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8.557345 - HENZE, H.W.: Guitar Music, Vol. 2 (Halasz) - Royal Winter Music No. 1 / Carillon, Recitatif, Masque / Ode an eine Aolsharfe
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Hans Werner Henze (geb. 1926)
Gitarrenmusik, Folge 2

 

Wenige lebende Komponisten haben mit einer so außergewöhnlichen Zahl unterschiedlichster Werke einen ähnlichen Erfolg erlebt wie Hans Werner Henze. Ein kurzer Blick auf sein Werkverzeichnis zeigt unter anderem eine faszinierende Reihe von Bühnenwerken (Opern und Ballette), zehn Symphonien sowie zahlreiche Konzerte, und es sind eben diese großangelegten Stücke, auf die sich Henzes Ruf als einer der bedeutendsten Komponisten Europas gründet.

Hans Werner Henze wurde 1926 im westfälischen Gütersloh geboren und erhielt seine früheste musikalische Ausbildung während der Zeit des Nationalsozialismus. Widerstrebend kam er zur Hitlerjugend und 1944 als Funker zu einer Panzer-Division, doch schon bald fand er sich in britischer Kriegsgefangenschaft wieder. Nach seiner Freilassung nahm er seine formelle Ausbildung wieder auf: Zunächst studierte er bei Wolfgang Fortner, dann bei René Leibowitz in Darmstadt und Paris. Vorbildhaft für seine frühesten neoklassizistischen Stücke wurde ihm jedoch die Musik von Strawinsky, Hindemith und Schönberg, und schon damals zeigte sich eine natürliche lyrische Begabung, die sein Schaffen während seiner sechzigjährigen Komponistenlaufbahn kennzeichnen sollte. Mit seinem ersten Violinkonzert und seiner ersten Symphonie (1947) etablierte sich Henze schnell als die deutsche Antwort auf das durch die Nazis verursachte musikalische Vakuum.

Abgestoßen von der spirituellen Hässlichkeit und dem gesellschaftlichen Verhalten des Heimatlandes nach dem Kriege und aus Scham über die jüngste deutsche Vergangenheit mit ihrer kulturellen Verleugnung, ging Henze 1953 nach Italien, wo er schließlich in einer neuen Villa zwischen Olivenhainen auf den Hügeln bei Rom lebte. Hier im Süden gelangten ein neues Licht und neue Farben in seine Musik, beispielsweise in die Reihe der Bühnenwerke, die 1955 mit König Hirsch begann und zehn Jahre später den einzigartigen Erfolg der Bassariden brachte. Seit dem Ende der sechziger Jahre folgten etliche politisch motivierte Werke, in denen Henze offen seine Sympathien für den Kommunismus zeigte. Dazu gehörten die unglückliche Premiere des Oratoriums Das Floß der Medusa, das Kammermusikstück El Cimarrón und seine Oper La Cubana. Neben diesen großangelegten, „öffentlichen“ Werken fand Henze in den siebziger Jahren Zeit für eine Reihe eher privater Projekte—unter anderem entstanden drei Streichquartette sowie die beiden Gitarrensonaten über Shakespeare’sche Themen, die er als Royal Winter Music bezeichnete. Seit seinen Drei Tentos von 1958 hatte er nicht mehr solch großangelegte, völlig selbständige Werke für Sologitarre geschrieben.

Die beiden Gitarrensonaten bestehen aus sehs bzw. drei Sätzen, von denen jeder einer oder mehreren Shakespeare-Figuren gewidmet ist. Die erste der beiden Sonaten entstand 1975/76 und wurde von dem berühmten Gitarristen Julian Bream angeregt, der einige Jahre früher im Spaß um ein Stück von den Dimensionen der Beethovenschen Hammerklaviersonate gebeten hatte: „Die in diesem Stück auftretenden dramatis personae treten durch den Klang der Gitarre hindurch wie durch einen Theatervorhang,“ beschrieb der Komponist die musikalische Erscheinung der einzelnen Gestalten.

Gloucestergründet sich auf den Eingangsmonolog aus Richard III.: „Nun ward der Winter unsres Missvergnügens glorreicher Sommer durch die Sonne Yorks“. Harsche Dissonanzen, weite Intervalle und komplexe Rhythmen zeichnen das Portrait der aufgewühlten, zerstörerischen Figur. Ein zweiter, zarterer Gedanke beschwört das „üppige Gefallen einer Laute“, doch in den perkussiven Klängen wird Gloucesters rücksichtsloser Ehrgeiz, der den turbulenten Satz färbt, immer deutlicher. Romeo and Juliet ist ein liebevoll-trauriger, frei gestalteter Satz, der mit seiner zweistimmigen Textur den berühmten Dialog der Liebenden in der Balkonszene des zweiten Aktes spiegelt. Die eine Zwölftonreihe umschreibenden Aufwärtsintervalle vermitteln dabei auf bewegende Weise die Sehnsucht der unglückseligen Liebenden. Der gefangene Ariel kommt in einem fantasiereichen Satz mit teils nachdenklichen, teils eindringlichen Tönen zu Worte: Rasche Figurationen und wahrlich harfenartige „Arpeggien“ werfen ihr Licht auf den Luftgeist und seinen harten Kampf um die Freiheit. Hamlets geistig umnachtete Ophelia finden wir im Moment ihres Ertrinkens. Hans Werner Henze erläuterte, dass er bei der Komposition des Satzes an das Gemälde von John Everett Millais gedacht habe, der die blumenumrankte, versonnen singende und sinkende Ophelia im Wasser treibend darstellte. Die Begleitarpeggien erinnern an ein leise sich kräuselndes Gewässer und unterstreichen fragmentarische, zögerliche Anspielungen auf die Oper Wir erreichen den Fluss. Im Kontrast dazu bilden Touchstone, Audrey und William („Wie es euch gefällt“) einen kurzen, komischen und tonaleren Satz. Der Narr Probstein (Touchstone) zeigt sich in witzigen Staccato-Phrasen, indessen leise Triolenrhythmen das sanfte Käthchen (Audrey) bezeichnen und der zuverlässige Wilhelm (William) von Quinten gestützt ist. Die Rivalität der beiden männlichen Gestalten um die Liebe Käthchens kommt in den kräftigen Rhythmen des Schlussteils zum Ausdruck. Wenn man diesen Satz mit einem Scherzo nebst Trio vergleichen kann, so bildet Oberon das abschließende Rondo der sechssätzigen Sonate. Majestätisch soll dieses Finale gespielt werden, das in der friedlichen Verzückung des träumerischen Elfenkönigs die gründliche Abhandlung gitarristischer Techniken beendet.

Carillon, Récitatif, Masque aus dem Jahre 1974 ist für Mandoline, Gitarren und Harfe geschrieben. Der umfangreiche erste Teil verwendet die drei Zupfinstrumente zur Erzeugung der verschiedensten Glockenklänge, und mit den delikaten Tönen dieser unambitioniert tonalen Musik umrahmt Henze ein zentrales Gitarrensolo. Dem liedhaften Récitatif mit einer Harfenkadenz folgt die Masque, in der sich alle drei Instrumente gleichberechtigt an der musikalischen Diskussion beteiligen. Die drei Stücke wurden im Februar 1977 in London uraufgeführt.

Die Drei Märchenbilder für Sologitarre entstammen der Kinderoper Pollicino, die Henze 1980 komponiert hat. Diese Geschichte nach dem Märchen vom Däumling ist den Kindern der toskanischen Kleinstadt Montepulciano gewidmet, in der der Komponist vier Jahre zuvor ein Musikfestival ins Leben gerufen hatte. Die „soziale“ Oper befasst sich mit der problematischen Beziehung zwischen Eltern und Kindern, den Ungerechtigkeiten der Kindheit, mit Armut und Hunger. Die Mittellosigkeit hat den kleinen Helden Pollicino und seine sechs Brüder in die Ferne getrieben. Sie müssen im Hause des Menschenfressers Orco Zuflucht zu suchen—doch schließlich geht alles glücklich aus. Die drei Sätze Pastorale, Arietta und Notturno zeigen exemplarisch, welch unendlich sangbare, expressive und dabei doch direkte Musik Hans Werner Henze zu schreiben versteht.

An eine Äolsharfe ist in jeder Hinsicht ein Konzert für Gitarre und fünfzehn Soloinstrumente, auch wenn es nicht als ein solches bezeichnet ist. Das 1986 vollendete und im August desselben Jahres von dem amerikanischen Gitarristen David Tanenbaum uraufgeführte Werk wurde wiederum durch die Literatur inspiriert—und zwar durch die Poesie des deutschen Romantikers Eduard Mörike (1804–1875). Wie in seiner Royal Winter Music sind die Texte für Hans Werner Henze Mittel zum Zweck, wobei er hier die Essenz der ausgewählten Mörike-Gedichte in äquivalente musikalische Formen umgestaltet und in einen aus vier Meditationen bestehenden Instrumentalzyklus umgießt. Dabei gestand der Komponist, die Dichtungen zunächst als Liedtexte vertont und erst in einem Prozess der graduellen Sublimation in Instrumentalmusik verwandelt zu haben. Eine „romantische“ Musik habe er schreiben, einen „verzückten“ Ton finden wollen, und dazu trägt die tiefe, dunkel getönte Besetzung bei, die unter anderem Alt- und Bassflöte, Viola d’amore, Viola da gamba und Vibraphon verlangt.

Der erste Satz, dessen Überschrift zugleich das gesamte Werk bezeichnet, wirkt tatsächlich wie eine Musik, die der Abendwind auf den Saiten einer (hier von der Gitarre dargestellten) Äolsharfe erzeugt. Eine Atmosphäre aus nachdenklicher Melancholie und lieblichen Erinnerungen entsteht hier durch die zugleich chromatische und durchsichtige Musik und die schimmernden Texturen, mit denen Henze den Dichterworten von Vergänglichkeit und Verlust entspricht. Im zweiten Satz (Frage und Antwort) geben Holzbläser und Schlagzeug ihren beunruhigenden Kommentar zu den Prüfungen und Drangsalen der Liebe. Die Bagatelle An Philomene verstärkt durch aufsteigende Terzen und dichte Texturen den Eindruck einer nicht zu unterdrückenden Sehnsucht. Der Schluss-Satz An Hermann ist auf die „Dionysus“-Tonreihe der Oper Die Bassariden gegründet und zeigt in dem hoch emotionalen Klangdrama noch einmal die außergewöhnliche Fähigkeit des Orchestrators und Gitarrenkomponisten Hans Werner Henze.


David Truslove
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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