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8.557331 - ZEMLINSKY: Rustic Dances, Op. 1 / Four Fantasies, Op. 9 / A Ray of Light
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Alexander Zemlinsky (1871-1942)
Klaviermusik

Zwar hat die Musik Alexander Zemlinskys im letzten Vierteljahrhundert ein zunehmend größeres Publikum gefunden, doch verdankt er seine Reputation nicht der Klaviermusik, die zwar in den Jahren seiner Formung eine wichtige Rolle spielte, die er aber um die Jahrhundertwende praktisch aufgab. Die vorliegende CD stellt sämtliche Klavierwerke vor, die Zemlinsky nach 1891 geschrieben und veröffentlicht hat, und darin sehen wir eine ebenso gewandte wie gefestigte Persönlichkeit, die sich immer mehr von ihren Einflüssen befreite und zu einem Komponisten wurde, der auf andern Gebieten seine Zeichen setzte.

Zu Zemlinskys Jugendwerken gehören zwei Sonaten und zahlreiche Genrestücke. Die 1891 entstandenen Ländlichen Tänze bilden eine sich steigernde Folge von Tanznummern, in deren Verlauf er verschiedene Idiome erprobt. Der Straussischen Süße des ersten Stückes folgt ein zweites von chopinesker Eleganz. Die Sehnsucht des dritten duftet nach Schumann, und der vierte Satz deutet auf Mendelssohn hin, worauf sich das Lisztsche Funkeln der Nummer 5 anschließt. Das sechste Stück steht ganz im Zeichen von Brahms, das siebte erinnert an Dvořák. Das Walzertempo und der Ländler der Nummern 8 und 9 verbinden sich gewissermaßen zu einem Schubertschen Doppel, auf das das lebhafte rhythmische Profil der zehnten Nummer folgt. Die beiden letzten Stücke gehen ohne Pause ineinander über, wobei es von der salonhaften Artigkeit zur klaren Sprache der Nummer 12 und somit zu einem aufregenden Abschluss des Zyklus geht.

Obwohl diese Komposition günstige Erwähnung fand, scheint Zemlinsky gefühlt zu haben, dass sein „Opus 1” eine irreführende Vorstellung von dem Komponisten gab, der er sein wollte. Während der nächsten sechs Jahre veröffentlichte er keine weiteren Neuheiten, ungeachtet die (dem Lehrer Johann Fuchs gewidmeten) Vier Balladen aus den Jahren 1892/93 ursprünglich sein Opus 2 hätten werden sollen. Ganz direkt, wenngleich nicht sklavisch, werden hier die Balladen op. 10 von Johannes Brahms beschworen – besonders in der ersten mit dem Titel Archibald Douglas nach dem Gedicht von Theodor Fontane. Aus den Tiefen des Klaviers gelangen wir mit bedrohlichen Akzenten zu einem tumultuösen Mittelteil, worauf am Ende die Stimmung des Anfangs wiederkehrt. Die zweite Ballade, Der König von Thule, ist eine zärtliche instrumentale Übersetzung des Liedes, das Gretchen in Goethes Faust singt; nur kurz wird die insgesamt friedliche Stimmung in der Mitte von einer emotionalen Woge aufgestört. Die dritte Ballade, Der Wassermann, nach einem Gedicht von Justinus Kerner, ist weitgehend humorvoll und gutmütig, verrät aber im Zentrum zur Erhöhung der Spannung eine gewisse Boshaftigkeit. Die vierte Ballade, Intermezzo, gehorcht offenbar einem geheimen Programm: Das Zusammentreffen der beiden impulsiven bzw. kapriziösen Hauptgedanken lässt an eine amouröse Begegnung denken, wobei die Musik dann in einem heiteren Schluss für den ganzen Zyklus ausläuft.

Eine ähnliche Intimität verkörpert das Albumblatt „Souvenir aus Wien” von 1895, das Zemlinsky seiner Schülerin Catharina Maleschewski widmete. „Sehr langsam und innerlich” soll dieses Stück gespielt werden, das Anspielungen an Wagner und Tschaikowsky enthält und eine größere emotionale Bandbreite durchmisst als man aufgrund des Titels vermuten könnte. Seine subtil sich entwickelnde Form und seine modulatorischen Freiheiten lassen vermuten, dass Zemlinsky schon die Klavierzyklen kannte, die Brahms zu Beginn des Jahrzehnts veröffentlicht hatte.

Gleichermaßen anziehend ist die Skizze von 1896, bei der es sich um die Revision eines Satzes aus einem fünf Jahre zuvor entstandenen Zyklus von vier Klavierstücken handelt. Dem hüpfenden Eingangsgedanken steht als Kontrast ein eher grübelndes zweites Thema gegenüber, das sich pointiert einmischt, worauf allerdings die erste Idee das letzte Wort hat.

1898 schuf Zemlinsky seine imposanteste Komposition für Klavier, die Vier Fantasien nach Gedichten von Richard Dehmel. Jedes dieser kleinen Tongedichte enthält Verse des prominentesten Dichters der Wiener Sezession, ohne diese allerdings zeichnerisch genau umzusetzen. Die erste Fantasie, Stimme des Abends, ist ein ruhiges Brüten und erreicht einen äußerst kurzen Höhepunkt, bevor sich wieder die vorige Ruhe einstellt. Die zweite Fantasie, Waldseligkeit, konfrontiert den kapriziösen ersten Gedanken mit einer hymnenartigen Erwiderung, gewinnt immer größere Intensität und entwickelt die Themen bis zum Schluss. Die dritte Fantasie, Liebe, ist von solcher Verzückung, dass es verschiedentlich zu einem eloquenten Austausch zwischen den beiden Händen kommt. Die vierte Fantasie, Käferlied, ist die kürzeste und unbeschwerteste; ihre sorglose Haltung rundet den Zyklus mit humorvoller Eleganz ab.

Die Verarbeitung Dehmelscher Verse mit instrumentalen Mitteln realisierte Arnold Schönberg, Zemlinskys späterer Schwager, mit seinem Streichsextett Verklärte Nacht ein Jahr später im größeren Stil. 1901 komponierten die beiden Kollegen Musik für das Überbrettl, mit dem der Schriftsteller und Unternehmer Ernst von Wolzogen in Berlin ein anspruchsvolles Kabarett zu etablieren versuchte. Schönberg schrieb seine heute als Brettl-Lieder bekannten Stücke, und Zemlinsky verfasste die Musik zu einer Pantomime mit Klavier namens Ein Lichtstrahl. Das Szenarium des Bühnenautors und Schauspielers Oskar Geller ist eines jener possenhaften Melodramen, wie sie damals üblich waren. Darin geht es um amouröse und andere Begegnungen von „Ihm” und „Ihr” und „dem Andern”. Diese ménage à trois spielt am frühen Abend in einem Raum mit einem großen Kleiderschrank.

Die Musik beginnt recht entspannt und anspruchslos; bald aber macht sich eine größere Aufgeregtheit gelten, die zu einigen wütenden Gesten führt. Im Anschluss daran werden die Gedanken des Anfangs in kunstvolleren Texturen weitergeführt. Ein bissiges Repetitionsmotiv setzt eine eher humorige Episode in Gang, die dem Pianisten (und zweifellos auch den Pantomimen) einige Möglichkeiten zu bildhafter Übertreibung gibt. Die unechte Grazie eines „Liedes ohne Worte” mit einem gleichermaßen charmanten Trio schließt sich an. Dann wird auf die konfliktträchtige Stimmung angespielt, bevor die graziöse Musik wieder ihren gelassenen Gang geht. Als nächstes kommt eine Erinnerung an die humorige Episode, und die beiden musikalischen Elemente wechseln nun einander ab, bevor mit einem neuen, entschiedenen, aus dem ersten Gedanken abgeleiteten Thema auf eine letzte Wiederholung der graziösen Musik zugesteuert wird, worauf das Geschehen schließlich mit einer heftigen, schamlos theatralischen Verzierung zu Ende geht.

Ein Lichtstrahl wurde am Überbrettl nicht aufgeführt – sei’s, dass man darin sexuelle Zweideutigkeiten erkannte, sei’s wegen der schweren Klavierstimme. Zemlinsky kürzte das Stück für Franz Artzts Cabaret du Quartier Latin in Dresden, doch auch hier kam keine Aufführung zustande, so dass das Stück bis 1992 warten musste, ehe es Gehör fand. Die Verbindung von direkter Illustration und subtil entwickelter Variationsform hat im sonstigen Schaffen des Komponisten nicht ihresgleichen. Die zahlreichen glücklichen Eingebungen des Werkes genießt man am besten in der originalen, vollständigen Version – so wie hier.

Ein ähnlicher Schimpf widerfuhr dem dreiaktigen Ballett Der Triumph der Zeit, an dem Zemlinsky 1901 arbeitete. Gustav Mahler war von Hugo von Hofmannsthals weitschweifigem, symbolistischen Szenarium wenig begeistert, was für das Projekt praktisch das Ende war. Der Komponist rettete zwei Orchesterwerke sowie (aus dem ersten Akt Das gläserne Herz) dieses kurze Menuett, das 1903 veröffentlicht wurde. Mit dem sehnsüchtigen Charme dieses perfekt auf den Amateur-Bedarf zugeschnittenen Stückes findet Zemlinskys Klavierschaffen einen unscheinbaren Abschluss.

Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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