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8.557198 - BRITTEN: Violin Concerto / Canadian Carnival / Mont Juic
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Benjamin Britten (1913-1976): Canadian Carnival • Violinkonzert
Britten / Lennox Berkeley (1903-1989): Mont Juic

Benjamin Brittens überragende Bedeutung als Opernkomponist in der Nachkriegszeit hat seine bemerkenswerten Errungenschaften aus früheren Jahren etwas in den Hintergrund treten lassen. Die drei Werke dieser Einspielung stammen alle aus den späten 1930er Jahren, einer Zeit, in der Britten – damals ein Mittzwanziger – gewandt und produktiv Werke in allen Genres schrieb. Zwei leichtere und noch immer recht unbekannte Orchesterstücke rahmen das Violinkonzert, eines der gehaltvollsten und ernstesten Instrumentalwerke des Komponisten.

Im April 1939 war Britten entschlossen, von den persönlichen Schwierigkeiten zuhause Abstand zu gewinnen, und in jeder Beziehung froh, dem ihm unbehaglichen künstlerischen Klima in England zu entkommen. Begleitet von Peter Pears überquerte er den Atlantik auf der Suche nach neuen Möglichkeiten in Amerika. Bevor die beiden ihr eigentliches Ziel erreichten, verbrachten sie einige Wochen in Kanada, wo Britten an einer Aufführung seiner Frank Bridge Variations durch die Canadian Broadcasting Corporation teilnahm. Während dieses Aufenthalts kam ihm die Idee für ein Orchesterwerk auf der Basis frankokanadischer Volksweisen. Zunächst als Suite geplant, entstand stattdessen ein einsätziges Werk mit dem Titel Canadian Carnival oder Kermesse Canadienne, vollendet im Dezember 1939. Die Uraufführung fand im Juni 1940 in Großbritannien im Rahmen einer Sendung des BBC Home Service statt; Clarence Raybould dirigierte das BBC Symphony Orchestra. Wie bei der American Overture gut zwei Jahre später scheint Britten auch hier die Absicht gehabt zu haben, den erkennbar amerikanischen Sound zu assimilieren, der vor allem mit der Musik Aaron Coplands assoziiert wurde. Tatsächlich stand Britten seinerzeit in regelmäßigem Kontakt zu Copland, dessen Einfluss von den ersten Takten des Canadian Carnival an offensichtlich ist. Über einem leisen Wirbel der Becken intoniert eine einsame Trompete hinter den Kulissen ein nostalgisches, fanfarenartiges Thema, das sodann von verschiedenen Bläsersolisten übernommen wird, als würde es von weit hinter den Bergen herüberklingen. Nachdem ein Höhepunkt erreicht ist, fällt die Violine mit einem lebhaften alla danza-Motiv ein, das an einen amerikanischen Volkstanz denken lässt. Eine expressiv aufsteigende Terz der Trompeten, wiederholt von Hörnern und Fagotten, formt die Basis eines anmutigen neuen Themas, bezeichnet Andante amoroso, das gepaarte Holz- und Blechblasinstrumente über Harfenbegleitung in der Art eines langsamen Walzers präsentiert. Nach einem erneuten Höhepunkt führt eine geheimnisvolle Übergangsepisode mit divisi gespielten gedämpften Violinen über leisen Akkorden der Bläser und der Harfe zu der etwas schrulligen Bearbeitung des bekannten Folksongs Alouette. Diese beginnt leise in den Holzbläsern, nimmt dann allmählich an Lautstärke und Intensität zu, um schließlich eine wilde Klimax zu erreichen. Eine maestoso-Rückkehr der Trompetenmelodie vom Beginn im vollen Orchester führt zu einem kurzen Rückblick auf das Ausgangsmaterial, bis die Trompete hinter den Kulissen und die Becken wiederum erklingen und die Musik zu einem friedvollen Abschluss bringen. Bei allem Überschwang und aller Brillanz der Orchesterfarben ist Canadian Carnival doch in Wahrheit ein jeu d’esprit, das Brittens kompositorisches Können nicht umfassend herausforderte. Das gilt nun ganz gewiss nicht für das Violinkonzert, eines von Brittens besten Werken, das jedem Vergleich mit den Violinkonzerten von Berg, Bartók, Prokofjew und Schostakowitsch standhält. Unerklärlicher Weise blieb es zu Brittens Lebzeiten relativ unbekannt; erst in den letzten Jahren wurden Wert und Bedeutung zunehmend erkannt. Im April 1936 hatte Britten das Festival der Internationalen Gesellschaft für neue Musik (IGNM) in Barcelona besucht, wo er den Violinisten Antonio Brosa bei der Erstaufführung der Suite op. 6 begleitete. Das Festivalprogramm enthielt auch die posthume Weltpremiere von Alban Bergs Violinkonzert, das Britten tief beeindruckte. Es ist verlockend anzunehmen, dass diese Aufführung Britten zu einem eigenen Violinkonzert inspiriert hat, wobei die beiden Werke außer der überwiegend düsteren, elegischen Atmosphäre nur wenig miteinander gemein haben. Eine drängendere Inspiration war die aufsteigende Flut des Faschismus und das sich verschlechternde politische Klima in Spanien, die das Land in einen Bürgerkrieg stürzen sollten. In dieser Hinsicht liegt das Violinkonzert auf der Linie einiger anderer Werke Brittens aus jener Zeit, darunter Our Hunting Fathers, die Ballad of Heroes und die Sinfonia da Requiem. In letzterer gibt er seiner wachsenden Sorge vor dem Lauf der Weltereignisse künstlerischen Ausdruck. Britten begann die Komposition des Konzerts im November 1938 und vollendete es im September des Folgejahres. Die Uraufführung fand am 28. März 1940 in der New Yorker Carnegie Hall statt mit Antonio Brosa als Solist und dem New York Philharmonic unter John Barbirolli. In den Jahren 1950 und 1954 revidierte der Komponist die Partitur geringfügig, vor allem im Solopart.

Der erste Satz ist ein erstklassiges Beispiel für Brittens höchst originellen Umgang mit der Sonatenform. Das Werk beginnt mit einem leisen, rhythmischen Motiv der Pauken und Becken, das – übertragen auf Fagott und Flöten – den Eintritt des Solisten mit einem ausgesprochen lyrischen ersten Thema untermauert. Nach einer kadenzartigen Passage wird dieses von den Blasinstrumenten des Orchesters übernommen. Ein abrupter Wechsel der Textur bringt einen insistierenden Gedanken aus wiederholten Noten hervor, der wiederum, gespielt agitato ma espressivo auf der GSeite des Solisten, das energische zweite Thema begleitet. Dieses wird ebenfalls von den Blasinstrumenten durchgeführt. Der Höhepunkt des Satzes wird erreicht, wenn die Streicher behutsam das erste Thema wiederholen, während der Solist eine Verbindung beider begleitenden Motive darüber legt. Das zweite Thema wird nicht wiederholt, aber die Figur aus wiederholten Noten kehrt in der Koda zurück als delikater Kontrapunkt zum Aufsteigen der Violine in der leuchtenden Glut von Doppelgriffen. Das Scherzo ist ein Wirbelwind von Energie – außerordentlich schwer zu spielen für den Solisten – mit einfallsreicher und prägnanter Instrumentierung, obwohl das melodische Material nahezu gänzlich aus einfachen aufund absteigenden Tonleitern besteht. Nach einem kontrastierenden Trio-Abschnitt, in dem ein flehendes Motiv des Solisten ständig von Orchestereinwürfen des Scherzo-Materials untergraben wird, folgt eine bizarre Übergangspassage. Darin spielen die zwei Pikkoloflöten ein flackerndes Ostinato, während darunter die Tuba in ihrem niedrigsten Register die Tonleiterfiguren wieder aufgreift – eine erstaunlich imaginative Idee. Sodann führt ein kraftvolles und bedrohliches Orchestertutti in eine ausgedehnte Kadenz, die als Resümee des bisherigen thematischen Materials dient und zugleich eine Brücke bildet zur abschließenden Passacaglia, die mit der feierlichen Würde der Posaunen beginnt, die hier ihren ersten Auftritt im Werk haben. Es folgt eine Folge von Variationen mit einem breiten Spektrum an Stimmungen und Charakteren. Nachdem ein Largamente-Höhepunkt eine Auflösung auf dem Grundton D herbeigeführt hat, folgt eine ausgedehnte und beeindruckend schöne Koda, in der Sequenzen von langsamen Orchesterakkorden von einem leidenschaftlichen Klagelied der Violine beantwortet werden. Dieses Klagelied verstummt am Ende mit einem hohen Triller der Noten Fis und F, so dass weder Dur noch Moll klar in den Vordergrund treten – 1938 war die Weltlage in der Schwebe und die Zukunft ungewiss.

Der Aufenthalt in Barcelona inspirierte auch die kurze Orchestersuite Mont Juic, die Britten 1937 zusammen mit Lennox Berkeley komponierte (Brittens op. 12 und Berkeleys op. 9). Britten und Berkeley trafen sich erstmals auf dem IGNM-Festival und wurde bald enge Freunde. Die Idee für die Suite erwuchs aus einer Vorführung von Volkstänzen, welche die beiden Komponisten in Mont Juic, einem Bergland gleich außerhalb der Stadt, miterlebten. Das Werk ist der Erinnerung an den gemeinsamen Freund Peter Burra, der bei einem Flugzeugabsturz im April 1937 ums Leben gekommen war, gewidmet. Enstanden ist eine geistreiche, fesselnde und mitreißende Partitur, die auf einer Reihe katalanischer Volksweisen beruht. Die beiden Komponisten beschlossen nicht preiszugeben, wer welche Sätze geschrieben hat, doch teilte Berkeley später dem Komponisten Peter Dickinson mit, dass die ersten beiden hauptsächlich von ihm seien, während der dritte und vierte hauptsächlich von Britten stammten. Berkeleys Anmerkung zur publizierten Partitur hebt jedoch hervor, dass beide Komponisten an der Festlegung von Form und Orchestrierung des gesamten Werks beteiligt waren. Nach der ersten Ausstrahlung durch die BBC im Januar 1938 schreib Berkeley in charakteristischer Bescheidenheit an Britten: „Ich muss gestehen, dass Deine beiden Stücke wirkungsvoller sind als meine.“ Der gewiss wirkungsvollste Satz ist der dritte, überschrieben mit Lament (Barcelona, July, 1936), eine deutliche Bezugnahme auf die dunklen Wolken, die am politischen Horizont des Landes auftauchten. Dieser Satz enthält ein prominentes Solo für Altsaxophon, ein Instrument, das Britten auch für vergleichbar elegische Zwecke benutzte, so in Our Hunting Fathers, Sinfonia da Requiem und später in Billy Budd. Der zentrale Abschnitt des Satzes basiert auf dem katalanischen Nationaltanz Sardana, der in Francos Spanien geächtet war. Die drei anderen Sätzen sind schlichter in der Konzeption, jedoch von lebhaftem Erfindungsreichtum. Es ist geradezu verblüffend, dass diese reizend und brillant orchestrierte Partitur nicht häufiger aufgeführt wird.

Lloyd Moore
Deutsche Fassung: Thomas Theise


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