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8.557324 - BERKELEY: Sonatina for Violin and Piano, Op. 17 / Six Preludes, Op. 23 / Concertino, Op. 49
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Lennox Berkeley (1903–1989)
Instrumentalmusik

Lennox Berkeley war väterlicherseits ein Nachkomme der Earls of Berkeley, hatte durch seine Mutter aber auch französische Vorfahren. Diese Verbindung wurde dadurch vertieft, dass er in Oxford Französisch studierte und dann nach Paris ging, wo er – dem Rat Ravels folgend – Schüler von Nadia Boulanger wurde. Damals konvertierte er zum Katholizismus, der einen wichtigen Einfluss auf seine Arbeit haben sollte und sich späterhin in der Treue gegenüber der traditionellen lateinischen Liturgie niederschlug, die er verschiedentlich vertont hat. Zwar besuchte Berkeley dieselbe Gresham’s School in Holt wie Benjamin Britten, doch begegnete er seinem zehn Jahre jüngeren Kollegen erst 1936 beim Festival der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik in Barcelona. Beide Komponisten schrieben zusammen das Orchesterwerk Mont Juic nach katalanischen Tanzmelodien, die sie vor Ort gehört hatten. Nachdem erst einmal die Grundlage ihrer künstlerischen Beziehung geschaffen war, erwies sich die Freundschaft als produktiv. Jeder schätzte die musikalischen Leistungen des anderen, und daran sollte sich nichts ändern. 1938 teilten sie sich die Old Mill von Snape. Im nächsten April gingen Britten und Peter Pears zunächst nach Kanada und dann in die USA. Lennox Berkeley übersiedelte 1940 nach London und arbeitete während des Krieges bei der BBC. 1946 heiratete er, und er wurde Professor für Komposition an der Royal Academy of Music, wo er bis 1968 unterrichtete. Etliche seiner Schüler wurden zu führenden Komponisten der nächsten Generation. Berkeley wurde vor allem in England, Frankreich den USA geehrt. 1974 wurde er zum Ritter geschlagen.

Aus Berkeleys Kontakt zu Britten, der English Opera Group und dem Aldeburgh Festival entstand eine Reihe wichtiger Kompositionen, namentlich die Opern Nelson, A Dinner Engagement, Ruth und Castaway. Sein Stabat Mater aus dem Jahre 1947 ist Britten gewidmet, der das Werk dirigierte, und seine Four Poems of St Teresa of Avila wurden von Kathleen Ferrier uraufgeführt. Aufgrund seines literarischen Interesses vertonte er Texte französischer und englischer Dichter, darunter auch Poesie von W. H. Auden, der mit Christopher Isherwood Mitte der dreißiger Jahre zu dem Kreis um Britten gehört hatte. Sein durchweg tonaler Stil, der eher der französischen Musik der damaligen Zeit ähnelt, veränderte sich unter dem fruchtbaren Einfluss des Serialismus, den er ebenso wie Britten eklektisch benutzte.

Die Sonatine für Violine und Klavier op. 17 entstand 1943 und wurde zwei Jahre später mit einer Widmung an die Freundin Gladys Bryans veröffentlicht, die mit ihm und Britten 1937 einen kurzen Arbeitsurlaub in Gloucestershire verbracht hatte. Wie der Komponist hervorhob, bewegt sich das Werk in einem Stil, der damals als modern galt, der aber weder an Spieler noch Hörer übermäßige Ansprüche stellt. Die Struktur ist einfach. Der erste Satz enthält ein geradliniges erstes Thema und kontrastierende Nebengedanken, die in einer modifizierten Reprise wiederkehren. Der Satz endet in ruhiger Heiterkeit, wobei der A-dur-Schlussakkord der Violine durch die Umkehrung eines fis-moll-Akkords im Klavier verändert wird. Der langsame Satz besteht aus einer düsteren Melodie, die sich zu einem Höhepunkt erhebt und dann wieder herabsinkt. Auch hier wird der Schlussakkord (d-moll) vom Klavier verändert. Der dritte Satz im Fünfvierteltakt besteht aus Thema und Variationen, deren erste ein wenig im Tempo anzieht. Die zweite Veränderung ist von kapriziöser Stimmung, die dritte rubato, die vierte ein satirischer Walzer und die fünfte ein Andante, an das sich das Originalthema im ursprünglichen Metrum anschließt.

Die Five Short Pieces for Piano op. 4 entstanden 1937 und sind Berkeleys Freund, dem Korsen José Raffalli gewidmet, mit dem er sich in Paris eine Wohnung teilte und der später im Krieg als Mitglied der französischen Résistance ums Leben kam. Das graziöse erste Stück beginnt im Siebenachtel-Takt, worauf die anschließenden Taktwechsel eine gewisse Flexibilität erzeugen. Das nachfolgende Allegro moderato ist nicht weit vom Poulenc der Promenades entfernt, und das dritte Stück ist von besonderem melodischen Charme. Das vierte Stück hat die Begleitfiguration zunächst in der rechten, die Melodie hingegen in der linken Hand, bevor die Rollen vertauscht werden und die Begleitfiguration dann in die Mittelstimme gelangt. Der Zyklus endet mit einem Allegro, das im Elfachteltakt beginnt und, wie nicht anders zu erwarten, etliche Taktwechsel enthält.

Das Andantino für Violoncello und Klavier op. 21/2a ist Berkeleys Bearbeitung eines Satzes für Sopran aus seinem Festive Anthem auf Texte von George Herbert und Henry Vaughan. Das Stück entstand im Auftrag von Walter Hussey, dem Vikar von St Matthew’s in Northampton, der auch schon Brittens Rejoice in the Lamb bestellt hatte. Das Anthem wurde 1945 an St. Matthew’s uraufgeführt.

Die Three Pieces für Klarinette solo schrieb Berkeley vermutlich 1939. Sie wurden 1983 mit einer Widmung an die Klarinettistin Thea King veröffentlicht. Das erste der drei Stücke wird beherrscht von den aufund absteigenden Terzen der Anfangsfigur; das an zweiter Stelle stehende Lento steht ganz im Zeichen einer immer wieder auftauchenden Punktierung. Die Komposition endet mit einem lebhaften Allegro, das den ganzen Umfang des Instruments erkundet.

Die Mazurka für Klavier entstand als eines der Werke, die die BBC zum 250. Geburtstag von Joseph Haydn (1982) in Auftrag gegeben hatte. John McCabe brachte es im selben Jahr während einer Rundfunksendung zur Aufführung. Ein Jahr später veröffentlichte Berkeleys Verleger Chesters das Stück als Ehrung zum 80. Geburtstag des Komponisten. Die Mazurka, eine Musik von schlichter Klarheit, ist eines der letzten Werke, die Lennox Berkeley vollendete, bevor eine Krankheit seine letzten Jahre überschattete.

Berkeleys Duo für Violoncello und Klavier op. 81 Nr. 1 aus dem Jahre 1971 ist dem Verleger George Rizza gewidmet. Ungewöhnlich ist die zweite Nummer dieses Opus 81 – das vierhändige Klavierarrangement einer älteren Unterhaltungsmusik namens Palm Court Waltz. Das Duo, ein Auftrag der Park Lane Group für ihre Young Artists and Twentieth Century Music Series (Konzertreihe für junge Künstler und Musik des 20. Jahrhunderts), ist ein gewichtigeres Stück. Der erste Teil wird von der rhythmischen Figuration des Anfangs beherrscht – einer Cellomelodie, die im Dreiertakt über kräftigen Klavierakkorden exponiert wird. Dazu liefert das kontrapunktisch angehauchte Nebenthema einen starken Kontrast. Eine äußerst melodische Passage mit der Bezeichnung Meno vivo führt zur Durchführung dieser Elemente und zu einer strukturellen Klimax. Vor dem abschließenden Presto con fuoco wird der Anfangsteil noch einmal wiederholt.

Die Six Preludes op. 23 entstanden 1945 und wurden im selben Jahr von Colin Horsley uraufgeführt. Diese Stücke sprechen erneut von Berkeleys Interesse am idiomatischen Umgang mit dem Klavier. Das gekräuselte Figurenwerk und die charakteristischen Schlusstöne des ersten Stückes zeigen ein unverkennbar französisches Empfinden. Das nachfolgende Andante enthält zwei einprägsame Melodien, die später miteinander gekoppelt werden. Das dritte ist ein technisch anspruchsvolleres Stück, im Verlaufe des vierten Preludes wird dann dessen nostalgische Melodie durch die von der linken Hand gespielten Spitzentöne hervorgehoben. Der melodische fünfte Satz beginnt mit einer munteren Weise im Siebenachteltakt, die nach einem synkopierten Mittelteil in der Reprise wiederkehrt. Die Sammlung endet mit einem Andante von herbstlich-gallischem Charme.

Sein Concertino für Blockflöte oder Querflöte, Violine, Violoncello und Cembalo oder Klavier op. 49 (das hier in der alternativen Besetzung gespielt wird) schrieb Berkeley im Jahre 1955. Der erste Satz ist in Sonatenform gehalten. Sein zweites Thema basiert auf einer absteigenden Skala und kontrastiert mit dem kantigeren Material, das zuvor erklungen war. Aria I für Flöte und Violoncello mit der Anweisung Lento gründet sich auf einen Bass, der von einer Zwölftonreihe hergeleitet ist – ein deutlicher Gegensatz zum Andantino der kürzeren Aria II für Violine und Klavier, deren dramatische Harmonik nicht weit von Brittens Aldeburgh entfernt ist. Der letzte Satz ist ein Rondo, das so schön gearbeitet ist wie das gesamte Werk.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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