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8.557452 - KRAUS, J.M.: German Songs (Complete) (Steinberger, Hummel)
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Joseph Martin Kraus (1756–1792)
Sämtliche Lieder in deutscher Sprache

 

Joseph Martin Kraus war ein Zeitgenosse Mozarts, er wurde im gleichen Jahr geboren (in Miltenberg am Main) und starb 1792, ein Jahr nach Mozart. Kraus erhielt seine erste musikalische Ausbildung zunächst in Buchen im Odenwald, wo er Schüler der Lateinschule war, und anschließend, von 1768 bis 1773, am Aloysianum des Jesuitengymnasiums in Mannheim. Mannheim, bis 1778 Sitz des pfälzischen Kurfürsten, spielte in der Musikwelt der damaligen Zeit eine herausragende Rolle; das Mannheimer Orchester wurde einmal von Charles Burney als eine „Armee von Generälen“ bezeichnet. Allerdings verlor Mannheim an Bedeutung, als der Kurfürst im Jahre 1778 seinen Hof nach München verlegte und die meisten seiner Musiker mitnahm. Kraus profitierte von den Unterweisungen durch führende Persönlichkeiten des höfischen Musiklebens, das gerade auf dem Höhepunkt seines Ruhmes stand, und sammelte Erfahrungen als Sänger in der Kirche und im Theater. Von 1773 bis 1775 war er Student zunächst an der Mainzer, dann an der Erfurter Universität, unterbrach jedoch sein Studium, als gegen seinen Vater, der in Mainz als städtischer Beamter angestellt war, Anklage wegen Verleumdung erhoben wurde. Kraus kehrte für etwa ein Jahr nach Buchen zurück und nutzte diese Zeit, um sich neuen musikalischen Aufgaben zu widmen, vor allem der Komposition von Kirchenmusik. Im November 1777 nahm er sein Studium wieder auf, nun in Göttingen. Hier sollte Kraus’ Schaffen weitere bedeutende Einflüsse von literarischer Seite her erfahren. Bereits im Jahre 1773 hatte er in Mainz seinen Versuch von Schäfersgedichte veröffentlicht, im Jahre 1776 hatte er sein Oratorium Der Tod Jesu auf einen eigenen Text komponiert. Nun traf er in Göttingen mit Mitgliedern des Göttinger Hainbundes zusammen, einer Gruppe von Studenten und deren Freunden, die literarisch von Klopstock beeinflusst waren und die sich gegen die überlieferten starren Formen eines Wieland wandten. Die Gruppe war im September 1772 ins Leben gerufen geworden, während eines Spaziergangs durch Wald und Feld bei Mondschein - die Anwesenden, unter ihnen Hölty und Johann Heinrich Voß, der der Gruppe ihren Namen gegeben hat, fassten sich an den Händen, tanzten um eine Eiche herum und gelobten, sich dichterisch der Verherrlichung der Natur, der Freundschaft und der Liebe zu widmen. Der Name des Bundes geht zum einen auf dieses Ereignis zurück, das in einem „Hain“ stattgefunden hat, und zum anderen auf Klopstocks Ode Der Hügel und der Hain. Zu der Zeit, als Kraus mit dem Dichterkreis in nähere Verbindung kam, begann sich dieser bereits aufzulösen; der Einfluss einiger seiner Mitglieder jedoch, allen voran Hölty und Voß, blieb ungebrochen. Im Jahre 1778 schrieb Kraus seinen Aufsatz Etwas von und über Musik fürs Jahr 1777, der auch heute noch interessant ist wegen seiner kritischen Auseinandersetzung mit Anton Schweitzers Oper Alceste (Naxos 8.555925-26), einem Gemeinschaftswerk von Schweitzer und Wieland.

Im selben Jahr 1778 war es, als sich Kraus von einem seiner Kommilitonen, der aus Schweden stammte, überreden ließ, gemeinsam mit ihm nach Stockholm zu gehen und dort sein Glück zu versuchen. Von 1781 an, als er zum Zweiten Kapellmästare der Hofmusik und der Hofoper ernannt wurde, gelang es ihm, sich nach und nach einen Namen zu machen. König Gustavus III. schickte ihn ins Ausland, um ihn in den verschiedenen Ländern so viel wie möglich lernen zu lassen. In diesen vier Reisejahren, die ihn nach Berlin, Dresden, Leipzig, Mannheim, Regensburg, Wien, Esterháza, in die wichtigsten Musikzentren Italiens, nach Marseille, Paris und London führten, traf er mit bedeutenden Musikern seiner Zeit zusammen - mit Gluck und Salieri in Wien (wo er auch eine Audienz beim Kaiser hatte) und mit Haydn auf Esterháza; über so manche seiner Erlebnisse während der Reise hat er Aufzeichnungen hinterlassen. Im Jahre 1786 war er wieder zurück in Stockholm und wurde, nach einigen kürzeren Anstellungen, im Jahre 1787 zum Hof- Kapellmästare ernannt. Seine Kompositionen für Oper und Konzert fanden großen Anklang beim Publikum; er selbst konnte sich neben der Musik seinen literarischen Interessen widmen. Das Glück währte nicht lange - im März 1792 wurde der König bei einem Maskenball ermordet. Kraus komponierte die Trauermusik für das königliche Begräbnis, ihm sollten aber selbst nur noch Monate bleiben. Im Dezember desselben Jahres fiel er der Tuberkulose zum Opfer, an der er lange Zeit gelitten hat.

Für seine Lieder hat Kraus Texte in sechs verschiedenen Sprachen verwendet; in dänisch, niederländisch, deutsch, italienisch, französisch und schwedisch. Er bevorzugt die Form des Strophenliedes, und nicht selten sind seine Vertonungen von einem ausgesprochen dramatischen Element gekennzeichnet. Die Wahl der Texte für seine 26 Lieder in deutscher Sprache zeigt den Einfluss des Göttinger Hainbundes; Kraus vertonte vor allem Werke von Mitgliedern des Dichterkreises, von Dichtern, die diesem nahestanden und von solchen, denen die Verehrung des Bundes galt. Der Hälfte seiner deutschsprachigen Lieder liegen Gedichte von Matthias Claudius zugrunde, dessen Der Tod und das Mädchen, in dem er den Tod selbst (in anderen seiner Werke „Freund Hein“ genannt) auftreten lässt, von Franz Schubert vertont worden ist. Claudius war von 1771 bis 1776 Herausgeber des Wandsbecker Boten, später publizierte er selbst unter diesem Namen. Als Dichter hatte er besondere Freude an den einfachen Dingen des Lebens; er pries einen neuen Zahn, eine Kartoffel, hin und wieder auch Dinge von größerer Bedeutung, aber stets in einem leicht verständlichen und ungekünstelten Stil. [Track 2] Die Henne, VB 77, auf den ersten Blick eine Geschichte vom Bauernhof, ist in Wahrheit - die Schlusspointe macht es deutlich - eine Satire auf Schriftsteller, die Rezensionen ihrer eigenen Werke veröffentlichen. [4] In Anselmuccio, VB 86, beschreibt ein Vater, wie er sich seinen noch ungeborenen Sohn vorstellt. Dem Dichter selbst sollte schließlich ein kleiner Anselmo geschenkt werden, der jedoch jung verstarb. Unter dem Eindruck dieses tragischen Ereignisses schrieb Claudius das Gedicht „An Anselmo“, das von Schubert in anrührender Weise vertont worden ist. [5] Im anschließenden Die Mutter bei der Wiege, VB 92, sind der Text wie die Musik von gleicher Direktheit und Anziehungskraft. Das Lied wurde im 19. Jahrhundert fälschlicherweise Mozart zugeschrieben. [6] Der Mann im Lehnstuhl, VB 91, ist eines von vielen Gedichten, die Kraus im Hinblick auf die politischen Verhältnisse seiner Zeit vertont hat - revolutionäres Gedankengut verbreitete sich immer mehr unter den Intellektuellen, die Aufklärung befand sich auf ihrem Höhepunkt. In seiner Allegorie versinnbildlicht Claudius einen konservativen Universitätsprofessor und rebellische Studenten, wobei er am Ende beide Seiten gleichermaßen dumm aussehen lässt. [7] An - als ihm die - starb, VB 74, beklagt den Tod von Claudius’ Schwester Dorothea Christine, die im Jahre 1766 im Alter von 26 Jahren starb. Claudius selbst war der Sohn eines Pfarrers und hatte Theologie und Jura an der Jenaer Universität studiert. Das Gedicht, das früher fälschlicherweise Klopstock zugeschrieben wurde, wird von Kraus entsprechend feierlich und ernst umgesetzt; die quasi-rezitativische Behandlung der Gesangsstimme verleiht den biblischen Gedanken und der Intensität der Klage im Gedicht besonderen Nachdruck.

[13] Kraus’ Vertonung von Ein Lied um Regen, VB 90, widerspiegelt die Schlichtheit des Gedichtes von Claudius; Klavierfiguren symbolisieren den ersehnten Regen für die Pflanzen und Tiere des Feldes. [18] Ein Wiegenlied, VB 93, in Strophenform, erzählt eine moralische Geschichte - des Nachts stiehlt einer seinem Nachbarn Kohl und wird zur Strafe auf den Mond verbannt. Mit einfachen, aber ungewöhnlichen Leitton-Harmonien beschwört Kraus die Vorstellung einer kalten Nacht herauf. [19] Die Lebensphilosophie, die das dichterische Ich in Ich bin vergnügt, VB 82, verkündet, wird von Kraus wahrhaftig „im Siegeston“ (Claudius) musikalisch umgesetzt; auftrumpfend und so dick aufgetragen, dass sie zweifelhaft wirkt, was möglicherweise in der Absicht des Dichters lag. Der Text, der auch von Schubert vertont worden ist, könnte als Satire gemeint sein auf die bürgerliche Selbstzufriedenheit und auf die immer wieder gepredigte Harmonie zwischen den Klassen - ein sensibles Thema zur damaligen Zeit.

[21] An eine Quelle, VB 75, ein Liebeslied, wird gefolgt von [22] Phidile, VB 22, einem komischpastoralen Gedicht, das ebenfalls von Schubert ausgewählt worden ist. Claudius nannte seine Frau Rebekka seine „Bauernmaid“; mit dem Namen Phidile spielt er auf Horaz’ ‚rustica Phidyle’ (Carmina III, 23) an. [23] Ich bin ein deutscher Jüngling, VB 81, ist Claudius’ satirische Antwort auf Klopstocks überschwänglich nationalistisches Ich bin ein deutsches Mädchen. Nach dem zarten ¢ Ein Wiegenlied: So schlafe nun, du Kleine, VB 96, folgt mit dem in Strophenform komponierten, lokalpatriotischen [24] Rheinweinlied, VB 73, die letzte der Claudius-Vertonungen Kraus’. Der Vers von den „faulen Bäuchen“ der Kreter ist eine Anspielung auf die Bibel (Brief des Paulus an Titus); mit dem Blocksberg ist der Brocken im Harz gemeint, der von alters her mit Teufeln („der Kuckuck und sein Küster“) und Hexen (Walpurgisnacht) in Verbindung gebracht wird.

Klopstock, dessen Ruhm zunächst auf seinem Milton nachempfundenen Epos Der Messias und später auf seinen Oden beruhte, übte einen starken Einfluss auf die jungen Dichter des Göttinger Hainbundes aus, ebenso wie auf den jungen Goethe. [8] Der Reiz seines Gedichtes Das Rosenband, VB 85, liegt in seiner Schlichtheit, die Kraus in seiner Musik adäquat wiedergegeben hat. [11] Friedrich Leopold Graf zu Stolberg-Stolberg war ein glühender Verehrer Klopstocks; neun seiner Gedichte, darunter Daphne am Bach, wurden von Schubert vertont. Er und sein Bruder Christian waren Studenten in Göttingen und standen in Verbindung mit dem Göttinger Hainbund. Sein Interesse sowohl für die Poesie als auch für die Altphilologie verschmolz in der deutschen Übersetzung der Ilias. Kraus’ Vertonung von Daphne am Bach, VB 83, hält einem Vergleich mit Schuberts Version stand. [26] Stolberg hat Johann Heinrich Voß, dem Gründer des Hainbundes, bei dessen beruflicher Karriere gute Dienste geleistet, Voß wandte sich jedoch später von ihm ab. Voß ist hier vertreten durch Kraus’ heitere Vertonung seines Spruches Gesundheit, VB 97, der wohl eigentlich von Martin Luther stammt. [3] Der Schweizer Adlige Johann Gaudenz von Salis- Seewis, Gegenstück des deutschen Modedichters Friedrich von Matthison, war mit Goethe, Schiller und Claudius’ Freund Herder bekannt; dreizehn seiner Gedichte hat Schubert in Musik gesetzt. Kraus hat seinen Schweizer Rundgesang, VB 72, als volksliedartiges Duett komponiert.

[1] Der Text zu An das Klavier, VB 94, stammt von Johann Timotheus Hermes, einem Pfarrer und begeisterten Anhänger der einflussreichen Romane von Samuel Richardson, die er in seinen eigenen Werken nachahmte. Die Schlusszeile des Gedichts bezieht sich - von Hermes wundervoll in der Zweideutigkeit der Sprache versteckt - auf Johann Andreas Stein, den damals hoch berühmten Erfinder der Wiener Klaviermechanik. [9] Im Jahre 1783 schrieb Kraus sowohl Text als auch Musik zu Der Abschied, VB 95, als Abschiedsgeschenk für einen engen Freund, den Wiener Kaufmann Johann Samuel Liedemann. Das Lied ist wohl am besten als eine ziemlich übertriebene Parodie auf die „gotische“ bzw. altgermanische Literatur und die damit verbundenen Kompositionsstile zu verstehen. Es ist ein Meisterwerk der Opernklischees, eingeleitet von einer dreistimmigen Fuge im Klavier, die Fäden des Schicksals symbolisierend, die von den drei Nornen gesponnen werden. Eine von ihnen, Skulda, wird namentlich angerufen, ebenso Klopstocks Todesengel Obaddon sowie die Götter Thor und Braga. Die letzte Strophe ist ganz anders im Charakter - das ist das eigentliche Abschiedsgeschenk. [10] Die Welt nach Rousseau, VB 76, verwendet einen Text des erfolgreichen Dramatikers Carl Friedrich Hensler, des späteren Direktors des Theaters an der Wien. Laut einer (scherzhaften) Notiz auf dem Original kann das Lied auch von einem Quartett von Nasathörnern (ähnlich den heute meist im Jazz verwendeten Kazoos) aufgeführt werden. Dieses ist wohl das einzige deutsche Kunstlied, in dem vom Sänger verlangt wird, dass er laut pfeifen kann. [12] Die Verse zu dem schlicht gesetzten Liebeslied An mein Mädchen, VB 87, stammen wahrscheinlich von Kraus selbst. [14] [15] Für die beiden Versionen von An den Wind, VB 79 und 80, hat Kraus Worte des Jesuiten und späteren Buchhändlers Alois Blumauer bearbeitet, der in erster Linie für seine obszöne Parodie der Aeneis bekannt geworden ist. Um die Lieder nicht zu lang werden zu lassen, haben die Interpreten der vorliegenden Aufnahme die vielen Strophen auf die zwei erhalten gebliebenen Liedfassungen aufgeteilt. Der „Wind“, von dem hier die Rede ist, ist ein politisch „frischer Wind“. Der Sprecher in diesem Gedicht ist Friedrich Wilhelm II. (er wird natürlich nicht genannt), der reaktionäre Preußenkönig, dessen verhängnisvolle Edikte von 1788 viele Intellektuelle und Verleger zur Flucht vor der strengen Zensur zwangen. Die Anspielung auf dessen Verbündeten gegen Napoleon, Kaiser Franz II., und auf den habsburgischen Adler in seiner „Wetterfahne“ deutet darauf hin, dass das Lied im Jahre 1792 entstanden ist, im Jahr der Krönung des Kaisers und des Todes des Komponisten. [17] Das Gedicht Der nordische Witwer, VB 89, mit seiner überraschenden Schlusslösung, wird demselben österreichischen Autor zugeschrieben. [16] Die erzählenden Verse Das schwarze Lieschen aus Kastilien, VB 88, stammen von dem Prager Professor und späteren Direktor der Fuldaer Lehranstalten August Gottlieb Meißner. [20] Der Dialog zwischen Hans und Hanne, VB 78, ist eine weitere Satire auf die Unterwürfigkeit einer unterdrückten Bürgerschaft („Ich mag unsers Edelmanns Rittergut nicht neiden“). Der Dichter Gottlob Wilhelm Burmann wurde nach seinem Tod als Verfasser lipogrammatischer Werke berühmt (-berüchtigt), solcher Werke, in denen bewusst auf Worte mit bestimmten Buchstaben (bei ihm war es das ‚r’) verzichtet wird.

Soweit man heute weiß, ist der größte Teil der erhalten gebliebenen deutschsprachigen Lieder Kraus’ in der Zeit von 1783 bis 1788 entstanden (einige sind von ihm selbst mit Datum versehen worden). Kraus hat ein umfangreiches handschriftliches Liederbuch zusammengestellt, das höchstwahrscheinlich zur Aufführung in den Salons von Stockholm gedacht war, so zum Beispiel in demjenigen des Architekten Gustav Erik Palmstedt, dem Kraus als verehrtes und geschätztes Mitglied angehörte. Diese literarischen Zirkel widmeten sich sowohl der Dichtung als auch der Musik; hier wurden Werke beider Kunstformen vorgetragen und ausführlich diskutiert.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Tilo Kittel

 

Die gesungenen Texte sind als PDF-Dateien online unter www.naxos.com/libretti/krauslieder.htm

 


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