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8.557208 - SHOSTAKOVICH: Ballet Suites Nos. 1-4
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Dmitri SCHOSTAKOWITSCH (1906-1975)
Ballett-Suiten Nr. 1-4

Sinfonien, Streichquartette und Konzerte bilden den Schwerpunkt seines Schaffens, daneben hat sich Schostakowitsch jedoch auch mit Arbeiten in fast allen anderen Gattungen einen Namen gemacht. Daher sein vielzitierter Ausspruch, er liebe alle Musik, von Bach bis Offenbach. Mit welcher Begeisterung er sich der so genannten „leichten Musik“ widmete, beweist seine Operette Moskau, Tscheremuschki aus dem Jahr 1958, die wie andere seiner unterhaltenden Werke neuerdings wieder auf größeres Interesse stößt. Die in dieser Aufnahme vorgestellte Musik wird denn auch diejenigen Hörer überraschen, die Schostakowitsch nur als „seriösen“ Komponisten in der Tradition eines Beethoven kennen.

Die vier Ballett-Suiten nehmen eine zwiespältige Position in Schostakowitschs Oeuvre ein. Das berüchtigte, von Josef Stalin veranlasste Schdanow- Dekret vom Januar 1948, benannt nach dem Kulturattaché Andrei Alexandrowitsch Schdanow, hatte Schostakowitsch und andere führende sowjetische Komponisten wie ein Bannstrahl getroffen. Vorgeworfen wurden seiner Musik „formalistische Perversionen und antidemokratische Tendenzen“. Von diesem Zeitpunkt bis zu Stalins Tod im Jahr 1953 komponierte Schostakowitsch „ernste Musik“ ausschließlich für die eigene Schublade oder für gelegentliche Aufführungen im privaten Kreis. Als „öffentlicher“ Komponist schuf er eine Vielzahl von Filmmusiken und patriotischen Stücken, die zwar immer hervorragend gearbeitet waren, aber seine eigentlichen musikalischen Neigungen niemals wirklich verrieten.

Aus diesem Blickwinkel sollte man sich denn auch den Ballett-Suiten nähern, nämlich als leichter, unterhaltsamer Musik, die vermeiden musste, Anstoß zu erregen – ideales Material für Rundfunksendungen und staatlich genehmigte Veranstaltungen. Zusammengestellt wurden diese Stücke von Schostakowitschs langjährigem Amanuensis Lew Atowmian (1901-1973), der ebenfalls eine Reihe von Filmpartituren und staatlichen Auftragswerken des Komponisten zu Suiten bearbeitete. Dass die einzelnen Stücke in erster Linie aus Balletten stammten, die gemäß den Richtlinien des Sozialistischen Realismus entstanden waren, stellte eine zusätzliche Ironie dar, die den Verantwortlichen in den Kulturbehörden mit Sicherheit entging.

Elf der 21 hier vorgestellten Nummern kommen aus dem Ballett Der klare Bach, eigentlich der Name einer Kolchose, in der die Arbeiter von einem Musikerkollektiv mit einer aus verschiedenen Tänzen lose zusammengefügten oberflächlichen Handlung unterhalten werden. Die Leningrader Premiere im Juni 1935 und Aufführungen in Moskau im November wurden mit Beifall aufgenommen, aber nachdem Schostakowitsch wegen seiner zunächst äußerst erfolgreichen Oper Lady Macbeth von Mtensk plötzlich ins Fadenkreuz der kommunistischen Kulturideologen geraten war (ausgelöst durch einen von Stalin inspirierten, „Chaos statt Musik“ betitelten Artikel in der Prawda vom 28. Januar 1936), kam es zu keinen weiteren Aufführungen.

Dass dieses Ballett den Kriterien einer „leichten Musik“ in idealer Weise entsprach, wird in der Ballett- Suite Nr. 1 (1950) deutlich. Nach einem launigen Lyrischen Walzer aus der Jazz-Suite Nr. 1 [Naxos 8.555949], der mit einer gegenüber dem Original volleren Instrumentierung aufwartet, folgen drei Nummern aus Der klare Bach: ein entfernt an das Scherzo aus Tschaikowskis Vierter Sinfonie erinnernder Tanz; eine wehmütige, mit Holzbläsern und hohen Streichern zart besetzte Romanze und eine lebhafte Polka in der Art, wie sie Schostakowitsch im Laufe der Jahre häufig komponierte. Anschließend folgt ein unbekümmerter Scherz-Walzer aus dem 1931 entstandenen Ballett Der Bolzen, nicht enthalten in der Suite (auch bekannt als Ballett-Suite Nr. 5, Naxos 8.555949), bevor ein wilder Galopp aus Der klare Bach (auch verwendet als Zwischenspiel in Moskau, Tscheremuschki) die Tanzfolge beschließt.

Zwei Nummern aus Der klare Bach eröffnen die Ballett-Suite Nr. 2 (1951), ein expressiver Walzer und ein ausgedehntes Adagio, das mit einem ausdrucksvollen Cello-Solo aufwartet. Aus der Jazz- Suite Nr. 1 stammt die spielerische Polka, während die passend betitelte Sentimentale Romanze aus der wenig bekannten Musik stammt, die Schostakowitsch für den Zeichentrickfilm Die Geschichte eines Priesters und des Arbeiters Balda (1934) schrieb. Mitschurin, der Name eines angesehenen sowjetrussischen Gartenbauingenieurs und Titel eines 1948 von Alexander Dowschenko gedrehten Films, zu dem Schostakowitsch die Musik lieferte, steht für den liebenswürdigen Frühlingswalzer, während das hektische Finale noch einmal auf das Ballett Der klare Bach zurückgreift. Ein hier verwendetes Motiv aus Der Bolzen beweist, dass Schostakowitsch sich hinter niemandem zu verstecken brauchte, wenn es darum ging, Ideen aus eigenen Stücken neu aufzuwärmen.

Die Ballett-Suite Nr. 3 (1952) ist aus zwei Quellen zusammengestellt. Die Musik zu Pavel Suchotins Inszenierung (1934) von Balzacs Comédie humaine liefert den lebhaften Eröffnungs-Walzer, eine bezaubernde Gavotte, in der man Delibes oder Messager im orchestralen Gewand der Jahrhundertmitte zu hören glaubt, und eine Elegie, die zu Schostakowitschs liebenswertesten musikalischen Eingebungen zählt. Davor erklingt ein Tanz aus Der klare Bach, der den berühmten Galopp aus Kabalewskis Ballett Die Komödianten vorwegzunehmen scheint. Der klare Bach liefert auch die beiden Schlussnummern: einen Walzer (die Quintessenz der „Unterhaltungsmusik“-Ästhetik) und einen Galopp, mit dem die Suite kraftvoll ausklingt.

Im Gegensatz zu ihren Vorgängerinnen enthält die Ballett-Suite Nr. 4 (1953) nur drei Sätze, die jeweils aus verschiedenen Werken stammen. Aus Der klare Bach kommt die ausgedehnte und überraschend dunkelgetönte Variationssequenz der Introduktion. In einem Crescendo steuert sie auf einen kraftvollen Höhepunkt zu, bevor sie zu ihrer anfänglichen Ruhe zurückkehrt. Das Lied der großen Flüsse, ein im Westen kaum bekannter Dokumentarfilm, liefert den unterhaltsamen Walzer, während Der Bolzen noch einmal für das Scherzo bemüht wird – als Ausklang einer Suite, die im Vergleich zu ihren Schwesterwerken das Ausdrucksspektrum dieses Formats erweitert.

Nach Stalins Tod als Komponist rehabilitiert und ermutigt durch den Erfolg seiner Zehnten Sinfonie [Naxos 8.550326] in Europa und den Vereinigten Staaten, begann Schostakowitsch seine bis dahin unter Verschluss gehaltenen Werke zu veröffentlichen und sich als bedeutende schöpferische Kraft zu etablieren. Angesichts des hohen Qualitätsniveaus der hier enthaltenen Stücke wäre es jedoch schade, sich die Freude, die diese Ballett-Suiten zweifellos bereiten, durch außermusikalische Erwägungen verderben zu lassen.

Richard Whitehouse

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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