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8.557433 - BARTOK: Miraculous Mandarin (The) (Complete Ballet) / Hungarian Pictures / Dance Suite
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Béla Bartók (1881–1945)
Der wunderbare Mandarin • Tanzsuite • Ungarische Bilder

Die Bühne spielte in Béla Bartóks musikalischem Schaffen nur eine recht kurze und doch wesentliche Rolle. Nach der Vollendung der einaktigen Oper Herzog Blaubarts Burg im Jahre 1911 schrieb er bis zum Sommer 1914 nur wenig. Dann begann er mit dem Ballett Der holzgeschnitzte Prinz, das er nach zweijähriger Arbeit abschloss. Die Uraufführung fand 1917 an der Budapester Oper statt und ließ den Komponisten einen seiner wenigen großen Erfolge erleben. An derselben Bühne wurde ein Jahr später auch die Oper inszeniert, doch sie fand eine zwiespältige Aufnahme und wurde nach acht Aufführungen abgesetzt, worauf sie beinahe zwei Jahrzehnte nicht mehr in Ungarn zu hören war.

Ein noch ärgeres Schicksal erwartete Bartóks letztes Bühnenwerk, die Pantomime Der wunderbare Mandarin. Sie sollte der dritte Teil einer geplanten Trilogie werden und wurde als solcher in den Jahren 1918/19 skizziert. Die Orchestrierung folgte fünf Jahre später. Abgesehen von der Unsicherheit des Komponisten über die musikalische Richtung des Werkes hätte Menyhért Lengyels Szenario wahrscheinlich nicht die Billigung der ungarischen Zensur gefunden. Das Werk wurde 1926 schließlich in Köln uraufgeführt, danach aber sofort von Konrad Adenauer, dem damaligen Oberbürgermeister der Stadt, aus sittlichen Gründen verboten und zu Bartóks Lebzeiten nicht mehr inszeniert. Obwohl sich eine Orchestersuite, die beinahe die ersten zwei Drittel des Werkes enthält, rasch einen Platz im modernen Orchesterrepertoire eroberte, kam die Pantomime erst später zu ihrem Recht. Bis heute sind regelrechte Inszenierungen eine Seltenheit. Wie in Strawinskys Sacre du Printemps, dem das Werk in manchen Einzelheiten verpflichtet ist, sind auch im Wunderbaren Mandarin die musikalischen Ereignisse von einer Geschwindigkeit und Dichte, die sich visuell nur schwer realisieren und am besten vom „innern Auge“ richtig einschätzen lassen.

Lengyel, der der Freudschen Psychoanalyse zugetan und einer der wichtigsten expressionistischen Schriftsteller Ungarns war, entwarf das Szenario eher als mimisches denn als getanztes Drama, weshalb es auch als „Pantomime“ und nicht als Ballett bezeichnet wird. Es geht darin um die Unvereinbarkeit der intuitiven Natur und der verderbten Zivilisation. Letztere wird bildhaft in der Introduktion beschrieben, in der hartnäckige rhythmische Muster und knirschende Dissonanzen den Lärm einer Hauptverkehrsstraße evozieren. Wenn sich der Vorhang hebt, sieht man ein schäbiges Zimmer im ersten Stock eines Hauses, in dem drei Schurken und ein Mädchen wohnen. Da die drei Ganoven kein Geld haben, zwingen sie das Mädchen, vorübergehende „Ware“ anzulocken. Es folgen drei Verführungsszenen, die jeweils von einem Klarinettensolo eingeleitet werden. Zunächst wird ein von Posaunenglissandi charakterisierter, heruntergekommener alter Roué angelockt, den die Bande, da bei ihm nichts zu holen ist, kurzerhand wieder hinauswirft. Als zweites wird ein schüchterner junger Mann geködert (Oboe und Englischhorn); er tanzt mit dem Mädchen einen Walzer, der plötzlich feuriger wird – doch auch er wird, weil er kein Geld hat, hinausbefördert. Die dritte Sequenz bringt die Verführung des Mandarins, dessen exotische Erscheinung lebhaft von den Blechbläsern beschworen wird.

Es schließt sich eine ausgedehnte Sequenz an, in der das Mädchen allmählich ihren Widerwillen gegenüber dem Mandarin überwindet und mit einem immer drängenderen Walzer beginnt, indessen der Mann immer impulsiver reagiert. Danach kommt es zu einer Verfolgung (Fugato in Streichern und Holz, dann in den Blechbläsern), und es entsteht eine unaufhaltsame Bewegung, die erst in dem Augenblick abbricht, wo sich die Verbrecher auf den Mandarin stürzen. Sie rauben ihn aus und versuchen dreimal, ihn umzubringen – eine dramatische und musikalische Parallele der drei Verführungsszenen: Zunächst wollen sie ihn mit dem Bettzeug ersticken, doch vergebens; dann stechen sie auf ihn ein, doch er reißt sich los und stürzt auf das Mädchen zu; schließlich hängen sie ihn an der Deckenlampe auf, worauf sein Körper in „grünlichblauem“ Licht zu glühen beginnt (wortloser Chor). Erst jetzt erkennt das Mädchen, was zu tun ist: Der Mandarin wird herabgenommen und seine Umarmung wird erwidert. Nachdem er also befriedigt ist, beginnen seine Wunden zu bluten. Er stirbt in einer Folge von Zuckungen.

Bevor Bartók die Arbeit an Der wunderbare Mandarin wieder aufnahm, konnte er einen beträchtlichen Erfolg mit einem Stück verbuchen, das unverkennbar aus einem „offiziellen“ Anlass entstanden war. Neben Kodálys Psalmus Hungaricus und Dohnányis Festlicher Ouvertüre war die Tanzsuite eines der drei Auftragswerke, mit denen man den 50. Jahrestag der Vereinigung der Städte Buda und Pest zur ungarischen Hauptstadt beging. Die Uraufführung fand im November 1923 statt, und es scheint, dass die klare Manier dieses Werkes nicht zu Bartóks damaligem musikalischen Denken passte – und doch sollte die Verbindung verschiedener folkloristischer Merkmale in den kommenden Werken zunehmend wichtiger werden.

Die Suite beginnt mit einem Moderato, dessen synkopierte Wiederholungen auf einen nordafrikanischen Einfluss hindeuten. Das bittersüße ungarische Ritornell, das sich anschließt, wird nach jedem der folgenden drei Tänze wiederholt. So entsteht der musikalische und kulturelle Zusammenhalt des Werkes. Der zweite Tanz (Allegro molto) ist weitgehend magyarischen Ursprungs, während im nachfolgenden dritten (Allegro vivace) ungarische und rumänische Einflüsse einander abwechseln. Der sinnliche vierte Tanz (Molto tranquillo) ist orientalischen, genauer gesagt: arabischen Ursprungs. Als „primitiv und bäuerlich“ ist der kurze fünfte Tanz (Comodo) charakterisiert, wonach es dem Allegro-Finale überlassen ist, durch die Anspielung auf frühere Tänze und Traditionen eine übergreifende Einheit herzustellen: Nach einer letzten Wiederholung des Ritornells bekräftigt das Werk am Ende auf entschiedene Weise, dass die Völker und ihre jeweilige Musik unteilbar sind.

Die folkloristischen Einflüsse zeigten sich in Bartóks reiferen Jahren den jeweiligen Werken entsprechend. Einige der unmittelbar fesselndsten Beispiele finden wir in den zahlreichen Suiten, die der Komponist aus früheren Klavierstücken zusammenstellte und orchestrierte. Dazu gehören die Ungarischen Bilder (1931) nach Klaviermusik, die Bartók rund zwei Jahrzehnte früher, mithin zu Beginn seiner intensiven Volksmusikforschung geschrieben hatte.

Das heftige Der Abend bei den Székelyek (so heißen die in Transsylvanien geborenen Ungarn) und der energische Bärentanz stammen aus den Zehn einfachen Stücken von 1908, während die klagende Melodie, die sich anschließt, zu den Vier Trauerliedern von 1910 gehört. Aus den 1911 entstandenen Drei Burlesken stammt das Stück mit dem treffenden Titel Leicht besäuselt. Darauf folgt der stampfende Tanz des Schweinehirten aus der umfangreichen, vierteiligen Sammlung Für Kinder, die 1909 vollendet wurde – und das einzige authentische Volkslied, das in diesen Stücken nachzuweisen ist, bringt die Suite zu einem lebhaften und gewinnenden Abschluss.

Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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