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8.557389 - LEFANU: Catena / String Quartet No. 2 / Clarinet Concertino
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Nicola LeFanu (geb. 1947)

Von der Form her wollte ich das 2. Streichquartett wie ein kurzes Gedicht halten, ein musikalisches Äquivalent zum Sonett. So, wie das Sonett über seine einzelnen Gruppen hinweg einen durchgehenden Gedankenzug präsentiert, so entfaltet sich auch mein Quartett, das aus einem einzigen, kurzen Satz besteht, der sich aus einer Reihe einzelner Abschnitte zusammensetzt. Der musikalische Gedanke wird dabei durch eine Folge wechselnder Bilder getragen, die einerseits zueinander in Kontrast stehen, andererseits organisch miteinander verwandt sind. Abschnitte im Unisono fungieren gewissermaßen wie die Satzzeichen in einem Gedicht. Diese Unisonos und die sich ihnen anschließenden Kadenzen gleichen den Reimen — verdeckten Reimen und End-Reimen — die das charakteristische Formschema des Sonetts erzeugen. Das Quartett entstand im April 1996 und ist dem Andenken meiner Eltern, William LeFanu (1904-1995) und Elizabeth Maconchy (1907-1994) gewidmet.

Beim Concertino für Klarinette und Streicher handelt es sich um eine Umarbeitung von Invisible Places, dem Klarinettenquintett, das ich 1996 komponiert habe. Es war spannend, die ursprünglich für ein Streichquartett entstandene Musik für den größeren Klangkörper des Streichorchesters umzuschreiben, was zudem die Klarinette in ihrem charakterlichen Gestaltungsspielraum etwas entlastete. Das aus sechzehn kurzen Sätzen bestehende Concertino ist eher ein schwer zu fassendes, zurückhaltendes und mehrdeutiges Werk, als daß es sich didaktisch gäbe. Wie schon seine Vorlage, ist es Italo Calvinos Roman Le città invisibili (Die unsichtbaren Städte) verpflichtet. Zum einen stand der Roman Pate für die Idee, eine durchgängige Handlung durch kleine, zusammenhangslose Gedanken zu schaffen: in meinem Werk folgt jedes Teilstück seinem eigenen zyklischen Pfad, wobei es sich einmal ausdehnt, ein anderes Mal dann zusammenzieht. Zum anderen — und weitaus bedeutender — waren da die letzten Zeilen in Calvinos Roman. Kublai Kahn erahnt das Grauen unserer ‚schönen neuen Welt’ und Marco Polo schärft ihm ein, er müsse „suchen und zu erkennen wissen, wer und was inmitten der Hölle nicht Hölle ist, und ihm Bestand und Raum geben.“

Im Oktober 1992, als meine Oper Blood Wedding (Bluthochzeit) erstmals produziert wurde, schuf Nicholas Clapton die Partie des Mondes (eine der Personifikationen des Todes, die die Liebenden verfolgt, als sie sich im Wald verbergen). Der kammermusikalische Canción de la luna kehrt in den von Mondlicht durchfluteten Wald Lorcas zurück, wobei jetzt der gesamte Monolog des Mondes im spanischen Original vertont ist.

Catena für elf Solostreicher entstand im Sommer 1999 am Centre d’Art i Natura in Ferrera, hoch in den Pyrenäen. Von meinem Studio konnte man direkt in das aufgefaltete Gebirge sehen. Wie nun die Musik in mir heranwuchs, sah ich diesen scheinbar unveränderlichen Ausblick mit jedem Lichtwechsel sich wandeln. An einer Wand meines Studios gab es auch ein Gemälde, das eben diesen Ausblick in vier verschiedenen Perspektiven festhielt. Es sind diese Bilder und Gedanken, die mein Werk gespeist haben. Die diatonische, ‚natürliche Stimmung’ der Einleitung dient als Unterbau all dessen, was folgt — selbst wenn man sie nur selten wahrnimmt, da sie chromatisch oder mikrotonal überlagert wird. Die verschiedenen Schichten der Musik formen sich beständig aufs Neue, so daß verschiedene Satzstrukturen und Melodien in den Brennpunkt gerückt werden. Ich habe den Werktitel ‚Catena’ im Wortsinn einer ‚Kette von Hügeln’ verwendet, zugleich aber auch an die ‚Catena’ Stücke des Komponisten Donald Sur (1934-1999) gedacht, dessen Andenken das Werk gewidmet ist.

Nicola LeFanu

Deutsche Fassung: Matthias Lehmann


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