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8.557201 - BRITTEN: 7 Sonnets of Michelangelo / Holy Sonnets of J. Donne / Winter Words (English Song, Vol. 7)
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Benjamin Britten (1913-1976)

Benjamin Britten (1913-1976)

Winter Words • The Holy Sonnets of John Donne • Seven Sonnets of Michelangelo

 

Benjamin Brittens Liederzyklen, ob mit Orchester, Klavier, Harfe oder Gitarre, stellen einen umfangreichen und bedeutenden Teil seines kompositorischen Schaffens dar. Die drei in dieser Aufnahme vorgestellten Werkgruppen entstanden zwischen 1940 und 1953 in einer äußerst produktiven und fruchtbaren Periode, in der Britten – wenn man Werke wie Paul Bunyan und The Little Sweep hinzurechnet – nicht weniger als acht Opern und verschiedene andere größere Partituren wie die Spring Symphony, die Serenade für Tenor, Horn und Streicher, die Kantate St. Nicolas, den Young Person’s Guide to the Orchestra und die ersten beiden Streichquartette vollendete. Die Liederzyklen sind insofern miteinander verknüpft, als alle drei ausdrücklich für die Stimme des Tenors Peter Pears geschrieben wurden. Diese spezifische Absicht hat andere Sänger freilich nicht davon abgehalten, diese Zyklen in ihr eigenes Repertoire aufzunehmen; inbesondere die Michelangelo- und Hardy-Lieder gehören heute zu den meistaufgeführten englischen Liederzyklen des zwanzigsten Jahrhunderts.

 

Die Seven Sonnets of Michelangelo (op. 22) wurden im Oktober 1940 während Brittens und Pears’ dreijährigem Amerika-Aufenthalt vollendet. Die Uraufführung fand jedoch erst im September 1942 in der Londoner Wigmore Hall statt. 1939 hatte Britten in Les Illuminations für hohe Stimme und Streicher Lyrik des französischen Symbolisten Arthur Rimbaud vertont, eines seiner bis zu diesem Zeitpunkt reifsten und vollendetsten Werke. Der Erfolg dieser Komposition mag ihn dazu ermutigt haben, der Herausforderung von Texten in anderen Sprachen zu begegnen. Die Michelangelo-Sonette sind die ersten Lieder, die Britten speziell für Pears komponierte; bedeutsam ist, dass es sich bei allen sieben Sonetten um Liebesgedichte handelt. Das erste dieser mit bewusster Abstufung der verschiedensten Gefühlsvarianten zum Zyklus zusammengeschlossenen Lieder wird von einer beharrlichen Figur im Klavier dominiert, aus der sich die weite Melodielinie des Tenors reliefartig emporhebt; das dritte Lied basiert auf einer der für Britten typischen, in ihrer scheinbaren Schlichtheit an Banalität grenzenden Ideen, die jedoch zu fundamentalen Aussagen vertieft werden. Wie in den späteren Donne- und Hardy-Zyklen bildet das letzte Lied die Summe alles Vorherigen – eine mit relativ einfachen Mitteln gestaltete Retrospektive. In diesem abschließenden Michelangelo-Sonett Nr. 24 introduziert der aufsteigende Klavierbass feierlich die fallenden Sequenzen des unbegleiteten ‚Spirto ben nato’ im Tenor. Gesangsstimme und Klavier vereinigen sich vor dem Schluss des Sonetts; das letzte Wort hat jedoch das Klavier, das den Zyklus im hellen D-Dur-Glanz ausklingen lässt.

 

Brittens nächster Zyklus für Gesangsstimme und Klavier, The Holy Sonnets of John Donne (op. 35) bildet einen starken klanglichen und stimmungsmäßigen Kontrast. Die Werkgruppe entstand im August 1945 nach dem Uraufführungserfolg der Oper Peter Grimes und kurz nachdem Britten von gemeinsamen Auftritten mit Yehudi Menuhin in deutschen Konzentrationslagern nach England zurückgekehrt war. Zweifellos sind die erschütternden Erlebnisse dieser Konzerte in den Zyklus eingeflossen, aber es war auch eine Zeit, in der sich Britten intensiver mit der Musik seines Lieblingskomponisten Henry Purcell zu beschäftigen begann, dessen Todestag sich im Entstehungsjahr dieses Zyklus zum 250. Male jährte. (Purcells Einfluss zeigt sich auch in anderen Werken dieser Periode wie dem Streichquartett Nr. 2 und dem Young Person’s Guide to the Orchestra.) In den Donne-Vertonungen sind es insbesondere der deklamatorische Vokalstil, die Augenblicke neobarocker Rhetorik und vollends der für Purcell typische Basso ostinato im abschließenden Lied ‚Death, be not proud’, die das Vorbild erkennen lassen. Die fieberhaft angespannte Atmosphäre dieses Zyklus kommt nur im sechsten Lied, dem herrlichen ‚Since she whom I lov’d’, zur Ruhe, dessen sanfte melodische Konturen und warme diatonische Harmonien einen grellen Kontrast zur emotionalen Getriebenheit der andereren Lieder bilden.

 

Die acht Vertonungen nach Gedichten von Thomas Hardy, Winter Words (op. 52) entstanden 1953 während Brittens Arbeit an den Opern Gloriana und The Turn of the Screw. Während es ihnen keineswegs an dem musikalischen Einfallsreichtum und der Bildkraft früherer Zyklen mangelt, sind die Strukturen hier generell durchsichtiger und ökonomischer – mit dem Ergebnis, dass der Text mit besonderer Klarheit projiziert wird. Zu den vielen Juwelen dieses Liederkreises gehören die Geräusche der Eisenbahnsignalpfeife in ‚Midnight on the Great Western’, die auch die „world unknown“, die unbekannte Welt symbolisiert, der der Junge des Gedichts entgegenreist. In ‚The Choirmaster’s Burial’ (oder ‚The tenor man’s story’) wird das Lieblingslied des verstorbenen Chorleiters, Mount Ephraim, in dem magischen Augenblick in die Textur eingewoben (wenngleich charakteristischerweise in Terzparallelen reharmonisiert), an dem der Tenor die geisterhafte Erscheinung der „band all in white“ auf dem Friedhof ankündigt. In dem Lied ‚At the Railway Station, Upway’ (oder ‚The Convict and boy with the violin’) imitiert das Klavier in ironischer Manier einen Sologeigenpart, wenn der in Handschellen gefesselte Sträfling bei den Worten „This life so free“ in das Lied einfällt – gefangen innerhalb der Grenzen eines unerbittlich wiederholten C-Dur-Akkords. Es folgt eines von Brittens eindrucksvollsten Liedern, ‚Before life and after’. Die emotionslos wiederholten Terzen in der linken Hand der Klavierstimme und die darüberliegenden leeren Oktaven muten zunächst oberflächlich an, aber Britten bedient sich dieser gewollten Einfachheit, um die reine Unschuld „before the birth of consciousness, when all went well“ symbolhaft darzustellen. In diesem abschließenden Lied wird Brittens Lieblingsthema, die Pervertierung kindlicher Unschuld, auf eindrucksvolle und ergreifende Weise behandelt.

 

Wenn Britten an einem Liederzyklus arbeitete, war es durchaus nicht ungewöhnlich, dass er mit verschiedenen Vertonungsvarianten experimentierte, bevor er sich für eine bestimmte Fassung eines Lieds entschied. So existieren etwa von Winter Words noch zwei weitere Lieder, ‚If it’s ever Spring again’ und ‚The Children and Sir Nameless’; beide Fassungen sind hier eingespielt. Obwohl sie der Komponist nicht in die veröffentlichte Endfassung des Zyklus aufnahm, handelt es sich durchaus um anspruchsvolle Kompositionen, die überdies einen interessanten Einblick in einen Arbeitsprozess gestatten, den man als die ‚schöpferische Raffinerie’ des Komponisten bezeichnen könnte.

 

Lloyd Moore

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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