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8.557203 - BRITTEN: St. Nicolas / Christ's Nativity / Psalm 150
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Benjamin Britten (1913-1976)

Benjamin Britten (1913-1976)

St Nikolaus • Die Geburt Christi • Psalm 150

 

1947 erhielt Benjamin Britten einen Kompositionsauftrag für ein Werk zur Feier des hundertjährigen Bestehens des Lancing College, der ehemaligen Schule seines Lebenspartners Peter Pears. Britten schlug eine Kantate über die Legende des hl. Nikolaus vor und beauftragte Eric Crozier, mit dem er bereits bei seiner Oper Albert Herring zusammengearbeitet hatte und der auch die Sprechertexte des Young Person’s Guide to the Orchestra geschrieben hatte, mit dem Verfassen des Librettos. Es war Brittens erstes großformatiges Werk für Amateurbesetzung, und offensichtlich war er so begeistert von dieser Herausforderung, dass er für die Kompositionsskizze weniger als drei Wochen benötigte. Die erste Aufführung fand am Eröffnungstag des ersten Aldeburgh-Festivals im Juni 1948 statt, die ‘offizielle’ Uraufführung folgte im August im Lancing College; beide Premieren leitete der Komponist selbst.

 

Die für Saint Nicolas benötigte Vokal- und Instrumentalbesetzung ergab sich aus dem Anlass, für den das Werk gedacht war: Solotenor, vierstimmiger Chor, separater Mädchenchor, Klavier zu vier Händen, Orgel, Schlagzeug und Streicher. Darüber hinaus beteiligt sich das Publikum (bzw. die Gemeinde) am Gesang von zwei bekannten Kirchenliedern, die jeweils die beiden Werkteile beschließen. Von den Ausführenden müssen der Solotenor (St. Nikolaus), der erste Schlagzeuger und die Stimmführer der Streicher Berufsmusiker sein. Für alle anderen Instrumentalisten und den Chor sind die musikalischen Anforderungen auf die Beschränkungen von weniger erfahrenen Mitwirkenden zugeschnitten, obwohl auch hier – ebenso wie in Brittens anderen Werken für Kinder wie The Little Sweep und Noye’s Fludde – keineswegs der Eindruck von Kompromissen oder Vereinfachungen entsteht.

 

Nur wenig ist über die persönliche Geschichte des historischen Nikolaus bekannt, des im vierzehnten Jahrhundert lebenden Bischofs von Myra. Croziers Text basiert auf den verschiedenen Legenden über diesen Heiligen und bedient sich einer Reihe von Episoden aus seinem Leben, um ein abgerundetes und ergreifendes Porträt dieser Figur zu erstellen. In der Introduktion fleht der Chor Nikolaus an, seinen Ruhm abzustreifen und zu den Menschen zu sprechen („Strip off your glory … and speak“). Sein Geist erscheint und betet zusammen mit ihnen, wie einst mit seiner treuen Gemeinde („faithful congregation long ago“). Im zweiten Satz berichtet der Chor von der Geburt des Nikolaus (The Birth of Nicolas) in einem lebhaften Allegretto, begleitet von Streichern und Klavier und mit fantasievollen Beiträgen vom Schlagzeug (einschließlich eines von Brittens Lieblingsinstrumenten, der Peitsche). Am Ende jeder Strophe begleitet die sonst in diesem Satz schweigende Orgel den schlichten Lobgesang Gottes („God be glorified“), der zunächst von einer Sopranstimme, schließlich aber, als Nikolaus das Erwachsenenalter erreicht, vom Solotenor gesungen wird. Im dritten Satz, der nur von Streichern begleitet wird, berichtet Nikolaus, wie er sich nach dem Tod seiner Eltern ganz Gott zuwandte und auf materiellen Reichtum und weltliche Freuden verzichtete. Im vierten Satz, He Journeys to Palestine (Er begibt sich auf die Reise nach Palästina) spotten die Matrosen des Schiffs über seine Vorhersage eines Sturms bei heiterem Himmel. Die weitere Fahrt des Schiffs, der Ausbruch des Unwetters und das Gebet des Nikolaus zur Beruhigung der Elemente werden musikalisch eindrucksvoll geschildert. Im fünften Satz wird Nikolaus zum Bischof von Myra gewählt. Er verspricht, seiner Diözese zu dienen und die Witwen und Vaterlosen zu trösten. Eine fugierte Episode, „Serve the faith“ (Diene dem Glauben) führt zur feierlichen Hymne All people that on earth do dwell (Alle Menschen, die auf Erden wohnen), die auch von der Gemeinde gesungen wird. Im folgenden Satz beschreibt Nikolaus, wie er während der Verfolgung der christlichen Kirche von den Römern gefangen genommen wurde. Er beklagt die Torheit der Gott leugnenden Menschen in einem erregten kontrapunktischen Satz, der bei den Worten „Yet Christ is yours“ (Denn Christus gehört euch) von einer strahlenden D-Dur-Passage abgelöst wird. Der siebte Satz berichtet vom Schicksal dreier Jungen, die während einer Hungersnot getötet, zerlegt und an Hungernde verkauft wurden. Ihre Mütter beweinen den Verlust, aber Nikolaus erweckt sie zu neuem Leben. Das Wunder wird in einem allgemeinen „Alleluia“ gefeiert. In His Piety and marvellous works (Seine Frömmigkeit und wunderbare Werke) singt der Chor davon, wie Nikolaus seinem Volk vierzig Jahre lang diente, es vor Sünden bewahrte und den Armen und Bedürftigen half. Im letzten Satz sieht er seinen nahen Tod und seine Begegnung mit Gott voraus, während der Chor gleichzeitig das Nunc dimittis anstimmt. Das Werk endet mit einer herrlichen  Vertonung des Liedes God moves in a mysterious way (Geheimnisvoll sind Gottes Wege), in das die gesamte Gemeinde einstimmt.

 

Christ’s Nativity (Die Geburt Christi) schrieb Britten 1931 während seines zweiten Trimesters als Student des Royal College of Music. Diese ursprünglich Thy King’s Birthday (Deines Königs Geburtstag) betitelte Weihnachtssuite für Chor blieb mit Ausnahme von zweier Sätze – New Prince, New Pomp (Neuer Fürst, neuer Glanz), den Britten 1955 beim Aldeburgh Festival aufführte, und Sweet was the Song (Lieblich war der Gesang), der anlässlich des Festivals von 1966 erklang und als separates Stück im Druck erschien – zu Brittens Lebzeiten unaufgeführt und unveröffentlicht. Die Uraufführung des gesamten Werks gaben die BBC Singers bei den Festspielen von 1991, und 1994 erschien Christ’s Nativity im Druck. Vermutlich wurde Britten zu dieser Komposition von einem Band mit Weihnachtsliedern inspiriert, den ihm seine Schwester 1930 schenkte. Das Werk ist zweifellos ein Vorläufer der großformatigen Komposition A Boy Was Born (Ein Knabe wurde geboren) für a-cappella-Chor, die Britten im darauf folgenden Jahr vollendete. Die Idee einer Folge von Texten mit einem gemeinsamen literarischen Thema (in diesem Fall die Weihnachtsgeschichte) sollte zu einem charakteristischen Kennzeichen verschiedener späterer Werk werden, z.B. der Serenade für Tenor, Horn und Streicher, der Spring Symphony oder dem Nocturne.

 

Psalm 150 entstand 1962 für eine weitere Jahrhundertfeier, und zwar der von Brittens eigener Vorschule in Lowestoft. Das Werk ist so gechrieben, dass es von allen jeweils verfügbaren Diskant- und Bassinstrumenten aufgeführt werden kann; hinzu kommen Schlagzeug und Klavier. Das Formschema ist einfach: ein kraftvoller C-Dur-Marsch, der einen kontrastierenden 7/8-‚Trioabschnitt’ in F-Dur einrahmt; innerhalb dieses schlichten Schemas gelingt es Britten jedoch, seinen jungen Interpreten eine glänzende, inspirierende Partitur zu liefern, die – mit dem lauten Ruf auf dem Wort „cymbals“ (Zymbeln) und einem scheinbar endlosen vierstimmigen Kanon – jedem, unabhängig von seinem Können, dankbare Aufgaben beschert.

 

Lloyd Moore

Deutsche Fassung: Bernd Delfs

 

 

Peter Pears, Benjamin Britten und Lancing College

 

Benjamin Brittens Freund und Kollege, der Tenor Peter Pears, hatte die Verbindung zu seiner alten Schule Lancing College, an der er eine glückliche Jugend verbracht hatte, nie ganz aufgegeben. Zusammen mit Britten hat er Lancing häufig besucht und bei ihrer gemeinsamen Freundin Esther Neville-Smith, der Frau des Senior Englischlehrers gewohnt. Sie hatte Pears stets ermutigt und gefördert und ihm sowohl in seiner Schulzeit als auch seiner späteren Laufbahn wohlwollend zugehört. 1939 folgten Britten und Pears dem Vorbild W.H. Audens und gingen nach Amerika. England schien ihnen in musikalischer Hinsicht nur begrenzte Möglichkeiten zu bieten, und in der moralisch einengenden Atmosphäre jener Zeit hatten sie diesen Schritt schon seit längerem erwogen. Im April 1942 kehrten sie wieder nach England zurück. Ihre Sehnsucht war durch Brittens Lektüre von George Crabbe und den Plänen zur Oper Peter Grimes weiter gewachsen. Sowohl Britten als auch Pears gelang es, sich als Kriegsdienstverweigerer anerkennen zu lassen, und sie gaben Konzerte, die die Moral der Zuhörer heben sollten. In dieser Zeit gelang es Pears, sich auf der Opernbühne zu etablieren, sofern das die Umstände in diesen unruhigen Zeiten überhaupt erlaubten.

 

Typisch für ihre Aktivitäten in jenen Jahren war ein Besuch 1943 bei den Neville-Smiths auf Richards Castle in der Nähe von Ludlow, wohin Lancing College in einer Reihe von Landhäusern evakuiert worden war. Im Wohnzimmer eines dieser Häuser stellten sie einem aus einer Handvoll Jungen bestehenden Publikum Brittens neue Michelangelo Sonette vor sowie einige der Folksong-Bearbeitungen, die zwangsläufig mit Oliver Cromwell lay buried and dead endeten. Als einige Jahre später Lancing College wieder an die Ostküste gezogen war, konnten die Jungen eine der ersten Aufführungen von The Holy Sonnets of John Donne miterleben.

 

1948 feierte Lancing College mit seiner bemerkenswerten neo-gotischen Kapelle sein hundertjähriges Bestehen. Aus diesem Anlass komponierte Britten seine Kantate Saint Nicolas, eine Auftragsarbeit, die Dank der Großzügigkeit von Esther Neville-Smith zustande gekommen war. Das Thema lag nahe, da Lancing College dem heiligen Nikolaus gewidmet ist. Die feierliche Uraufführung fand im Juli in der Lancing-Kapelle im Rahmen eines Konzerts statt, in dem auch Werke von Geoffrey Bush, einem ehemaligen Schüler des College, und von Jasper Rooper, einem Lehrer aus Pears’ Schulzeit und Musikdirektor jener Zeit, aufgeführt wurden. Neben Peter Pears, dem Tenor-Solisten, und dem Chor von Lancing, den Chören von Ardingley, Hurstpierpoint und der Mädchenschule von St. Michaels wirkte auch Petworth an der Lancing-Jubiläums-Aufführung mit. Jede Gruppe spielte eine eigene Rolle in der Aufzählung der Wunder des Heiligen. St. Nicolas sollte nach Brittens relativ frühem Tod ihren eigenen Trost spenden, als die Bearbeitung des Chorals God moves in a mysterious way bei der Gedenkfeier im März 1977 in der Westminster-Abtei erklang. Am Tag nach Brittens Beisetzung im vorangegangenen Dezember hatte Peter Pears Saint Nicolas bei einem Konzert in Cardiff gesungen. Später erläuterte er die tiefgründige Bedeutung, die der Choral für ihn hat: „Gott wirkt auf geheimnisvollem Wege ... und wenn das in Musik gestaltet wird, in einem musikalischen Kontext, dann ist  dort für mich ... Trost und ein Verstehen, worum es auf dieser Welt geht.“.

 

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Peter Noelke


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