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8.557197 - BRITTEN: Piano Concerto / Johnson Over Jordan Suite
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Benjamin Britten (1913–1976)
Ouvertüre zu Paul Bunyan • Klavierkonzert • Johnson Over Jordan (Suite)

Unter den zahlreichen Werken, die Benjamin Britten während seines dreijährigen USA-Aufenthalts zwischen 1939 und 1942 komponierte, ist die auf dem amerikanischen Holzfällermythos basierende, in Zusammenarbeit mit dem Dichter W.H. Auden entstandene „Chor- Operette“ Paul Bunyan zweifelsohne das ehrgeizigste und substantiellste. Dramaturgische Unzulänglichkeiten bei der Umsetzung der Stoffvorlage und negative Reaktionen seitens der Fachpresse veranlassten Britten jedoch, das Stück bereits nach der ersten Aufführungsserie 1941 in New York zurückzuziehen; erst 1976 erschien es – mit einigen Änderungen – erneut auf einer Bühne. Einzig die Ouvertüre gelangte nie über die Klavierauszugfassung hinaus; bereits bei der ersten Serie wurde sie nicht gespielt, und vermutlich verlor Britten später das Interesse, sie zu instrumentieren. 1977 erstellte der Komponist und Britten-Sekretär Colin Matthews eine Orchesterfassung anhand des erhaltenen Materials. In dieser Version existiert die Ouvertüre seither als separates Repertoirestück. Der majestätische Beginn stammt aus der Eröffnung des zweiten Akts, und zwar aus der Begleitmusik zu Bunyans Good morning-Ruf an seine Holzfäller (Matthews verwendet hier Brittens eigene Instrumentierung), während der Vogelgesang, mit dem der erste Akt beginnt, einen Großteil des Materials für den folgenden schnelleren Abschnitt liefert, dessen kontrapunktische Faktur bereits die berühmte Fuge aus dem Young Person’s Guide to the Orchestra vorwegzunehmen scheint.

Das im Frühjahr 1938 komponierte Klavierkonzert op. 13 blieb trotz der ursprünglichen Bezeichnung „Nr. 1“ Brittens einziger Beitrag zu dieser Gattung, sieht man einmal von den 1940 für Paul Wittgenstein geschriebenen Diversions für Klavier linke Hand und Orchester ab. Das dem Komponisten Lennox Berkeley gewidmete Konzert war für Brittens eigene pianistische Karriere gedacht, er war auch der Solist der Uraufführung bei den Henry Wood Promenade Concerts in der Londoner Queen’s Hall im August 1938. In seiner für diesen Anlass verfassten Werkeinführung bezeichnet Britten das Konzert als „Versuch, die Hauptcharakteristika des Klaviers – den gewaltigen Tonumfang, die perkussiven Qualitäten und figurativen Möglichkeiten – herauszuarbeiten, sodass es keineswegs eine Sinfonie mit Klavier, sondern vielmehr ein Bravourkonzert mit Orchesterbegleitung ist“.

Die Satzüberschriften (Toccata, Waltz, Impromptu, March) lassen eine Komposition mit Suiten- bzw. Divertimento- Charakter vermuten, dagegen spricht freilich die mittels diverser Querverweise zwischen den einzelnen Teilen erzielte Kohärenz der Werkarchitektur. Die eröffnende Toccata ist der konventionellen Sonatensatzform mit zwei trennscharf definierten Themensubjekten verpflichtet, deren erstes der Solist in Martellato-Oktaven über pulsierenden Bläserakkorden vorstellt, während das zweite eine lyrische Melodie in den Streichern präsentiert, die von den Bläsern übernommen wird. Als Trennungslinie fungiert ein faszinierendes, auf zwei alternierenden Akkorden basierendes fanfarenähnliches Motiv der Blechbläser – ein motivischer Gedanke, der im Werkverlauf in jeweils unterschiedlich camouflierter Gestalt zurückkehrt. Nach der Kadenz folgt die formale Lösung: das zweite, tranquillo im Klavier erklingende Thema legt sich über die in Augmentation von tiefen Pizzicato-Streichern und Harfe gespielte Ausformung des ersten, ein charakteristischer Reprisenkunstgriff, wie Britten ihn auch in den Kopfsätzen der Sinfonietta, dem Violinkonzert und dem 2. Streichquartett verwendet. Der anschließende Waltz liebäugelt in seinem ironischsatirischen Gestus mit den früher entstandenen Bridge Variations: Nach einem ruhigen Quart-Intervall in den beiden Hörnern stellt eine Solobratsche das elegante, von der Klarinette weiter ausgeführte Walzerthema vor. Das Klavier tritt mit der dynamisch zurückgenommenen „Fanfare“ hinzu, bevor es die Walzermelodie übernimmt, zu der wiederum das Orchester manch bizarres Detail beisteuert. Der kontrastierende Trio-Abschnitt fällt durch eine außergewöhnliche, im Pianissimo staccatierte Tutti-Passage auf, aus der sich ein Glockenspiel und col legno (mit dem Bogenholz) spielende Streicher hervorheben. Danach meldet sich im Fortissimo der Walzer zurück, gefolgt von einer verhaltenen Coda, in der die Hornquart jetzt einen direkten Bezug zum Fanfarensignal aufweist. Das Thema des Impromptu, durch das Britten 1945 die ursprünglichen Recitative and Aria ersetzte, stammt aus seiner 1937 entstandenen Musik zu dem Rundfunkhörspiel King Arthur. Anfänglich leise vom Klavier intoniert, bildet es in der Folge die Grundlage einer Reihe von Variationen des Orchesters, die der Solist mit Verzierungen ausschmückt. Mit der nachgerade herausfordernden Dreistigkeit des abschließenden March reagiert Britten auf das am politischen Horizont heraufziehende Unheil des 2. Weltkriegs, wobei das bewusst banal formulierte Hauptthema mehr als nur entfernt an Schostakowitsch erinnert. Im Zentral-abschnitt lösen sich die angestauten Spannungen, danach bedient sich das Klavier des Fanfarengedankens, um ein langsames Crescendo einzuleiten. In einem grandiosen D-Dur-Ausbruch kehrt anschließend das Hauptthema triumphal zurück. Reminiszenzen des zweiten Satzes beschwören ein letztes Mal den inneren Zusammenhalt, bevor das Werk schroff und mit verbissener Entschlossenheit endet.

Das Klavierkonzert wird heute zumeist in der Fassung von 1945 (mit dem Impromptu-Satz anstelle der ursprünglichen Recitative and Aria) aufgeführt. Die vorliegende CD enthält beide Fassungen und bietet dem Hörer somit die Möglichkeit, das Werk in der ursprünglich vom Komponisten vorgesehenen Gestalt zu hören.

Zur Aufbesserung seines Einkommens schrieb Britten während der 1930er und frühen 1940er Jahre neben den großen Werken auch kleinere Gelegenheitsmusiken für Bühne, Rundfunk und Film. Seine phänomenale technische Begabung sowie ein nie erlahmender Arbeitseifer gestatteten es ihm, bei geringstem Zeitaufwand qualitativ hochwertige Musik zu komponieren. Obwohl er sich in späteren Jahren gelegentlich abfällig über diese Arbeiten äußerte, sind seit seinem Tod einige dieser Stücke im Druck erschienen, wodurch ein genaueres Bild dieses bis dahin relativ unbekannten Schaffensgebiets entstanden ist. Die Musik zu J.B. Priestleys Schauspiel Johnson over Jordan komponierte Britten im Februar 1939. Mit insgesamt ca. 35 Minuten Spieldauer handelt es sich dabei um eine der längsten „kommerziellen“ Bühnenmusiken aus seiner Feder. Im Mittelpunkt des Stücks steht die Figur des Robert Johnson. Er ist kurz vor Beginn der eigentlichen Bühnenhandlung verstorben, so dass sich die Szenen seines Lebens als Rückblende entfalten. Die von Basil Dean szenisch betreute Uraufführung mit Ralph Richardson in der Titelpartie fand am 22. Februar 1939 am Londoner New Theatre statt; später wechselte die Produktion ans Saville Theatre, wo sie – nicht zuletzt dank Brittens Musik – mit relativ großem Erfolg gespielt wurde. Die hier eingespielte, 1990 von Paul Hindmarsh zusammengestellte Suite erklang erstmals in einer für die BBC produzierten Aufnahme der Northern Sinfonia unter Odaline de la Martinez. Die Ouvertüre wird gerahmt von einem düsteren „Todesmotiv“, das an zentralen Stellen der Schauspielmusik zurückkehrt. Das sog. Incinerator’s Ballet stellt eine Szene dar, in der Säcke voller Banknoten, Symbole für Geiz und Habgier, feierlich verbrannt werden. Es folgt The Spider and the Fly, eine unwiderstehliche Nummer im Tanzmusikcharakter der 1930er Jahre, die hier einer Nachtclubszene die entsprechend schlüpfrige Atmosphäre verleiht. Die End Music schließlich entwickelt das „Todesmotiv“ weiter und kulminiert in einer brillanten D-Dur-Apotheose, in der Johnson, von den Fesseln des irdischen Lebens befreit, in den allumfassenden, sternendurchglänzten Kosmos eintaucht.

Lloyd Moore
Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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