslaw Weinberg (1919-1996): Violinkonzert, op. 67

 

Während der 1940er Woche für Weißrussische Kunst in Moskau stattete ein junger Klaviervirtuose und Kompositionsstudent dem Nestor der sowjetischen Sinfonik, Nikolai Miaskowski, einen Besuch ab. „Bei jener Gelegenheit begann eine sehr warme und herzliche Beziehung... Ich war zwanzig Jahre alt, aber er war bereits über fünfzig; es schien mir, er sei wie ein alter Mann.“ Mieczyslaw Weinberg, der Jugendliche, wurde in große Verlegenheit gebracht, als ihm beim Weggehen „Opa“ Miaskowski in den Mantel half: er wußte noch nicht, daß dies bei den Russen gebräuchlich war. Als Jude war Weinberg 1939 nach dem deutschen Angriff auf seine polnische Heimat zur Flucht gezwungen worden, und er hatte auch seine Pläne vergessen müssen, die Klavierkarriere in den USA fortzusetzen, aber er war in der Sowjetunion großzügig empfangen worden, wo es ihm angeboten wurde, in Minsk Komposition zu studieren, und zwar bei Wassili Solotarjow, der bei Balakirew und Rimski-Korsakow studiert hatte. Von dort wurde er nach Moskau geschickt, als Vertreter der Musiker Weißrußlands.

 

Weinberg wurde 1919 in Warschau geboren, wo sein Vater als Komponist und musikalischer Leiter an einem jüdischen Theater wirkte; bereits 1881 war Miaskowski in der Nähe derselben Stadt geboren worden, in der Festung Nowo-Georgiewsk, wo sein Vater als Offizier diente. Er begann seine Karriere in der Armee und war bereits Oberleutnant, als er im Alter von 25 Jahren in St. Petersburg sein musikalisches Studium begann; einer seiner Kommilitonen war der um zehn Jahre jüngere Prokofjew. Sie wurden gut befreundet, aber nach der Abschlussprüfung mußte Miaskowski beim Ausbruch des ersten Weltkriegs wieder zur Armee. Als Oberleutnant der Pioniere erlitt er eine ernsthafte Kriegsneurose und wurde nach Hause verabschiedet, wonach er sich in Moskau niederließ, wo er den Rest seines Lebens verbrachte. 1921 wurde er Professor für Komposition am Moskauer Konservatorium. Er war nie ein ultramoderner Komponist, weswegen es absurd ist, dass er zu den 1948 wegen „Formalismus“ schwer kritisierten Komponisten gehörte. Mit 27 Sinfonien wird er als einer der großen Meister der Gattung im 20. Jahrhundert angesehen.

 

Während der zweiten Hälfte der 1930er Jahre gab es einen ziemlichen „Boom“ von Violinmusik in der Sowjetunion. Der Grund war einfach: er entsprach dem „Boom“ der mit der Zeit so berühmten sowjetischen Violinschule, und sowjetische Geiger mit David Oistrach an der Spitze errangen in aller Welt die meisten Wettbewerbspreise. Für Oistrach schrieb Miaskowski 1938 sein Violinkonzert in d-Moll op. 44, und er widmete es ihm auch.

 

Dies war Miaskowskis erstes Konzert überhaupt, und bevor er es komponierte, hatte er die Violinkonzerte von Beethoven und Tschaikowski, sowie jene von Prokofjew, genauestens studiert. Sein Ziel war offensichtlich das Schaffen eines Werks breiten sinfonischen Formats, und er war besonders erfolgreich im einleitenden Allegro ed appassionato, das länger ist als die beiden folgenden Sätze zusammen, selbst nachdem er, Oistrachs Vorschlag nach der Uraufführung entsprechend, die umfangreiche Solokadenz für die revidierte Fassung gekürzt hatte, die im folgenden Jahr erschien. Die Kadenz dient nach wie vor als eine Art zusätzliche Durchführung des gesamten thematischen Materials des Satzes, und somit wird die große Sonatenform mit einem glänzenden Solopart kombiniert. In den beiden folgenden Sätzen ist die Dramatik weitaus nicht so präsent. Das Adagio molto cantabile ist lyrisch, aber keineswegs grüblerisch. Es hat eine Art ruhigen Optimismus, der sich dann weiter entwickelt, bis zum tänzerischen und fröhlichen Charakter des Finales, Allegro molto.

 

Nachdem die UdSSR 1941 in den Krieg verwickelt wurde, wurde Weinberg gezwungen, Minsk zu verlassen, und er zog stattdessen nach Taschkent, Usbekistan. 1943 ermöglichte ihm Schostakowitsch, der von seiner ersten Sinfonie zutiefst beeindruckt worden war, die Übersiedlung nach Moskau, wo er den Rest seines Lebens verbringen sollte. In der Zwischenzeit war seine Familie in Polen von den Nazis ermordet worden, und 1948 wurde im Verlaufe des wachsenden sowjetischen Antisemitismus sein Schwiegervater, der berühmte jüdische Schauspieler Solomon Michoels, auf Stalins Befehl liquidiert.

 

Eine tiefe Freundschaft sollte Weinbergs Beziehungen zu Miaskowski und Schostakowitsch charakterisieren, und er zeigte ihnen jede neue Komposition; Schostakowitsch zeigte auch seine Werke Weinberg, den er für einen der allerbesten sowjetischen Komponisten hielt. Als Weinberg 1953 aufgrund einer falschen Anklage als „Volksfeind“ verhaftet wurde, brachte Schostakowitsch mutigerweise der Geheimpolizei eine Bittschrift, aber letzten Endes war es Stalins Tod, der sein Leben rettete.

 

1960 schrieb Schostakowitsch an seinen Freund Isaak Glikman: „Ich bin nach wie vor vom Violinkonzert von M.S. Weinberg beeindruckt, vom kommunistischen Violinisten L.B. Kogan großartig interpretiert. Es ist ein herrliches Werk. Und ich wäge meine Worte.“ Das Epitheton „Kommunist“ war eine Anspielung auf die bekannte Sympathie des Widmungsträgers, Kogan, für das Regime. (Das Werk wurde erst 1961 uraufgeführt, aber Schostakowitsch hatte es wohl beim Komponistenverband gehört.) Dies war am Anfang von Weinbergs erfolgreichster Periode als Komponist. Er wurde nie Parteimitglied, und als Einwanderer war er kein Favorit bei den Behörden, aber die hervorragendsten Künstler des Landes standen Schlange, um seine neuen Werke aufzuführen, und die überwiegende Mehrheit seiner Kompositionen wurde in der Tat in den berühmtesten Konzertsälen in Moskau und anderswo aufgeführt.

 

Das Violinkonzert in g-Moll op. 67 ist ein massives Werk mit vier ausgewachsenen, klassisch gebauten Sätzen. Auffallend ist, dass der Solist fast dauernd im Einsatz ist, was die Ansprüche an die Virtuosität zusätzlich erhöht, besonders im ersten Satz. Das Allegro ist wie ein traditioneller Sonatensatz angelegt, mit einem rhythmisch strikten ersten Thema und einem zweiten Thema mit einer raffinierten Begleitung durch Celesta und Harfe. Im folgenden Allegretto wird das Thema zunächst ohne den Solisten gebracht, dann immer wieder in einer Vielfalt von Klangfarben, bis der Satz mit einer kurzen Solokadenz endet. Die romantischste Atmosphäre herrscht im Adagio, mit einer träumerischen, fast altmodischen Melodik; das Werk endet dann mit einem Finale, Allegro risoluto, dessen tänzerischer Charakter überschwänglich wirkt. Ein besonderer Effekt entsteht beim Erscheinen eines der vielen kleinen Themen, das sich als „Zitat“ aus Mozarts „kleiner“ g-Moll-Sinfonie entpuppt, und nach einem Rückblick auf den ersten Satz endet das Werk mit einem schönen Pianissimo-Abschnitt.

 

Beide Komponisten hatten einen starken Sinn für Dramatik, aber es war ein stiller Humor, der sie durch die Schwierigkeiten des Lebens brachte. Weinberg erzählte von Miaskowskis Reaktion, als sie bei einem Treffen zusammen standen, wo das 1948er Parteidekret gegen die Formalisten — unter ihnen Miaskowski selbst — in einer giftigen Atmosphäre diskutiert wurde. Scherzend flüsterte Weinberg: „Dies ist ein historisches Dekret!“, aber als Antwort zischte Miaskowski: „Nicht historisch. Hysterisch.“.

 

Per Skans

 


Close the window