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8.557400 - MAXWELL DAVIES, P.: Naxos Quartets Nos. 9 and 10 (Maggini Quartet)
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Peter Maxwell Davies (geb. 1934)
Naxos Quartette Nr. 9 und 10

 

Das Naxos Quartet Nr. 9 ist Dame Kathleen Ollerenshaw gewidmet, die eine außerordentliche Mathematikerin ist und zeitweilig auch Oberbürgermeisterin von Manchester war. Diese beiden Tatsachen haben den Inhalt der Komposition beeinflusst. Dame Kathleen hat mir ihr jüngstes Buch gewidmet: „Die Konstruktion pandiagonaler magischer Quadrate von arbiträrer Größe“, und so ist das Quartett eine Art von Gegengeschenk.

Es gibt sechs Sätze. Die beiden ersten bilden eine Einheit. Der jetzige Kopfsatz sollte allerdings ursprünglich zwei Sätze bilden. Daher wird das komprimierte Allegro, das daraus entstand, von langsamen Elementen unterminiert, die mit dem Effekt einer allmählichen harmonischen Kontamination aus dem selbständigen, verworfenen Largo übernommen wurden. Die Deformation wird besonders deutlich, wo Tonintervalle in ungewöhnliche Brüche geteilt werden—wenn zum Beispiel eine kleine Terz mehr als die üblichen vier chromatischen Tonschritte enthält.

Diese Unterteilung wurzelt auf einer sehr persönlichen Ebene einerseits in der Popmusik der frühen vierziger Jahre, deren Konturen und Rhythmen hier nachklingen, andererseits aber auch in den rauhen Klängen, die ich als kleiner Junge während der Kriegszeit in Manchester hörte—die Luftschutzsirenen, die „glissandi“ fallender Bomben, das Krachen zerberstender Häuser ... All das ist jedoch fast ein Leben nach den Ereignissen und innerhalb der Möglichkeiten des Streichquartetts neu interpretiert, sublimiert und diszipliniert, wobei, wie ich glaube, durch die recht genaue und komplexe Arbeit mit magischen Quadraten einige Ordnung entstanden ist.

Ich habe auch auf das dritte Naxos Quartet verwiesen. Dort habe ich dem Violoncello einen Vers von Michelangelo unterlegt, der mit den Worten beginnt: Caro me il sonno, e più l’esser di sasso („Der Schlaf ist mir teuer, und von Stein zu sein, ist teurer“). In diesem Gedicht beklagt der Dichter, dass er im römischen Exil leben muss—fern seines Heimatstaates Florenz, dessen Regierung er wegen ihrer „Rechtsverletzung und Schande“ tadelt.

Der zweite Satz ist auch jetzt (wie die ursprüngliche Skizze) ein Largo, in dem der erste Teil des Kopfsatzes langsam durchgeführt wird, heftig unterbrochen von der verworfenen Musik, die hier integriert und verstärkt erscheint.

Die Sätze III, IV und V bilden so etwas wie ein unabhängiges Miniaturquartett innerhalb des Quartetts. Ich denke sie mir wie ein kurzes Schauspiel im Schauspiel, wie etwa bei Hamlet und dem Traum: Die Groteske wird sehr deutlich. Es handelt sich um ein Scherzo, ein Lento und einen Militärmarsch.

Der sechste Satz hat sehr viel von einem Finale, das die gesamte harmonische Auseinandersetzung zusammenfasst und verdichtet.

Dem Quartett ist eine Zeile aus dem apokryphen Buch der Sprüche vorangestellt: Omnis in mensura et numero et pondere disposuisti – „Doch Du hast alles nach Maß und Zahl und Gewicht geordnet“.

Das Naxos Quartet Nr. 10 ist dem Gedenken an Fausto Moroni gewidmet.

Die wichtige Entscheidung angesichts dieses letzten Quartetts für Naxos Records war, ob es ein grandioses Finale werden sollte oder nicht. Es war zwar verführerisch, etwas noch größeres als die Quartette Nr. 6, 7 und 9 zu schaffen, doch dann beschloss ich, ein bescheidenes Werk zu schreiben, das auf der barocken Suite beruht, dabei aber anstelle von Bourées und Allemanden schottische Tänze benutzt.

Nach Abschluss des Werkes wurde mir der eigentliche Grund dafür klar: Ich wollte keinen dicken schwarzen Schluss-Strich ziehen, wollte nicht, dass das ein letztes Quartett sein soll. Ich musste die Tür offen lassen: Mir hat die Arbeit an den Naxos-Quartetten so viel Freude gemacht (und ich habe dabei vielleicht sogar das eine oder andere gelernt), dass theoretisch daraus noch mehr entstehen könnte.

Eine weitere Versuchung bestand darin, in einer feierlichen Abschiedssequenz auf jedes der vorigen Quartette anzuspielen, wie ich das im letzten der zehn Strathclyde Concertos für das Scottish Chamber Orchestra getan hatte. Ich hielt stand. Zwar ist der dritte Satz als Passamezzo Farewell bezeichnet, doch ohne alle Wehmut—wenngleich es durchaus Rückblicke gibt.

Der erste Satz ist ein Broken Reel. Die Umrisse der Tanzform sind vorhanden, die Rhythmen aber sind gebrochen, derweil hinter der barocken Oberfläche eine „Sonatenform“ herumgeistert.

Der zweite, sehr kurze Satz ist eine Slow Air and Rant. Der Rant fußt auf einer „echten“ schottischen Weise—die Ironie ist offensichtlich.

Das Passamezzo Farewell ist ein umfänglicherer Satz, eine Meditation sowohl über den Passamezzo der Renaissance wie auch über die letzten mezzi di passare.

Der vierte Satz ist wiederum sehr kurz—ein plötzlicher Ausbruch, in dem das, was der Passamezzo impliziert, zusammengefasst ist. Erst am Ende wird die Melodie „Deil Stick da Minister“ zitiert, eine anonyme Komposition aus der Zeit, als die protestantische Kirche Schottlands vergeblich alle Tanzmusik zu verbieten versuchte.

Das Finale ist ein Hornpipe in der neueren Art, wie man ihn nach Purcell verstand. Wenn es klar wird, dass der Satz enden könnte, bleibt die Auflösung der Fantasie des Hörers überlassen: Der Tanz hört einfach mit einer schwebenden Geste auf. Das ist kein Finale—der Hornpipe könnte direkt zum Anfang des ersten Naxos Quartet zurückführen—oder zu etwas, das noch gar nicht geschrieben ist. Der abschließende Doppelstrich fehlt.

© 2007 Peter Maxwell Davies
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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