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8.557196 - BRITTEN: Sinfonia da Requiem / Gloriana Suite / Sea Interludes
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Benjamin Britten (1913–1976)
Sinfonia da Requiem • Four Sea Interludes and Passacaglia from Peter Grimes

Benjamin Britten nimmt nicht allein innerhalb der englischen Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts eine konkurrenzlose Stellung ein. Auch sein Platz in der Musikwelt insgesamt ist von größter Bedeutung. War Elgar in gewisser Hinsicht noch Teil der deutschen romantischen Tradition des ausgehenden 19. Jahrhunderts, so vermied Britten es, dem von seinen älteren Landsmännern gepflegten musikalischen Nationalismus oder der insularen Verpflichtung gegenüber der Volksmusik anheim zu fallen, profitierte in einem weiteren europäischen Kontext andererseits jedoch durchaus von dieser Tradition. Sein besonderes Talent bei der Vertonung von Texten und Vokalmusik im allgemeinen erinnert an die Leichtigkeit, die Purcell in diesem Zusammenhang gezeigt hatte, und bildete die Grundlage einer bemerkenswerten Reihe von Opern, die der englischen Oper erstmals auch international Anerkennung brachten. In seiner der Tonalität verpflichteten musikalischen Sprache verstand er es sehr genau, originelle, phantasievolle und dabei vor allem stets musikalische Techniken einzusetzen, die in anderen Händen oftmals nüchtern wirkten. Viel verdankt sein Werk nicht zuletzt auch der Freundschaft und lange währenden Partnerschaft mit dem Tenor Peter Pears, für den Britten viele wichtige Rollen in seinen Opern schuf und dessen vokale Qualitäten und Intelligenz deutliche Spuren im Vokalstil Brittens hinterlassen haben.

Britten wurde 1913 im an der ostenglischen Küste gelegenen Lowestoft geboren und zeigte schon recht früh kompositorisches Talent. Er studierte bei Frank Bridge, noch ehe er sein weniger glückliches Studium am Royal College of Music in London aufnahm. Seine Zusammenarbeit mit dem Dichter W. H. Auden, die in verschiedenen Werken ihren Niederschlag fand, stand zu einem gewissen Teil auch hinter der Amerikareise von Britten und Pears, die 1939 ihren Anfang nahm. Amerika schien künstlerisch bessere Möglichkeiten zu bieten als England, wo sich Britten mit engstirnigen Eifersüchteleien und Hindernissen aller Art konfrontiert sah, in einer Zeit, in der musikalisches Können und Genie nicht selten suspekt schienen. Der Ausbruch des zweiten Weltkrieges tat ein Übriges dazu. Sowohl Britten als auch Pears waren strenge Pazifisten, zugleich aber auch schockiert von den Auswüchsen des Nationalsozialismus und den Leiden, die dieser Krieg nach sich zog. Brittens Sehnsucht nach seinem Heimatland und seinen Wurzeln führte schließlich 1942 zur Rückkehr nach England. Dort blieben Britten und Pears ihrem Pazifismus treu und weigerten sich etwa, ihren Militärdienst formal als Musiker in Uniform abzuleisten. Immerhin gestattete man Ihnen dennoch, auch weiterhin Konzerte zu geben, um andere zu ermutigen, auch wenn diese Auftritte oft unter schwierigen Umständen stattfanden. Die Wiedereröffnung des Sadler’s Wells Theatre mit Brittens Oper Peter Grimes läutete dann eine neue Ära der englischen Oper ein. Es kam zur Gründung der English Opera Group, die sowohl eine Reihe von Kammeropern als auch größer besetzte Werke Brittens zur Aufführung brachte und diesen als Komponisten ersten Ranges etablierte, eine Einschätzung, die mit Brittens Erhebung in den Adelsstand kurz vor seinem Tod eine späte, aber eindrückliche Bestätigung fand, war diese Ehre doch noch keinem englischen Komponisten vor ihm zuteil geworden.

Das früheste der hier eingespielten Werke ist die Sinfonia da Requiem, eine Auftragsarbeit für die Japanische Regierung zu den Feierlichkeiten zum Gedenken des 2600jährigen Jubiläums der Mikado- Dynastie. Zu diesem Anlass wurden außerdem auch Werke von Richard Strauss, Jacques Ibert und Sándor Veress in Auftrag gegeben. Doch obwohl Brittens Entwurf von den japanischen Behörden genehmigt worden war, wurde das Werk dann letztlich um seiner melancholischen Natur und der offensichtlichen christlichen Bezüge willen abgelehnt. Britten wollte mit der Sinfonia da Requiem ein Werk schaffen, das dem Geist des Pazifismus möglichst umfassend verpflichtet sein sollte. Das besagte Jubiläumskonzert fand wie angekündigt dann in Tokio statt – zwar ohne einen britischen Beitrag, dafür aber mit einem denkbar bombastischen Werk von Strauss. Die Sinfonia da Requiem, die Britten dem Andenken seiner Eltern gewidmet hat, wurde schließlich im März 1941 vom Philharmonic Symphony Orchestra unter John Barbirolli in der New Yorker Carnegie Hall uraufgeführt.

In seiner Werkeinführung im Programmheft der Uraufführung beschrieb Britten den ersten Satz, Lacrymosa, als einen langsamen Trauermarsch mit drei Hauptmotiven, wobei das erste Thema in den Celli erklingt und vom Solo-Fagott beantwortet wird, das zweite auf einer großen Septime beruht und das dritte auf alternierenden Akkorden der Flöte und der Posaunen. Der erste Abschnitt führt zu einem langen Crescendo und einem Höhepunkt, der auf dem ersten Themenkomplex basiert. Den zweiten Satz, Dies Irae, der sich ohne Unterbruch anschließt, hat Britten als Totentanz beschrieben. Er leitet direkt in den letzten Satz, Requiem Aeternam, dessen Hauptmotiv von den Flöten vorgestellt wird. Dieses Thema kehrt dann noch einmal vor dem langen Ton der Klarinette wieder, mit dem das Werk endet.

Peter Grimes erklang erstmals im Juni 1945, zur Wiedereröffnung des Sadler’s Wells Theatre in London. Britten war 1941 in Kalifornien auf einen Artikel von E. M. Forster über den Dichter George Crabbe gestoßen, der das Gefühl der Sehnsucht nach seiner Heimat noch verstärkte. Crabbes Dichtung The Borough, die an der Küste Suffolks angesiedelt ist, sollte schließlich zur Quelle von Brittens Oper werden. Der Fischer Peter Grimes, ein Außenseiter, wird von den übrigen Bewohnern des Ortes verdächtigt, seine Lehrjungen schlecht zu behandeln, und am Ende von ihnen in den Tod getrieben. Die Ereignisse um den Tod seines letzten Lehrjungen, letztlich Resultat des Verhaltens der Dorfgemeinschaft, wird gegen die wechselnden Stimmungen der See gesetzt – Elemente, die Britten noch von seiner Kindheit an der Küste von Lowestoft her vertraut waren. Die Four Sea Interludes unterteilen die verschiedenen Szenen der Oper. Das erste Zwischenspiel, Dawn, leitet mit seinen Möwenschreien über den Wellen den ersten Akt ein: die Fischer machen ihre Netze und Bote bereit für den heraufdämmernden Tag. Das zweite, Sunday Morning, steht vor dem zweiten Akt. Zum Klang der Kirchenglocken sammeln sich die Dorfbewohner bei hellem Sonnenschein zum Kirchgang, wobei ihre selbstgerechte Heuchelei mit den aufrichtigen Gefühlen, die sich zwischen Grimes und der sich für ihn einsetzenden Dorflehrerein Ellen Orford entspinnen, kontrastiert. Moonlight leitet den dritten Akt ein. Strand und Straßen liegen im Mondlicht, während im Versammlungssaal getanzt wird. Eine Szene, in der die Heuchelei derer, die Grimes verdammen, sich nur noch mehr offenbart. Storm steht chronologisch früher, nämlich zwischen der ersten und der zweiten Szene der Oper. Der Fischer Balstrode rät Grimes, Ellen zu heiraten. Unterdessen zieht ein Sturm herauf. Im Anschluss betritt Grimes dann das Gasthaus ‚Zum Eber’, wo er freilich nicht willkommen ist, halten ihn alle anderen Dorfbewohner doch für verrückt oder betrunken. Die Passcaglia markiert dann den dramatischen Höhepunkt zwischen der ersten und der zweiten Szene des zweiten Aktes. In der ersten Szene rotten sich die Leute zusammen, um Grimes zu jagen, dem sie die Misshandlung seines Lehrjungen vorwerfen. In der zweiten Szene drängt Grimes, der hinaus fahren will, um Fisch zu fangen, da Geld das einzige wäre, was die anderen respektieren würden, seinen neuen Lehrling an den Rand der Klippen, der sich darauf hin zu Tode stürzt. Das Thema der Passacaglia selbst ist gewissermaßen ein Widerklang von Grimes’ eigenen Worten nach seinem Streit mit Ellen – ‚And God have mercy upon me!’, wobei die Solo-Bratsche der ersten Variation gleichsam für den schweigenden Lehrling spricht.

Die Oper Gloriana entstand als Ergebnis eines Gesprächs zwischen Britten, Peter Pears und deren Freunden Lord und Lady Harewood für die Krönungsfeierlichkeiten von 1953. Das Libretto stammt von William Plomer, wobei die Handlung sich größtenteils auf Lytton Stracheys Elizabeth and Essex stützt. Wie bereits Billy Budd, das 1951 an Covent Garden im Rahmen des Festival of Britain gegeben wurde, handelt Gloriana vom Widerstreit zwischen persönlichen Gefühlen einerseits und Pflichtbewusstsein andererseits: Königin Elisabeth bleibt keine andere Wahl, als ihren ungestümen jungen Günstling, den Graf von Essex, zum Tode zu verurteilen. Es scheint kaum notwendig, die Geschichten um die Premiere zu wiederholen – eine königliche Galavorstellung vor einem verständnislosen Publikum, das einer der Hauptdarsteller als ‚cold fish’ – also in etwa als ‚gefühllose Ignoranten’ bezeichnete. Vielleicht wäre der Chauvinismus, den Britten in seiner Sinfonia da Requiem so offen zu vermeiden trachtete, bei dieser Gelegenheit besser am Platze gewesen. Immerhin hat er eine ernsthafte Oper geschaffen, in der es durchaus Momente königlich-höfischen Gepränges gab.

Die Symphonic Suite aus Gloriana arrangierte Britten in den letzten Monaten des Jahre 1954, wobei ihm Imogen Holst assistierte. Am Anfang steht The Tournament aus dem ersten Akt, in dem Essex – aus Eifersucht auf den Erfolg Lord Mountjoys beim Turnier – mit diesem einen Kampf anzettelt. The Lute Song, in dem Britten sich am musikalischen Idiom Dowlands orientiert, wird in der Suite von Solo-Oboe und Harfe vorgetragen. In der Oper selbst handelt es sich um das zweite Lied zur Laute des Grafen Essex an die Königin in der zweiten Szene. The Courtly Dances stammt aus dem zweiten Akt der Oper. Während eines Balls in Whitehall Palace provoziert Essex die Königin so sehr, dass diese daraufhin dessen Frau beleidigt. Gloriana Moritura schließlich basiert auf dem Ende der Oper, an dem sich die Königin mit ihrem eigenen Tod konfrontiert sieht.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Matthias Lehmann


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