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8.557207 - Spanish and Portuguese Orchestral Music
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Spanische und portugiesische Orchestermusik

Spanische und portugiesische Orchestermusik

Juan Crisóstomo Arriaga (1806-1826) • Carlos Seixas (1704-1742) • João de Sousa Carvalho (1745-1798) • António Leal Moreira (1758-1819) • Marcos Portugal (1762-1830)

 

Juan Crisóstomo Arriaga (1806-1826) wurde unmittelbar nach seinem vorzeitigen Tod mit großem Lob („der spanische Mozart“) überschüttet, später wurde er jedoch von der Musikkultur seines Landes vernachlässigt, die sich erst gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts mit dem musikalischen Erbe Spaniens zu beschäftigen begann.

 

Die Sinfonie D-Dur, komponiert während der letzten Jahre seines Lebens, wurde vermutlich erst 1888 uraufgeführt; 1933 erschien die Partitur mit Strichen und zweifelhaften Änderungen im Druck. Für ein Werk, das als das interessanteste unter nur wenigen bedeutenden Orchesterwerken spanischer Provenienz gilt, ist eine derartig späte Veröffentlichung erstaunlich, zumal Arriaga zu seinen Lebzeiten als eines der größten Talente gefeiert wurde. Durch seinen frühen Tod (er starb 1826 in Paris) entstand ein Mythos, der ihn zur Kultfigur werden ließ, und zwar eher aufgrund der Erwartungen, die er mit ins Grab nahm, als wegen der Stücke, die er komponierte. Er hinterließ nur wenige bedeutende Werke: drei Streichquartette (eine Rarität in der Musik der iberischen Halbinsel), die Oper Los esclavos felices und die Sinfonie D-Dur. Schuberts Grabinschrift „Hier liegen große Schätze und noch größere Hoffnungen begraben“ gilt auch für diesen spanischen Komponisten.

 

Arriaga erscheint uns heute als ein Talent mit großen Möglichkeiten, als ein hervorragender, intuitiver Musiker, der sein Fach beherrschte, noch bevor er Harmonielehre und Kontrapunkt bei seinen berühmten Lehrern studierte. Seine bedeutenderen Werke, die Sinfonie D-Dur und die Streichquartette, scheinen gewissermaßen unentschieden zwischen Mozart und der frühen Romantik eines Beethoven, Schubert oder selbst Rossini zu schweben. Arriaga studierte in Paris, wo er nicht nur sein außerordentliches Talent als Komponist von Orchestermusik unter Beweis stellte, sondern sich auch als Violinist profilierte. Außerdem assistierte er dem berühmten Fétis bei dessen Unterricht im Kontrapunkt am Conservatoire. Seine ersten Arbeiten, wie z.B. die Oper Los Esclavos Felices, die er im Alter von dreizehn Jahren schrieb, zeigen den Einfluss des italienischen Opernstils seiner Zeit. Los esclavos felices ist eine Mischung aus italienischem Stil, Mozart und Haydn, Spätbarock, dem reinen klassischen Stil und nicht zuletzt Rossini, vor allem im Staccato-Thema, mit dem der schnelle Abschnitt der Ouvertüre beginnt, sowie in der unwiderstehlichen Coda.

 

Die Sinfonie D-Dur ist ein Werk von verschiedenen Dimensionen. Wenngleich überkommene Modelle überwiegen (weniger Rossini, aber mehr Beethoven und Schubert) und obwohl die Besetzung trotz des Titels „Sinfonie für großes Orchester“ die Grenzen des klassischen Orchesters (doppeltes Holz und Blech, Pauken und Streicher) nicht überschreitet und die Form traditionellen Vorbildern verpflichtet ist, gibt es keinen Zweifel, dass das emotionale Pathos, der Wechsel von Dur und Moll und einige Instrumentierungsdetails bereits ein zukünftiges romantisches Genie ankündigen.

 

Natürlich sind solche Vorboten der Romantik bereits in Werken des „Sturm und Drang“, etwa von Haydn, zu finden. Die dunkle Atmosphäre jedoch, die Modulationen und die höchst unerwartete Chromatik, der Wechsel zwischen D-Dur und d-Moll (durch den das Werk eigentlich nur in D steht, weder in Dur noch in Moll), der gewagte Bläsersatz und die Kraft der Durchführungsabschnitte – dies alles sind Charakteristika, in denen die musikalische Romantik anklingt, die in Europa bereits begonnen, die iberische Halbinsel aber noch nicht erreicht hatte. Als Werk eines frühreifen Komponisten hat diese Sinfonie übrigens ein Schwesterwerk in der berühmten C-Dur-Sinfonie, die Bizet im selben Alter schrieb.

 

Carlos Seixas (1704-1742) soll bis zu seinem Tod im Alter von 38 Jahren mehr als 700 Sonaten komponiert haben; von ihnen existieren nur noch ca. einhundert. Von seinem  Freund Scarlatti, der ihn sehr schätzte, unterscheidet sich der Portugiese durch die Mehrsätzigkeit seiner Kompositionen und eine weniger brillante und technisch anspruchslosere Kompositions-technik sowie durch ein unverkennbar persönliches Timbre und die typisch portugiesische Melancholie. Sein orchestraler Nachlass beschränkt sich auf die Sinfonia B-Dur, das Cembalokonzert A-Dur und die Ouvertüre D-Dur. Außer der Ouvertüre, die dem in formaler Hinsicht reicheren französischen Modell folgt, sind diese Werke dem dreisätzigen italienischen Formmodell verpflichtet.

 

Ähnliches lässt sich von den anderen hier aufgenommenen Werken sagen, in denen sich eine seltene Kontinuität der portugiesischen Musik zeigt: João de Sousa Carvalho (1745-1798) war der Lehrer von António Leal Moreira (1758-1819), Marcos António da Fonseca Portugal (1762-1830) und João Domingos Bomtempo (1775-1777). Die Periode, in der diese Musiker lebten, umschloss ein goldenes Zeitalter, das mit König Dom João (1706-1750) begann und bis zur Regierungszeit von König Dom José I. (1750-1777) andauerte. Die Goldfunde in Brasilien waren zweifellos einer der Hauptgründe des im achtzehnten Jahrhundert in Portugal eingekehrten Wohlstands; dieser Reichtum ermöglichte den meisten portugiesischen Komponisten ein Studium in Italien, während man in einer Zeit, in der die Begeisterung für die italienische Oper nicht nur die ganze Gesellschaft, sondern auch den König erfasst hatte, Musiker und Choreographen aus Italien ins Land holte.

 

Die um 1803 komponierte Sinfonia B-Dur von Leal Moreira ist eigentlich eine Ouvertüre im italienischen Stil. Wahrscheinlich entstand sie für eine der vielen Opern des Komponisten. Wie in der Sinfonia D-Dur, Moreiras anderer bekannter Ouvertüre, ist der italienische Stil mit der Lissabonner Tradition des modinha und des Volkslieds verwoben. Die Soloflöte der langsamen Einleitung kehrt als Reminiszenz vor der lebhaften Coda zurück.

 

Die Ouvertüren L’amore industrioso (1769) und Il Duca di Foix (1805) sind Beispiele des orchestralen Stils der beiden namhaftesten portugiesischen Opernkomponisten, João de Sousa Carvalho und Marcos Portugal. Während Sousa Carvalho im eigenen Land als der bedeutendste Opernkomponist des 18. Jahrhunderts galt, war Marcos Portugal der im Ausland bekannteste Komponist seines Landes.

 

Der neapolitanische Stil und der Einfluss Cimarosas sind besonders auffallend bei Marcos Portugal (der über fünfzig Opern schrieb); bei Carvalho hingegen zeigt sich der Einfluss Jomellis.

 

Sérgio Azevedo

 

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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