About this Recording
8.557356 - FRENCH MUSIC FOR WIND QUINTET
English  French  German 

Französische Bläsermusik
Francis Poulenc (1899-1963): Sextett für Klavier und Bläserquintett
Jacques Ibert (1890-1962): Trois pièces brèves
Darius Milhaud (1892-1974): La Cheminée du roi René
Jean Françaix (1912-1997): Bläserquintett Nr. 1

Seit dem frühen neunzehnten Jahrhundert haben französische Komponisten die Gattung der Bläsermusik mit einer Fülle charakteristischer Beiträge bereichert. Als Vorbild dienten ihnen die am Pariser Conservatoire von Anton Reicha (1770-1836) geschaffenen Grundlagen, vor allem dessen Vorliebe für Quintettstrukturen in verschiedenen Besetzungen im Gegensatz zur traditionellen Ver-dopplung in Sextetten oder Oktetten.

Francis Poulenc beschränkte seine kompositorische Ausbildung auf einige wenige Unterrichtsstunden, die er 1921 bei Charles Koechlin nahm. Bei Ricardo Viñes, dessen Meisterschüler er war, hatte er zuvor ein gründliches Klavierstudium absolviert und sich intensiv mit der Musik seiner Leitbilder Bach, Mozart, Satie und Strawinsky auseinandergesetzt. Entscheidend beeinflusst wurde seine künstlerische Entwicklung durch seine Mitgliedschaft in der sog. „Groupe des Six“, die neben ihm aus den Individualisten Honegger, Milhaud, Auric, Tailleferre und Durey bestand und zum Aushängeschild für den Aufbruch der französischen Musik in eine unabhängige Moderne wurde. Bereits zu Poulencs frühen Kammermusikkompositionen gehören verschiedene Werke für Blasinstrumente – eine Vorliebe, die ein Leben lang andauern sollte und deren einzige Ausnahmen die in den 1940er Jahren entstandenen beiden Sonaten für Violine bzw. Violoncello waren. Das Sextett für Klavier und Bläserquintett entstand 1932 und wurde im folgenden Jahr uraufgeführt. 1939 revidierte der Komponist das bis dahin unveröffentlichte Opus und ließ es 1940 in Paris aufführen. In einer Schallplattenaufnahme, die 1960 in Amerika entstand, ist Poulenc am Klavier zu hören; in einer früheren Einspielung aus dem Jahr 1952 hatte der Komponist Jean Françaix diesen Part übernommen.

Das Sextett beginnt nach einem lebhaften Einstieg mit einem seine eigene Energie entwickelnden Konzertieren aller Instrumente. Nach einer lyrischnachdenklichen, von einer Fagottkadenz eingeleiteten und stimmungsmäßig abrupt kontrastierenden Passage kehrt der Satz zu Tempo und Virtuosität des Beginns zurück. Der zweite Satz stellt in Umkehrung der Architektur des Werkbeginns einen spielerischschnellen Teil in den Mittelpunkt, gerahmt von typisch französisch anmutenden, lyrisch-besinnlichen Passagen. Für einen weiteren Stimmungswechsel sorgt der rhythmisch geradezu artistische Finalsatz, dessen ausgelassene Heiterkeit im Schlussabschnitt jedoch in Wehmut umschlägt.

Jacques Ibert, Gewinner des prestigeträchtigen Rom-Preises, war während einer Reihe von Jahren als Direktor der französischen Akadamie in Rom tätig. Als vielseitiger, ungemein produktiver Komponist bereicherte er fast alle gängigen Gattungen – Oper, Ballett, Lied, Orchester-, Kammer- und Filmmusik – mit interessanten Beiträgen. Ausgeklammert aus seinem Werkschaffen blieb merkwürdigerweise die Sinfonik. Wie seine französischen Zeitgenossen hatte auch Ibert ein besonders feines Gespür für idiomatische Bläsermusik; ein Beispiel ist u.a. sein frühes Bläserquartett in der Originalbesetzung für zwei Flöten, Klarinette und Fagott.

Seine Trois pièces brèves für Bläserquintett stammen aus dem Jahr 1930. Nach einer kurzen Introduktion leitet die Oboe eine beschwingte Gigue ein, die nach einem stimmungsmäßig kontrastierenden Mittelteil zu ihrem Tanzrhythmus zurückfindet. Mit charakteristischen Klangfarben hebt das Andante an, ein Duo für Flöte und Klarinette. Nach einem gedämpften, ausgehaltenen Ton im Horn treten die anderen Instrumente hinzu und führen den Satz seinem Ende entgegen. Sechs einleitende Takte bereiten das Allegro scherzando des folgenden Stücks vor, über dessen Klarinettenmelodie sich die Flöte erhebt. Im abschließenden Vivo-Abschnitt kehren die beiden Hauptthemen reprisenartig zurück.

Darius Milhaud entstammte einer im südfranzösischen Aix-en-Provence ansässigen jüdischen Familie. Am Pariser Conservatoire studierte er zunächst Violine, bevor er sich der Komposition zuwandte. Den Dichter und Diplomaten Paul Claudel, mit dem ihn eine persönliche Freundschaft verband, begleitete er 1916 als Botschaftssekretär nach Rio de Janeiro; dort übte die südamerikanische Folklore einen großen Einfluss auf sein kompositorisches Schaffen aus. 1918 kehrte er nach Paris zurück und schloss sich – mehr aus freundschaftlichen als aus musikalisch-doktrinären Beweggründen – der „Groupe des Six“ an. Nach der Besetzung Frankreichs flüchtete er in die USA; in Oakland wurde ihm eine Stelle als Kompositionslehrer vermittelt, die er auch nach seiner Rückkehr nach Paris 1947, wo er eine Professur am Conservatoire annahm, beibehielt. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er in Genf. Dort starb er im Juni 1974. Milhaud hinterließ ein außergewöhnlich umfangreiches OEuvre mit Beiträgen zu den verschiedensten Gattungen – seine letzte Komposition, ein Bläserquintett, trägt die Opusnummer 443.

Milhauds Suite für Bläserquintett, La Cheminée du roi René, war das Ergebnis seiner Zusammenarbeit mit Roger Désormières und Arthur Honegger an der Partitur zu dem Film Cavalcade d’amour, der drei Liebesepisoden aus verschiedenen Epochen (Mittelalter, 1830 und 1930) thematisiert. Milhaud entschied sich für erstere mit Szenen der „cours d’amour“ des fünfzehnten Jahrhunderts, in deren Mittelpunkt König René von Anjou, Titularkönig von Neapel, Herzog von Lothringen und Graf der Provence steht. Er widmete sich der altprovencalischen Poesie und sammelte die Dichtungen der Troubadoure. Die „Cheminée“ des Titels (heute eine der Hauptstraßen von Aix) war sein bevorzugter, geschützter Aufenthaltsort. Milhauds Suite ist stilistisch mit Strawinskys neoklassizistischer Pulcinella-Musik verwandt. Zu Beginn erklingt die prozessionsartige Cortège. Flöte und Klarinette leiten sodann die Morgenserenade Aubade ein, gefolgt von der Oboenmelodie der Jongleurs. La Maousinglade ist der Name des Stadtquartiers, in dem die Milhaud-Familie zuhause war, während Joutes sur l’arc an die Turnierspiele an den Ufern des Arc unweit von Aix erinnern. Chasse à Valabre beschreibt eine königliche Jagdpartie; hier übernimmt das Piccolo den Part der Flöte. Die Suite endet in der milden Abenddämmerung der Madrigal-Nocturne.

Jean Françaix repräsentiert eine jüngere französische Komponistengeneration. Am Pariser Conservatoire studierte er Klavier bei Isidore Philipp und nahm privaten Kompositionsunterricht bei der berühmten Nadia Boulanger. Mit der „Groupe des Six“ verbinden ihn Attribute wie spielerische Leichtigkeit, stilistische Vielseitigkeit und technisches Raffinement. Zu seinem breitgefächerten Werkrepertoire zählen Opern, Ballette, Lieder, Chorkompositionen und unzählige Kammermusiken. Das Bläserquintett Nr. 1 aus dem Jahr 1948 widmete er seinen Holzbläserfreunden des Orchestre National de Paris.

Das Werk beginnt mit einem feierlichen Andante tranquillo im Wechsel von Horn und Oboe. Spielerischrasche Tonrepetitionen eröffnen sodann die Exposition (Allegro assai) mit ihren sich überschlagenden chromatischen Läufen und scharfen melodischen Konturen. Brillante Staccato-Synkopen markieren den Beginn des launigen Scherzos (Presto). Eine lyrische Episode markiert den Trioabschnitt, der die Klarinette in den Vordergrund stellt. Nach der verkürzten Rückkehr des Scherzos beschließt eine heitere Coda den Satz. Tema con variazioni ist die folgende Satzüberschrift. Nach einer kurzen Introduktion stimmt die Oboe das fis-Moll-Thema an. Es folgt ein Intermezzo; anschließend variiert zunächst die Flöte das Thema, bevor sich die Klarinette, nunmehr in Fis-Dur und mit der Tempobezeichnung Andantino con moto, seiner annimmt. Die nun folgende, von der Flöte melodisch vorgetragene Lento-Variation wird von Klarinettenläufen begleitet. Die lebhaften Synkopen der in Dur erklingenden vierten Variation leiten zum sanfteren Andante in Moll über. Für einen schlagartigen Stimmungswechsel sorgt die Marschparodie des letzten Satzes (Tempo di marcia francese) mit den schnellen Begleit-Arpeggien in Flöte und Klarinette zur Melodie von Oboe und Horn. Unterbrochen wird das Ganze von einer bizarren Behandlung des Hauptmotivs durch das Fagott, dem sich die anderen Instrumente anschließen. Virtuos eilt der Satz seinem Ende entgegen: einer Solopassage für das Horn mit einer fallenden Terz, die der Reihe nach von den anderen Instrumenten als Echo wiederholt wird. Im Pianissimo klingt dieses technisch ungemein anspruchsvolle Werk aus.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Bernd Delfs


Close the window