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8.557244 - GRAINGER / LILBURN: Colonial Diversions (Tintner Edition 12)
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TINTNER-GEDENKEDITION FOLGE 12

TINTNER-GEDENKEDITION             FOLGE 12

 

Percy Grainger (1892-1961) war ein ausgesprochener Exzentriker. Er praktizierte Flagellation (seine Peitschen haben im Grainger-Museum seiner Geburtsstadt Melbourne einen diskreten Platz gefunden), man sagte ihm ein inzestuöses Verhältnis mit seiner dominanten, syphilitischen Mutter nach, und er war von der Überleg-enheit der nordischen Rasse überzeugt. All das hinderte ihn jedoch nicht, einer der führenden Konzertpianisten seiner Zeit zu werden, zu dessen Bewunderern und Freunden u.a. Grieg und Delius gehörten. Grainger betätigte sich als Schriftsteller, Herausgeber und Pädagoge und war ein unermüdlicher Sammler von Volksliedern sowie ein talentierter Komponist leichter Musik. In seinem Heimatland wird er verehrt (und ein wenig überschätzt) als Australiens vor der heutigen Generation einziger weltberühmter Komponist.

 

Am überzeugendsten war Grainger als Miniaturist. Die hier eingespielten Stücke mit ihren charmanten, hervorragend instrumentierten Melodien sind dafür gute Beispiele. Obwohl er Australien kaum noch zu Gesicht bekam, nachdem er als Neunzehnjähriger in die Welt gezogen war, blieb das Land in seiner Musik präsent. Der Gum-suckers’ March handelt von Menschen aus Victoria; der Titel ist der Spitzname für diejenigen, die an warmen Tagen Eukalyptus(gummi)-Blätter wegen ihres erfrischenden ätherischen Öls kauen. Eastern Intermezzo erinnert an Graingers Kindheitsbesuche in Melbournes Chinatown. The Colonial Song ist ein patriotisches, die Gründung des australischen Bunds (1901) glorifizierendes Stück, das mit seiner Gott-und-König-Behandlung ein wenig übertrieben daherkommt, aber hervorragend gearbeitet ist. Dieser Qualität sowie Graingers Fähigkeit, Ohrwürmer zu produzieren, ist es zu verdanken, dass seine ein wenig salonhafte Musik die Zeiten überdauert hat.

 

Douglas Lilburn (1915-2001) ist unbestritten Neuseelands bedeutendster Komponist, nach Georg Tintners Meinung sogar der hervorragendste beider Länder. Er war der Sohn eines Farmers und zeigte sowohl musikalisches als auch literarisches Talent. Für die Musik entschied er sich, als er 1936 für eine seiner Kompositionen von Percy Grainger mit dem Grainger Prize ausgezeichnet wurde. 1937 ging er nach London, wo er bei Ralph Vaughan Williams studierte. Seine glühende Heimatliebe führte ihn 1940 nach Neuseeland zurück, wo er später als Musikprofessor an der Victoria University in Wellington lehrte.

 

Lilburns Musik – er schrieb u.a. drei Sinfonien – zeigt zwar den Einfluss von Vaughan Williams, in geringerem Maße auch von Sibelius, ist aber alles andere als nachahmend. Vielmehr spricht sie Lilburns unverkennbar eigene Sprache und spiegelt eindrucksvoll die herbe Schönheit der neuseeländischen Landschaft wider. Diversions for Strings entstand 1947 für die Australien- und Ozeanientournee des Boyd Neel Orchestra. Die fünf kurzen, stilistisch und formal geradlinigen Sätze bieten abwechselnde Stimmungen, die der Komponist treffend als „leicht, nostalgisch, satirisch, sentimental und hingeworfen“ beschrieb. Beim vierten Satz sollte man „sentimental“ jedoch eher als „gefühlvoll“ verstehen, handelt es sich hier doch um tief empfundene, keineswegs oberflächliche Musik.

 

George Dreyfus wurde 1928 in Wuppertal geboren und flüchtete 1939 nach Australien – jung genug, um noch etwas vom lakonischen australischen Charakter auf sich abfärben zu lassen. Vielleicht war es die mühelose Mischung zweier so unterschiedlicher Kulturen, die Dreyfus zu einem so erfolgreichen Komponisten werden ließ – von Oper und Sinfonie bis zu Filmmusik und Werbe-Jingles. Darüber hinaus ist er einer der wenigen zeitgenössischen Komponisten mit echten Gefühl für musikalischen Humor.

 

Dreyfus hatte als Komponist keine formale Ausbildung, war aber bis 1965 als Berufsfagottist tätig. Seine Serenade für kleines Orchester, deren ursprünglicher Titel Music for Music Camp lautete, entstand 1967 für die verschiedenen alljährlichen Ferien-Musiklager in Australien. In diesem seinem ersten Orchesterstück beweist Dreyfus bereits eine perfekte Beherrschung der Instrumentierung und den für ihn typischen Humor. Er selbst beschrieb dieses Stück als „unmittelbar eingängig, unbeschwert und melodiös – etwas, das junge Leute gern proben und aufführen“.

 

Arthur Benjamin (1893-1960) wuchs in Australien auf, verbrachte aber wie Grainger den größten Teil seiner Karriere im Ausland als Konzertpianist, Komponist und Dirigent. Wie Dreyfus komponierte er Stücke in allen möglichen Genres, von Oper bis Filmmusik. Sein bekanntestes Werk ist die Jamaican Rumba. Ein schönes Beispiel für seine farbenprächtige, großartig gearbeitete Musik ist auch der North American Square Dance mit seiner geschickten Verwendung von Fidelweisen aus den Vereinigten Staaten und Kanada.

 

Benjamin lebte vorwiegend in England, verbrachte aber die Kriegsjahre an der Westküste Kanadas, wo er 1938 der aus Vancouver stammenden jungen Komponistin Jean Coulthard (1908-2000) begegnete. Obwohl sie Schülerin des großen Sinfonikers Vaughan Williams war, hatte sie bis dahin nur Werke für Gesangsstimme und Klavier geschrieben. „Ich bin Benjamin wirklich zu Dank verpflichtet, dass er mir den Weg zu meiner ‚Orchesterkarriere’ bereitet hat … Er ermutigte einen dazu, auf seinen persönlichen Stil zu vertrauen“, so Coulthard. Viele ihrer Werke, einschließ-lich der Excursion Ballet Suite, wurden in Vancouver bei Benjamins höchst erfolgreichen Prom-Konzerten uraufgeführt, wobei Benjamin selbst am Pult stand.

 

Coulthard beschreibt ihre Suite als „…von einer glücklichen Jugenderinnerung inspiriert! … einem allen Westkanadiern vor dem Krieg so vertrauten Anblick, als die Bootsfähren an allen Ferieninseln im Golf von Georgia anlegten“.

 

 

Georg Tintner

 

Georg Tintner wurde 1917 in Wien geboren. Seinen ersten Klavierunterricht erhielt er im Alter von sechs Jahren, und kurz darauf begann er bereits zu komponieren. Zwischen seinem neunten und dreizehnten Lebensjahr war er Mitglied der Wiener Sängerknaben, die er auch bei Aufführungen seiner eigenen Stücke leitete. Als Dreizehnjähriger begann er ein Studium an der Wiener Musikakademie, wo er bei Josef Marx Komposition und bei Felix Weingartner Dirigieren studierte. 1936 studierte er als Achtzehnjähriger die Wiener Sängernknaben für eine von Bruno Walter geleitete Aufführung von Mahlers Achter Sinfonie ein. Seine Kompositionen wurden in Konzerten und im Österreichischen Rundfunk gespielt, und im Alter von neunzehn Jahren erhielt er an der Wiener Volksoper ein Engagement als musikalischer Assistent.

 

1938 flüchtete er vor den Nationalsozialisten und verbrachte ein Jahr in England, bevor er nach Neuseeland emigrierte. Dort leitete er in den ersten Jahren eine Geflügelfarm – und war fortan strenger Vegetarier! –, bevor er 1947 Musikdirektor der Auckland String Players und der Auckland Choral Society wurde. Er war ein überzeugter Sozialist und Pazifist und fuhr Fahrrad als „Ausdruck äußerster Harmlosigkeit“.

 

1954 ging er nach Australien als Ständiger Dirigent der National Opera und später der Elizabethan Opera. In den darauffolgenden Jahren unternahm er Tourneen durch Australien und wirkte bei den ersten Opernproduktionen des australischen Rundfunks mit. 1964 war er Musikdirektor der New Zealand Opera, und von 1966-67 übernahm er in Südafrika die musikalische Leitung des Cape Town Municipal Orchestra. Obwohl ihm dort ein langjähriger Vertrag angeboten wurde, verließ Tintner das Land aus politischen Gründen und ging nach England, wo er drei Jahre lang der Londoner Sadler’s Wells Opera (der heutigen English National Opera) angehörte, und wo er als Gastdirigent mit den London Mozart Players, dem Bournemouth Symphony Orchestra und für die BBC mit dem Northern Sinfonia und dem London Symphony Orchestra arbeitete.

 

1970 kehrte er als Musikdirektor der West Australian Opera Company nach Australien zurück. 1971 verpflichtete ihn das National Youth Orchestra of Canada als Musikdirektor – eine Zusammenarbeit, die so erfolgreich war, dass sie zu sieben weiteren Einladungen führte. Tintner arbeitete besonders gern mit jungen Musikern zusammen und dirigierte und trat häufig mit Jugendorchestern verschiedener Länder auf. 1974 wurden mehrere seiner Vorlesungen von englischsprachigen Rundfunkanstalten gesendet. Wie diese Edition dokumentiert, war er auch bekannt für seine Werkeinführungen.

 

Tintners Repertoire umfasste 56 Opern, von denen er zwei Drittel auswendig dirigierte. 1974-76 war er Senior Resident Conductor der Australian Opera. Während dieser Zeit leitete er u.a. die legendären Fidelio-Aufführungen, die zum Symbol seines eigenen, ein Leben lang praktizierten Humanismus wurden. Ab 1976 wirkte Tintner als Musikdirektor des Queensland Philharmonic Orchestra, bevor er 1987 dieselbe Position beim Symphony Nova Scotia übernahm. Er trat am Pult aller australischen und neuseeländischen Orchester und Opernhäuser auf, später auch mit bedeutenden kanadischen Klangkörpern wie den Sinfonieorchestern von Montreal und Toronto. In den USA ging er er mit den Musikern des Canadian Brass auf Tournee und leitete Aufführungen am Michigan Opera Theatre.

 

Neben seiner Konzerttätigkeit machte er zahlreiche Schallplattenaufnahmen, darunter auch die in dieser Edition vorgestellten, für die Canadian Broadcasting Corporation (CBC) entstandenen Einspielungen. Die in seinen zwei letzten Lebensjahren für Naxos produzierten Aufnahmen sämtlicher Bruckner-Sinfonien brachten ihm weltweite Anerkennung.

 

Georg Tintner wurde in vier Ländern offiziell geehrt. Er erhielt mehrere Ehrendoktorate und ist Träger des österreichischen Ehrenzeichens sowie des kanadischen Verdienstordens.

 

Er starb im Oktober 1999 in Halifax in der kanadischen Provinz Nova Scotia.

 

Tanya Tintner

Deutsche Übersetzung: Bernd Delfs

 

 

Symphony Nova Scotia

 

Symphony Nova Scotia (SNS) ist das einzige Berufsorchester Kanadas östlich von Quebec City. Das 1983 gegründete und aus 37 Musikern bestehende Ensemble erhielt den Auftrag, „die Lebensqualität der Bürger von Nova Scotia zu erhöhen”. Das Orchester sieht es als seine Aufgabe an, in seinen Live-Konzerten den Einwohnern von Nova Scotia klassische Musikerlebnisse zu vermitteln. Darüber hinaus ist hat es sich durch zahlreiche von der CBC übertragene Konzerte in ganz Kanada einen Namen gemacht. Das Orchester hat an Theater- und Tanzaufführungen mitgewirkt und kürzlich einen eigenen Chor, den Symphony Nova Scotia Chorus, gegründet.

 

Durch die in dieser Serie vorgenommene Aufstellung der zweiten Violinen rechts vom Dirigenten wird der von den Komponisten erwartete antiphonale Effekt zwischen ersten und zweiten Violinen erzielt.


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