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8.557205 - BRITTEN: Simple Symphony / Temporal Variations / Suite on English Folk Tunes
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Benjamin Britten (1913–1976)
Simple Symphony • Suite on English Folk Tunes • Lachrymae

 

Die Werke dieser CD umspannen das gesamte publizierte Werk Brittens von der Simple Symphony von 1934, die auf Material aus den frühen Jahren des Komponisten basiert, bis zu dem 1976 – im letzten Lebensjahr Brittens – vollendeten Arrangement der Lachrymae für Streichorchester. Britten begann sehr früh zu komponieren; sein Jugendwerk, das er zum großen Teil sorgfältig aufbewahrte, besteht aus einer enormen Zahl an Klavierstücken, Liedern, Kammermusik und Orchesterwerken. Anders als viele Komponisten blieb Britten diesen Jugendwerken immer zugeneigt und konnte später sogar dazu gebracht werden, einige von ihnen neu zu beleben und zu veröffentlichen. Viele weitere erschienen posthum.

Als er sich Ende 1933 anschickte, ein lukratives Werk für den Schulbereich zu schreiben, wandte er sich seinem Frühwerk zu und schuf daraus die Simple Symphony op. 4 für Streichorchester (oder Streichquartett). So hatte er Gelegenheit, einiges Material neu zu bearbeiten und allgemein zugänglich zu machen. Ein Vergleich der Originalstücke mit ihrer Umformung in der Simple Symphony zeigt deutlich Brittens Entwicklung von einem musikalisch talentierten Kind zu einem Meister von 21 Jahren, der sein Handwerk vollendet beherrscht. Die vier Sätze des Werkes sind bemerkenswert melodisch, technisch ausgefeilt und großartig erdacht. Das Playful Pizzicato ist ein besonders delikater Einfall.

Eines der auffallendsten Stücke unter den zahlreichen nach Brittens Tod 1976 veröffentlichten Werken sind die Temporal Variations für Oboe und Klavier, komponiert 1936 und uraufgeführt in der Wigmore Hall im Dezember desselben Jahres von der Oboistin Natalie Caine, die Britten aus seiner Zeit am Royal College of Music kannte. Obwohl sich Britten mit der Aufführung und der positiven Reaktion des Publikums zufrieden zeigte, zog er das Werk zurück und führte es Zeit seines Lebens nicht mehr auf. Die durchweg negativen Besprechungen einiger Kritiker haben sicher zu diesem Entschluss beigetragen. Bevor er das Stück komponierte, hatte Britten wissen lassen, dass er an einer „großen und anspruchsvollen Suite für Oboe und Streichorchester“ arbeite. Weil daraus nichts wurde, schlug der Oboist Nicholas Daniel – der Solist dieser Aufnahme – dem Komponisten Colin Matthews in den frühen 1990er Jahren ein Arrangement der Variations für Oboe und Streichorchester vor, das an die Stelle der nicht zustande gekommenen Suite treten sollte. So erfolgte die Premiere der orchestrierten Fassung auf dem Aldeburgh Festival im Juni 1994 mit Daniel als Solist und dem English Chamber Orchestra unter Stuart Bedford. Formal ist das Werk eine Folge kurzer Charakterstücke, abwechselnd unbeschwert und kontemplativ, zusammengehalten von einem Halbton-Motiv, mit dem die Oboe das Werk eröffnet und schließt. Man könnte die Temporal Variations als eine Art Fingerübung für die gut sechs Monate später komponierten und voll ausgeführten Variations on a theme of Frank Bridge bezeichnen.

A Charm of Lullabies op. 41 entstand im Dezember 1947 für die Mezzosopranistin Nancy Evans, die an den Original-Produktionen von The Rape of Lucretia (Der Raub der Lucretia) als Lucretia und Albert Herring als Nancy – wie passend! – teilgenommen hatte und ein Jahr später als Polly Peachum in Brittens Version von The Beggar’s Opera (Die Bettleroper) wiederum in Erscheinung treten sollte. Dieses Werk ist einer der heitersten und unbeschwertesten Liederzyklen Brittens. Gleichwohl gibt es einige erregte Unterströmungen, so in den zwei mittleren Liedern nach Robert Greens Sephestia’s Lullaby and Thomas Randolphs A Charm. Colin Matthews’ Orchesterversion ist im Auftrag des Indianapolis Symphony Orchestra 1990 für kleines Orchester, doppelte Holzbläser, zwei Hörner, Harfe und Streicher entstanden. An einigen Stellen ist die originale Fassung für Stimme und Klavier verändert oder erweitert worden, um, so Matthews, „die Dimensionen zu schaffen, die für einen Zyklus von Orchesterliedern nötig sind“. Die ersten drei und die letzten zwei Lieder sind verknüpft worden, um so ein kontinuierliches Ganzes zu schaffen.

Die Originalfassung von Lachrymae für Viola und Klavier entstand im Mai 1950 als kurze Unterbrechung der Arbeit an Billy Budd. Ursprünglich für den Geiger William Primrose geschrieben und diesem gewidmet, überarbeitete Britten das Werk 1970 für eine Aufführung in Aldeburgh mit Cecil Aronowitz und fertigte schließlich im Februar 1976 die hier eingespielte Fassung für Viola und Streichorchester für denselben. Untertitelt mit Reflections on a song of John Dowland (Reflektionen über ein Lied von John Dowland), wächst das Werk weniger aus Dowlands Lied “If my complaints could passions move”, auf dem es basiert, heraus als vielmehr auf dieses hin. So schreitet das Stück über eine Folge von kontrastierenden Variationen voran – deren sechste, bezeichnet Appassionato, ein zweites Dowland-Lied zitiert: „Flow my tears“ –, hin zum magischen Schluss, an dem das Original in seiner eigenen Harmonik wie aus einem Nebel auftaucht. Dieser Moment ist in der Orchesterfassung besonders eindrücklich, wenn wir es gleichsam über den zeitlichen Abstand hinweg von einem Violen-Consort gespielt vernehmen. – Britten wandte sich im Jahr 1963 nochmals Dowland zu, als er sein Nocturnal op. 70 für den Gitarristen Julian Bream schreib.

Im Dezember 1966 komponierte Britten für die Eröffnung der Queen Elizabeth Hall in London im März 1967 einen kurzen „Folk dance für Bläser und Schlagzeug“ unter dem Titel Hankin Booby. Danach hat er öfter die Absicht geäußert, diese einzelstehende Miniatur in einen größeren Kontext zu stellen, und fügte sie sieben Jahre später in die Suite on English Folk Tunes op. 90, sein letztes reines Orchesterwerk, ein. Er begann mit der Komposition im Oktober 1974 während eines Besuch in Wolfsgarten in Deutschland und beendete sie in Horham/Suffolk im November. Dem Andenken Percy Graingers, selbst unermütlicher Arrangeur von Folksongs, gewidmet, ist das Werk für Mitglieder des English Chamber Orchestra geschrieben – seinerzeit das „Hausorchester“ des Aldeburgh Festivals –, die es am 13. Juni 1975 unter Stuart Bedford erstmals aufführten. Der Untertitel „A time there was ...“ bezieht sich auf Thomas Hardys Poem „Before life and after“, welches Britten als abschließendes Lied des Zyklus Winter Words von 1952 vertont hatte. Das Lied bringt die Sehnsucht nach der Rückkehr in eine Zeit „vor der Geburt der Erkenntnis, als alles gut war“ („before the birth of consciousness, when all went well“), zum Ausdruck. Die fünf Sätze der Suite beruhen jeweils auf zwei Melodien, entnommen entweder Playfords „The Dancing Master“, einer Sammlung von Volksmelodien aus der Mitte des 17. Jahrhunderts, oder authentischen ländlichen Quellen. Brittens durchaus derbe Behandlung des Folksong- Materials ist weit entfernt von jener Gefühlsbetontheit, die der englischen ländlich-idyllischen Tradition oft nachgesagt wird. Der erst Satz Cakes and Ale ist ein energisches Scherzo – bezeichnet fast and rough – mit hervorgehobenen Pauken und Schlagzeug, kontrastiert von einem harmonisch wärmeren Mittelteil. The Bitter Withy, abgeleitet aus einem von Vaughan Williams aufgezeichneten Lied aus Sussex, ist zunächst von der Soloharfe geprägt – mit der an Grainger gemahnenden Bezeichnung ringingly – dann tritt mit dem stillen Unisono der Streicher und dem dunklen Klang zweier tiefer Hörner und der Röhrenglocken eine ernstere Textur in den Vordergrund. Hankin Booby ist eine etwas kaustisches Stück alla courante, das seinen strengen, quasi-mittelalterlichen Klang aus dem herben zweiteiligen Kontrapunkt sowie den prägnanten Holzbläsern und gedämpften Trompeten über dem rhythmischen Trommeln eines Tambourins gewinnt. Hunt the Squirrel setzt die beiden Gruppen der Violinen in einem lebhaften, schottisch klingenden Reel – einem Tanzstück im 4/4- Takt – ein, dessen rustikaler Glanz in hohem Maße durch den effektvollen Einsatz des offenen Streicherklangs erreicht wird. Der Finalsatz ist der einzige, in dem ein Folksong vollständig zitiert wird. Nach einer Einleitung, die auf Bruchstücken einer Tanzmelodie basiert, Epping Forest, gibt Britten die lange Melodie Lord Melbourne genau in der von Grainger transkribierten Form wieder, gespielt freely vom Englischhorn über einer harmonisch konstanten, jedoch rhythmisch fließenden Streicherbegleitung. Darauf folgt eine Weiterentwicklung des Eingangsmaterials, die auf einen kurzen Höhepunkt zusteuert, um dann auf einem C-Dur-Akkord zu verklingen, über dem fragmentarische Reminiszenzen an die Melodie vorbeischweben wie Echos im Wind.

Lloyd Moore
Übersetzung: Thomas Theise


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