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8.557219 - DUPARC: Songs
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Henri DUPARC (1848-1933)
Lieder

Henri Duparc, als Schulknabe Klavierschüler von César Franck, ergriff ein Jurastudium, während er gleichzeitig seine musikalische Ausbildung bei Franck fortsetzte, der ihn auch zu seinen ersten Arbeiten ermutigte. Die meisten der zu dieser Zeit entstandenen Kompositionen vernichtete Duparc jedoch; erst 1868 ließ er eine Sammlung von Klavierstücken, Feuilles volantes, veröffentlichen und komponierte fünf Lieder, von denen er aber nur zwei, Soupir und Chanson triste, in Druck gab. Die anderen drei vernichtete er gleichwohl nicht; sie wurden einige Jahre nach seinem Tod wiederentdeckt.

Duparcs kompositorische Karriere war kurz. In Paris gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Société Nationale de Musique, die 1871 ihr erstes Konzert veranstaltete und zu dessen Komitee Camille Saint-Saëns, Alexis de Castillon, Romaine Bussine, der Violinist und Komponist Jules Auguste Garcin und der Komponist und Musikpädagoge Charles Lenepveu gehörten. Als Sekretär der Gesellschaft genoss Duparc einen ausgezeichneten Ruf, vor allem dank seiner administrativen Fähigkeiten, die er auch in seiner späteren Karriere als Regierungsbeamter unter Beweis stellen sollte. Bereits früh machten sich jedoch erste Anzeichen einer Hypästhesie bemerkbar, aufgrund derer er seine schöpferische Karriere als Komponist im frühen Alter von 36 Jahren beenden musste.

Wie viele seiner französischen Zeitgenossen war Duparc ein begeisterter Wagner-Anhänger. Bei einem Besuch in München mit Vincent d’Indy hatte er 1869 Aufführungen von Das Rheingold und Tristan und Isolde beigewohnt, und in den Jahren darauf folgten weitere Reisen nach Deutschland, u.a. 1883 und 1886 nach Bayreuth. Neben seiner musikalischen Beschäftigung unterstützte er kulturelle Modeströmungen der Zeit und begeisterte sich für die Literatur, das Theater und die Malerei der Zeit.

In den Jahrzehnten nach dem Ende seiner kompositorischen Karriere beschäftigte sich Duparc mit Malerei und Zeichnungen, bis er – erblindet und in den letzten Jahren vollständig gelähmt – 1933 im Alter von 85 Jahren starb.

Duparcs schöpferische Karriere dauerte ganze sechzehn Jahre. Sein bedeutsamster Beitrag zur Musikgeschichte sind die sechzehn Sololieder. Das letzte dieser Lieder, vollendet 1884, sollte auch seine letzte Komposition sein. Danach arbeitete er lediglich an Orchesterfassungen von einigen dieser Lieder und an der Herausgabe von früheren Kompositionen. Die Texte, die er für seine Lieder wählte, verraten eine Stimmung von Melancholie und Traurigkeit, die schließlich in vollständigem Schweigen enden sollte.

Die 1868 entstandenen Lieder beginnen mit Chanson triste 2 (revidiert 1902; Orchesterfassung 1912). Der Text stammt von Henri Cazalis, der unter dem Pseudonym Lahor publizierte. Von ihm, der zum Dichterkreis der sog. Parnassiens gehörte, stammte auch der von Saint-Saëns vertonte Danse macabre. Der Umfang des Vokalparts dieses Liedes ist relativ groß; die Begleitung besteht aus gebrochenen Akkorden und bedient sich gewagter Harmonien. Gemäß der vermutlichen Reihenfolge der Entstehung folgt als nächstes Soupir 8, ebenfalls 1902 revidiert. Der Text stammt von Sully-Prudhomme, einem der führenden Parnassiens. Duparc widmete die Vertonung seiner Mutter. Die Gruppe der frühen Lieder enthält auch eine Vertonung von Victor Wilders Fassung von Goethes Kennst du das Land (aus Wilhelm Meisters Wanderjahre), der Romance de Mignon, ein Gedicht, das von vielen Komponisten vertont wurde, u.a. von Beethoven und Schubert. Sérénade 1, nach Worten von Gabriel Marc, besitzt eine arpeggierte Begleitung, die an den frühen Fauré erinnert. Die Gruppe von fünf Liedern, von denen nur die ersten beiden Duparcs eigenem Urteil standhielten, schließt mit der Vertonung von Sully-Prudhommes Le galop 12. Widmungsträger ist der Bruder des Komponisten. Die Musik folgt dem vom Text vorgegebenen Impetus.

1870 entstand die Vertonung von Baudelaires L’invitation au voyage 4. Duparc widmete dieses Lied, das als eines seiner schönsten gilt, seiner späteren Ehefrau Ellen Mac Swiney. Von diesem Lied existiert auch eine Fassung mit Orchesterbegleitung. Aus dem Jahr 1871 stammt das dramatische La vague et la cloche 9. Das zunächst mit Orchesterbegleitung entstandene Lied erhielt seine erste Klavierfassung vom Widmungsträger Vincent d’Indy. Später bearbeitete es auch Duparc für Klavierbegleitung. Den Text schrieb François Coppé, bekannt als poète des humbles’ nach dem Titel eines seiner Gedichte und seiner Thematisierung des Lebens einfacher Pariser Bürger. Ebenfalls 1871 entstand das Henri Regnault gewidmete Duett für Sopran und Tenor La Fuite 15 nach Worten von Théophile Gautier. Das Mädchen Kadidja überredet ihren unentschlossenen Liebhaber Ahmed, mit ihr zu entlaufen – trotz der Gefahren, die ihr von den Brüdern drohen, und der Sorgen, die sie ihrem Vater bereitet.

Élégie 14 von 1874, zum Gedenken an Henri Lassus, ist die tief empfundene Vertonung einer Prosaübersetzung von Thomas Moores Gedicht auf den Tod des irischen Patrioten Robert Emmet. Aus dem gleichen Jahr stammt Duparcs Vertonung von Lahores Extase 10, die er dem Komponisten und Schriftsteller Camille Benoît widmete. Das Lied lebt von einer sich steigernden emotionalen Intensität.

Erst 1879 kehrte Duparc mit der Vertonung von Le manoir de Rosemonde 3 zur Liedkomposition zurück. Widmungsträger ist Robert de Bonnières, der Verfasser des Texts. 1880 oder 1881 folgte die an Fauré gemahnende Vertonung eines weiteren Gedichts von Jean Lahor, Sérénade Florentine 7. 1882 entstand Phidyle 5 nach einem Gedicht des Parnassien Leconte de Lisle. Duparc widmete das Lied Ernest Chausson. Aus dem Jahr 1883 datiert die Vertonung von Théophile Gautiers Lamento 13; Widmungsträger ist Fauré. Testament 6, ungefähr zur gleichen Zeit entstanden, ist die eindrucksvolle Vertonung eines Gedichts von Armand Silvestre. Seine Texte dienten vielen Komponisten als Vorlage; heute gelten sie eher als mittelmäßig. Das letzte vollendete Lied ist La vie antérieure 11, die Vertonung eines Gedichts von Baudelaire. Duparc widmete dieses 1884 entstandene Lied dem Komponisten Joseph Guy Ropartz. Danach schwieg der Komponist Duparc.

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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