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8.557386-87 - PENDERECKI, K.: Polish Requiem (Klosinska, Rappe, Minkiewicz, Nowacki, Warsaw National Philharmonic, Wit)
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Krzysztof Penderecki (geb. 1933)
Ein Polnisches Requiem

Heute überrascht der Aufruhr, den Krysztof Penderecki 1962 in den Kreisen der musikalischen Avantgarde mit seinem Stabat Mater verursachte. Nach so radikalen Werken wie Threnody für die Opfer von Hiroshima (1961) und Fluorescences (1962) [beide auf Naxos 8.554491] trug ihm die außerordentliche Einfachheit und emotionale Direktheit des Stückes den Vorwurf ein, er habe dem musikalischen Fortschritt den Rücken gekehrt – ein Vorwurf, den er nicht zum letzten Mal in seiner Karriere zu hören bekam. Man sollte sich erinnern, dass Penderecki einerseits im linientreuen Polen der Nach- Stalinzeit ein progressiver Komponist war und andererseits einer offiziell atheistischen Gesellschaft als gläubiger Katholik gegenüberstand. Sein Stabat Mater war eines der ersten offenen Glaubensbekenntnisse, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Polen entstanden, und Penderecki zögerte nicht, es bei nächster Gelegenheit in ein umfassenderes Credo einzubringen – als er nämlich 1964 seine Passio et mors Domini nostri Iesu Christi secundum Lucam oder Lukas-Passion [Naxos 8.557149] komponierte. Die Vielfalt der chorischen und orchestralen Techniken, die hier eingesetzt wurde, sollte beispielhaft für alle Chorwerke werden, die Penderecki seither geschaffen hat: Dies Irae (1967), Kosmogonia (1970), Utrenja (1971), Magnificat (1973), Te Deum (1979), Ein Polnisches Requiem (1984), Sieben Tore von Jerusalem (1996) und Credo (1998).

Bei der Betrachtung des Polnischen Requiems muss man berücksichtigen, unter welchen Umständen das Werk entstanden ist. Zunächst schrieb Penderecki 1980 das Lachrimosa für Lech Walesa und die Solidarität in Erinnerung an die Danziger Werftarbeiter, die zehn Jahre früher bei Auseinandersetzungen mit der Staatsgewalt ums Leben gekommen waren. 1981 folgt dann das Agnus Dei zum Gedenken an Kardinal Wyszynski, die große Leitfigur der polnischen Kirche. Wieder ein Jahr später entstand das Recordare Jesu pie zur Seligsprechung des Paters Maximilian Kolbe, der 1941 in Auschwitz freiwillig für einen andern Gefangenen und dessen Familie in den Tod gegangen war. 1984 schrieb Penderecki zum 40. Jahrestag des Warschauer Aufstands gegen die Nazis das Dies Irae (das nicht mit dem früheren Stück von 1967 zu verwechseln ist). In dieser Gestalt kam das Werk am 28. September 1984 in Stuttgart unter der Leitung von Mstislaw Rostropowitsch zur Uraufführung. Neun Jahre später erweiterte der Komponist das Requiem noch um ein Sanctus, und diese endgültige Version hob er selbst am 11. November 1993 bei einem Stockholmer Penderecki-Festival aus der Taufe.

Ein Polnisches Requiem ist für vier Solisten, großen gemischten Chor und ein Orchester geschrieben, das unter anderem vierfaches Holz und sechs Hörner verlangt. Es ist eine der umfangreichsten Partituren, die Penderecki in den achtziger Jahren verfasst hat, und es gehört zu jenen Werken, in denen der Komponist die neoromantische Sprache der späten Siebziger, die besonders das erste Violinkonzert [Naxos 8.555265], die Oper Paradise Lost und die zweite Symphonie [Naxos 8.554492] bestimmt, mit den experimentelleren Prozeduren seiner früheren Jahre verbunden hat. Das zweite Cellokonzert von 1982 markiert eine wichtige Phase in der Evolution dieses „pluralistischen“ Denkens, das im Polnischen Requiem noch erweitert ist und das gesamte Spektrum zwischen reiner Tonalität und aleatorischen „Geräuschen“ umfasst. Ein wesentliches und einheitsstiftendes Element ist der traditionelle polnische Hymnus Swiety Boze (Heiliger, Allmächtiger und Ewiger Gott, sei uns gnädig), der die Musik in mannigfacher Weise beeinflusst: Es ist ein kraftvolles Symbol für ein Werk, das als Requiem für das Leiden der polnischen Nation in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gedacht ist.

Der Introitus schlägt zu Beginn des Werkes den gebührenden Ton gravitätischer Strenge an, wobei Penderecki hier eine seiner charakteristischen graduellen Steigerungen schreibt, die auf einem kahlen, von Glockenschlägen erfüllten Gipfelpunkt enden. Das Kyrie ist zunächst geheimnisvoll still und in sich gekehrt; wenn die Solisten einsetzen, steigert sich die Fürbitte zu einem verzweifelten Crescendo. Die Sequenz des Dies Irae beginnt mit kreischenden Streichern und martialischen Trompeten; im Tuba mirum sorgen das schwere Blech und der Solotenor für eine zusätzliche Intensivierung. Das Mors stupebit besteht aus einem opernhaft glühenden Solo des Mezzosoprans, das in ein dahingleitendes Orchesterzwischenspiel und einen Chor übergeht, dessen akkordische Cluster und Glissandi ganz eindeutig das Jüngste Gericht beschwören. Nach einer Ruhepause erklingt das Quid sum miser in quasi körperlosen Tönen, die sich auf eine unheimliche harmonische Ebene erheben und dann wieder in den Tiefen verschwinden.

Das kurze, unversöhnliche Rex tremendae ist weithin dem Basssolisten zugewiesen. Dann kommt nach einer dramatischen Pause das Recordare Jesu pie, der Brennpunkt in der musikalischen und gedanklichen Konzeption des Werkes. Hier verbindet Penderecki den Hymnus Swiety Boze mit der Melodie des daraus abgeleiteten Recordare. Sopran und Mezzosopran sind über längere Strecken mit Tenor und Bass in einer kontrapunktischen Ausarbeitung dieser beiden Themen verflochten, die sich in äußerst chromatischen Harmonien vorwärtsbewegt. Ein schroffer Orchestersatz eröffnet das Ingemisco tanquam reus, dessen konfliktträchtige Stimmung durch einen aggressiv syllabischen Chorsatz und häufige Schlagzeug-Einwürfe nur noch unterstrichen wird. Mit dem Einsatz der Solisten verbreitet sich ein eher flehentlicher Tonfall. Anschließend wird der vorherige Chor wiederholt, und es erklingt der Anfang des Satzes. Der unerwartet ruhige Schluss weckt den Eindruck, es sei die ganze Spannung plötzlich aus der Musik gewichen: Damit wird das Lachrimosa vorbereitet, das dank einer elegischen Schreibweise für Sopran und Frauenstimmen versöhnliche Töne anschlägt.

Das Sanctus besteht aus drei Teilen. Die tiefen Streicher und die Soloklarinette reflektieren verschiedene Aspekte des Hauptthemas, das vom Mezzosopran weiter ausgeführt wird. Nach einer kraftvoll gearbeiteten Klimax beginnt der zweite Teil: Hier nimmt die Klarinette einen Gedanken vorweg, der sich als das grundlegende Thema des Benedictus erweisen wird. Der Tenor greift diesen Gedanken auf, bevor der nächste Einsatz der Klarinette den Schlussabschnitt des Satzes einleitet. Hier werden nun die Themen des Sanctus und des Benedictus frei miteinander kombiniert; Mezzosopran und Tenor vereinigen sich mit dem Chor zu einem Höhepunkt, der sich im emotionalen Epizentrum des Werkes thematisch mit dem Lachrimosa verbindet. Als expressives Gegenstück schließt sich das Agnus Dei an, der einfachste, geradlinigste Abschnitt der Komposition, in dem der Chor den Text a cappella intoniert. In den tiefsten Tiefen unterstreichen die Kontrabässe das Lux aeterna, indessen überlappende Texturen des Chores und Unisono-Akkorde des Orchesters mit äußerst ausdrucksstarken Mitteln das „ewige Licht“ beschwören.

Eine deutlich dramatischere Wendung nimmt das Libera me Domine mit seinen grellen Dissonanzen und seinem dramatischen Sopransolo. Frühere thematische Ideen, darunter vor allem solche aus der Dies irae- Sequenz, melden sich zurück, derweil das Werk einen dramatischen Höhepunkt erreicht.

Die vier Solisten singen mit mächtigen Tönen den Text, den der Chor in eher fragmentarischer Gestalt wiedergibt, während eine zweideutige Pause angesteuert wird. Es folgt eine gekürzte Fassung des Offertorium, das der Komponist zuvor an dem sonst üblichen Platz in der Sequenz weggelassen hatte. In die Fragen der Streicher fällt der Chor ein, und nach einer neuen, von perkussiven Schlägen durchsetzten Fürbitte des Soloquartetts erreicht das Werk trotz aller Anstrengungen ein überzeugtes Libera animas. Diese Bitte um die Erlösung der im Glauben Dahingeschiedenen steigert sich zu einem großen, zweifachen Crescendo, und in dieser emotionalen Eindeutigkeit endet Ein polnisches Requiem – ein Werk, in dem der Komponist alles zusammenfasste, was sein Land in krisenhafter Zeit beschäftigte – eine Vorwegnahme des zukünftigen Lebens.

Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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