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8.557394 - BLISS: Clarinet Quintet / String Quartet No. 2
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Arthur Bliss (1891–1975)
Streichquartett Nr. 2 • Klarinettenquintett

Durch seinen Vater war Arthur Bliss halber Amerikaner. Er studierte bei Charles Wood in Cambridge und fand in Edward Dent einen anregenden Mentor. Er setzte seine Ausbildung am Londoner Royal College of Music fort, wo er 1912 Edward Elgar kennenlernte, der ihn in seinem kompositorischen Streben unterstützte. Während des Ersten Weltkrieges diente Bliss mit Auszeichnung, und in den Jahren nach dem Krieg begann er seine berufliche Laufbahn mit einer Reihe kühner Ensemblewerke, in denen er oft auch Singstimmen einsetzte, wie etwa in Conversations (1920) und Rout (1920). Diese Kreationen galten als modernistisch und trugen ihrem Verfasser den Ruf eines experimentierfreudigen Avantgardisten ein. Dieser Ruf wurde durch sein erstes großes Orchesterwerk A Colour Symphony (1921-22) nur noch bestätigt.

Von 1923 bis 1925 lebte Bliss in den USA, wo er die Amerikanerin Gertrude Hoffmann heiratete. Dank des aufsprießenden Familienglücks reifte seine musikalische Sprache schnell, wie im Oboenquintett (1927) und in der Pastorale (1928) zu hören ist. Zu Beginn der dreißiger Jahre brachte er seine Erinnerungen an das Gemetzel in den Schützengräben in der tiefgründigen Chorsymphonie Morning Heroes (1930) zum Ausdruck. Anschließend demonstrierte er in seiner Bratschensonate (1933) und der Musik für Streicher (1935), wie meisterhaft er mit musikalischen Strukturen umzugehen wusste.

Bezeichnend für seine berufliche Laufbahn war die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit vielen großen Künstlern seiner Zeit. So schrieb er 1934-35 die Musik zu Alexander Kordas Film Things to Come nach dem Roman von H. G. Wells: Sie wurde ein Klassiker des Genres, und die daraus zusammengestellte Suite gehört zu den populärsten Werken des Komponisten. Auch das Ballett war ihm ein wichtiges Medium. Auf diesem Gebiet arbeitete er bei Checkmate (1937) mit Ninette de Valois sowie bei Miracle in the Gorbals (1944) und Adam Zero (1946) mit Robert Helpmann zusammen. Alle drei Premieren wurden von Constant Lambert geleitet. J. B. Priestley schrieb das Libretto zu der Oper The Olympians (1948-49), und gemeinsam mit Christopher Hassall bzw. Kathleen Raine verfasste Bliss die Chorwerke The Beatitudes (1962) und The Golden Cantata (1963).

Zu seinem Orchesterschaffen gehören drei Solokonzerte, die allesamt für große Interpreten geschrieben wurden: Das Klavierkonzert (1938-39) entstand für Solomon, das Violinkonzert (1955) für Campoli und das Cellokonzert (1970) – ebenso wie die meisterhaften Meditationen über ein Thema von John Blow (1955) und die Metamorphic Variations (1972) – für Rostropowitsch. Während des Zweiten Weltkrieges konnte er dann als Musikalischer Direktor der BBC sein großartiges Organisationstalent entfalten; 1953 wurde er schließlich Master of the Queen’s Musick, und dieses Amt nahm er bis zu seinem Tode auf ausgezeichnete Weise wahr. 1950 wurde Arthur Bliss in den Adelsstand erhoben. Seine Autobiographie As I Remember liefert ein faszinierendes Portrait seines Lebens und seiner Zeit.

Im Anschluss an die Vollendung programmatischer oder dramatischer Werke war es Bliss oft ein Bedürfnis, völlig abstrakte Stücke zu schreiben. So entstand im Fahrwasser der Oper The Olympians das zweite Streichquartett: Er habe sich damals, so bemerkt der Komponist in seiner Autobiographie, „in die intime und private Welt der Kammermusik“ zurückgezogen. Er widmete das Quartett aus dem Jahre 1950 dem Griller Quartet zu dessen 20. Jubiläum, und das Ensemble hob das Werk noch im selben Jahr beim Edinburgh Festival aus der Taufe. Bliss meinte, es habe sich diese Arbeit zu der „gehaltvollsten Kammermusik ausgewachsen, an der ich mich bis dahin versucht hatte“. Tatsächlich haben wir es hier mit einer kraftvollen und strengen Vorführung kompositorischen Könnens zu tun.

Der erste Satz beginnt explosionsartig mit einem dramatischen, von Trillern gekennzeichneten Thema der drei oberen Instrumente. Dieses Thema lässt schon viele der kommenden musikalischen Konflikte erahnen. Die erste Themengruppe wird durch eine weiträumige akkordische Idee und ein perkussives Element abgerundet. Als Kontrast erklingt im Anschluss ein entspannt fließendes Thema, das zunächst von der ersten Violine intoniert wird. Die Durchführung erreicht in einer mächtigen Ausführung der akkordischen Idee ihren Höhepunkt; in der Reprise werden die ursprünglichen Themen und Gedanken dann in anderer Instrumentierung wiederholt.

Zarte Dissonanzen der gedämpften Streicher stehen am Anfang des kontemplativen Sostenuto. Ein kurzer Abschnitt in höherem Tempo führt zu einer düster brütenden Klimax und zu einem leidenschaftlichen Solo des (unsordinierten) Violoncellos, das die drei andern, nach wie vor gedämpften Instrumente mit ihren tremolandi begleiten. Eine ruhige, dreifache pianissimo- Wiederholung der anfänglichen Dissonanz beschließt den Satz, als habe sich die Musik in einem Schwebezustand gefangen.

Den dritten Satz wollte Bliss „im Geiste eines Scherzos“ und „in Höchstgeschwindigkeit“ gespielt wissen. Er beginnt mit einem feurig aufsteigenden Arpeggio, das diese von energischen Rhythmen erfüllte Musik dominiert. Der kurze, trioartige Abschnitt steht im Zeichen einer verbissenen, hartnäckigen Figur, die das gesamte Ensemble in rhythmischem Unisono spielt. Darauf folgen ein Fugato des Arpeggio-Gedankens und ein schwingendes Bratschensolo; anschließend erklingt das Trio ein zweites Mal – wobei auch jetzt die Bratsche die Hauptrolle spielt, indessen ihr die Flageoletts der Geigen und das Pizzikato des Violoncellos zu einer magischen, geistreichen Transformation ihres ersten Auftritts verhelfen.

Das Finale gewinnt seine Form aus musikalischen Gedanken, die zu Beginn in wechselnden Tempi zu hören sind. Eine absteigende Akkordfolge leitet das Larghetto ein, worauf sich die Bratsche mit einem elegischen Solo zu Worte meldet. Der Allegro-Teil des Satzes wird demgegenüber von einem entschlossenen Thema markiert, das die erste Violine anstimmt. Im weiteren Verlauf des Satzes übernehmen die erste Violine und das Violoncello die Larghetto-Melodie, und eben dieses Thema ist es auch, das das Ende des Werkes bezeichnet – wenn nämlich mit den letzten Dur-Takten eine heitere, gelassene Ruhe einkehrt.

Wie so oft bei Bliss gab auch im Falle des Klarinettenquintetts ein großer Künstler die entscheidende Anregung. In diesem Fall war es Frederick Thurston, der das Werk im Dezember 1932 im Hause des Komponisten gemeinsam mit dem Kutcher Quartet zur Uraufführung brachte. Bliss hat das Werk seinem Freund und Kollegen Bernard van Dieren gewidmet.

Ganz zweifellos hat Arthur Bliss die Klarinette geliebt. Sie war das Instrument seines im Krieg gefallenen Bruders Kennard gewesen, und da er das Quintett unmittelbar nach den Morning Heroes, dem öffentlichen „Requiem“ für den geliebten Bruder, komponierte, können wir diese Kammermusik als weiteren Ausdruck seines Verlustes verstehen. Ohne jede Frage gehört dieses Werk zu seinen schönsten kompositorischen Leistungen.

Wegen ihres seidigeren Tones benutzte Bliss in seinem Quintett die A-Klarinette, wie es schon Mozart und Brahms vor ihm getan hatten. In einem Vortrag beschrieb er 1932 die Qualitäten des Instruments: „Die Klarinette gebietet über wunderbar vielfältige Ausdrucksmöglichkeiten. Sie kann wie drei verschiedene Instrumente klingen. In ihrem höchsten Register ist sie brillant und durchdringend, beinahe wie eine gequetschte Trompete; in ihrer mittleren Oktave klingt sie wunderbar rein und expressiv, klar und gleichmäßig; ihr tiefstes Register ist kehlig, rau, dunkel klagend und recht dumpf. Es handelt sich dabei um ein enorm bewegliches Instrument von einem extremen dynamischen Umfang, der vom mächtigen forte bis zum zartesten pianissimo reicht.“

Die expressive Wirkung der Klarinette ist gleich am Anfang des Kopfsatzes in einer ausgedehnten Solo- Kantilene zu hören. Nach und nach stehlen sich die andern Instrumente herein, um die Klarinettenmelodie zu reflektieren und so ein leuchtendes kontrapunktisches Geflecht zu erzeugen, das Arthur Bliss mit einer Konversation verglich. Aufgrund seiner puren Schönheit gehört dieser Werkanfang zu den denkwürdigsten kammermusikalischen Ereignissen des 20. Jahrhunderts. Wieder einmal steht bei Bliss die Heiterkeit des ersten Satzes im Kontrast zu der geheimnisvollen Stimmung des anschließenden dramatischen Scherzos mit seinen Dissonanzen, bohrenden Rhythmen und martialischen Fanfaren. Im Gegensatz dazu steht eine schmerzlich-scharfe Melodie der Solovioline, an die sich eine Pizzikato-Passage anschließt. Darauf wiederholt sich die Dramatik des Hauptteils. Den Mittelpunkt des Quintetts bildet der nachdenkliche langsame Satz, der sich aus der einfachen synkopierten Violinphrase des Anfangs entwickelt. In langen, blühenden Linien und zierreichen Arabesken wird hier das volle Ausdrucksspektrum der Klarinette erkundet. Die Musik gewinnt allmählich ein höheres Tempo und erreicht so die zentrale Klimax des Adagietto espressivo, worauf eine zeremoniöse, sarabandenartige Melodie zur Wiederholung des Hauptgedankens überleitet. In dem vornehmlich sorglos schäumenden Finale nutzt Arthur Bliss die Brillanz des hohen Klarinettenregisters. Zwar gibt es einige introvertiertere Abschnitte, in denen sich vorübergehend dunkle Schatten verbreiten, doch diese werden schließlich in der funkelnden Coda ein für allemal gebannt und vertrieben.

Andrew Burn
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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