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8.557397 - MAXWELL DAVIES, P.: Naxos Quartets Nos. 3 and 4 (Maggini Quartet)
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Peter Maxwell Davies (geb. 1934)
Naxos Quartets Nr. 3 und 4

Mit dem Naxos Quartet Nr. 3 sollte ein Werk entstehen, das das kompositorische Potential eines magischen Quadrats des Saturn (3 x 3) in einem solchen des Mars (5 x 5) und dieses wiederum innerhalb eines weiteren der Venus (7 x 7) erkunden sollte. Das alles sollte sich an der Seite eines selbständigen Mond-Quadrates (9 x 9) entwickeln – mit den jeweils zugehörigen isometrischen Disziplinen, die sich auf den Gregorianischen Choral Audi filia et vide zum Fest der Heiligen Cäcilia am 22. November gründen. Auf diese Weise stellte ich mir schöpferische Probleme, deren Kompliziertheit und Komplexität neue, außergewöhnliche Herausforderungen boten. Dieser konzentrierte Versuch virtuosen Komponierens geht in vieler Hinsicht auf ein neuerliches Studium der zwei- und dreistimmigen Inventionen von Bach zurück und sollte schließlich nichts anderes sein als ein aufrichtiger Beitrag zu jener Musik, die ihre eigene Schutzpatronin ehrt. Gleichwohl wurde die kompositorische Arbeit im März und April 2003 auch durch äußere Geschehnisse beeinflusst.

Der erste Satz, March, beginnt mit einer kurzen Exposition in c-moll, an die sich eine variierte Wiederholung anschließt: Bis dahin gibt es noch kaum einen musikalischen Hinweis auf den Titel des Satzes. In der nachfolgenden Durchführung jedoch wird das Material nach und nach in einen sinnlosen, zersplitterten Militärmarsch verwandelt, an den sich anstelle der zu erwartenden, wie auch immer gearteten Reprise eine kurze, langsame Meditation anschließt. Dann bildet schließlich der all seiner Energie beraubte Geist des Marsches eine sehr langsame Coda, die sich in die richtige Tonart auflöst: Das Skelett des Marsches wird jetzt als strenger Mensurkanon ausgestellt. Ein kurzes maestoso beendet den Satz.

Der zweite Satz, ein langsames In Nomine, bedient sich anfangs nicht des Chorales Gloria Tibi Trinitas, wie das bei den In Nomines der Renaissance üblich war; genutzt werden allerdings in großem Maße deren polyphone Techniken, während weitere Verwicklungen des Chorals mit den magischen Quadraten des ersten Satzes erforscht werden. Wenn sich die Musik in einen tiefen G-dur-Akkord auflöst, übernehmen die Violinen das Thema, das am Ende des Naxos Quartet No. 1 in der Luft hängen blieb, während es im höchsten Äther und mit größter Ruhe verdunstete. Jetzt steigt dieses Material rasch aus der Höhe herab, und wir werden auf die Erscheinung der originalen In Nomine-Melodie vorbereitet, die auf John Taverners Messe Gloria Tibi Trinitas aus dem frühen 16. Jahrhundert und die Orgelübertragung im zeitgenössischen Mulliner Book zurückgeht. Der liturgische Text dieser Stelle lautet Benedictus qui venit in nomine Domini (Gesegnet sei der da kommt im Namen des Herrn): Dieses In Nomine ist leicht verdreht und dissonant, das heißt, nicht eben wirklich „im Namen“.

Der dritte Satz, Four Inventions and a Hymn, steht an der Stelle eines Scherzos. Er greift den Faden des ersten Naxos-Quartetts auf, der im vorigen Satz noch geblieben war, und nutzt weitere Techniken aus Bachs Inventionen; der Charakter aber ist burlesk und wird am Ende sogar grotesk, wo der kurze Hymnus als stucchevole (widerwärtig, ekelhaft) markiert ist.

Das Finale, Fugue, beginnt mit dem sukzessiven Einsatz der Instrumente im Stil jener Zeit und erinnert so an die typische Prozedur dieser Form. Bald kommt es zu einer Unterbrechung durch schnellere und dynamischere Musik, die eher etwas von der italienischen fuga (= Flucht) denn von der durch Bach perfektionierten Form hat. Der Satz endet mit einer Rückkehr des langsamen Anfangstempos und einer kumulativen Stretta – man muss sich das so vorstellen, als sei die Fuge im Stil ihrer Zeit mittlerweile (unhörbar!) bis hierher vorangeschritten. Es ist dies ein weiterer Mensurkanon, der nicht nur an den Geist des Marsches vom Ende des Kopfsatzes erinnert, sondern auch an das In nomine vom Ende des zweiten Satzes und den Hymnus, der den dritten beschließt. Hier stelle ich mir vor, dass ein Bariton im Unisono mit dem Violoncello leise die folgenden Worte von Michelangelo anstimmt:

Mentre che’l danno e la vergogna dura; Non veder, non sentir m’è gran ventura: Però non mi destar, deh, parla basso.

(Während Zerstörung und Schande dauern, bin ich so glücklich, nicht zu sehen und zu hören – so stört mich also nicht und sprecht leise.)

Die letzten Takte zeigen allerdings, dass es einfach unmöglich ist, nicht zu hören oder zu sehen.

Das Quartett ist meinem ältesten Schulfreund Eric Guest gewidmet.

Das Naxos Quartet Nr. 4 entstand im Januar und Februar 2004 in der Absicht, ein leichteres, weniger heftiges Gegenstück zu seinem Vorgänger zu schaffen, der eine unvorhergesehene, spontane Reaktion auf das illegale Eindringen in den Irak geworden war.

Ich wandte mich erneut den bekannten Kinderspielen von Brueghel zu (1560, heute in Wien), die mich schon zu meinem sechsten Strathclyde Concerto für Flöte und Orchester angeregt hatten. Diese Darstellungen setzten meine musikalische Imagination frei, doch ich bin der Meinung, dass die Wahrnehmungen des Hörers zu sehr eingeschränkt würden, wenn ich zu genau angäbe, welches Spiel nun exakt auf welchen Abschnitt des Werkes bezogen ist. Es genügt zu sagen, dass es kraftvollere Spiele wie Bockspringen, Ringkampf oder Tauziehen gibt, indessen anderes einen gemächlicheren Zeitvertreib bietet (Maskeraden, Abzählen, Grad oder Ungrad). Das einsätzige Stück stellt diese Tätigkeiten ebenso unvermittelt und eng nebeneinander wie sie auf Brueghels Gemälde zu sehen sind. Und entsprechend dem Auge des Betrachters, das hier zu verschiedenen Perspektiven und Größenverhältnissen von solcher Freiheit geführt wird, wie sie beispielsweise in Architekturzeichnungen von Brunelleschi nie vorkämen, so habe ich die ordnungsgemäßen, präzisen Implikationen modaler Fortschreitungen durch eine konstante Folge von Transformationsprozessen verdreht, was seinen Ausdruck in der ersten Unisono-Phrase findet (von F nach H durch Ais/B), so dass das Ohr auf seinem Weg in die klingenden Äquivalente fremdartiger Gassen und geschlossener Räume geführt wird: sicut expositio ludus.

Während die Arbeit an dem Quartett voranging, merkte ich, wie ich in diese Spiele erwachsene Motive und Bedeutungen hineinlas, die mit Agression, Krieg und den entsprechenden Konsequenzen zu tun hatten. Es war unmöglich, in die unschuldigen Fantasien der Kindheit zu fliehen.

Die Fortschreitung „F-H“, die der gesamten Konstruktion zugrunde liegt, ist aus einem Übergang im ersten Satz der dritten Symphonie von Gustav Mahler und aus dem Anfang des zweiten Streichquartetts von Arnold Schönberg abgeleitet. Anders aber als bei diesen Vorbildern gibt es am Ende dieses Naxos-Quartetts ein Gefühl der Auflösung, das freilich nur vorübergehend ist: Wie am Schluss des Figaro, wo der Vorhang fällt, nachdem sich Graf und Gräfin versöhnt haben – so fragt man sich auch hier, wie lange wohl der Waffenstillstand F/H halten wird und wann die „Spiele“ wieder ausbrechen.

Das Quartett ist dem römischen Architekten Giuseppe Rebecchini gewidmet, mit dem ich seit den fünfziger Jahren befreundet bin.

©Peter Maxwell Davies
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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