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8.557278 - BOYCE: Symphonies Nos. 1-8, Op. 2
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William Boyce (1711–1779): Acht Sinfonien, op. 2

Den englischen Komponisten William Boyce kennt man heute vor allem durch seine Kirchenmusik, seine Anthems, die Werke für die Liturgie der Kirche von England und die hier vorliegenden Acht Sinfonien zu acht Stimmen, op. 2 von 1760. Boyce wurde in London als Sohn eines Möbelschreiners geboren. Er sang als Chorknabe an St. Paul’s Cathedral unter Charles King und erhielt Orgelunterricht von Maurice Greene, dessen Lehrling er wurde und ihm so einige Zeit auch als Kopist diente. Man sagt, Boyce habe auch Stunden von Johann Christian Pepusch erhalten, dem erfolgreichen Arrangeur der Musik von John Gays The Beggar’s Opera, der außerdem ein anerkannter Theoretiker und als Forscher mit einem besonderen Interesse für ältere Musik Mitbegründer der Academy of Ancient Music war. Pepusch dürfte für den Enthusiasmus Boyces verantwortlich sein, was das Studium älterer Musik und deren Theorie angeht, der sich etwa in der freilich unveröffentlichten Abhandlung Harmonics, or an Attempt to Explain the Principles on which the Science of Music is Founded (Harmonie oder ein Versuch die Prinzipien zu erklären, auf denen sich die Wissenschaft der Musik gründet) geäußert hat. 1734 wurde er Organist an der Oxford Chapel in der Vere Street (jetzt St. Peter’s), zwei Jahre darauf an St. Michael’s, Cornhill. Außerdem trat er 1736 die Nachfolge von John Weldon als zweiter Komponist der Chapel Royal an, wobei er zudem die Pflichten des zweiten Organisten unter dem ersten Komponisten und Organisten, Maurice Greene übernahm, mit dem er auch in der Apollo Academy zusammenarbeitete, einer Gesellschaft für die Aufführung weltlicher Musik. Und mehr als zwanzig Jahre stand er als Dirigent dem Three Choirs’ Festival vor.

Mit der Zeit konnte sich Boyce auch als Komponist einen gewissen Namen machen, namentlich nach dem Erfolg von Salomon, dem er den in England bis dato eher ungebräuchlichen Untertitel Serenata gab und der dann 1742 erstmals in der Londoner Apollo Academy erklang. In diesen Jahren schrieb er auch unterschiedliche Musiken für Londoner Bühnen, namentlich im Auftrag von David Garrick, der ihn für zuverlässiger als Thomas Arne hielt. 1748 wurde Boyce dann Organist von All Hallows in der Thames Street, die Kirche der Schreinerzunft, an der sein Vater ab 1723 ständiger Kirchendiener war, mit einer Wohnung im Zunfthaus, in der Boyce anscheinend bis zum Tod seines Vaters im Jahr 1752 lebte. Die Stelle an All Hallows behielt er bis zu seiner Entlassung im Jahr 1758, wobei er seine Verantwortung des öfteren einer Vertretung übertragen musste. Seine Stelle an St. Michael’s, Cornhill, behielt er noch zehn Jahre länger, ehe dann auch dort eine vergleichbar unzufriedenstellende Situation zu seinem Rücktritt führte. 1758 wurde er dann auch offiziell Organist der Chapel Royal. Bereits 1755 hatte er – nach Greenes Tod – dessen Nachfolge als Leiter der King’s Band of Musick angetreten. Dabei übernahm er auch weitere frühere Aufgaben von Greene, etwa die Zusammenstellung der bedeutenden Anthologie Cathedral Music, jener Collection in Score of the Most Valuable and Useful Compositions for That Service by Several English Masters of the Last 200 Years, wie der volle Titel lautete, die zwischen 1760 und 1773 dann in drei Bänden veröffentlicht wurde und deren Einfluss auf das Repertoire der Kirche von England bis zum heutigen Tag fortdauert.

Für offizielle Anlässe hatte der Hof von Hannover stets die Musik Händels bevorzugt. Mit dessen Tod im Jahr 1759 ergab sich für Boyce nun die Gelegenheit, die Anthems zur Beisetzung George II. 1760, sowie für die Krönungsfeierlichkeiten seines Nachfolgers, George III. im darauffolgenden Jahr zu komponieren. Herrschte zwischen Händel und Greene – möglicherweise durch Greenes Berufung zum Leiter der King’s Musick im Jahr 1727 – offene Feindschaft, so hatte Boyce stets großen Respekt vor Händel, sodass er dessen Stil der ‚Entlehnung’, die darin bestand, die ‚Kieselsteine’ anderer aufzunehmen, um sie in ‚Diamanten’ zu verwandeln, wiederaufleben ließ. Charles Burney pries ihn für seine Händel-Referenz, lobte aber auch, dass er diesen „weder plünderte noch ihn sklavisch imitierte“. In seinen letzten Lebensjahren schränkte Boyce seine musikalischen Aktivitäten ein und lieferte vor allem noch die königlichen Neujahrs- und Geburtstagsoden. Sein Tod im Jahr 1779 löste eine große Welle der Trauer aus, und bei seinem Begräbnis unter der Kuppel von St. Paul’s sangen die vereinten Chöre von St. Paul’s und von Westminster Abbey.

Die Acht Sinfonien zu acht Stimmen, die aus einer Reihe von früheren Kompositionen zusammengestellt wurden, veröffentlichte Boyce 1760. Die ersten vier Sinfonien folgen dabei der Form nach der dreisätzigen Italienischen Ouvertüre, auch wenn Boyce einen langsamen Satz lediglich in der ersten dieser Sinfonien verwendet. Die Sinfonie Nr. 1 in B-Dur hat ihren Ursprung in der Ouvertüre zur Neujahrs-Ode Hail, hail, auspicious day von 1756. Das Werk entspricht so recht dem damaligen Zeitgeschmack, und zwar sowohl was die Form an sich angeht, als auch im Hinblick auf die Behandlung von Melodie und Rhythmus und dem ebenso effektvollen wie melodiösen langsamen Satz im Zentrum.

Die Sinfonie Nr. 2 in A-Dur fußt ebenfalls auf einer Komposition für den Hof, der Ouvertüre zur königlichen Geburtstags-Ode von 1756, When Cesar’s natal days. Und so ist der erste der drei Sätze auch von entsprechend feierlichem Gestus. Ihm schließt sich als zweiter Satz ein Vivace, ein kleiner, eleganter Tanz an, wobei auch der dritte Satz dann von vergleichbarem Charme ist.

Die Sinfonie Nr. 3 in C-Dur wird in einem eher formell-barocken Stil eröffnet. Ursprünglich handelt es sich um die Ouvertüre zu The Chaplet, einem zweiaktigen Nachspiel, das erstmals am 2. Dezember 1749 in der Drury Lane gegeben wurde. Auftraggeber war David Garrick, und das Libretto stammte von Moses Mendez, einem wohlhabenden jüdischen Börsenmakler, dessen portugiesischer Großvater als Arzt in Diensten der Königin Catherine von Braganza nach London gekommen war. The Chaplet ist ein pastorales Stück in dem zwei Schäferinnen – die unschuldige Laura und die weltgewandtere Pastora – um die Gunst des Schäfers Damon wetteifern. Wie die Pamela Richardsons, weigert sich Laura, Damon ihre Gunst ohne Heirat zu gewähren, eine Forderung, der Damon schließlich nachgibt, sodass Pastora nur bleibt, sich an den jungen Sopranisten Palaemon zu halten, den sie – wie sich herausstellt – bereits kennt. Bemerkenswert ist die Verwendung des Fagotts, das in Tenorlage die Melodie der Violine im in a-Moll stehenden zweiten Satz doppelt – ein Effekt, den Boyce verschiedentlich einsetzt.

Die Sinfonie Nr. 4 in F-Dur geht zurück auf die Ouvertüre zu The Shepards’ Lottery, einem zweiaktigen Nachspiel, dessen Libretto ebenfalls von Moses Mendez stammt, und das am 19. November 1751 erstmals in der Drury Lane über die Bühne ging. Erneut handelt es sich um eine Pastorale, die allerdings weniger populär als das frühere Werk war. Die titelgebende Lotterie bezieht sich auf einen Brauch zum 1. Mai, bei dem die Schäfer die Namen ihrer Frauen aus einer Urne zogen. Phyllis, die naive Schäferin dieses Stücks, hofft, dass ihr Name von ihrem Geliebten, Thyrsis, gezogen wird, während die erfahrenere Daphne gar keine Zeit für Männer hat und die Gelegenheit nutzt, den Hirten Colin zu kränken. Dieser aber ist der Gewinner des Tages, da er sich weigert, überhaupt einen Namen zu ziehen. Die Sinfonie hebt mit einem lebhaften Allegro an, dem sich ein Vivace ma non troppo anschließt, das Boyce – wie des Öfteren in vergleichbaren Sätzen – mit piano sempre markiert hat. Auffallend in diesem im 9/8-Takt notierten Satz ist die intensive Verwendung von Blasinstrumenten, namentlich wenn Fagotte oder Hörner die Melodie der Violine doppeln. Am Ende des Werkes steht eine charakteristische Gavotte.

Die Sinfonie Nr. 5 in D-Dur hat ihre Ursprünge in der Ouvertüre in der Cäcilien-Ode von 1739, See famed Apollo and the nine, auf Worte des vielseitigen John Lockman, dem Schreiber und Sekretär der British Herring Fishery, der „sich durch seine ebenso zahlreichen wie kuriosen Schriften einen Namen gemacht hat“, wie es in Faulkner’s Dublin Journal anlässlich der Erstaufführung in Dublin hieß. In London konnte man es in der Apollo Academy hören, wodurch man die direkte Konkurrenz zu Händel umging. Die Sinfonie folgt der Form nach der Französischen Ouvertüre, mit einer würdevoll-formellen Eröffnung, die von Trompeten und Trommeln getragen wird, ehe sich der obligatorisch fugierte Abschnitt anschließt. Abgerundet wird das Werk von einer Gavotte und einem Minuet.

Die Sinfonie Nr. 6 in F-Dur geht zurück auf die Ouvertüre zu Salomon, mit dem Boyce überaus erfolgreich war. Der Text stammt von Edward Moore, einem Autoren, der ganz offen dazu stand, dass seine literarischen Bemühungen ihre Ursprünge „mehr in der Notwendigkeit als in reiner Neigung“ hatten. Der Text ist dabei nicht allein dem Hohenlied Salomos verpflichtet, sondern auch Reverend Samuel Croxalls The Fair Circassian. Der erste der beiden Sätze ist im Stile einer Französischen Ouvertüre gehalten, mit dem entsprechend punktierten Rhythmus und dem sich anschließenden fugierten Abschnitt. Der zweite Satz kommt dann als Tanzsatz im Larghetto daher.

Die Sinfonie Nr. 7 in B-Dur war ursprünglich die 1740 Komponierte Ouvertüre zur Ode Gentle lyre begin the straine auf Worte von Walter Harte nach Pindar. Wiederum folgt das Werk zunächst dem Schema der Französischen Ouvertüre, mit einer Andante-Eröffnung im punktierten Rhythmus, die in einen spirituoso überschriebenen fugierten Abschnitt mündet. Es folgen ein würdevoller Tanzsatz und eine lebhaftere englische Jigg als Abschluss.

Bekannt auch unter den Namen The Worcester Overture und Konzert in d-Moll, gibt die Sinfonie Nr. 8 schon durch diese alternativen Titel etwas von ihren Ursprüngen preis. Boyce verwendet wiederum das Muster der Französischen Ouvertüre, wobei sich dem pomposo überschriebenen Beginn eine Studie im kontrapunktischen Satz anschließt. Die beiden übrigen Sätze folgen den vom englischen Publikum der Zeit noch erwarteten Tanztypen, die freilich bald von den Neuerungen Johann Christian Bachs verdrängt werden sollten.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Matthias Lehmann


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