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8.557351 - LLOBET: Guitar Works (Complete)
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Miguel LLOBET (1878-1938)

Miguel LLOBET (1878-1938)

Sämtliche Musik für Gitarre

 

Das anbrechende zwanzigste Jahrhundert sah den Beginn einer neuen Ära der klassischen Gitarre. Ein ‚Facelifting’ und strukturelle Änderungen leiteten zusammen mit den Aufführungen und Kompositionen eines Francisco Tárrega eine Entwicklung ein, die die Gitarre zu einem der meistgespielten Saiteninstrumente gemacht hat. Zwei Gitarristen, Miguel Llobet und Andrés Segovia (1893-1987) haben wesentlich zu dieser Popularität beigetragen. Segovia war zwar kein Schüler von Tárrega, wurde aber, wie er selbst sagte, über Llobet indirekt von ihm beeinflusst. Llobet unternahm die notwendigen Schritte, um weiterzuentwickeln, was Tárrega auf den Weg gebracht hatte: Neues zu komponieren, Werke von zeitgenössischen Komponisten zu transkribieren und Unterrichtsmethoden für die Gitarre zu entwickeln und zu erweitern. Während Tárrega nie außerhalb Europas aufgetreten ist, führte Llobet Karriere ihn im zwanzigsten Jahrhundert auch in andere Kontinente.

 

Miguel Llobet Soles wurde am 18. Oktober 1878 in Barcelona geboren, wo er am 22. Februar 1938 auch starb. 1889 begann er sein Gitarrenstudium bei Magín Alegre, der ihn noch im selben Jahr zu einem Konzert des blinden spanischen Gitarrenvirtuosen Antonio Jimenez Manjón (1866-1919) mitnahm. Nach diesem Erlebnis fasste Llobet den Entschluss, die Gitarre zu seinem Lebensinhalt zu machen: Manjón hatte einen unauslöschlichen Eindruck bei ihm hinterlassen. Im Alter von sechzehn Jahren wurde Llobet Schüler am städtischen Konservatorium in Barcelona, wo er seinen Unterricht bei Tárrega fortsetzte. Zu seinen Kommilitonen gehörten damals Musiker wie Pablo Casals, Emilio Pujol, Ricardo Viñes und Gaspar Cassadó. Seinen ersten öffentlichen Auftritt hatte Llobet 1901 am Konservatorium in Valencia. 1904 stellte ihn sein Landsmann und Freund Ricardo Viñes, der renommierte Pianist und Debussy-Interpret, bei seinem ersten Auftritt außerhalb Spaniens in Paris vor. Während seines dortigen Aufenthalts zwischen 1905 und 1910 gab Llobet Gastspiele in ganz Europa. 1910 trat er erstmals in Südamerika auf. Er ließ sich vorübergehend in Buenos Aires nieder, von wo aus er zu Konzerttourneen durch Brasilien, Zentralamerika und die Karibik aufbrach. 1912 führten ihn seine Konzertauftritte erstmals auch in die Vereinigten Staaten. Bei Ausbruch des 1. Weltkriegs kehrte Llobet nach Buenos Aires zurück, wo er sich neben seiner Konzerttätigkeit auch pädagogisch betätigte. Die Konzerte, die er während des Krieges gab, führten ihn nach Norden bis in die Vereinigten Staaten. Nach 1930 lebte er wieder in Barcelona, wo er hauptsächlich unterrichtete, aber auch solistisch in Erscheinung trat. 1934 gab er Konzerte in Wien, in Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern. Den Spanischen Bürgerkrieg mit der Besetzung Barcelonas erlebte er 1937 in seiner Heimat. In seinem Buch Manuel de Falla erinnert sich Jaime Pahissa, dass er Llobet während dieser Zeit total niedergeschlagen und apathisch durch die Straßen Barcelonas irren sah. Kurz danach begann sich sein Gesundheitszustand zu verschlechtern; er starb im folgenden Jahr an einer Rippenfellentzündung.

 

Unter Llobets annähernd 75 veröffentlichten Werken befinden sich dreizehn Originalkompositionen und eine Reihe von Volksliedbearbeitungen. Bei allen anderen Stücken handelt es sich entweder um Bearbeitungen von Werken bekannter Komponisten für eine oder zwei Gitarren oder um revidierte Ausgaben von Repertoirewerken, darunter auch einige ursprünglich von Tárrega herausgegebene Stücke.

 

Die früheren Originalwerke zeigen eine Vorliebe für Chopin, was sich unschwer in Stücken wie der Mazurka, der Romanza oder dem Scherzo-Vals erkennen lässt, wo sogar die (für die Gitarre) ungewöhnlichen Tonarten chopinesk anmuten: B-Dur und c-Moll für die Mazurka und die Romanza und Des-Dur für den Zentralabschnitt des Scherzo-Vals. Auch Wagner und Richard Strauss haben in der chromatischen Freizügigkeit der Préludes in E- und A-Dur ihre Spuren hinterlassen (Jaime Pahissa erwähnt in seinem Buch, dass Llobet auf seinen Reisen nicht nur mit Falla, sondern auch mit Strauss zusammentraf, und dass sich die Gespräche häufig um Komponisten wie Wagner, Bizet und Debussy drehten). Dass Llobet mit der Musiksprache der Impressionisten vertraut war, hört man in seinen Harmonisierungen der katalanischen Volkslieder. Während seiner Konservatoriumszeit in Barcelona geriet er unter den Einfluss des renommierten Komponisten und Musikwissenschaftlers Felipe Pedrell (1841-1922), zu dessen Schülern Manuel de Falla, Isaac Albéniz, Enrique Granados und Roberto Gerhard gehörten. Pedrell setzte sich in seinen Vorlesungen und Veröffentlichungen für die Erhaltung und Pflege des wichtigsten spanischen Musikkulturguts, des Volksliedes, ein. Mit seinen Bearbeitungen von katalanischen Volksliedern folgte er Pedrells Aufruf; jedes dieser Stücke ist in seinem Harmonie- und Klangreichtum ein kostbares Juwel. Einige dieser Balladen aus Katalonien erlangten durch Llobets Aufführungen in ganz Europa Popularität.

 

In Respuesta überschreitet Llobet mit der Verwendung des Bariolage-Effekts fast die technischen Möglichkeiten der Gitarre. Die rechte Hand arpeggiert auf den tieferen Saiten, die höher klingen als die leeren Saiten. Mit diesem Werk erweitert Llobet die Grenzen der idiomatischen Schreibweise für das Instrument.

 

Das seit dem 16. Jahrhundert nachweisbare Modell der Folia hat Werke vieler europäischer Komponisten inspiriert, so auch Fernando Sors Variationen op. 15. Llobet entleiht sein Material dem Thema und den ersten beiden Variationen Sors und fügt mit acht weiteren Variationen und einem romantischen Intermezzo eine Vielfalt von Einfällen hinzu – moderne, verschiedene Aspekte der Gitarre ausnutzende Spieltechniken wie Variation nur mit der linken Hand, Flageolett-Effekte und schnelle Bindungen.

 

Miguel Llobet gebührt das Verdienst, die klassische Gitarre in die moderne Musikwelt der internationalen Konzertszene eingeführt, das Repertoire mit neuen Werken erweitert und das Publikum durch seine Aufführungen mit neuen Werken von Komponisten wie Falla, Villa Lobos, Ponce und anderen vertraut gemacht zu haben. Darüber hinaus machte er sich mit der Lehre und Erweiterung der pägagogischen Prinzipien Francisco Tárregas einen Namen, vor allem aber mit den ersten elektrischen Aufnahmen der klassischen Gitarre.

 

Ronald Purcell

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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