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8.557305 - GAUBERT: Works for Flute, Vol. 1
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Philippe Gaubert (1879 - 1941)

Philippe Gaubert (1879 - 1941)

Sämtliche Werke für Flöte, Folge 1

 

Philippe Gaubert war einer der prominentesten französischen Musiker in der Zeit zwischen den Weltkriegen. Nach einer großen Karriere als Flötist der Pariser Opéra wurden dem Vierzigjährigen im Jahre 1919 drei Posten übertragen, die ihn auf die höchste Ebene des französischen Musiklebens beförderten: Das Pariser Conservatoire ernannte ihn zum Professor für Flöte, und die Pariser Opéra sowie die Société des Concerts machten ihn zu ihrem Chefdirigenten. Als Komponist war er kein Moderner, doch er assimilierte viele Innovationen von Franck, Ravel und Debussy.

 

Während die vierzehn Stücke, die Gaubert für Flöte und Klavier geschrieben hat, seit langem zum Standardrepertoire gehören, sind die sechs hier eingespielten Kammermusikwerke trotz ihrer gleich hohen Qualität bis heute praktisch unbekannt geblieben. In der vorliegenden Aufnahme sind diese Stücke erstmals zusammengefasst. Den Rahmen bilden zwei Kompositionen für Flöte und Klavier. Gaubert selbst hat mit dem Madrigal eines seiner beliebtesten Stücke eingespielt. Dieses Werk steht auch am Anfang unseres Programms, und es beschreibt auf bündige Weise die Tugenden, die man in all seinen Flötenminiaturen findet: formale Klarheit, kompositorische Ökonomie und expressive Wärme.

 

Die Trois aquarelles (Drei Aquarelle) bilden das erste Trio, das Gaubert für Flöte, Violoncello und Klavier geschrieben hat. Die sprudelnde, kraftvolle D-dur-Einleitung des Par un clair matin (An einem klaren Morgen) nutzt zunächst sämtliche Möglichkeiten der drei Instrumente; dann folgt ein heiter-gelassener Mittelteil voll impressionistischer Farben und behänder harmonischer Wechsel. Mit der Reprise lässt sich Gaubert auffallend lange Zeit: Zunächst führt er uns in verschiedene Sackgassen und falsche Tonarten, bevor er schließlich den triumphalen Rückweg nach D-dur antritt. Dem breiten, expressiven Bogen des Soir d’automne (Herbstabend) folgt eine orientalisch eingefärbte Sérénade mit einem koboldhaft hingeworfenen Schluss. Das Werk entstand unter unmöglichen Gegebenheiten – in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges. Gaubert leistete seinem Land ausgezeichnete Dienste, wurde aber wegen einer chronischen Bronchitis aus dem aktiven Dienst entlassen. 1921 ernannte man ihn zu einem Ritter der Ehrenlegion.

 

Im Divertissement grec (Griechisches Divertissement) erweitert Gaubert die unwiderstehliche Kombination von Flöte und Harfe dadurch, dass er den gleichermaßen unwiderstehlichen Terzklang zweier Flöten hinzufügte. In der vorliegenden Aufnahme hatte ich die Ehre, neben Jacques Zoon, dem damaligen Ersten Flötisten der Boston Symphony, die zweite Flöte zu spielen. Zoon musiziert ganz vortrefflich auf einer Holzflöte, die vor rund einem Jahrhundert in Paris gebaut wurde. Auch ich habe in diesem Divertissement grec eine Holzflöte benutzt, um mich dem einzigartigen Klang anzupassen.

 

Klassische Motive bestimmen auch den Soir païen (Heidnische Dämmerung). Der griechischen Mythologie zufolge verliebte sich Diana (oder Artemis), die jungfräuliche Göttin des Mondes und der Jagd, in den sterblichen Schäfer Endymion. Sie bat Zeus, die Schönheit des Geliebten durch einen ewigen Schlaf zu bewahren; auf diese Weise war auch ihre Jungfräulichkeit gewährleistet. Albert Samains Gedicht (siehe Seite 6) und Philippe Gauberts Musik zeichnen in einer sinnlichen Szene das verträumte Rendezvous der Göttin mit ihrem unsterblichen, wenngleich nicht wirklich tauglichen Liebhaber. Gaubert widmete dieses unvergessliche kleine Juwel einer gewissen Suzanne Millet, und zwar offenbar mit einem Hintergedanken – denn sie war schon bald seine erste Frau.

 

Die Tarentelle für Flöte, Oboe und Klavier war das erste Stück, das Gaubert veröffentlichte. Der damals 24jährige Komponist verrät darin eine natürliche kontrapunktische Meisterschaft, die ebenso für die strenge Ausbildung am Conservatoire de Paris spricht wie für das eigene melodische Talent. Er widmete es seinem teuren Meister Paul Taffanel, der von 1893 bis zu seinem Tode im Jahre 1908 als Professor für Flöte am Konservatorium unterrichtete. Taffanel hatte während seiner gesamten musikalischen Laufbahn Material für ein Lehrbuch über Geschichte, Theorie und Praxis des Flötenspiels zusammengetragen. Kurz vor seinem Tod übergab er dieses Archiv seinem Lieblingsschüler Gaubert, der 1923 schließlich das Projekt vollendete und veröffentlichen ließ. Bis heute bietet die Méthode complète de flûte von Taffanel & Gaubert den Flötisten in aller Welt unverzichtbare Hinweise und Anregungen.

 

In der Pièce romantique bedient sich Gaubert ein weiteres Mal der glücklichen Kombination von Flöte, Violoncello und Klavier. Dieser herrlich getragene lyrische Erguss zeigt, welch beträchtlichen Fortschritt der Komponist seit den zehn Jahre zuvor veröffentlichten Trois aquarelles in technischer Hinsicht gemacht und welche Sicherheit er inzwischen gewonnen hatte. Zwei Themen treffen in diesem Werk aufeinander: Die breite, suchende Einleitungsmelodie, die zu Beginn im Cello erklingt, steht im Kontrast zu der sanft wiegenden Sechsachtel-Weise, die auf etwa halber Strecke im reinen hohen Register der Flöte zu hören ist. Abschließend kombiniert Gaubert die beiden Themen im fortissimo zu einer elegischen, besonders gelungenen Coda.

 

Das letzte unserer Kammermusikstücke beschwört Abbildungen von zwei Médailles antiques (Antike Medaillons). Nymphes à la fontaine (Nymphen am Brunnen) beginnt in einer zwischen Flöte, Violine und Klavier aufgeteilten, eng miteinander verzahnten Figuration, die tatsächlich an das Glitzern und Spritzen einer murmelnden Quelle erinnert und uns demonstriert, was Gaubert von seinen Landsleuten Ravel und Debussy gelernt hat. Die Nymphen werden von trägen, sinnlichen Violinsoli und gelegentlicher Flötenunterstützung bezeichnet. Dann will das Klavier einen danse vif beginnen, der zunächst zwar ignoriert, dann aber von der Violine aufgenommen und endlich von der Flöte zu einem spielerischen, leichtfüßigen Abschluss geführt wird.

 

Mit der Suite kehren wir zu der Kombination von Flöte und Klavier zurück. Die kluge Mischung beschwört – wie die meisten der größer besetzten Kammermusiken – zunächst exotische Sujets, bevor mit Barcarolle und Scherzo-valse traditionellere europäische Modelle folgen. Gaubert widmete die vier Sätze den vier besten Vertretern der französischen Flötenschule: Georges Barrère, Louis Fleury, Marcel Moyse und Georges Laurent. Drei dieser Künstler machten in den USA eine große Karriere – Barrère als Erster Flötist des New York Symphony Orchestra, Laurent in der entsprechenden Position beim Boston Symphony Orchestra und Moyse als Gründungsmitglied Marlboro School and Festival in Vermont. Alle drei waren zudem engagierte Lehrer, die den heilsamen Einfluss der französischen Flötenschule überall in den USA verbreiteten.

 

Fenwick Smith

           

Deutsche Fassung: Cris Posslac


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