About this Recording
8.557294 - Guitar Recital: Montesinos, Anabel - COSTE, N. / REGONDI, G. / TARREGA, F.
English  German 

Anabel Montesinos

Anabel Montesinos

Gitarrenrecital

 

Die jeweiligen Geburts- und Sterbedaten der auf dieser CD dargestellten Komponisten überspannen gerade einmal ein Jahrhundert, und zwar genau jenes Säkulum, in dem sich das klassische Gitarrenspiel entwickelte, seinen Höhepunkt erreichte, seine Popularität wieder einbüßte und schließlich zu einer Renaissance ansetzte, die inzwischen schon wieder ein zweites Jahrhundert andauert.

 

Dionysio Aguado (1784-1849) wurde als Sohn einer wohlhabenden Familie in Madrid geboren. Diese Tatsache versetzte ihn in die Lage, sich bei dem Zisterzienserpater Basilio ganz und gar dem Studium der Gitarre und der Musik zu widmen (möglicherweise war er zeitweilig auch Schüler des italienischen Virtuosen Federico Moretti). 1820 veröffentlichte er den ersten Band seiner Escuela de la guitarra. Nach dem Tode seiner Mutter übersiedelte er nach Paris, wo er sich die Achtung Rossinis, Bellinis, Paganinis und anderer Persönlichkeiten erwarb. Er lernte Fernando Sor (1778-1839) kennen, mit dem ihn schon bald eine tiefe Freundschaft verband, die sich auch in gemeinsamen Duo-Konzerten niederschlug, wie Sors Komposition Les deux amis op. 41 belegt. Aguado benutzte beim Spielen die Fingernägel der rechten Hand, Sor hingegen tat das nicht – doch diese unterschiedliche Technik scheint der künstlerischen Beziehung der beiden nicht geschadet zu haben. Dionysio Aguado blieb dreizehn Jahre in Paris, und hier schrieb er auch seine wichtigsten Werke, darunter die Trois Rondos brillants, in denen je eine langsame Einleitung und ein Rondo miteinander gekoppelt sind. 1838 kehrte er nach Spanien zurück, um zu unterrichten und seinen Nuevo método para guitarra zu kompilieren, ein Traktat, das noch heute ein wichtiges Nachschlagewerk ist.

 

Napoléon Coste (1806-1883) stammte aus dem französischen Dorf Amondans, wo sein Vater, ein ehemaliger Militär, als Bürgermeister tätig war. Als er sechs Jahre alt war, begann er unter der Anleitung seiner Mutter, einer Amateurgitarristin, mit dem Gitarrenspiel. Eine schwere Krankheit verhinderte, dass er in die Fußstapfen seines Vaters trat und eine militärische Laufbahn einschlug. Indessen setzte er sich allerdings weiterhin mit der Gitarre auseinander. Zunächst errang er in Valenciennes, wo er seine Jugendjahre verbrachte, einige bemerkenswerte Erfolge; dann ging er 1830 nach Paris. Hier begegnete er allen großen Gitarristen der Zeit; er wurde Schüler von Fernando Sor und nahm Stunden in Theorie und Komposition. 1863 brach er sich seinen rechten Arm, und von dieser Verletzung sollte er sich nie wieder erholen. Während seine aktive Musikerlaufbahn damit zu Ende war, konnte er allerdings auch weiterhin unterrichten und komponieren. Er hinterließ insgesamt über fünfzig brillante Werke. Les soirées d’Auteuil ist das letzte seiner Sept morceaux épisodiques. Es besteht aus zwei Sätzen im Dreiachteltakt – einer Sérénade und einem Scherzo.

 

Julián Arcas (1832-1882) wurde im spanischen Almeria geboren. Er war ein berühmter Flamenco-Gitarrist und Verfasser nationaler Tänze und Miniaturen. Den Gipfel seines Ruhms erlebte er von 1860 bis 1870 während seiner Tourneen durch Mitteleuropa. Unter anderem konzertierte er 1862 vor Mitgliedern des britischen Königshauses im Pavillon von Brighton. 1864 war eine Pianistin namens Patanas, mit der er in Barcelona zusammenlebte, seine musikalische Reisebegleiterin. Das „Leben auf der Landstraße” ermüdete ihn, und so zog er sich um 1870 nach Almeria zurück. Hier gründete er ein Geschäft, und daneben entwickelte er mit Antonio Torres, einem Lautenmacher aus Sevilla, einige bautechnische Neuheiten für die Gitarre. Schließlich ließ er sich in Antequera (Málaga) nieder, wo er allerdings schon bald nach seiner Übersiedlung starb. Auf Schallplatte sind die Werke von Arcas weitestgehend vernachlässigt worden. Das schlichte Andante im vorliegenden Programm ist eine willkommene Ergänzung der wenigen Stücke, die man bislang aufgenommen hat.

 

Johann Kaspar Mertz (1806-1856) war das Kind einer armen Familie aus Pressburg, das jetzt als Bratislava die Hauptstadt der Slowakei ist. Hier erinnert heute allerdings kaum mehr als ein alljährlicher Wettbewerb an den Künstler. Mertz war ein Wunderkind auf der Gitarre und der Flöte. Viel mehr ist über seine frühen Jahre nicht bekannt, doch um 1840 übersiedelte er nach Wien, wo er sich einer königlichen Unterstützung erfreute und von wo aus er weite Konzertreisen durch Europa unternahm. 1842 heiratete er die Pianistin Josephine Plantin, die 1846 mit einer unbesonnenen Strychnin-Gabe eine Krankheit ihres Gatten derart verschlimmerte, dass sie ihn anschließend anderthalb Jahre pflegen musste, bis er wieder genesen war. Mertz starb kurze Zeit bevor sein magnum opus, die fünfzehnbändigen Bardenklänge, in Brüssel bei einem Wettbewerb, den sein großer Bewunderer Nikolai Petrowitsch Makaroff veranstaltet hatte, mit dem Ersten Preis ausgezeichnet wurde. Die virtuose Fantaisie hongroise beginnt mit einer langsamen Einleitung, auf die ein ungarischer csárdás mit den üblichen Teilen lassú (langsam) und friss (schnell, frisch) folgt.

 

Es wäre denkbar, dass Giulio Regondi (1822-1872) in Genf geboren wurde, doch mit Sicherheit lässt sich das nicht mehr sagen. Man weiß lediglich, dass seine Mutter im Kindbett starb; ferner, dass ihn ein Mann namens Regondi, der behauptete, sein Vater zu sein, auf der Gitarre unterrichtete und ihn seiner Kindheit beraubte, indem er ihn zwang, seit seinem fünften Lebensjahr im Kostüm eines Kleinen Lord öffentlich aufzutreten. Er musste jeden Tag fünf Stunden üben; dafür behielt Regondi dann aber auch das Geld, das das Kind mit seinem Spiel verdiente. In Paris konnte der Knabe 1830 einen solchen Erfolg erringen, dass ihm Sor und Carcassi Werke widmeten. 1831 kam er nach London – natürlich in Begleitung seines „Vaters”, der schon bald mit den Gagen durchbrannte. Nur die Unterstützung einer wohlhabenden Gönnerin rettete den Knaben vor dem Hungertod. Giulio Regondi blieb fortan in London. Er war ein exzellenter Virtuose und komponierte zahlreiche Gitarrenstücke, in denen er extreme technische Schwierigkeiten mit dem Zauber der besten Salonmusik zu verbinden wusste. Die Opuszahlen seines Œuvres zeigen, dass es noch viel zu entdecken gibt.

 

Dem im spanischen Villareal geborenen Francisco Tárrega (1852-1909) ist es zu verdanken, dass die Gitarre, die damals gerade den Tiefpunkt ihrer Popularität erreicht hatte, im 20. Jahrhundert eine Renaissance erleben konnte. Tárregas Bedeutung war eine vierfache: Er legte den Grundstein für eine moderne Spieltechnik, war Lehrer, komponierte zahlreiche Werke und erhob das Arrangement gewissermaßen zu einer neuen Kunstform, wenn er Musik, die eigentlich für andere Instrumente gedacht war, auf die Gitarre übertrug. Seine aktive Musikerlaufbahn war nicht sonderlich umfangreich: Er dachte nicht im Traum daran, die Welt erobern zu wollen. Vielmehr lieferte er mit seiner Arbeit die Grundlage dafür, dass Andrés Segovia seine eigene Technik und andere Kunstfertigkeiten entwickeln konnte, die ihn zusammen mit einer wesentlich ambitionierteren Haltung in die Lage versetzten, die Gitarre auf dem ganzen Globus bekannt zu machen und die eigentliche „Renaissance” Wirklichkeit werden zu lassen. Tárregas eigene Kompositionen entsprachen dem Geschmack der Salons, doch sie zeigen dabei eine raffinierte Musikalität und die technische Beherrschung des Instruments. Immer wollte er ein Buch schreiben, in dem er die technischen Details seiner „Schule” auszuführen gedachte, doch dieses Projekt kam nie zustande. Wenn daraus etwas geworden wäre, hätte das Werk mit ziemlicher Sicherheit die sechzehn Preludes enthalten, von denen hier drei zu hören sind. Antonio Gallego hat sie völlig zu Recht als „Ausdrucksstudien” bezeichnet: Tatsächlich handelt es sich bei diesen Stücken um Musik, in denen die Expression über die Spieltechnik die Oberhand gewinnt.

 

Miguel Llobet (1878-1938) war ein Schüler von Tárrega. Er wurde in Barcelona geboren, und hier starb er auch. Sein erstes öffentliches Konzert gab er 1900 in Málaga. Fünf Jahre später debütierte er in Paris, und eben diesem Auftritt hatte er die Flügel zu verdanken, die ihn im Laufe seiner Karriere durch ganz Europa und Amerika trugen. Er dürfte der erste Gitarrist gewesen sein, der bei seinen Aufnahmen ein Mikrophon benutzte – und zwar schon 1926, ein Jahr vor Segovia. Seine Musik reicht von charmanten, recht einfachen Bearbeitungen katalanischer Volkslieder bis zu virtuosen Werken wie denjenigen, die hier aufgenommen wurden. Eigentümlicherweise hielt Llobet das Thema der Variationen, die er geschrieben hat, für einen Originalgedanken von Fernando Sor; tatsächlich aber handelt es sich um den Bass der Folias, die Sor selbst zum Gegenstand eines Variationswerks gemacht hat.

 

John W. Duarte

Deutsche Fassung: Cris Posslac


Close the window