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8.557338 - REGER, M.: Organ Works, Vol. 6 - Introduction, Variations and Fugue on an Original Theme / 6 Trios (Welzel)
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Max Reger (1873–1916): Orgelwerke Teil 6
Choralfantasie über „Alle Menschen müssen sterben" op. 52, Nr. 1
Sechs Trios für Orgel op. 47
Introduktion, Variationen und Fuge über ein Originalthema op. 73

Max Reger verdankt das frühe Interesse an Musik dem Beispiel und dem Enthusiasmus seines Vaters, eines Lehrers und Amateurmusikers, und dem Unterricht bei dem Stadtorganisten von Weiden, Adalbert Lindner. Reger wurde 1873 in Brand in der Oberpfalz (Bayern) geboren. Im Jahr darauf zog die Familie nach Weiden, wo er seine Kindheit und Jugend verbrachte. Nach der Schule begann er eine Lehrerausbildung. Lindner hatte einige der frühen Kompositionen Regers seinem eigenen Lehrer Hugo Riemann vorgelegt, der diesen daraufhin als Schüler annahm – zunächst in Sondershausen (Thüringen), sodann in Wiesbaden als Assistent. Nach dem Militärdienst, der Reger gesundheitlich und seelisch angriff, verbrachte er eine Zeit in seinem Elternhaus in Weiden. In jener Zeit entstand eine ganze Reihe von Kompositionen, insbesondere für Orgel, darunter eine monumentale Folge von Choralfantasien und andere Werke, die scheinbar öfter darauf angelegt sind, die Technik seines Freundes Karl Straube, eines bedeutenden Interpreten der Orgelmusik Regers, herauszufordern.

1901 zog Reger nach München, um dort die nächsten sechs Jahre zu verbringen. Seine Position im Musikleben war eine in gewisser Hinsicht zwiespältige, seit er als Meister der absoluten Musik und, in dieser Zeit, als Gegner der Programmmusik in der Nachfolge von Wagner und Liszt galt. Gleichwohl war er als Pianist erfolgreich und fand allmählich auch ein Publikum für seine Musik. In die Münchner Jahre fällt die Entstehung der Sinfonietta, von Kammermusik und der Klaviervariationen über Themen von Bach und Beethoven. In späteren Jahren wurden letztere um die berühmten Variationen über ein Thema von Mozart ergänzt.

Das Jahr 1907 brachte eine Veränderung für Reger – er übernahm die Professur für Komposition an der Leipziger Universität, und dies in einer Zeit, als seine Musik ein sehr viel größeres Publikum erreichte. Dazu trugen sein Ruf als konzertierender Musiker und Auftritte in London und St. Petersburg, in den Niederlanden und Österreich sowie in ganz Deutschland bei. 1911 lud ihn der Herzog von Sachsen- Meiningen ein, Dirigent des Hoforchesters zu werden, das von Hans von Bülow begründet worden war und das Richard Strauss zu Beginn seiner Karriere geleitet hatte. Die Auflösung des Orchesters zu Kriegsbeginn kam Reger insofern entgegen, als er sich schon seit längerem mit dem Gedanken getragen hatte, diese Position aufzugeben. Die letzten Lebensjahre verbrachte er in Jena, von wo aus er als Komponist und Konzertmusiker weiterhin aktiv war. Max Reger starb im Mai 1916 auf dem Rückweg von einer Konzertreise durch die Niederlande.

Die Musik Regers nimmt im Orgelrepertoire eine herausragende Position ein – viele betrachten ihn als den bedeutendsten Komponisten von Orgelmusik nach Bach. Obwohl selbst Katholik, machte er sich die lutherische Tradition mit ihrem Reichtum an Chorälen als Inspiration für Choralpräludien, Choralfantasien und andere Werke zu eigen. Die Wertschätzung, die seinen Orgelkompositionen schon zu Lebzeiten entgegengebracht wurde, verdankt sich in hohem Maße dem Einsatz Karl Straubes, ebenfalls Riemann-Schüler und seit 1912 Organist an der Leipziger Thomaskirche. Reger schrieb die Choralfantasie über „Alle Menschen müssen sterben“ op. 52 Nr. 1 im Jahr 1900. Er widmete sie Julius Smend, seinerzeit Theologieprofessor in Strassburg und Pionier in der Erforschung der frühen lutherischen Musik sowie der Rolle der Musik in der protestantischen Liturgie. Bei der Introduktion mit der anfänglichen Bezeichnung Assai agitato e molto espressivo (vivace) stellt sich sogleich die Erinnerung an Bachs „Durch Adams Fall“ mit dem charakteristischen Intervall der verminderten Septime ein, einer akustischen Vergegenwärtigung von Adams Fall. Die charakteristisch dichte chromatische Figuration führt zur Choralmelodie mit den Worten des ersten Verses in der Partitur. Die Melodie ist auf die Manuale und die Pedale aufgeteilt und erscheint zuerst im Tenor- Register, sodann im Bass, schließlich im Sopran. Gefolgt wiederum von den Pedalen, wird sie im Tenor vervollständigt. Ein dramatisches Zwischenspiel führt zu kunstvollerer Gestaltung zum dritten Vers des Chorals: „Jesus ist für mich gestorben“, bezeichnet pppp und erneut auf die verschiedenen Register, Manuale und Pedale verteilt. Einer kürzeren Episode folgt eine Version der Melodie zu den Worten des sechsten Verses „O Jerusalem, du schöne, ach wie helle glänzest du!“. Die dazwischen liegende Episode führt wiederum zu einem dramatisch-dynamischen Höhepunkt, bevor der Choral auf die Worte des siebten Verses „Ach, ich habe schon erblicket“ in Oktaven der linken Hand erklingt, umwoben von kunstvoller Figuration. Die Fantasie erreicht eine Klimax auf die Schlussworte „mit der goldenen Ehrenkrone steh ich“, gekrönt von einer Schlussapotheose.

Die Sechs Trios für Orgel op. 47 erschienen 1900. Die Folge beginnt mit einem Canon in E-Dur, einem Andante, in dem die höhere Stimme der tieferen in der Quarte antwortet, dazu erklingt eine gleich bleibende Bassfigur in den Pedalen. Es folgt eine lebendige, kontrapunktisch behandelte Gigue in d-Moll, bezeichnet Vivacissimo, mit zwei wiederholten Abschnitten. Das dritte Trio ist eine Canzonetta in a-Moll mit der Bezeichnung Andantino in überwiegend vierteiliger Textur und Dreierform. Das Vivacissimo bezeichnete Scherzo in a-Dur bildet einen unmittelbaren Kontrast; es umschließt einen Trioabschnitt in a-Moll. Regers Introduktion, Variationen und Fuge über ein Originalthema op. 73 entstand 1903 und ist Karl Straube gewidmet. Das ausgedehnte und außerordentlich anspruchsvolle Werk beginnt mit einer Introduktion, chromatisch und konzentriert in ihrer Textur und den Klangfarben-Kontrasten. Es erfolgt ein Nachlassen zu sanftester Dynamik, bevor das Thema als ein freundliches Andante erscheint. Die ausgedehnten Variationen, die nun folgen, sind von kontrastreicher Komplexität und gekennzeichnet von einem geradezu prophetischen Vordringen zu den Grenzen der Tonalität. Die Variationenfolge endet mit einer sanften choralartigen Version des Themas. In der Fuge, bezeichnet Vivacissimo, führen die vier Stimmen das abgeleitete Thema in der Reihenfolge Alt, Sopran, Tenor und Bass ein. Das Ganze kulminiert in einer massiven dynamischen Klimax über einem dominanten Orgelpunkt.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Thomas Theise


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