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8.557285 - SAINT-SAENS: Organ Music
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Camille Saint-Saëns (1835–1921)

Musik für Orgel

Rund 75 Jahre lang, von frühester Kindheit bis ins hohe Alter, genoss Camille Saint-Saëns weltweit großes Ansehen als Pianist und Organist. Darüber hinaus war er auch ein äußerst produktiver Komponist. Während seiner Laufbahn als Orgelvirtuose unternahm Saint- Saëns ausgedehnte Konzertreisen durch ganz Europa und trat 1906 und 1915 sogar in den Vereinigten Staaten auf. Zudem hatte er die Position des Organisten an der Èglise de la Madeleine in Paris inne. Nur ein kleiner Teil seiner Kompositionen hat sich im Konzertsaal und in den Schallplattenkatalogen halten können, der größte Teil seines Schaffens hingegen ist bis heute relativ unbekannt geblieben. Diese unverdiente Vernachlässigung erstreckt sich auch auf seine 22 veröffentlichten Orgelwerke, zu denen Werke für Orgel solo, Orgel und Orchester, Transkriptionen und Kammermusik gehören. Während seines langen Lebens blieb die Orgel ein zentraler Aspekt seines Komponierens, und einige seiner ersten und seiner letzten Werke entstanden für dieses Instrument.

Saint-Saëns wurde am 9. Oktober 1835 in Paris geboren. Sein Vater, ein Angestellter im Innenministerium, starb drei Monate nach seiner Geburt an Schwindsucht, so dass Saint-Saëns bei seiner Mutter und seiner Großtante Charlotte Masson aufwuchs. Seine Musik liebende Tante führte ihn an das Klavier heran und erteilte ihm im Alter von zweieinhalb Jahren den ersten Musikunterricht. Ein Jahr später komponierte er bereits seine erstes Klavierstück. Bei seinem offiziellen Debüt als Pianist, das er 1846 im Alter von zehn Jahren im Salle Pleyel gab, spielte er Klavierkonzerte von Mozart und Beethoven. Seine ersten Unterweisungen auf der Orgel erhielt er im Winter 1847 von Alexander- Pierre Boëly (1785–1858), dem Organisten an der Kirche Saint-Germaine-l’Auxerrois, der als „Bach Frankreichs” bekannt war. Seit Oktober 1848 besuchte er das Pariser Conservatoire und nahm an der Orgelklasse von François Benoist (1794–1878) teil, zu dessen Schülern Gounod, Franck, Bizet und Alkan gehörten. 1851, nach nur drei Jahren Studium, gewann Saint-Saëns den Premier prix im Fach Orgel. Seine berufliche Laufbahn als Organist begann 1853, als er an die Kirche Saint Severin in Paris berufen wurde. Einige Monate später nahm er eine ähnliche Berufung an die Kirche von Saint-Merri an, an der er am 3. Dezember 1857 anlässlich der Weihe der neu restaurierten Orgel die Uraufführung seines ersten veröffentlichten Orgelwerkes spielte, der Fantasie Es-Dur. Vier Tage darauf, am 7. Dezember, wurde Saint-Saëns zum Organisten der Kirche Madeleine ernannt, an der er bis 1877 blieb.

Saint-Saëns erlangte in den Jahren, in denen er an der Madeleine tätig war, durch seine Improvisationen auf der großartigen Cavaille-Coll-Orgel der Kirche große Berühmtheit. Er wurde einer der bevorzugten Organisten von Cavaille-Coll und spielte anlässlich der Einweihung der größten und berühmtesten Instrumente dieses Orgelbauers, darunter der Orgeln von Saint Sulpice, Notre-Dame, La Trinité und Trocadero. Im September 1878 spielte er anlässlich der Einweihung der Trocadero Orgel die Uraufführung der Fantasie und Fuge über ‚Ad nos ad salutarem undam’ seines Freundes Franz Liszt: ein Abendmahl mit Musik, ein Aufstieg von der Erde gen Himmel.

Saint-Saëns’ zweite Lebenshälfte war mit zahlreichen Aktivitäten und Ehrungen erfüllt. Im April 1877 trat er vom Posten an der Madeleine zurück, nachdem es zu einem Zerwürfnis mit dem Vorstand gekommen war. Er intensivierte seine Aktivitäten als Komponist und als reisender Virtuose, was seine Entscheidung beschleunigt haben mag. Mit Ausnahme des Ehrenamtes als Organist an Saint Severin 1897 nahm er nie wieder eine Organistenstelle an. Dennoch war er als Orgelvirtuose sehr aktiv und komponierte bis ans Ende seines Lebens immer wieder für dieses Instrument. Er veröffentlichte sein letztes Orgelwerk 1919, zwei Jahre vor seinem Tod. 1881 wurde Saint- Saëns an die Académie des Beaux Arts gewählt. Im Jahr 1886 fand die Uraufführung seiner so genannten Orgelsinfonie statt, die eines seiner berühmtesten Werke werden sollte. Seine Oper Samson und Dalila kam erstmals 1892 in Paris auf die Bühne, und 1893 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Universität von Cambridge. 1906 begab er sich auf eine Konzertreise in die USA und kehrte 1915 anlässlich der Weltausstellung in San Francisco noch einmal dahin zurück. Als glühender Patriot setzte Saint-Saëns auch während des Ersten Weltkriegs seine Konzerttätigkeit fort und komponierte zudem einige patriotische Werke. Eines seiner letzten Werke, Cyprès et Lauriers für Orgel und Orchester entstand 1919, um den Sieg der Alliierten zu feiern.

Nach kurzer Krankheit starb Saint-Saëns am 16. Dezember 1921 im Hotel de l’Oasis in seinem geliebten Algier. Bei seinem Begräbnis auf dem Friedhof Montparnasse am 24. Dezember sprach der Organist Charles-Marie Widor als Sekretär der Académie des Beaux Arts, im Namen des Institut de France die Worte:

“Sein Vorbild und sein Werk bleiben bestehen. Der Mann ist nicht mehr, aber sein Geist schwebt über der Welt, lebendig und strahlend und wird so lange schweben, wie wir Instrumente und Orchester haben.”

Präludium und Fuge Es-Dur op. 99 Nr. 3 stammt aus einer Gruppe von drei Präludien und Fugen, die im Sommer 1894 geschrieben und jeweils einem befreundeten Organisten gewidmet wurden. Das dritte ist Eugène Gigout zugeeignet, dem Organisten an Saint Augustine und Leiter der Orgelklasse an dem Pariser Conservatoire, der dem Komponisten in lebenslanger Freundschaft verbunden war. Das Präludium ist eine Toccata mit schnellen Figuren mit gebrochenen Akkorden, die über einem langsam fortschreitenden Thema im Pedal erklingen. Die Fuge stellt ein gebieterisches Thema im 3/4-Takt vor, das mit Logik und Klarheit durchgeführt wird und in einem großartigen Höhepunkt endet.

Im August 1866 verbrachte Saint-Saëns einige Ferientage mit ein paar Freunden, zu denen auch sein ehemaliger Schüler Gabriel Fauré gehörte, in der Bretagne. Auf dieser Reise komponierte er die Trois Rhapsodies Bretons op. 7 und widmete sie Fauré. Alle drei Werke beruhen frei auf bretonischen Melodien, die häufig Wiederholungen oder Variationen und weniger einer konventionellen Durchführung unterworfen werden. In der dritten Rhapsodie erklingen drei Themen: ein melancholisches Eröffnungsthema in a-Moll, eine Pastorale und schließlich eine mehr geistliche Melodie, die zunächst auf dem Pedal ertönt und dann zu einer Fassung auf der gesamten Orgel anwächst. Das Eröffnungsthema kehrt noch einmal zurück, und das Stück endet mit der Pastorale, die auf dem Oboen- und Klarinetten-Register gespielt wird.

Als Saint-Saëns im Dezember 1916 mit einer Bronchitis ans Bett gefesselt war, begann er mit der Arbeit an den Sept Improvisations op. 150, seiner ersten Orgelkomposition seit 1906. Die Stücke wurden 1917 vollendet und Eugène Gigout gewidmet. Der Zyklus verdient aufgrund der Verwendung Gregorianischer Choräle, von Kirchentonarten und einem weit gespannten harmonische Vokabular Beachtung. Dieser letzte Aspekt kommt vor allem im ersten Stück, Molto lento bezeichnet, zum Ausdruck, denn es verwendet im Eingangsthema, das im Pedal erklingt, eine Ganztonskala. Das zweite Stück, Feria Pentecostes, basiert auf dem ersten Choral des Festtags von Pentecost und beginnt sanft und steigert sich zu einem eindrucksvollen Höhepunkt. Das dritte, Poco adagio, ist eine schwermütige Meditation und stellt einen Choral vor, der im Register Vox humana gespielt wird. Die vierte Improvisation, Allegretto, ist ein lebhafter Satz, der an die Scherzi von Mendelssohn erinnert. Das fünfte Stück, Pro Martyribus, greift wiederum auf einen Gregorianischen Choral zurück: drei Phrasen aus dem Offertorium für Die Kommunion eines Märtyrers, nicht eines Bischofs. So auch der sechste Satz, Pro Defunctis, ein imposantes Klagelied, das die erste Phrase aus dem Offertorium der Requiemmesse verwendet. Der Zyklus schließt mit einem heiteren Satz für die gesamte Orgel, der an ein altes französisches Weihnachtslied erinnert und Allegro giocoso bezeichnet ist. Die Uraufführung des Zyklus erfolgte durch den Komponisten am 25. März 1917 im Théâtre des Nations in Marseille.

Die Société Nationale de Musique wurde 1871 im Anschluss an den Deutsch-Französischen Krieg gegründet, um Musik französischer Komponisten zu fördern und aufzuführen. Saint-Saëns war der erste Vizepräsident. Auch der Dirigent Émile Bernard gehörte zu den Organisatoren. Während seiner gesamten Laufbahn hatte Saint-Saëns immer wieder eigene Werke oder Werke anderer Komponisten für verschiedene Instrumente transkribiert und bearbeitet, so auch für Orgel. Es scheint daher nahe zu liegen, dass Bernard sich entschlossen hatte, das Adagio aus der Orgelsinfonie zu bearbeiten, die im Mai 1886 uraufgeführt und Franz Liszt gewidmet worden war. Bernards texttreue Transkription des Adagio ergibt ein Stück, das wie eine originale Orgelkomposition klingt und alle Klangfarben verwendet, die in der ursprünglichen Orchesterfassung zu finden sind.

Saint-Saëns erstes veröffentlichtes Orgelwerk, die Fantasie Es-Dur gehört zu seinen bekanntesten. Der Komponist spielte sie erstmals im Dezember 1857 anlässlich der Einweihung der neu restaurierten Orgel von Saint-Merri in Paris, an der er 1853 zum Organisten ernannt worden war. Sie ist Georges Schmidt gewidmet, dem Organisten von Saint Sulpice. Das zweiteilige Werk stellt in dem Con moto-Teil einen raffinierten Wechsel der Akkorde zwischen zwei Manualen vor, während das Allegro di molto e con fuoco ein beschwingter Marsch ist, der in der Mitte eine Fugato- Passage einführt und mit einer großartigen virtuosen Coda endet.

Robert Delcamp
Deutsche Fassung: Peter Noelke


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