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8.557329 - Latin American Guitar Music
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Gitarrenmusik aus Lateinamerika


Seit die Gitarre von den Conquistadores der iberischen Halbinsel nach Südamerika gebracht worden war, ist sie untrennbar mit der Seele der lateinamerikanischen Musik verbunden. Von den meditativen Klängen der Vihuela-Tabulaturen bis hin zu den eindringlichen Liedern der Zigeuner-Sänger verkörpert die Gitarre ästhetische Gegensätze, die eine Schlüsselrolle in der Entwicklung der Musik dieses Instruments in den Regionen Amerikas spielte. Europäische Formen und Tänze wurden von dem magischen Realismus und der allgegenwärtigen Existenzangst der Neuen Welt in eine einzigartige Sprache voller Verve, Leidenschaft, Trotz, Pathos und überschwänglicher Sinnlichkeit verwandelt. Valse-Pasillo-Joropo, Milonga-Candombe-Tango ... Salsa-Merengue-Vallenato ... Saudade-Samba-Bossa Nova ... und so weiter. Keine Sammlung wäre allein in der Lage, die Bandbreite und Vielseitigkeit der musikalischen Formen zu repräsentieren, die wir heute in Lateinamerika vorfinden. Die Musik der vorliegenden CD stellt die gegensätzlichen Stile aus Argentinien, Brasilien, Uruguay sowie eine zeitlose Ballade des Kubaners Leo Brouwer vor.

Astor Piazzolla (1921-1992), der unumstrittene Pionier des Avantgarde-Tangos, führte diese Musik auf künstlerisches Niveau. Seine unermüdliche Verschmelzung von Jazz und modernem und traditionellem Tango schuf einige der beliebtesten Kompositionen für Arrangeure und Interpreten gleichermaßen. Ich arrangierte diese Fassung von La muerte del angel und Primavera porteña für Gitarre nach der gedruckten Tabulatur und Piazollas Schallplattenaufnahme von 1973.

Der bezaubernden Melancholie des Walzers von Dilermando Reis (1916-1977) kann man sich auch beim ersten Hören nur schwer entziehen. Se ela preguntar (Wenn ich sie fragen sollte) und zPromessa wurden zu Standards der brasilianischen Musik. Anders als die Stücke von Gnatali, Gismonti oder Pereira bevorzugt Reis den eher traditionellen brasilianischen Gitarrenstil voller Zartheit und mit einem einzigartigen Rubato.

Marco Pereira (geb. 1956) ist durch seine modernen und virtuosen Sambas und Chôros für Gitarre solo bekannt geworden. Marta hingegen offenbart mit seinen chromatischen Harmonien und Fortschreitungen eine zauberhafte Verletzlichkeit.

Der ausgezeichnete Pianist Horacio Salgán wurde in den 1960er Jahren einer der Pioniere des „Neuen Tango“. Seine Musik etablierte den Tango im Solo- und Kammermusikrepertoire. Diese Bearbeitung von Don Agustín Bardi wurde nach einer alten Kassette von Jorge Morel nach dem Gehör erstellt.

Einer der herausragenden Sänger und Komponisten des Tangos der frühen Jahre war Angel Villoldo. Um 1903 komponierte er El Choclo in dem Restaurant, in dem das Stück auch erstmals aufgeführt wurde. Als Tango Criollo (Creolischer Tango) bezeichnet, wurde El Choclo ein Klassiker und verkaufte sich in der Druckausgabe über 30 000 Mal. Meine Bearbeitung entstand nach einer gedruckten Klavierfassung des Originals.

Der Gitarrist und Komponist Máximo Diego Pujol wurde 1957 in Buenos Aires geboren. Seine Musik verbindet Alt und Neu mit kosmopolitischer Eleganz und spannender Rhythmik. Sein angeborenes Gefühl für das Wesen des Milonga kann aus den meisten seiner Stücke herausgehört werden. Die geheimnisvolle Traurigkeit des einfachen Aufbaus von Stella australis kontrastiert mit den komplexen und dynamischen Stimmungsumschwüngen, die in der Elegía por la muerte de un tanguero (Elegie für den Tod eines Tangueros), einer dreisätzigen Hommage von Astor Piazzolla, umrissen werden.

Die Bewunderung, die Jorge Morel (geb. 1931) für den traditionellen amerikanischen Jazz hegte, kommt in vielen seiner Stücke für Gitarre solo sowie in seinen Orchesterwerken zum Ausdruck. Seine Wurzeln gründen tief in der Seele des Milonga. Sein Wissen um den argentinischen und südamerikanischen populären Stil wird geschmackvoll von seinen Bearbeitungen originaler Stücke repräsentiert. Milonga del viento (Milonga des Windes) ruft durch den besonderen „Windspiel“–Effekt, der durch einen Fingersatz mit Flageoletts erzeugt wird, nostalgische Bilder hervor.

In deutlichem Gegensatz zu Morels Milonga ist der Milonga oriental des uruguayischen Komponisten Abel Calevaro ein gelehrter und treibender Bass-Milonga mit orientalischem Touch.       

Mit Anspielungen an Klavierthemen von Gershwin ist die Little Rhapsody ein Highlight für jeden Gitarristen. Das Stück besticht durch unwiderstehliche Themen im Dreier-Takt, Jazz-ähnlichen Fort-schreitungen und idiomatischen Gitarren-Riffs. Die eher ruhig fließenden Linien des Tanzes e-Moll führen uns zurück in die nicht allzu ferne Vergangenheit Südamerikas.

Un día de noviembre (Ein Tag im November) wurde sowohl beim Publikum als auch bei den Gitarren-Fans aus aller Welt sofort ein Hit. Trotz der einfachen und herzergreifenden Lyrik unterscheidet sich die sanft swingende und ausdrucksstarke Ballade deutlich von den meisten zeitgenössischen und rhythmisch komplexen Stücken Leo Brouwers (geb. 1939).

Ricardo Cobo
Deutsche Fassung: Peter Noelke


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