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8.557243 - MOZART: Petits Riens (Les) (Tintner Edition 11)
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TINTNER-GEDENKEDITION FOLGE 11

TINTNER-GEDENKEDITION             FOLGE 11

 

Wie so manches Frühtalent erfahren musste, ist die Kindheit nicht immer von Dauer. Wunderkinder sind Neuigkeiten, erwachsene Wunderkinder nicht. Aus ihnen wird irgendwann ein begabter Pianist, Geiger oder Komponist, der für seinen Lebensunterhalt sorgen muss. Selbst Mozart ging es nicht anders, als er erfahren musste, dass man ihn in Paris, wo man ihm 1762 als brillantem Sechsjährigen noch zu Füßen gelegen hatte, als brillanten, aber nicht mehr ‚neuen’ 22-Jährigen ignorierte. „Sie können sich leicht vorstellen, dass ich keine große Freude hier habe und so bald als möglich wegzukommen trachte“, schreibt er nach Hause.

 

Mozart bemühte sich um Aufträge, aber ohne Erfolg. Um einen Opernauftrag zu bekommen, buhlte er um die Gunst des einflussreichen Choreographen Noverre, indem er das Ballett Les Petits Riens für ihn schrieb. Die Stücke wurden als Zwischenaktmusiken für eine Oper von Piccinni verwendet und brachten es auf beachtliche sechs Aufführungen. „Les Petits Riens bestand nicht nur aus Stücken von Mozart, auch Andere waren daran beteiligt“, sagt Maestro Tintner, „und bis heute weiß man nicht, welche Stücke nicht von Mozart stammen –  sicher ist nur, welche er tatsächlich komponiert hat. Also spielen wir, um ganz sicher zu sein, alle zweifelhaften und alle echten Stücke, aber keines, das er mit Sicherheit nicht geschrieben hat. Unter den zweifelhaften Beiträgen gibt es einen oder zwei, von den ich meine, dass sie nicht von ihm sind. Aber bei einem dieser zweifelhaften Stücke, einem Adagio in D-Dur, würden wir, wenn es von anderer Hand stammt, den Komponisten kennen, denn dafür ist es zu gut.“ Am Ende sprang für Mozart jedoch kein Auftrag heraus – im Gegenteil: Noverre zahlte ihm keinen Sous und gab sich zudem selbst als Verfasser aus.

 

Fünfzehn Jahre später war die Situation nicht viel besser, obwohl Mozart auf dem Höhepunkt seiner Kunst angelangt war. Zwar war er offiziell ‚Hofcompositeur’, aber offenbar war dies nicht mehr als eine Proforma-Anstellung. Man verlangte von ihm keine Opern oder Sinfonien, seine einzige Verpflichtung bestand darin, Tanzmusik für die Hofbälle zu schreiben.

 

Diese Bälle im Redoutensaal der Hofburg erfreuten sich ungeheurer Beliebtheit und zählten nicht selten an die dreitausend Gäste. Ihre Popularität verdankten sie nicht zuletzt der Tatsache, dass Kaiser Joseph II. sie ‚demokratisierte’. Standesunterschiede spielten keine Rolle, und da alle maskiert erschienen, konnte man die Gräfin nicht von der Dienstmagd, den Grafen nicht vom Domestiken unterscheiden – die Pikanterie dieser Situation nutzte viele Jahre später Johann Strauß mit großem Effekt in seiner Fledermaus. 

 

Obwohl diese Tänze kaum sein ganzes Genie beanspruchten, nahm Mozart solche Aufträge durchaus ernst. Es waren nicht die ersten Tänze, die er schrieb, denn in seiner Zeit, ja fast im gesamten nächsten Jahrhundert, galt die Komposition von Tanzmusik nicht als minderwertige Beschäftigung. Und so zieht sich denn auch eine direkte Linie von Mozarts Tänzen zu denen von Haydn, Beethoven und Schubert bis hin zur Strauss-Familie. Mozart schrieb Menuette, Ländler und Märsche sowie Kontretänze, eine aus England importierte, immens populäre Tanzform. Bereits in Beethovens Zeit hatte das Menuett stark an Beliebtheit eingebüßt, im ‚Strauß-Zeitalter’ wurde es vollends vom Walzer verdrängt.

 

Mozarts Tänze, nach Tradition der Zeit ohne Bratschen, sind stets bezaubernd, oft geradezu sublim. Georg Tintner hat das Menuett mit Kontretanz KV 463 Nr. 1 ausgewählt, weil er das Thema des Menuetts für eine perfekte Melodie hält, „die Inkarnation dessen, was eine großartige Melodie sein sollte“. Mozart scheute auch nicht vor Humor und kleinen Überraschungen zurück, wie z.B. der Drehleier im Menuett KV 601 Nr. 2 oder den Schlittenschellen im Deutschen Tanz KV 605 Nr. 3. Sogar bei sich selbst hat er geborgt: wer seine Oper Figaros Hochzeit kennt, wird im Kontretanz KV 609 Nr.1 unschwer eine bearbeitete Fassung von „Non più andrai“ erkennen.

 

Nichts beschreibt Mozarts Tänze besser als der Titel von Hugo Wolfs Lied „Auch kleine Dinge können uns entzücken.“ Bei ihm jedoch nichts anderes als Tänze in Auftrag zu geben, war eine sträfliche Verschwendung seines Genies. Dass Mozart sich dessen durchaus bewusst war, erwähnt G.N. Nissen (der zweite Ehemann von Mozarts Witwe Constanze) in seiner Biographie des Komponisten: Auf einer (nicht mehr erhaltenen) Quittung für diese Tänze soll Mozart notiert haben: „Zu viel für das, was ich leiste, zu wenig für das, was ich leisten könnte.“

 

Georg Tintner

 

Georg Tintner wurde 1917 in Wien geboren. Seinen ersten Klavierunterricht erhielt er im Alter von sechs Jahren, und kurz darauf begann er bereits zu komponieren. Zwischen seinem neunten und dreizehnten Lebensjahr war er Mitglied der Wiener Sängerknaben, die er auch bei Aufführungen seiner eigenen Stücke leitete. Als Dreizehnjähriger begann er ein Studium an der Wiener Musikakademie, wo er bei Josef Marx Komposition und bei Felix Weingartner Dirigieren studierte. 1936 studierte er als Achtzehnjähriger die Wiener Sängernknaben für eine von Bruno Walter geleitete Aufführung von Mahlers Achter Sinfonie ein. Seine Kompositionen wurden in Konzerten und im Österreichischen Rundfunk gespielt, und im Alter von neunzehn Jahren erhielt er an der Wiener Volksoper ein Engagement als musikalischer Assistent.

 

1938 flüchtete er vor den Nationalsozialisten und verbrachte ein Jahr in England, bevor er nach Neuseeland emigrierte. Dort leitete er in den ersten Jahren eine Geflügelfarm – und war fortan strenger Vegetarier! –, bevor er 1947 Musikdirektor der Auckland String Players und der Auckland Choral Society wurde. Er war ein überzeugter Sozialist und Pazifist und fuhr Fahrrad als „Ausdruck äußerster Harmlosigkeit“.

 

1954 ging er nach Australien als Ständiger Dirigent der National Opera und später der Elizabethan Opera. In den darauffolgenden Jahren unternahm er Tourneen durch Australien und wirkte bei den ersten Opernproduktionen des australischen Rundfunks mit. 1964 war er Musikdirektor der New Zealand Opera, und von 1966-67 übernahm er in Südafrika die musikalische Leitung des Cape Town Municipal Orchestra. Obwohl ihm dort ein langjähriger Vertrag angeboten wurde, verließ Tintner das Land aus politischen Gründen und ging nach England, wo er drei Jahre lang der Londoner Sadler’s Wells Opera (der heutigen English National Opera) angehörte, und wo er als Gastdirigent mit den London Mozart Players, dem Bournemouth Symphony Orchestra und für die BBC mit dem Northern Sinfonia und dem London Symphony Orchestra arbeitete.

 

1970 kehrte er als Musikdirektor der West Australian Opera Company nach Australien zurück. 1971 verpflichtete ihn das National Youth Orchestra of Canada als Musikdirektor – eine Zusammenarbeit, die so erfolgreich war, dass sie zu sieben weiteren Einladungen führte. Tintner arbeitete besonders gern mit jungen Musikern zusammen und dirigierte und trat häufig mit Jugendorchestern verschiedener Länder auf. 1974 wurden mehrere seiner Vorlesungen von englischsprachigen Rundfunkanstalten gesendet. Wie diese Edition dokumentiert, war er auch bekannt für seine Werkeinführungen.

 

Tintners Repertoire umfasste 56 Opern, von denen er zwei Drittel auswendig dirigierte. 1974-76 war er Senior Resident Conductor der Australian Opera. Während dieser Zeit leitete er u.a. die legendären Fidelio-Aufführungen, die zum Symbol seines eigenen, ein Leben lang praktizierten Humanismus wurden. Ab 1976 wirkte Tintner als Musikdirektor des Queensland Philharmonic Orchestra, bevor er 1987 dieselbe Position beim Symphony Nova Scotia übernahm. Er trat am Pult aller australischen und neuseeländischen Orchester und Opernhäuser auf, später auch mit bedeutenden kanadischen Klangkörpern wie den Sinfonieorchestern von Montreal und Toronto. In den USA ging er er mit den Musikern des Canadian Brass auf Tournee und leitete Aufführungen am Michigan Opera Theatre.

 

Neben seiner Konzerttätigkeit machte er zahlreiche Schallplattenaufnahmen, darunter auch die in dieser Edition vorgestellten, für die Canadian Broadcasting Corporation (CBC) entstandenen Einspielungen. Die in seinen zwei letzten Lebensjahren für Naxos produzierten Aufnahmen sämtlicher Bruckner-Sinfonien brachten ihm weltweite Anerkennung.

 

Georg Tintner wurde in vier Ländern offiziell geehrt. Er erhielt mehrere Ehrendoktorate und ist Träger des österreichischen Ehrenzeichens sowie des kanadischen Verdienstordens.

 

Er starb im Oktober 1999 in Halifax in der kanadischen Provinz Nova Scotia.

 

Tanya Tintner

Deutsche Übersetzung: Bernd Delfs

 

 

Symphony Nova Scotia

 

Symphony Nova Scotia (SNS) ist das einzige Berufsorchester Kanadas östlich von Quebec City. Das 1983 gegründete und aus 37 Musikern bestehende Ensemble erhielt den Auftrag, „die Lebensqualität der Bürger von Nova Scotia zu erhöhen”. Das Orchester sieht es als seine Aufgabe an, in seinen Live-Konzerten den Einwohnern von Nova Scotia klassische Musikerlebnisse zu vermitteln. Darüber hinaus ist hat es sich durch zahlreiche von der CBC übertragene Konzerte in ganz Kanada einen Namen gemacht. Das Orchester hat an Theater- und Tanzaufführungen mitgewirkt und kürzlich einen eigenen Chor, den Symphony Nova Scotia Chorus, gegründet.

 

Durch die in dieser Serie vorgenommene Aufstellung der zweiten Violinen rechts vom Dirigenten wird der von den Komponisten erwartete antiphonale Effekt zwischen ersten und zweiten Violinen erzielt.


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