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8.557306 - GAUBERT: Works for Flute, Vol. 2
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Philippe Gaubert (1879 - 1941)

Philippe Gaubert (1879 - 1941)

Sämtliche Werke für Flöte, Folge 2

 

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts verwandte der deutsche Juwelier, Goldschmied und Flötist Theobald Boehm sein umfassendes Können auf die Verbesserung der Flöte. Nach Jahrzehnten der Forschung und des Experiments entstand ein Instrument mit deutlich besserer Intonation und einem Mechanismus, der leichter ansprach und zuverlässiger war als je zuvor. Die neue Flöte stellte man aus einem hölzernen oder metallnen (vorzugsweise silbernen) Rohr her. Umfang und dynamisches Spektrum der Boehm-Flöte überstiegen die Möglichkeiten der Vorgängerinnen ebenso wie die virtuosen Möglichkeiten, und so entsprach sie mit ihrer deutlich gesteigerten Brillanz und Tragfähigkeit den Erfordernissen der immer größer werdenden Orchester und Konzertsäle.

 

Bald entdeckte man, dass das Instrument – vor allem in seiner Silber-Ausführung – auch besser für die feineren Schattierungen, Farben und Intensitäten geeignet war, die zunächst von den Franzosen genutzt wurden. Die gewundene, sich langsam entfaltende Sololinie in Debussys 1894 uraufgeführtem L’après-midi d’un faune zeigte, zu welch radikal neuen Ausdrucksmöglichkeiten die Flöte jetzt herangezogen werden konnte. Debussy und sein Landsmann Maurice Ravel, die großen Meister der Orchesterfarben, entwickelten und erweiterten zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Spektrum der Flöte durch eine Vielzahl denkwürdiger Orchesterpassagen. Überdies trugen beide mit intimeren Werken zum Flötenrepertoire bei – Debussy vor allem mit der Schauspielmusik zu Les chansons de Bilitis (1901) sowie der berühmten Syrinx für Flöte solo (1913) und seiner Sonate für Flöte, Viola und Harfe (1915), Ravel hingegen mit seinen Trois poèmes de Mallarmé und den Chansons madécasses.

 

In diesem berauschend innovativen Klima entwickelte sich der frühreife Philippe Gaubert zu einem der besten Flötisten, Komponisten, Dirigenten und Pädagogen Frankreichs. Geboren im Jahre 1879, errang er schon als fünfzehnjähriger Virtuose am Pariser Conservatoire den Ersten Preis für Flöte – just einen Monat vor der Premiere des Après-midi. 1903 erhielt Gaubert den Ersten Preis für Fugenkomposition, und nur zwei Jahre später wurde er mit dem Prix de Rome ausgezeichnet, womit er sich von den vielen kompetenten, aber nicht gerade außergewöhnlichen Flötisten-Komponisten abhob, die das Conservatoire üblicherweise ausgebrütet hatte. Er war später selbst am Pariser Conservatoire als Professor tätig und hatte zudem seinen Verpflichtungen in der Opéra und bei der Société des Concerts nachzukommen; seine kompositorische Tätigkeit aber gab er deswegen niemals auf. Er schuf Dutzende kammermusikalischer und orchestraler Werke, mehrere Ballette und andere Bühnenwerke sowie eine Vielzahl an Liedern.

 

Den größten kompositorischen Einfluss auf Gaubert hatte Gabriel Fauré. Dessen ungeachtet übernahm er in Stücken wie Soir païen und Médailles antiques (Folge I dieser Serie) und Deux esquisses (Folge III) auch Neuerungen von Debussy und Ravel. Honegger, Koechlin, Ibert und einige andere schrieben ähnliche Stücke für Flöte, doch nur Gaubert schuf einen ganzen Katalog von Sonaten, Kammermusiken und kürzeren Piècen, in dem sich jene Revolution des Flötenspiels widerspiegelt, die mit Debussys L’après-midi d’un faune begann.

 

In der Sonate von 1917 definiert Gaubert für bestimmte Abschnitte ganz spezifische Klangqualitäten. Am Anfang des ersten Satzes muss die Flöte avec une sonorité très claire (sehr klar) spielen, am Ende des zweiten dann avec une sonorité calme et pénétrante (ruhig und durchdringend). Dem ersten Thema der Sonate folgen sogleich graziöse Arabesken, die auf der Ganztonleiter aufgebaut sind – ein exotischer Einfall, den wir bereits aus Debussys L’après-midi d’un faune kennen. In der gesamten Partitur hat Gaubert peinlich genau jeden Tempowechsel, jede Phrasierung und jede dynamische Veränderung notiert – und weil er das melodische Material sehr frei bearbeitet und durchführt, wirkt diese Sonate trotz ihrer klaren Form sehr spontan und improvisatorisch. Von César Franck stammt der gelungene Einfall, den sich Gaubert hier borgt, um das Werk überzeugend abzuschließen – am Ende des Finales nämlich den Anfang des Kopfsatzes zu paraphrasieren. Das Stück ist „meinem teuren Lehrer Paul Taffanel” gewidmet, der 1908 verstorben war. In der Zwischenzeit hatte Gaubert schon etliche Flötenkompositionen veröffentlicht; vielleicht aber hatte er erst bei dieser schönen Sonate das Gefühl, ein Stück geschaffen zu haben, wie es sein Freund, Mentor und Kollege verdiente.

 

Auch die zweite Sonate ist einem großen, einflussreichen Flötisten gewidmet – Marcel Moyse. In ihrer pastoralen Haltung, ihrer zurückhaltenden Dynamik, ihren moderaten Tempi, ihren langen Melodielinien und ihrer einfacheren Form ist die heitere Komposition eher apollinisch denn dionysisch zu nennen. Besonders im Kopfsatz ist die Oberfläche von einer Zartheit, die an Faurés reife Kammermusiken erinnert.

 

Die langen Linien stellen der Atemkontrolle und den Interpretationsfähigkeiten des Spielers ganz erhebliche Aufgaben. In der klassischen Méthode complète de flûte von Taffanel und Gaubert erläutert letzterer unter dem Kapitel, das sich mit stilistischen Fragen befasst, dass die Musik bisweilen nach einem Atem verlange, wo ihn der Musiker nicht brauche, während es dann wiederum Stellen gäbe, wo der Spieler atmen müsse, obwohl sich die Musik ohne Unterbrechung voranbewegen wolle. Deswegen müssten sämtliche Unterbrechungen so unaufdringlich wie nur möglich vonstatten gehen. In seiner Ausgabe der zweiten Sonate gibt Gaubert keine Hinweise darauf, wo und wann das zu geschehen hat. Der Verfasser dieses Textes und Interpret der vorliegenden Aufnahme möchte betonen, dass bei der vorliegenden CD nicht versucht wurde, mit Hilfe der modernen Digitalverfahren irgendwelche Atmer wegzuzaubern.

 

Die drei Flötensonaten von Philippe Gaubert sind allesamt dreisätzig. Jedes der Werke besteht aus zwei rascheren Ecksätzen, die ein reflektives Zwischenspiel umrahmen. In ihrer Gesamtheit wiederholen die Sonaten dasselbe Schema dergestalt, dass die apollinische zweite Sonate von den eher extrovertierten Geschwistern flankiert wird.

 

Die dritte Sonate ist das dramatischste der drei Werke und wendet sich wieder dem frei improvisatorischen Stil der ersten zu. Der dritte Satz ist ein ausgesprochen polterndes Stück, in dem das schlichte viertaktige Thema durch sage und schreibe acht Tonarten gescheucht wird, bis man schließlich zur Einsicht kommt, dass es ja doch in G-dur steht. Widmungsträger dieser Sonate ist Jean Boulze, der Soloflötist der Pariser Opéra und der Concerts Lamoureux.

 

Die Sonatine ist Gauberts letztes Werk für Flöte und Klavier. Der Komponist hat sie Georges Barrère gewidmet, einem ehemaligen Kommilitonen am Conservatoire. Barrère war 1905 in die USA gegangen, wo er Soloflötist des New York Symphony Orchestra wurde. Der zweite Satz der Sonatine ist unter Gauberts Flötenwerken insofern einzigartig, als er einem Komponisten zugedacht ist (Hommage à Schumann). Er beginnt mit einem Thema von Schumannesk schmachtender Chromatik; daran schließen sich drei Variationen und eine ausgedehnte Coda an. Die beiden Sätze des Werkes vermitteln mit ihren vielfältigen Tempi und Stimmungen dasselbe Gefühl improvisatorischer Freiheit, das schon der Untertitel quasi fantasia vermuten lässt. Zwar ist die Sonatine kürzer als die Sonaten, doch auch hier setzt sich Gauberts lebenslanges Streben nach expressiver und dramatischer Kraft fort.

                                                                                         

Fenwick Smith

Übersetzung: Cris Posslac


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