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8.557239 - MOZART: Symphonies Nos. 34 and 41 (Tintner Edition 7)
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TINTNER-GEDENKEDITION FOLGE 7

TINTNER-GEDENKEDITION             FOLGE 7

 

Die acht Wochen zwischen dem 17. Juni und dem 11. August 1788 gehören zu den bedeutendsten in der Geistesgeschichte. Die Daten sind mit denkwürdigen Ereignissen verbunden: Mozart schrieb seine drei letzten Sinfonien innerhalb dieser erstaunlich kurzen Zeit, und er schrieb einen Brief an dem Tag, an dem er die Arbeit am ersten Werk dieser Trias (Nr. 39) begann; zehn Tage danach schrieb er einen zweiten Brief – am selben Tag, an dem er die Sinfonie vollendet hatte. In beiden Briefen bittet er seinen Logenbruder, Graf Michael Puchberg, um Geld. Er bittet ihn am 17., und er bittet ihn noch einmal dringlicher am 27. In einem Brief schreibt er unter anderem: „Glauben Sie mir, lieber Graf, ich schreibe Musik nur, um Geld zu verdienen.“ Wenn man liest, wie eines der größten Genies sich derart erniedrigen musste, fühlt man sich furchtbar schuldig und klein. Und Mozart schrieb nicht nur diese beiden Bettel-briefe, er schrieb viele. Man schämt sich geradezu, wenn man sie liest.

 

Mozarts Schicksal war insofern tragisch, als seine Karriere so glücklich begonnen hatte. Sein Vater war Violinist und Verfasser einer berühmten Geigenschule. Er war ein ziemlich strenger, unnachgiebiger und rechtschaffener, ich würde sogar sagen auch rechthaberischer Lehrmeister, der sofort das außergewöhnliche Talent seines Sohnes entdeckte. Vater Mozart setzte alles daran, dieses Talent – zu Gottes Ehre, wie er selbst sagte – zu fördern. Dass es ihm auch selbst nützte, bedarf kaum einer Erwähnung. Wolfgang machte unglaublich rasche Fortschritte als Instrumentalist (er spielte Violine und Klavier) und als Komponist. Am Anfang hatte er enorme Erfolge, weil er im besten Sinne des Wortes ein Unter-haltungskünstler war. Aber je persönlicher und gehaltvoller seine Musik wurde, umso weniger Menschen interessierten sich für sie. Und als Wiener muss ich an dieser Stelle sagen, dass meine Stadt eine schändliche Rolle in Mozarts Leben gespielt hat, wie übrigens auch im Leben vieler anderer Komponisten. Die einzigen, die von dieser Stadt wirklich gut behandelt wurden, waren Brahms und Johann Strauss. Und das sind nicht viele, wenn man bedenkt, wer alles in Wien gelebt hat.

 

Mozart, der vielleicht das universellste aller musikalischen Genies war – er beherrschte jede Gattung besser als jeder andere –, entwickelte schon früh ein starkes Interesse für die Oper. Seine erste wirklich große Oper, Idomeneo, entstand übrigens nicht für Wien, sondern für München; sie hat nie den durchschlagenden Erfolg gehabt, den sie verdient. Für mich ist sie eines seiner großartigsten Werke; ich liebe diese Oper!

 

In Salzburg hatte Mozart in der Person des Erzbischofs Colloredo einen unnachgiebigen ‚Chef’, der ihn ebenso ausnutzte wie sein Vater. Mozart war ein sanftmütiger Mensch, aber als er merkte, dass er wie ein Stück Dreck behandelt wurde, hielt er es nicht länger aus, quittierte seinen Dienst und ging nach Wien, um dort sein Glück zu machen. Die Sinfonie Nr. 34 war die letzte, die er vor seiner Wiener Zeit komponierte; der Umzug in die Metropole war ein Schritt, den zu bereuen er noch oft Grund haben sollte. – Man stelle sich einmal vor, dass er zu dieser Zeit (er war erst in seinen frühen zwanziger Jahren) bereits 34 Sinfonien geschrieben hatte. Diese war die weitaus größte, bevor er Salzburg verließ. Sie ist im besten Wortsinn die reinste Freude und Unterhaltung. Mozart möchte, dass wir glücklich sind beim Hören dieser herrlichen Musik. Sie ist geradezu wundervoll!

 

Mozarts letzte Sinfonie und – zumindest in technischer Hinsicht – der absolute Höhepunkt seines sinfonischen Schaffens ist Nr. 41. Es ist mir un-möglich, dem besonderen Wunder des letzten Satzes gerecht zu werden. Möge es genügen, dass es sich hier um eine einzigartige Verschmelzung von Fuge und Sonatenform handelt. Es werden nicht weniger als fünf verschiedene Themen vorgestellt, die in ganz be-stimmten strategischen Positionen nebeneinander gestellt und übereinander geschichtet werden, vor allem in ihrer abschließenden Konfrontation. Und was so großartig ist: nach all dieser geistigen Anstrengung folgen ein paar glückliche und unbeschwerte Takte, als wäre nichts geschehen.

 

Was ich an diesen letzten drei Sinfonien, die Mozart im Alter von vierunddreißg Jahren schrieb, am bemerkenswertesten finde, ist nicht so sehr die kurze Zeit, in der er diese Werke vollendete, sondern ihr total unterschiedlicher Charakter: die abgeklärte Ruhe der ersten, die abgrundtiefe Verzweiflung der zweiten und der alles besiegende Triumph der dritten. Man sollte meinen, dass Mozart, obwohl er die erste am 26. Juni vollendete, genügend Zeit hatte, um über sie nachzudenken. Leider ist dem nicht so, denn erst vier Tage zuvor hatte er die Arbeit an seinem Klaviertrio E-Dur abgeschlossen. Vielleicht hat er sich in der Zwischenzeit mit diesen Sinfonien befasst, aber es ist etwas, das für uns gewöhnliche Sterbliche un-begreiflich bleibt, und wir können nur dankbar sein, dass es solche Genies gibt.

 

Georg Tintner

bearbeitet von Tanya Tintner

Deutsche Übersetzung: Bernd Delfs

 

 

Georg Tintner

 

Georg Tintner wurde 1917 in Wien geboren. Seinen ersten Klavierunterricht erhielt er im Alter von sechs Jahren, und kurz darauf begann er bereits zu komponieren. Zwischen seinem neunten und dreizehnten Lebensjahr war er Mitglied der Wiener Sängerknaben, die er auch bei Aufführungen seiner eigenen Stücke leitete. Als Dreizehnjähriger begann er ein Studium an der Wiener Musikakademie, wo er bei Josef Marx Komposition und bei Felix Weingartner Dirigieren studierte. 1936 studierte er als Achtzehnjähriger die Wiener Sängernknaben für eine von Bruno Walter geleitete Aufführung von Mahlers Achter Sinfonie ein. Seine Kompositionen wurden in Konzerten und im Österreichischen Rundfunk gespielt, und im Alter von neunzehn Jahren erhielt er an der Wiener Volksoper ein Engagement als musikalischer Assistent.

 

1938 flüchtete er vor den Nationalsozialisten und verbrachte ein Jahr in England, bevor er nach Neuseeland emigrierte. Dort leitete er in den ersten Jahren eine Geflügelfarm – und war fortan strenger Vegetarier! –, bevor er 1947 Musikdirektor der Auckland String Players und der Auckland Choral Society wurde. Er war ein überzeugter Sozialist und Pazifist und fuhr Fahrrad als „Ausdruck äußerster Harmlosigkeit“.

 

1954 ging er nach Australien als Ständiger Dirigent der National Opera und später der Elizabethan Opera. In den darauffolgenden Jahren unternahm er Tourneen durch Australien und wirkte bei den ersten Opernproduktionen des australischen Rundfunks mit. 1964 war er Musikdirektor der New Zealand Opera, und von 1966-67 übernahm er in Südafrika die musikalische Leitung des Cape Town Municipal Orchestra. Obwohl ihm dort ein langjähriger Vertrag angeboten wurde, verließ Tintner das Land aus politischen Gründen und ging nach England, wo er drei Jahre lang der Londoner Sadler’s Wells Opera (der heutigen English National Opera) angehörte, und wo er als Gastdirigent mit den London Mozart Players, dem Bournemouth Symphony Orchestra und für die BBC mit dem Northern Sinfonia und dem London Symphony Orchestra arbeitete.

 

1970 kehrte er als Musikdirektor der West Australian Opera Company nach Australien zurück. 1971 verpflichtete ihn das National Youth Orchestra of Canada als Musikdirektor – eine Zusammenarbeit, die so erfolgreich war, dass sie zu sieben weiteren Einladungen führte. Tintner arbeitete besonders gern mit jungen Musikern zusammen und dirigierte und trat häufig mit Jugendorchestern verschiedener Länder auf. 1974 wurden mehrere seiner Vorlesungen von englischsprachigen Rundfunkanstalten gesendet. Wie diese Edition dokumentiert, war er auch bekannt für seine Werkeinführungen.

 

Tintners Repertoire umfasste 56 Opern, von denen er zwei Drittel auswendig dirigierte. 1974-76 war er Senior Resident Conductor der Australian Opera. Während dieser Zeit leitete er u.a. die legendären Fidelio-Aufführungen, die zum Symbol seines eigenen, ein Leben lang praktizierten Humanismus wurden. Ab 1976 wirkte Tintner als Musikdirektor des Queensland Philharmonic Orchestra, bevor er 1987 dieselbe Position beim Symphony Nova Scotia übernahm. Er trat am Pult aller australischen und neuseeländischen Orchester und Opernhäuser auf, später auch mit bedeutenden kanadischen Klangkörpern wie den Sinfonieorchestern von Montreal und Toronto. In den USA ging er er mit den Musikern des Canadian Brass auf Tournee und leitete Aufführungen am Michigan Opera Theatre.

 

Neben seiner Konzerttätigkeit machte er zahlreiche Schallplattenaufnahmen, darunter auch die in dieser Edition vorgestellten, für die Canadian Broadcasting Corporation (CBC) entstandenen Einspielungen. Die in seinen zwei letzten Lebensjahren für Naxos produzierten Aufnahmen sämtlicher Bruckner-Sinfonien brachten ihm weltweite Anerkennung.

 

Georg Tintner wurde in vier Ländern offiziell geehrt. Er erhielt mehrere Ehrendoktorate und ist Träger des österreichischen Ehrenzeichens sowie des kanadischen Verdienstordens.

 

Er starb im Oktober 1999 in Halifax in der kanadischen Provinz Nova Scotia.

 

Tanya Tintner

Deutsche Übersetzung: Bernd Delfs

 

 

Symphony Nova Scotia

 

Symphony Nova Scotia (SNS) ist das einzige Berufsorchester Kanadas östlich von Quebec City. Das 1983 gegründete und aus 37 Musikern bestehende Ensemble erhielt den Auftrag, „die Lebensqualität der Bürger von Nova Scotia zu erhöhen”. Das Orchester sieht es als seine Aufgabe an, in seinen Live-Konzerten den Einwohnern von Nova Scotia klassische Musikerlebnisse zu vermitteln. Darüber hinaus ist hat es sich durch zahlreiche von der CBC übertragene Konzerte in ganz Kanada einen Namen gemacht. Das Orchester hat an Theater- und Tanzaufführungen mitgewirkt und kürzlich einen eigenen Chor, den Symphony Nova Scotia Chorus, gegründet.

 

Durch die in dieser Serie vorgenommene Aufstellung der zweiten Violinen rechts vom Dirigenten wird der von den Komponisten erwartete antiphonale Effekt zwischen ersten und zweiten Violinen erzielt.


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