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8.557375 - WILLAN: Organ Works
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Healey Willan (1880–1968)
Orgelmusik

 

James Healey Willan wurde am 12. Oktober 1880 in dem Londoner Vorort Balham geboren, hatte also am selben Tag Geburtstag wie der große Ralph Vaughan Williams (1872–1958), der mit Willan zusammentreffen wollte, als dieser 1956 vom Erzbischof von Canterbury mit dem Lambeth Doctorate ausgezeichnet wurde, daran aber durch seine schlechte Gesundheit gehindert wurde. Willans Vater war Pharmazeut, und in der gesamten Familie Willan gab es keinen Berufsmusiker. Gleichwohl erkannten und förderten die Eltern die offensichtliche musikalische Neigung ihres Sohnes.

Der Pfarrbezirk der Familie gehörte zur anglokatholischen Hochkirche, was bedeutete, dass Willan in seinen frühen Jahren den jahrhundertealten gregorianischen Chorälen der Kirche ausgesetzt war—einem Kanon der Literatur, den er sein Leben lang schätzte. Als Neunjähriger kam er an eine Knabenschule, wo er zum ersten Male harmonisierte anglikanische Gesänge hörte und in der Kapelle in lautes Lachen ausbrach, weil er glaubte, dass die Schüler sich einen Spaß erlaubten—wofür er einen schweren Tadel erhielt. Er begann früh zu komponieren, allerdings nicht mit der frühreifen Fertigkeit eines Wunderkindes, und machte bald als Kirchenorganist und Komponist Karriere. Doch selbst die Stelle an einer prominenten anglo-katholischen Kirchengemeinde in London brachte ihm nicht das Einkommen, das zum Lebensunterhalt für ihn, seine Frau und die inzwischen drei Söhne nötig gewesen wäre. So folgte er gern der Einladung, am Konservatorium von Toronto die Abteilung für Theorie zu übernehmen. 1913 gingen die Willans nach Kanada.

Als Willan in Toronto ankam, war er vom dortigen Musikleben nicht gerade beeindruckt. Doch er machte sich an die Arbeit und war schon bald als Instrumentalist, Komponist, Lehrer und Kirchenmusiker geschätzt. Drei Wochen nach seinem Eintreffen wurde er an St. Paul’s in der Bloor Street berufen, eine Kirche von kathedralartigen Dimensionen, wo die Orgelbauer Casavant Frères 1914 ein mächtiges Instrument einbauten, das einige seiner schönsten Werke inspirieren sollte. Während seines gesamten Lebens war Willan in ganz Nordamerika als Vortragskünstler aktiv, und mehrere Jahrzehnte wirkte er als Organist an der Universität von Toronto.

Am Adventssonntag des Jahres 1921 übernahm Willan ein neues kirchliches Amt an der anglo-katholischen Pfarrgemeinde St. Mary Magdalene, das bis zu seinem Tode 47 Jahre später den Mittelpunkt seines musikalischen und persönlichen Lebens bilden sollte. Hier ging er seiner Liebe zum Choral nach, und hier entstanden exquisite Motetten und Messen für Chor a cappella, die zu seinen besten Werken gehören. Zur selben Zeit machte er auch auf weltlichem Gebiet eine bedeutende Karriere, die ihm viel Anerkennung einbrachte. 1926 schrieb Lawrence Mason vom Toronto Globe: „Bis Dr. Willan kam, gab es in Kanada keinen schöpferischen Geist von seinem künstlerischen Niveau, und heute steht er in der vordersten Front der lebenden Komponisten.” Darin mag sich zwar vielleicht ein unglücklicher Kolonialismus spiegeln, doch Willan wurde im Laufe der Zeit als der „Doyen der kanadischen Komponisten” bezeichnet. Er empfing viele akademische Grade und Auszeichnungen, darunter das Lambeth Doctorate des Erzbischofs von Canterbury sowie einen der allerersten Orders of Canada (1967).

Sein Gesamtwerk ist in der Tat gewaltig. Willan wurde mit den Worten zitiert, er könne „überall, jederzeit, unbeeinträchtigt von Lärm oder Störungen” Musik schreiben. Zu seinen Kompositionen gehören zwei Symphonien, zwei Opern, ein Klavierkonzert, Kammermusik, Dutzende Lieder, Suiten für Streichorchester und Blaskapelle, Musik für Klavier allein und zu vier Händen. Dazu kommt dann noch eine außergewöhnliche Zahl an liturgischen Werken für Chor und für Orgel. Diese sind es auch, derentwegen man sich seiner in besonderem Maße erinnert, und von diesen erscheint nur die Introduction, Passacaglia and Fugue regelmäßig im Konzert oder auf Tonträger. Die vorliegende Aufnahme soll den Musikhörer mit einigen anderen Kostbarkeiten bekanntmachen, die der Meister des Kontrapunkts geschrieben hat und die noch der Entdeckung harren.

Präludium und Fuge c-moll (1908) gehört zu Willans frühen Meisterwerken und verrät eine bemerkenswerte kontrapunktische Gewandtheit. Das Präludium ist auf dem Material der ersten vier Takte aufgebaut und wird in einem völlig wagnerschen Stil entwickelt. Darauf folgt eine Doppelfuge mit zwei verschiedenen Subjekten: Das erste Thema gründet sich auf das Anfangsmotiv des Präludiums und wird ungewöhnlicherweise vom Orgelpedal im Bass präsentiert, das zweite setzt in raschen Sechzehnteln ein und wird stets von einem dritten Gegenthema begleitet. Willans Meisterschaft wird sichtbar, wenn er all dieses Material mit zunehmender Spannung kombiniert. Daraus resultiert ein Orgelpunkt auf der Dominante—ein ausgehaltener Bass-Ton, über dem sich die Harmonien frei ergehen. Anschließend kommt es zu einer letzten, dröhnenden Kombination aller drei Themen, worauf die Coda im vollen Werk den Anfang des Präludiums wiederholt.

In seinen siebzehn letzten Lebensjahren schrieb Willan mehr als einhundert Stücke nach Kirchenliedern, viele von ihnen im Auftrage verschiedener Verleger. Zwei jeweils sechsteilige Kollektionen wurden Anfang der fünfziger Jahre von Concordia Press veröffentlicht, und diese gehören zu den meistgespielten, die er in dieser Gattung geschaffen hat. Sein Prelude on a tune of Orlando Gibbons (1950) lässt die zarte Weise über einer fließenden Begleitung im Sopran erklingen.

Allgemein gilt Introduction, Passacaglia and Fugue (1916) als Willans Meisterwerk für Orgel. Auf jeden Fall ist es seine meistgespielte Komposition. Sie wurde deutlich von der großen, opulenten Casavant-Orgel angeregt, die die St. Paul’s Church in der Bloor Street im Jahre 1914 erhielt, als Willan dort als Organist wirkte. Besonderheiten des Instruments waren eine große Batterie an Solo-Tuben in einer Windlade, eine Orgelharfe (gestimmte Holzstäbe) und eine echte Celesta von Muestel aus Paris. Die Komposition verdankte sich der Behauptung eines Musikerfreundes, wonach niemand außer „einem deutschen philosophischen Geist” eine wirklich gute Passacaglia schreiben könne. Willan schickte seinem Freund später sein eigenes Thema mit der Bemerkung „An die Ursache von der Wirkung.” Willan erzählte auch gern, dass er jedesmal eine Variation schrieb, wenn er von Toronto zu dem Haus am Lake Simcoe fuhr, in dem seine Familie den Sommer verbrachte. Die Introduction beginnt mit einer Reihe nicht verwandter Akkorde über dem üppigen, wogenden Streicher-Register („der Doc benutzte immer den Tremulanten,” behauptete ein regelmäßiger Besucher von Willans Konzerten). Diese Akkorde kehren am Ende des rhapsodisch-deklamatorischen Satzes wieder und unterstreichen die Wärme und die Dimensionen der Orgelfarben. Die Passacaglia gründet sich auf ein traditionelles achttaktiges Thema, das ruhig im Pedal exponiert wird. Darauf folgen achtzehn Variationen, die ein großes stilistisches Spektrum umfassen—von einem Scherzo über ein Lied ohne Worte bis zu dem mächtigen Trauermarsch am Ende. Ein geflüsterter Choral führt zu der Fuge, deren Thema von der ersten Hälfte des Passacaglia-Themas ausgeht. Ein Gegenthema in Sechzehnteln wird eingeführt, das zu weiterer komplexer Kontrapunktik führt. Von einem Dominant-Orgelpunkt im Dreivierteltakt geht es zu einer mächtigen Coda, die das Passacaglia-Thema noch einmal im vollen Werk wiederholt.

Die Willans Fugal Trilogy (1958) mag vielleicht nicht inspiriert sein, zeigt aber erneut die Fähigkeit des Komponisten, in kürzester Zeit eine überzeugende Fuge zu konstruieren. Das Thema ist eine elegante Melodie im Tenor, die an viele romantische Weisen für Violoncello erinnert.

Die Fünf Präludien über Choralmelodien (1950) bilden Willans schlüssigste Choralvorspiel-Sammlung. Sie entstanden für die Oxford University Press infolge der erfolgreichen Publikationen der Concordia Press. Nirgends verhehlt er seine Zuneigung zu den gregorianischen Melodien, die durch seine Arbeit an St. Mary Nahrung fand (Willan war von 1950 bis 1964 Gründungsdirektor der Gregorianischen Vereinigung von Toronto). Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die Stücke dem bedeutenden kanadischen Musiker Charles Peaker gewidmet sind: Dieser war Willans Nachfolger an St. Paul in Toronto, einer Gemeinde, in der aufgrund ihrer niederkirchlichen Neigungen wohl keine dieser Melodien gesungen worden wäre.

Aeterna Christi munera ist ein festlicher Satz voller Energie, in dem jeder der von massiven Akkorden vorgetragenen Choralphrasen kontrapunktische Passagen vorangehen. Willan war für die Postludien bekannt, die er an kirchlichen Festtagen nach der Hohen Messe zu improvisieren pflegte, und das vorliegende Stück erinnert exzellent an die schöpferische Phantasie, die er bei diesen Gelegenheiten verriet.

Christe, Redemptor omnium ist eine zarte Meditation, in der der Choral in der Tenorstimme liegt. Der Komponist will, dass sich darin die natürliche rhythmische Freiheit des Originals spiegelt.

In Ecce jam noctis wechseln mystisch-ruhige Zwischenspiele mit der harmonisierten, von einem kantablen Flötenregister gespielten Melodie. Die Coda bringt eine der schönsten Exkursionen, die Willan in die chromatische Welt der wagnerschen Modulationen unternommen hat.

Das Präludium Ave maris stella fängt perfekt die zeitlose Ruhe einer hochkirchlichen Anbetung ein. Wogende Achtel fluten über die Choralmelodie hin, die im Tenor liegt.

Urbs Jerusalem beata ist als Processional bezeichnet und beschwört die großen kirchlichen Prozessionen an St. Mary Magdalene, wobei Willan die festlichen Gesänge durch verschwenderische Improvisationen erweitert. Hier tragen wogende chromatische Harmonien die Melodie, die in langen Noten im mächtigen Tuba-Register erklingt.

Willans Passacaglia and Fugue No. 2 (1959), der Nachfolger der großen Introduction, Passacaglia and Fugue, ist für einen beinahe achtzigjährigen Komponisten ein bemerkenswertes Stück. Die New Yorker Edition Peters regte Willan zu diesem Stück an, da man befürchtete, er könne all seine schöpferische Energie auf die kleinen liturgischen Präludien verwenden, die sein Lebensunterhalt geworden waren. Das Werk ist Sir William McKie, dem damaligen Organisten der Westminster Abbey, gewidmet. Die beiden Musiker hatten sich 1951 kennengelernt und schnell miteinander Freundschaft geschlossen. Willan hatte den Prozessionsmarsch zu McKies Hochzeit 1956 geschrieben, und Sir William war es zu verdanken, dass Willan die Einladung erhielt, eine Motette zur Krönung Königin Elizabeths II. im Jahre 1952 zu schreiben. McKie reiste von England nach Toronto, um Willans Trauerfeier beizuwohnen.

Es gibt viele Ähnlichkeiten mit der früheren Passacaglia. Hier ist die Introduktion allerdings nur wenige Takte lang, doch darin gibt es wieder die berühmten, nicht miteinander verwandten, „mystischen” Akkorde, die später als Abrundung der Coda im vollen Werk erklingen. Die Passacaglia besteht aus zwölf Variationen, die einen stetigen Rhythmus und ein dynamisches Crescendo bilden, während das Thema durchweg im Pedal liegt. Wie in dem älteren Schwesterwerk schlägt dann ein Echo-Choral den Bogen zur Fuge—und auch bei dieser handelt es sich wieder um eine Doppelfuge. Das erste Thema gründet sich direkt auf das Thema der Passacaglia und wird regulär in einer Episode exponiert. Das zweite Thema bewegt sich in Sechzehnteln und wird von seinem eigenen Gegenthema begleitet. Es dauert nicht lange, bis Willan seine berühmte Virtuosität im dreifachen Kontrapunkt demonstriert. Eine atemberaubende Kombination aller Themen und eine kanonische Darstellung des ersten Themas führen schließlich zu einer massiven peroratio.

Das Prelude on „Aberytswyth“ (1956) gehört in eine Sammlung von dreißig Präludien, die der Komponist als Mittsiebziger geschrieben hat und die von Peters in New York veröffentlicht wurden. Sie zeigen eine bemerkenswerte schöpferische Kraft und enthalten einige der schönsten Sätze, die Willan auf diesem Gebiet geschaffen hat. Die liebenswerte walisische Hymnenmelodie wird konzentriert und meditativ behandelt, die Melodie wandert phrasenweise von einer Stimme zur andern.

Epilogue (1908), ein überschwengliches Postludium, ist ein zu Unrecht vernachlässigtes Werk aus der frühen Schaffenszeit, erfüllt von jugendlicher Heiterkeit und gewiss häufigerer Aufführungen wert. Darin spiegelt sich der Stil des britischen Konzertmarsches, wie ihn mustergültig Elgars Pomp and Circumstance-Stücke darstellen: Es gibt darin ein Hauptthema, eine Triomelodie, eine Reprise und schließlich das Trio in einer letzten großen Wiederholung. Willan bedient sich hier vieler kontrastierender Farben und Texturen, und er kombiniert in feiner kanonischer Schreibweise die beiden Hauptthemen miteinander. In der Reprise gibt es nicht nur einen, sondern gleich zwei der Orgelpunkte, die Willan so gern benutzte, und besonders überzeugend ist die fanfarenartige Coda.

Deutsche Fassung: Cris Posslac


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