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8.557440-41 - LECLAIR: Chamber Music with Flute (Complete)
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Jean-Marie Leclair gen. L'aîné (1697–1764)
Sämtliche Kammermusik mit Flöte

 

Jean-Marie Leclair fand nicht sofort zu seiner Berufung. 1697 in Lyon in eine Familie von Spitzenmachern geboren, beherrschte er mit neunzehn Jahren dieses Handwerk. Unterdessen hatte er an der Lyoner Oper seine künftige Frau kennen gelernt, als beide dort Tänzer waren. 1722 wurde er Ballettmeister und 1. Tänzer in Turin, doch im Jahr darauf war er in Paris, wo die Veröffentlichung der ersten Folge von zwölf Sonaten für Violine und Continuo op. 1 seinen Erfolg als Komponist und Violinist festigte. Außer ein paar längeren Aufenthalten bei Kunden und Förderern in Holland und Spanien verbrachte Leclair den Rest seines Lebens in Paris.

Die Musik Leclair veranschaulicht einige der Werte und Bestrebungen des Aufklärungszeitalters: Klarheit und Vernunft, Balance, Harmonie und Proportion sowie Vermeidung von Unmaß und Übertreibung. Aus einem Kupferstich-Porträt von 1741—er war ein Mittvierziger—sieht uns Leclair mit selbstsicherem offenen Blick an; ein Lächeln spielt um seine Lippen; die Augen funkeln vor Intelligenz. In der Kleidung seiner Zeit und mit Perücke schaut er aus wie jemand, mit dem man sich sofort zu einer Konversation, einem Mahl oder einer Partie Schach zusammensetzen möchte…

…oder zu einer Probe. Als wir diese Musik für die Aufführung und Einspielung vorbereiteten, waren wir nach einer oder zwei Stunden in Gesellschaft von Monsieur Leclair oft gar nicht erschöpft, fühlten uns vielmehr erfrischt und aufgeweckt. Bach blickt in der Regel mit ernster Miene aus seinen Porträts, und ein Musiker könnte verständlicherweise von einem solchen Genie eingeschüchtert sein. Bei Leclair dagegen ist man eher zuversichtlich, seiner Musik gerecht zu werden.

Leclair gilt allgemein als Begründer der französischen Violinschule. Er bereicherte die Violintechnik um das Tremolo der linken Hand—das sich zu dem entwickelte, was wir heute als Vibrato bezeichnen—, Doppeltriller und eine peinlich genau notierte Vielfalt an Artikulationen. Man pries die Süße seines Klangs und die Reinheit und Brillanz seiner Mehrfachgriffe.

In Anbetracht seiner eingehenden Beschäftigung mit der Weiterentwicklung der Violintechnik ist es höchst interessant, dass sich Leclair in acht seiner 48 Sonaten für Violine und Continuo auf den Stimmumfang und die Technik der Flöte beschränkt, jedes Mal mit dem ausdrücklichen Vermerk: Cette Sonate peut se jouer sur la Flûte Allemande. Nur im Schlusssatz der Sonate C-Dur op. 1 Nr. 2 geht der Stimmumfang in der Tiefe gelegentlich über die Traversflöte hinaus—am auffälligsten am Ende, wo die Flöte kurz einhält, während das Continuo die Schlusskadenz zu Ende führt. Möglicherweise hatte Leclair beim Komponieren dieser acht Sonaten einen größeren Absatz im Blick. Doch was immer die Motivation gewesen sein mag—die Flötisten sind für immer dankbar, dass sie diese genialen Werke zur Verfügung haben.

Als Komponist besteht Leclairs Hauptleistung—gewiss von seinem Aufenthalt in Italien begünstigt—wohl darin, dass er Corellis Lyrismus und Vivaldis dramatischen Konzertstil dem französischen Geschmack anverwandelt hat. Leclairs Sonaten tragen in der Regel konventionell-italienische Tempobezeichnungen wie Adagio, Allegro, Andante und Presto—doch die Sätze selbst haben vielfach typisch französische Formen wie Allemande, Courante, Sarabande, Gavotte oder Gigue. Leclairs Allegri ist oft eine italienisch anmutende Energie eigen, doch die Sequenzen verlaufen selten so vorhersehbar wie bei Vivaldi. Stattdessen werden sie unterbrochen, ausgeweitet, ornamentiert oder variiert wie bei Leclairs Vorgängern Couperin und Rameau. Die daraus resultierende Unregelmäßigkeit mag die Bemerkung eines zeitgenössischen Kommentators be-gründet haben, der beklagte, dass die Sonaten op. 1 „als eine Algebra in Erscheinung treten, die selbst couragierte Musiker abzuschrecken imstande ist“. Doch die Unregelmäßigkeiten balancieren einander auf faszinierende Weise aus, und wir landen stets gesund und wohlbehalten beim Doppelstrich, in der richtigen Tonart.

Wie viele andere Komponisten hatte Leclair genaue Vorstellungen davon, wie seine Musik aufgeführt werden sollte. Diese teilte er dem Publikum durch Avertissements mit, platziert nach der Titelseite jeder Werksammlung. In op. 9 zum Beispiel kritisiert er Musiker, welche „die Tempi zweier Rondos verändern und das gewichtigere schneller spielen das untergeordnete“, und fügt hinzu, dass man das übergeordnete aufleben lassen kann, ohne das Tempo zu erhöhen. Auch empört er sich über „das Durcheinander von Tönen, das melodischen und expressiven Passagen zuweilen hinzugefügt wird und diese nur verunstaltet“. Demzufolge habe ich den 42 Sätzen dieses Aufnahme-Projekts nur wenige zurückhaltende Verzierungen hinzugefügt, jedoch nicht gespart an zu erwartenden einfachen Ornamenten wie Appogiaturen (Vorschläge), Mordenten (Pralltriller), Coulés (Schleifer) und kadenzierenden Trillern.

Bei der Sorgfalt, mit der Leclair jene Sonaten kennzeichnete, die auch auf der Flöte gespielt werden können, ist es verblüffend, dass er es unterließ zu erwähnen—weder auf der Titelseite noch im Avertissement —, dass op. 2 Nr. 8 eine Triosonate für Flöte, Viola da Gamba und Continuo ist. Es handelt sich um eine ungewöhnliche Instrumentierung—unter den zahllosen Komponisten, die im 18. Jahrhundert Musik publiziert haben, fand Vester lediglich ein Dutzend, die für diese Besetzung schrieben. Das hat sicher mit dem Bedeutungsverlust der Viola da Gamba zu tun, an deren Stelle zunehmend das kraftvollere Violoncello trat. Im zweiten Satz dieser Triosonate setzt Leclair die beiden Instrumente und das Cembalo ein, um seine kontrapunktischen Fähigkeiten in einer fein aus-gearbeiteten dreistimmigen Textur zu demonstrieren.

Das abschließende exzeptionelle Werk, das unsere Erkundung von Leclairs Kammermusik für Flöte komplettiert ist das ausgedehnte Deuxième récréation de musique op. 8 für zwei Flöten oder zwei Violinen und Continuo. Diese große Suite (oder Ouvertüre) in der zumeist feierlich-ernsten Tonart g-Moll umfasst sieben Sätze und schöpft ungeachtet Leclairs Beschreibung des Stückes als d'une exécution facile die technischen und expressiven Möglichkeiten der Flöten brillant aus. Kein Geringerer als John Solumn, bekannter Traversflötist und Autor von „The early Flute“, bezeichnet die bedeutende Chaconne als „einen der großartigsten Einzelsätze, die jemals für Flöte ersonnen wurden“.

Das Todesdatum seiner ersten Frau ist unbekannt, doch heiratete Leclair 1730 eine talentierte Graveurin mit Namen Louise Roussel, die alle seine folgenden Werke veröffentlichte. 1758 trennten sich die beiden und Leclair kaufte ein Haus in einer unsicheren Pariser Vorstadt, wo er trotz Angeboten von Freunden aus besseren Vierteln allein wohnte. Er hatte einen Tunichtgut als Neffen, der als Violinist von bescheidenen Gaben beschrieben wurde und dessen Hilfsersuchen Leclair wiederholt zurückgewiesen hatte. Als der Komponist in einer Oktobernacht des Jahres 1764 spät nachhause kam, wurde er erstochen; der Neffe war der Hauptverdächtige, wurde jedoch niemals inhaftiert. Ein unwürdigeres Ende für ein der höchsten Kunst gewidmetes Leben ist kaum denkbar.


Fenwick Smith
Deutsche Fassung: Thomas Theise


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