About this Recording
8.557328 - POULENC: Flute Sonata / MESSIAEN: Le Merle Noir / BOULEZ: Sonatine
English  French  German 

Flötenmusik aus Frankreich
Poulenc • Messiaen • Sancan • Jolivet • Dutilleux • Boulez

Schon in der älteren französischen Musik spielte die Traversflöte eine wichtige Rolle, und das besonders seit den technischen Veränderungen, die gegen Ende des 17. Jahrhunderts an dem Instrument vorgenommen wurden. Ihre recht prominente Position in der französischen Musik des 20. Jahrhunderts verdankt die Flöte dann einerseits der Tatsache, dass Komponisten wie Debussy und Ravel sie als besondere Orchesterfarbe einsetzten, und andererseits der Existenz etlicher höchst begabter Musiker, die auf die eine oder andere Weise in Beziehung zum Pariser Konservatorium standen.

Francis Poulenc gehörte zu einer Gruppe junger französischer Komponisten, die – allesamt Freunde des Schriftstellers Jean Cocteau und musikalisch von dem Exzentriker Erik Satie beeinflusst – in den zwanziger Jahren als Les Six bekannt waren. Seine Sonate für Flöte und Klavier schrieb Poulenc relativ spät: Das Werk entstand zwischen Dezember 1956 und März 1957 im Auftrag der Elizabeth Sprague Coolidge Foundation und ist folglich der Erinnerung an Mrs. Coolidge gewidmet. Die Sonate, die eines von Poulencs populärsten Werken werden sollte, wurde im Juni 1957 beim Festival von Straßburg von dem Flötisten Jean-Pierre Rampal und dem Komponisten am Klavier uraufgeführt. Im Januar hatten seine Dialogues des Carmélites an der Mailänder Scala ihre erfolgreiche Premiere erlebt, und Poulenc erläuterte seinem Biographen Henry Hell in einem Brief, dass die einfache und doch kunstvolle Schreibweise der Flötensonate harmonisch an die Opernpartie der Novizin Schwester Constance erinnere. Der erste Satz, Allegro malinconico, bringt kontrastierende Stimmungen und enthält ein besonders markantes Hauptthema. Der zweite Satz, Cantilena, stellt eine bewegende Melodie vor, indessen Harmonik und Textur des Klavierparts von trügerischer Einfachheit sind. Das Werk endet mit einem raschen, freundlichen, wiederum leuchtend klaren Presto giocoso, dessen lebhafter Verlauf kurz von einer nachdenklicheren Passage unterbrochen wird.

Olivier Messiaen gehört zu den einflussreichsten Musikerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Zunächst erschreckte und schockierte er das Publikum. Später aber wurde er unangreifbar: Sowohl in seiner französischen Heimat als auch im Ausland respektierte man ihn aufgrund seiner musikalischen Leistungen und seiner äußerst persönlichen, emotionalen und von tiefer katholischer Frömmigkeit durchdrungenen Tonsprache. Sein musikalisches Idiom entstammt verschiedenen Quellen. Messiaen interessierte sich unter anderem für den Vogelgesang, wie man an seinen Oiseaux exotiques (Exotische Vögel), seinem Catalogue d’oiseaux (Vogelkatalog) und vielen anderen Werke erkennen kann, in denen er eine Art des Serialismus entwickelte, die unterschiedlich gedeutet wurde. Le merle noir (Die Amsel) für Flöte und Klavier entstand 1951 als Prüfungsstück für das Pariser Konservatorium. Nachdem die ausgehaltenen Töne des Klaviers verklungen sind, spielt die Flöte eine Solopassage, die vom Gesang des besagten Vogels inspiriert ist. Das Klavier tritt mit einer Phrase ein, die sogleich von der Flöte übernommen und erweitert wird und nach einer an den Anfang erinnernden Episode wieder aufgegriffen wird. Dasselbe Material bildet auch die Grundlage des raschen Schlussteils.

Pierre Sancan war beinahe dreißig Jahre Professor für Klavier am Pariser Konservatorium, indessen er zugleich eine äußerst erfolgreiche Karriere als Interpret machte. Der Gewinner des Rompreises von 1943 schrieb etliche Werke, darunter eine Oper, eine Streichersymphonie und zwei Klavierkonzerte. Seine Sonatine entstand 1946 als Prüfungsstück für das Pariser Konservatorium und ist seinem dortigen Kollegen, dem vorzüglichen Flötisten Gaston Crunelle gewidmet. Deutlich spürt man den Geist Debussys in der Solomelodie, die sich über einer zart texturierten Begleitung des Klaviers bewegt und in der Reprise wiederkehrt. Eine kurze Klavierpassage führt zu einem dreiteiligen Andante espressivo von melancholischer Gesanglichkeit. Einer Flötenkadenz folgt dann der abschließende Satz (Animé) mit seinem triolischen Rhythmus und der Erinnerung an den Beginn des Werkes; dann nimmt die Flöte die raschen Figuren des Schlusssatzes wieder auf, um die Sonatine zu einem brillanten Ende zu bringen.

Neben Olivier Messiaen, Daniel Lesur und Yves Baudrier gehörte auch der Le Flem- und Varèse-Schüler André Jolivet zu der französischen Komponistengruppe Jeune France. In seiner Eigenschaft als Musikdirektor der Comédie Française schrieb er Schauspielmusiken, ansonsten verriet er ein besonderes Interesse an jenen Inkantationen und magischen Elementen, die er als die Grundlagen der menschlichen Musik empfand. Aufgrund dieser Beziehung behandelte er sowohl in seinen Orchesterwerk als auch in seiner Kammermusik die Flöte mit Vorzug. Der gleichfalls Gaston Crunelle gewidmete Chant de Linos erläutert in einer Überschrift, dass der Gesang des Linus in der griechischen Antike eine Art von Threnodie war – eine von Schreien und Tänzen unterbrochene Begräbnisklage. Der erste Teil führt zu einem ruhigeren Lamento, das von wilden Schreien gebrochen wird. Im Anschluss daran wird die Threnodie wiederholt. Ein weiterer Ausbruch führt zu einem tanzhaften Abschnitt und zu einer friedlicheren Stimmung; darauf wird das Lamento kurz aufgegriffen – und es folgt ein Schlussabschnitt, der an die Schreie und Tanzrhythmen des Vorigen erinnert.

Auch Henri Dutilleux’ Sonatine für Flöte und Klavier ist ein Prüfungsstück für das Pariser Konservatorium, und auch sie ist Gaston Crunelle gewidmet. Das Werk entstand im Jahre 1942, in dem er an der Pariser Opéra als Gesangsdirektor tätig war und bevor er in gleicher Eigenschaft zum französischen Rundfunk ging. Seine persönliche musikalische Sprache entwickelt sich aus der Tradition von Debussy und Ravel, vermeidet das Programmatische oder Dogmatische und sucht immer nach klaren Texturen. In der Sonatine stellt das Klavier die erste Melodie vor, die später von der Flöte übernommen und erweitert wird und zu einem zweiten melodischen Element führt. Eine kadenzartige Passage führt zu einem expressiven und markanten Andante, worauf ein motorisch vorangetriebener Schlusssatz mit der Tempoangabe Animé folgt, in dem der Komponist seine „Freude am Klang” zelebriert. Vor dem Ende des Werkes hat der Flötist eine weitere Kadenz zu spielen.

Pierre Boulez ist als Dirigent ebenso einflussreich wie als Komponist. Als solcher wurde er vor allem dadurch bekannt, dass er schon früh unter dem Einfluss seines Lehrers Messiaen den Serialismus zu einem umfassenderen und logischeren System entwickelte, das ihm gleichwohl eine gewisse Freiheit erlaubte. Wie die erste Klaviersonate (Naxos 8.553353) stammt auch die Sonatine für Flöte und Klavier aus dem Jahre 1946, als Boulez von dem Schönberg-Schüler René Leibowitz im Serialismus unterwiesen wurde. Sie wurde als erstes seiner Werke veröffentlicht und zehn Jahre nach ihrer Entstehung in Darmstadt uraufgeführt. Bei der Komposition des Stückes achtete Boulez peinlich genau und in typisch französischer Manier auf die klangliche und strukturelle Gestaltung. Er benutzte hier melodische Zellen – wiederkehrende Tongruppen, die ihre melodischen Funktionen innerhalb eines Gefüges erfüllen, das der Komponist später als „organisiertes Delirium” bezeichnen sollte.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


Close the window