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8.557273 - ELGAR: Marches
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Edward Elgar (1857-1934)
Märsche

Sir Edward Elgars Stellung innerhalb der Musikgeschichte seines Heimatlandes ist eine eigenartige. Viele assoziieren ihn mit dem britischen oder – genauer gesagt – dem englischen Imperialismus, wie er sich namentlich in Land of Hope and Glory manifestiert – jener patriotischen Hymne, die unterdessen alljährlich mit ebensoviel Begeisterung wie mit einem gewissen Augenzwinkern in der Last Night of the Proms angestimmt wird. Das Bild von Elgar als edwardianischer Gentleman vom Lande mit Hunden und Pferden ist indes trügerisch. Elgar war der Sohn eines Ladenbesitzers, und zwar zu einer Zeit, in der man als Händler gewissermaßen für sein ganzes Leben gebrandmarkt war und die Überwindung dieser Herkunft einem allenfalls den Ruf eines Laden- Verkäufers eintrug. Und so war es denn auch die Heirat mit der neun Jahre älteren Tochter eines pensionierten Generalmajors der indischen Armee, einer ehemaligen Schülerin, die Elgar moralisch und gesellschaftlich die notwendige Unterstützung angedeihen ließ und ihm den Weg in die edwardianische Gesellschaft ebnete. Gleichwohl stand Elgar als Komponist im Grunde genommen der romantischen Tradition deutscher Prägung sehr viel näher als der sich seinerzeit erst entwickelnden neuen Richtung der englischen Musik mit ihren pastoralen Bezügen auf jüngst gesammelte Volkslieder.

Edward Elgar wurde 1857 nahe Worcester im Westen Englands geboren. Sein Vater war Klavierstimmer, Organist, Violinist und schließlich eben auch Ladenbesitzer, und so war er es denn auch, durch den Elgar den größten Teile seiner musikalischen Ausbildung erfuhr. Seinen Lebensunterhalt bestritt Elgar zunächst als freischaffender Musiker, durch Unterricht, als Violinist und Organist sowie durch Dirigate der lokalen Amateur-Orchester und -Chöre. Nach einigen Fehlschlägen war sein erster Erfolg außerhalb der West Midlands dann 1879 der Imperial March, der anlässlich der Feierlichkeiten zum 60. Kronjubiläum von Königin Victoria entstanden war. Sein Ruf festigte sich weiter mit der Komposition der sogenannten Enigma Variations von 1899. Das ein Jahr darauf entstandene Oratorium The Dream of Gerontius war bei seiner Uraufführung in Birmingham zwar noch weniger erfolgreich, sollte später aber zum Kernrepertoire britischer Chormusik zählen. Und auch wenn sein Verlag, Novello, ihn nicht immer sonderlich großzügig behandelte, so konnte er doch auf die Unterstützung des deutschstämmigen Augustus Johannes Jaeger zählen, der Lektor bei Novello war und der in Elgars Musik die große Verwandtschaft mit der Musik seines Heimatlandes erkannte.

Öffentliche Anerkennung brachte Elgar schließlich manche Ehrung ein, wobei sein Ruf endgültig durch die Komposition der Musik zur Krönung König Edwards VII. gefestigt wurde. Er wurde mit Ehrendoktoraten an altehrwürdigen und jungen Universitäten ausgezeichnet und 1904 zum Ritter geschlagen. Zu den späteren offiziellen Ehrungen gehört der Verdienstorden ‚Order of Merit’ anlässlich der Krönungsfeierlichkeiten von 1911 sowie schließlich, 1931, die Erhebung in den Rang eines Baronets. Dass auch das musikalische Establishment Englands ihn vollends akzeptiert hatte, bezeugte 1925 die Verleihung der Goldmedaille der Royal Philharmonic Society - eine Ehrung, die zuvor erst Frederick Delius zuteil geworden war.

Elgars Stil änderte sich maßgeblich in den letzten Jahren des Ersten. Weltkrieges, eine Entwicklung, die sich namentlich im Cellokonzert von 1919 ablesen lässt. Mit dem Tod seiner Frau im Jahr 1920 fiel für Elgar eine ebenso lang währende wie wichtige Unterstützung weg, so dass die letzten vierzehn Jahren seines Lebens als Komponist von nachlassender Inspiration und Energie geprägt waren, selbst wenn er als Dirigent auch weiterhin seinen Verpflichtungen im Konzertsaal und im Aufnahmestudio nachkam. Elgar starb 1934.

Die von Elgar komponierten Märsche, gleich ob sie für öffentliche Anlässe oder als Teil anderer Werke entstanden, repräsentieren lediglich einen Teil seines kompositorischen Schaffens, wobei dieser Teil – der großen Popularität, der einige von ihnen sich erfreuen, zum Trotz – durchaus nicht der bedeutendste innerhalb seines OEuvres ist. Insgesamt stehen die Märsche jedoch nicht selten für durchaus inhaltsreiche Musik, die keinesfalls chauvinistisch konzipiert ist, wie auch immer die Konnotationen sein mögen.

1911 erhielt Elgar den Auftrag, einen Marsch für die Krönungsfeier König Georgs V. zu komponieren, ein Anlass, dem Elgar und seine Frau fernblieben, da sie zum einen die Länge der Zeremonie fürchteten, zum anderen die ihnen zugeteilten Plätze im Südschiff von Westminster Abbey ohnedies nur bedingt Sicht auf die Zeremonie geboten hätten und Elgar obendrein Menschenaufläufe verabscheute. Der Coronation March beginnt mit einem eigentlich weniger festlichen Thema, das ursprünglich für ein Ballett nach Rabelais gedacht war, das freilich Elgars Frau entschieden abgelehnt hatte, als es sieben Jahre zuvor in Planung war. Aber auch wenn Elgar für diesen Marsch noch weitere frühere Skizzen verwendet hat, ist das Resultat doch keinesfalls bloß ein oberflächliches Gelegenheitswerk, sondern vielmehr ein Orchesterwerk von einigem Gewicht, von symphonischen Proportionen und durchaus ernsthafter Gesinnung.

1901 hatte Elgar die Musik für das Schauspiel Grania and Diarmid von George Moore und W. B. Yeats geschrieben, das im Oktober desselben Jahres am Gaiety Theatre in Dublin über die Bühne ging. In diesem Stück geht es um die Rivalität zwischen Finn und seinem Neffen Diarmid im Streit um die Hand von Grania - ein Streit, in dem Diarmids Erfolg schließlich zu seiner Ermordung durch Finn mündet. In einem Brief an Jaeger beschreibt Elgar die Begräbnis-Musik als „groß und sonderbar“, und dass sie dem Empfänger seines Schreibens vermutlich gefallen würde. Der Funeral March ist ein düsteres Stück, das einen an das keltische Zwielicht in den frühen irischen Mythen denken lässt und das von den Autoren des Stücks sehr gelobt wurde. Elgar widmete es dem Dirigenten Henry Wood und nahm es auch in seine eigenen Konzertprogramme auf.

Die ersten beiden Pomp and Circumstance Märsche entstanden im selben Jahr. Besonders zufrieden war er mit der Melodie des Trio-Teils aus dem Marsch Nr. 1 in D-Dur, einer Melodie, die – in seinen eigenen Worten – „sie umhauen wird“. Die bekannte Melodie gewann noch an Ruhm, als sie mit A. C. Bensons Worten für die Coronation Ode von 1902, Land of Hope and Glory, unterlegt wurde. Der 2. Marsch in a-Moll ist weniger bekannt. Dem ersten, sich steigernden Thema steht kontrastierend ein lyrischeres zweites Thema gegenüber. Der lebhafte Trio-Teil steht dann in A-Dur. Das Werk ist dem Dirigenten und Komponisten Granville Bantock gewidmet.

Den 3. Pomp and Circumstance Marsch in c-Moll vollendete Elgar 1904, nachdem er ihn bereits dem Organisten und Chorleiter an der Kathedrale von Worcester, Ivor Atkins, gewidmet hatte. Der Marsch hebt recht ominös an, ehe die Melodie in genaueren Umrissen erscheint und die Musik sich zu einem ersten Höhepunkt steigert. Das munter-lyrische Trio steht dazu in deutlichem Kontrast und wird vom Marschthema eingerahmt, ehe es dann noch einmal vor der umfangreichen Coda in Erscheinung tritt. Der 4. Marsch in G-Dur wurde 1907 vollendet und ist dem Organisten der Kathedrale von Hereford, George Robertson Sinclair gewidmet, der, gemeinsam mit seinem Hund Dan, auch in den Enigma Variations vorkommt. Dieser Marsch steht an Popularität dem ersten nur knapp nach, wobei sich der Trio-Teil wiederum für eine Textierung nachgerade anbietet. Der 5. Pomp and Circumstance Marsch in C-Dur schließlich entstand 1930 und ist Sinclairs Nachfolger an der Kathedrale von Hereford, Percy Hull, gewidmet. Der lebhafte Hauptteil steht in deutlichem Kontrast zum A-Dur-Trio, das – nobilmente überschrieben – ähnlich wie das Trio des vierten Marsches noch einmal nach der Reprise des ersten Teils wiederkehrt.

Die Kantate Caractacus vollendete Elgar 1898. Der Text stammt von Harry Acworth, einem Nachbarn aus den West Midlands, der bereits den Text für den noch früheren King Olaf verfasst hatte. Es geht Niederschlagung des britischen Stammesführers Caractacus durch den römischen Kaiser Claudius, seine Gefangenschaft in Rom und die Freilassung durch den Kaiser zum Thema hatte. Im Stück wird aber auch der Untergang des Römischen Reiches vorhergesagt, das seine rechtmäßige Nachfolge im britischen Empire Königin Victorias finden wird. Die Handlung fand Elgars Gefallen, da die letzte Schlacht Caractacus’ der Überlieferung nach doch in der Umgebung von Herefordshire stattfand. Der Triumphal March markiert den Höhepunkt des Dramas.

Zeitgenössischer Patriotismus kommt im March of the Moghul Emperors zum Ausdruck, einer Episode der von Henry Hamilton 1912 am Coliseum inszenierten Imperial Masque, einer Verherrlichung der Durbar von 1911 mit dem Titel The Cities of Ind. Die Durbarmarkiert dabei nicht allein den Regierungsantritt von König Georg V., sondern zudem die Verlegung der Indischen Hauptstadt von Kalkutta nach Delhi, einem Ort, von dem die Großmogule der Vergangenheit angemessen Zeugnis ablegen, freilich mit eher weniger positiven Aussagen von St. Georg, der das letzte Wort König Georg überlässt.

Im April 1924 trat Elgar die Nachfolge Sir Walter Parratts als Master of the King’s Musick zu einer Zeit an, in der er mit den Feierlichkeiten des Empire an der Wembley Exhibition beschäftigt war, für die er den Empire March komponierte, der dann allerdings bei der Eröffnung der Ausstellung – auf königlichen Wunsch hin – durch den früher entstandenen Imperial March ersetzt wurde, dann aber zur Eröffnung der Pageant of Empire im Sommer verwendet wurde, einem patriotischen Spektakel, bei dem Musik von Elgar und anderen erklang. Die Musik spiegelt einen unwahrscheinlichen Optimismus in einer stark veränderten Welt wider.

Polonia entstand 1915 für ein Konzert zugunsten des Polish Victims’ Relief Fund. Elgar verwendet hier polnische Themen, wie etwa nach der Introduktion ein polnisches Nationallied, das mit der Revolte gegen den Russischen Zaren im Jahr 1863 in Verbindung steht. Später greift Elgar auch auf Chopins Nocturne Nr. 11 in g-Moll und eine Melodie aus Paderewskis Polnischer Fantasie zurück. Ein weiteres polnisches Nationallied wird im letzten Abschnitt mit dem nötigen patriotischen Enthusiasmus präsentiert. Elgar widmete das Werk Paderewski und bezeichnete es selbst als symphonisches Prélude.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Matthias Lehmann


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