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8.557382 - SCULTHORPE: Earth Cry / Piano Concerto / Kakadu
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Peter SCULTHORPE (geb. 1929)
Orchesterwerke

Die vorliegende Einspielung stellt Werke vor, die auf die eine oder andere Weise von der pazifischen Region und dem australischen Kontinent inspiriert wurden. Sie sind während der vergangenen dreißig Jahre meiner kompositorischen Karriere entstanden.

In vielerlei Hinsicht ist Australien einer der wenigen Orte auf der Welt, von denen man ehrlicherweise behaupten kann, dass es einem leicht gemacht wird, fröhliche Musik zu komponieren. Anderseits wäre es unehrlich, wenn ich nur Musik schreiben würde, die ausschließlich optimistisch ist, denn das Fehlen eines gemeinsamen nationalen Zieles und der Egoismus vieler Menschen hat die australische Gesellschaft eine Menge ihrer einstigen Energie gekostet. Darüber hinaus hat die Kommerzialisierung eines Pseudo- Nationalgefühls die Vielfalt unserer Kultur beeinträchtigt. Grund zum Jubel wird es, so glaube ich, wohl erst in der Zukunft geben. Jetzt ist es an der Zeit, dass wir diesen Kontinent als unseren eigenen begreifen lernen und auf den Ruf der Erde hören, wie es die Aborigines seit vielen Jahrtausenden getan haben. Earth Cry (1986) ist ein geradliniges, melodisches Werk, dessen vier Teile aus einer schnellen, ritualistischen Musik bestehen, die von zwei langsameren, eher flehentlichen Passagen eingerahmt werden. Den Beschluss bildet eine ausgedehnte Coda. Während dieses Stück durchaus in meinem persönlichen Idiom gestaltet ist, schlägt die Orchesterbehandlung doch einen neuen Weg ein. Deutlich wird dies vor allem in der Art, wie Instrumente einander verdoppeln: Erste und zweite Violinen singen zumeist unisono, und die tieferen Streicher werden häufig im Einklang mit den tiefen Blechblasinstrumenten geführt. Um ein breiteres Landschaftsbild zu entwerfen und entsprechend stärkere Gefühle zu erzeugen, habe ich einen Part für das Didgeridoo eingearbeitet.

Auf der Osterinsel scheint es Anfang des siebzehnten Jahrhunderts zu einer großen Bevölkerungsexplosion gekommen zu sein. Die Bewohner rodeten den Baumbestand, was zu einer gewaltigen Bodenerosion und zu einem Mangel an Baumaterial für Boote und Hütten führte. Die Stämme zogen sich in ihre Höhlen zurück, es kam zu erbitterten Überlebenskämpfen und sogar zu Kannibalismus. Als 1722 die ersten Europäer kamen, hatten die Überlebenden bereits die Bedeutung der riesigen Steinköpfe vergessen, die dort noch immer zu sehen sind. Die Osterinsel ist ein memento mori (wörtl. ‚gedenke des Todes’) für unseren Planeten. Die Absicht dieses Werks ist es jedoch nicht, zu zeigen, was mit den Ureinwohnern geschah, sondern was mit uns allen, mit dem ganzen menschlichen Geschlecht geschehen könnte. Große Teil dieser Musik oszillieren denn auch zwischen den Tönen g und as, dem Halbtonintervall, das der Astronom und Mathematiker Johannes Kepler in seiner Harmonices mundi (1613) als den Klang des Planeten Erde beschrieb. In dieser Musik habe ich außerdem einen Teil des gregorianischen Dies irae aus der lateinischen Totenmesse verwendet. Memento Mori (1993) ist ein geradliniges Werk in einem Satz. Nach einer Introduktion führen zwei Vorstellungen des Cantus planus zu einer Klagemusik, die auf der Keplerschen Theorie basiert. Zwei weitere Vorstellungen des Dies irae leiten den Höhepunkt ein. Es folgt Musik, die ein Gefühl der Wehmut vermittelt, aber auch die Möglichkeit der Erlösung andeutet.

Während der Zeit, in der ich an meinem Klavierkonzert (1983) arbeitete, starben drei meiner engsten Freunde, und ich selbst war in einen beinahe tödlichen Unfall verwickelt. Das Werk ist jedoch eher eine Bejahung des Lebens als eine Beschäftigung mit dem Tod, und wenn ich mich hier stärker als gewöhnlich an die europäische Konzerttradition anlehne, so geschah das aus der Überzeugung heraus, dass diese Gattung es verlangt. Ursprünglich sollte dieses Werk den Titel ‚Pacific’ erhalten. Es besteht aus einem einzigen Satz, der sich in fünf Abschnitte gliedert: Grave – Animato – Grave, Calmo, Animato – Risoluto, Come Notturno, Estatico. Der erste Teil ist mit dem dritten und vierten verwandt, während der zweite (der längste) mit dem letzten in Beziehung steht, obwohl Motive der Eröffnung in diesen beiden Abschnitten wiederkehren. Flöten und Klarinetten fehlen im Orchester, sodass die verbleibenden Holzbläser eine Rohrblattfamilie bilden, bestehend aus zwei Oboen, zwei Fagotten und einem Kontrafagott. Hinzufügen möchte ich, dass einige der musikalischen Ideen – wie in vielen meiner Werke – der altjapanischen Hofmusik und dem balinesischen Gamelan verpflichtet sind.

Kakadu (1988) verdankt seinen Titel dem Kakadu- Nationalpark in Nordaustralien. Diese gewaltige Wildnislandschaft erstreckt sich von den Küstenebenen bis zum zerklüfteten Gebirgsplateau, und die Kultur des Lokalstammes der Gagadju ist mehr als fünfzigtausend Jahre alt. Ihre Sprache wird heute jedoch nur noch von wenigen gesprochen. Kakadu ist Ausdruck meiner eigenen Gefühle angesichts dieser Landschaft – mit dem Wechsel der Jahreszeiten, den dürren und feuchten Monaten und dem Zyklus von Leben und Tod. Das Stück besteht im Wesentlichen aus drei Abschnitten. Die Außenteile sind tänzerisch und energisch, wobei das gesamte melodische Material, wie es in den meisten meiner in jüngster Zeit entstandenen Werken der Fall ist, von den Konturen und Rhythmen des Ureinwohner- Gesangs beeinflusst ist. Der stärker nach innen gekehrte Mittelteil, dem ein dramatischerer Abschnitt mit Vogellaut-Imitationen vorausgeht, ist fest im Gesang dieser spezifischen Gegend verwurzelt. – Mein amerikanischer Freund Emanuel Papper bat mich 1988 um dieses Werk als Geburtstagsgeschenk für seine Frau. Das Englischhorn, das in den ruhigeren Abschnitten erklingt, stellt seine eigene Stimme dar. Die lange chromatische Melodie, die im Mittelteil den Kontrapunkt zum Gesang bildet, ist Ausdruck seiner Liebe.

From Oceania (1970/2003) basiert auf dem letzten Satz meines Orchesterwerks Music from Japan, das ich für das Australian Youth Orchestra zur Aufführung anlässlich der Weltausstellung in Osaka (1970) komponierte. Geschrieben in meinem so genannten „Sonnenmusik“-Stil, war Oceania als Geschenk Australiens an Japan gedacht. Im Gegensatz zu meiner sonstigen Musik enthält dieses Stück kein melodisches Material und nur geringe harmonische Bewegung. Stattdessen wird das Orchester wie ein riesiges Schlaginstrument behandelt. Den Anfang bildet denn auch das Schlagzeug selbst. Andere Instrumente kommen nach und nach hinzu, bis ein mit Feroce, ma ben misurato bezeichneter Abschnitt erreicht wird, der zu einem Höhepunkt führt, an dessen Ton-Cluster sich alle Instrumente beteiligen. Zweimal taucht ein ein EDur- Akkord auf, gefolgt von einer Coda, die größtenteils ohne Taktstriche notiert ist.

Peter Sculthorpe
Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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