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8.557284 - ALFVEN: Symphony No. 4, Op. 39 / Festival Overture, Op. 52
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Hugo Alfvén (1872–1960)
Sinfonie Nr. 4 „Von den äußersten Schären“ • Festival Ouvertüre

Auch wenn die Musik von Hugo Alfvén international nicht häufig aufgeführt wird, gilt er im heimatlichen Schweden neben Wilhelm Stenhammar (1871–1927) als der bedeutendste Komponist nach Franz Berwald (1796–1868). Am 1. Mai 1872 in Stockholm geboren, studierte er am dortigen Konservatorium, worauf er zwei Jahre als Violinist im Opernorchester wirkte. Dann wandte er sich ganz der Komposition zu. Anders als seine Vorgänger war er ehrgeizig: Zwei gewichtige Symphonien (Naxos 8.553962 und 8.555072) erschienen 1897 bzw. 1898; die Stockholmer Premiere der letzteren im Jahr 1900 festigte seine nationale Reputation.

Im folgenden Vierteljahrhundert entstand eine Reihe von Hauptwerken, darunter die 4. und die 5. Symphonie, das Oratorium Das Vaterunser, die Revelation Cantata, die Ballett-Pantomime Bergakungen („Der Bergkönig“) und drei Schwedische Rhapsodien, deren erste, Midsommarvaka („Sommernachtswache“) (Naxos 8.553115), sein bis heute populärstes Werk ist. Nach 1923 konzentrierte sich sein Schaffen zunehmend auf Chormusik, worin sich sein Wirken als Dirigent des Siljan-Chors und des Studentenchors „Orphei drängar“ spiegelt, mit denen er häufig unterwegs war. Die 5. Symphonie nahm ihn während der 1940er und 1950er sehr in Anspruch, während das Ballett Den förlorade sonen („Der verlorene Sohn“) den 85-jährigen Komponisten als einfindungsreichen Bearbeiter von traditioneller Musik und Volksmusik zeigt. Alfvén starb als Grandseigneur der schwedischen Musik am 8. Mai 1960 in Falun.

Als begabter Aquarellist und anschaulich erzählender Schriftsteller war Alfvén sowohl vom Können als auch vom Temperament her imstande, die unverwechselbare Insellandschaft der Stockholmer Schären zu schildern, in deren Nähe er viele seiner prägenden Jahre verbracht hatte. Die Tondichtung En skärgärdssägen („Eine Sage aus den Schären“) von 1904 (Naxos 8.553729) breitet eine Klangwelt aus, die weit von der Dramatik der beiden ersten Symphonien entfernt ist, und so überraschte es sehr, als Alfvén sich vier Jahre später entschloss, den Eindrücken aus der Inselwelt symphonischen Ausdruck zu geben. Die Arbeit an der 4. Symphonie kam nur mit Unterbrechungen voran. Erst 1918 – nach mehreren Segeltouren und einem Sabbatjahr als Musikdirektor der Universität Uppsala – konnte er zügig vorankommen. Das Werk wurde im Frühjahr 1919 vollendet und erlebte seine Premiere auf einem Galakonzert in der Stockholmer Musikakademie am 4. November desselben Jahres, gefolgt von einer öffentlichen Aufführung am 23. Januar 1920. Trotz Vorbehalten von Seiten einiger prominenter Kritiker erfuhren diese beiden Aufführungen und weitere in Paris, Frankfurt/Main, Wien und Berlin allgemeine Zustimmung.

Einer der Haupteinwände bezog sich auf die Verwendung einer Sopran- und einer Tenorstimme als Teil des Orchesterapparats, obgleich Alfvén sich ohne Zweifel dessen bewusst war, dass es mit Nielsens 3. Symphonie von 1911 (Naxos 8.550825) in dieser Hinsicht einen Vorgänger gab. Eine weitere Kritik betraf die erotische Natur des Programms der Symphonie, die Alfvén zu widerlegen versuchte bis dahin, dass er das Werk seiner Tochter Margita widmete, die damals Teenager war. Gleichwohl äußerte er: „Meine Symphonie erzählt die Geschichte zweier junger Menschen. Sie spielt in den Schären, wo in dunklen, stürmischen Nächten, im Mondlicht und bei Sonnenschein die See zwischen den Felsen tobt ... Die Launen der Natur sind nichts weiter als Symbole für das menschliche Herz.“ Ohne Unterbrechungen gespielt, hat das Werk vier Teile: einen ersten Satz mit einer langsamen Einleitung, der die Sehnsüchte eines jungen Mannes schildert, ein intermezzoartiges Scherzo, das die Gedanken eines jungen Mädchens evoziert, einen langsamen Satz, der das Liebesglück beschreibt, und ein Finale, dessen „sturmgepeitschte“ Stimmung eine Analogie für das Ende dieses Glücks ist und in dem die Solostimmen gleichsam durch ihr Schweigen präsent sind.

Der geheimnisvolle Beginn setzt den Rahmen; Säuselnde Klavierfiguren und Schlagwerk führen zu einem kurzen Höhepunkt, der in den Klang der Solovioline übergeht, getragen von den sanften hohen Streichern. Das Thema geht auf die tieferen Streicher über und gewinnt an emotionaler Intensität mit Klängen von Straussscher Opulenz. Die Leidenschaft lässt nach, wenn der Tenor mit einer ausdrucksstarken Melodie erstmals auftritt. In langsamerem Tempo wird der kurze erste Höhepunkt nochmals erreicht, gefolgt von einer Wiederholung der Tenor-Vokalise. Absteigende Arabesquen der Holzbläser kündigen der Scherzo-Teil an, der mit „stechenden“ Figuren der Solobläser aufwartet, worauf der Sopran seinen ersten sehnsuchtsvollen Einsatz hat, unterlegt vom Klavier. Diese sehnsuchtsvollen Klänge gehen über in einen kunstvolleren Satz, um schließlich im Äther zu entschwinden. Der „langsame Satz“ beginnt tastend in den tieferen Streichern, bewegt sich auf einen bejahenden Höhepunkt zu, um in eine sanfte Rhapsodie überzugehen. Der üppige Satz enthält Vokalisen von Tenor und Sopran; beide Stimmen werden wieder eingeführt und eng verflochten, um die Stimmung ekstatischer Erfüllung noch zu steigern. Eher unberechenbaren Charakter hat der Höhepunkt des Satzes, der mit einer ausweglosen Bestimmtheit vorwärts jagt, während die Solostimmen außer Hörweite geraten. Die Musik wird merklich dunkler; ein kurzer, aber heftiger Ausbruch der Bläser leitet in den letzten Abschnitt über, den eine aufgewühlte Stimmung beherrscht. Holzbläser steuern ihre Böses verheißende Färbung bei. Dann, nach magischen Texturen für Klavier, Harfe und Streicher, intoniert das Solo- Englischhorn eine Melodie, die Resignation angesichts des Unabwendbaren ausdrückt. Frühere Themen werden wieder aufgegriffen als Impuls für einen letzten, tragischen Höhepunkt, der ebenso auf den Beginn dieses Abschnitts wie auf den des gesamten Werkes anspielt. So verbleibt es den letzten Takten, die Musik in die Tiefen des Wassers zurückzuführen, aus denen sie erwuchs.

Eine ganz andere Seite des Komponisten ist in der Festouvertüre von 1944 zu hören, die im selben Jahr in Stockholm erstmals aufgeführt wurde. Sie zeigt Alfvén als angesehene öffentliche Person, die Musik in einem direkten, unkomplizierten Idiom für ein denkbar großes Publikum schreibt. Das Stück wird von einem erhabenen Thema der Streicher und Bläser eröffnet; Holzbläser beruhigen die Stimmung, bevor das Solo- Fagott ein lebhaftes, tänzerisches Thema einführt. Vom Rest des Orchesters aufgegriffen, wird es bald mit dem Eingangsthema kombiniert, worauf eine kurze, aber lebhafte Durchführung beider Themen erfolgt. Die ruhige Passage kehrt wieder, um eine komplette Wiederholung des Anfangs hervorzubringen. Jetzt führt das Tanzthema zu einer rasanten Koda, welche die Ouvertüre zu einem triumphalen Abschluss führt.

Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Thomas Theise


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